Das stillgelegte Kernkraftwerk Brunsbüttel (KKB) in Brunsbüttel, Kreis Dithmarschen, Schleswig-Holstein liegt an der Mündung der Elbe in die Nordsee etwa 75 km nordwestlich von Hamburg. Es verfügt über einen Siedewasserreaktor mit ca. 800 MW elektrischer Leistung und wurde von der Kraftwerk Union erbaut. Betrieben wird es von der Kernkraftwerk Brunsbüttel GmbH & Co. OHG, deren Gesellschafter Vattenfall Europe Nuclear Energy GmbH (66,7 %) und Preussenelektra (33,3 %) sind.

Das Kraftwerk gilt als eines der störanfälligsten in Deutschland.Jahresbilanz 2006: 126 Pannen in deutschen Atommeilern. In: Spiegel Online – Wissenschaft, 25. Mai 2007 Seit Juli 2007 war es dauerhaft heruntergefahren. Ende Mai 2011 beschlossen die Umweltminister der Länder und des Bundes im Rahmen des deutschen Atomausstiegs, das Kernkraftwerk Brunsbüttel endgültig stillzulegen.Badische Zeitung:Länder wollen das Aus für 7 Atomkraftwerke

Geschichte Errichtung und Inbetriebnahme Das Kernkraftwerk Brunsbüttel – von 1970 bis 1976 gebaut – wurde am 23. Juni 1976 erstmals angefahren. Den kommerziellen Betrieb nahmen am 9. Februar 1977 die damaligen Eigentümer HEW und PreussenElektra auf. Im Kernkraftwerk arbeiteten vor der Stilllegung 313 Eigenpersonalmitarbeiter sowie rund 150 Fremdfirmenmitarbeiter. Seit 2002 gehört das Kraftwerk zum Konzern Vattenfall.

Jedes deutsche Kernkraftwerk muss ein Standortzwischenlager für verbrauchte Brennstäbe vorhalten. Am 5. Februar 2006 wurde am Standort des Kernkraftwerks ein Zwischenlager für maximal 80 CASTOR-V/52-Behälter mit bis zu 450 t Schwermetallmasse,Deutsches Atomforum e. V.: Kernenergie – Aktuell 2007, Kapitel Zwischenlager/Transporte. Berlin, September 2007. 6 × 1019 Bq Aktivität und 2,0 MW Wärmefreisetzung in Betrieb genommen.Bundesamt für Strahlenschutz:

Rückbau Im November 2012 reichte Vattenfall den Antrag für das Rückbauverfahren ein.Albig begrüßt Vattenfalls Rückbaupläne für Brunsbüttel. In: Hamburger Abendblatt, 1. November 2012. Abgerufen am 2. November 2012. Der Sicherheitsbericht für den Abbau des Kraftwerks wurde Ende Oktober 2013 eingereicht.perspektive-brunsbuettel.de: Das Kernkraftwerk Brunsbüttel Homepage des Kernkraftwerks Brunsbüttel von Vattenfall Am 21. Juni 2017 meldete die Atomaufsicht Schleswig-Holstein, dass sich keine radioaktiven Brennelemente mehr im Reaktorgebäude befinden.https://www.schleswig-holstein.de/DE/Landesregierung/V/Presse/PI/2017/0617/MELUR_170621_Brennelementefreiheit.html Im Februar 2018 wurden die letzten Brennstäbe vom Gelände des Kraftwerks entfernt. Am 21. Dezember 2018 erhielt das Kernkraftwerk Brunsbüttel die 1. Stilllegungs- und Abbaugenehmigung (1. SAG). Damit befindet sich die Anlage im sogenannten Stilllegungsbetrieb. Die verbliebenen 1 Prozent des radioaktiven Materials bestehen zum größten Teil aus dem Reaktordruckbehälter und seinen Einbauten.

Technische Daten Reaktorblock Das Kernkraftwerk Brunsbüttel hat einen Kraftwerksblock mit einem Siedewasserreaktor (SWR), der der „Baulinie 69“ (auch „SWR-69“ genannt; 1969 konzipiert) entspricht. Der Reaktor in Brunsbüttel ist nahezu baugleich mit den drei Reaktoren in den deutschen Kernkraftwerken Philippsburg Block 1 und Isar Block 1 sowie mit dem österreichischen Kernkraftwerk Zwentendorf. Letzteres wurde fertiggestellt, ging aber nach einem Volksentscheid nie in Betrieb.ARD-Magazin kontraste vom 15. Juli 2010: Atomkraft – Laufzeitverlängerung trotz Sicherheitsdefiziten Der Reaktor im Kernkraftwerk Krümmel ist ähnlich, aber deutlich größer (ca. 1200 MWe).

Der kugelförmige Sicherheitsbehälter (SHB) des Kernkraftwerks hat einen Innendurchmesser von 27 m und einen Auslegungsdruck von 4,25 bar. In seinem Innern befinden sich der Reaktordruckbehälter (RDB), ein Schnellabschaltsystem und ein Druckabbausystem. Letzteres besteht aus einer Druckkammer, einer Kondensationskammer und mehreren Sicherheits- und Entlastungsventilen mit Kondensationsrohren. Alle aus dem SHB führenden Rohrleitungen haben Absperrarmaturen, durch deren automatisches Schließen bei Störfällen der Austritt von radioaktivem Wasser oder Dampf verhindert werden soll.

Bei einer thermischen Reaktorleistung von 2292 MW und einer elektrischen Nettoleistung von 771 MW erreicht es einen Nettowirkungsgrad von 33,6 %.

Der Reaktorblock hat folgende Daten: Reaktorblock Brunsbüttel (KKB) Reaktortyp / -modell Siedewasserreaktor / SWR-69 elektr. Netto-Leistung 771 MW elektr. Brutto-Leistung 806 MW thermische Leistung 2292 MW Baubeginn 15. April 1970 Netzsynchronisation 13. Juli 1976 Kommerzieller Betrieb 09. Februar 1977 Abschaltung 06. August 2011(Langzeit-Stillstand ab 21. Juli 2007)

Produktionsleistung

Radioaktivität Betriebsbedingt leiten Kernkraftwerke über Abluft und Abwasser im Normalbetrieb geringe Mengen radioaktiver Stoffe ab (Emission). Das Atomgesetz verpflichtet die Aufsichtsbehörden unter anderem dazu, den Betrieb hinsichtlich der zugelassenen Grenzwerte zu überwachen. Eine Übersicht mit aktuellen Messwerten auch für das KKB zeigen Websites der Landesregierung Schleswig-Holstein.Kernkraftwerksfernüberwachung Schleswig-Holstein:

Ereignisse Störungen und meldepflichtige Ereignisse Stand 31. März 2016 gab es seit Inbetriebnahme 447 meldepflichtige EreignisseBundesamt für Strahlenschutz: . Online auf www.bfs.de, abgerufen am 24. Mai 2016., davon zwei mit erhöhten Radioaktivitätsabgaben (Stand 1. Mai 2015)Bundesamt für Strahlenschutz: . 1. Mai 2015, online auf www.bfs.de, abgerufen am 24. Mai 2016..

1978

Am 17. Juni 1978 kam es zu einem Störfall (Ereignis Nummer 78/083), bei dem es in Folge einer Reaktorschnellabschaltung bei Volllast zu einer erhöhten Edelgasabgabe und damit zu einer erhöhten Abgabe von Radioaktivität kam.Bundesamt für Strahlenschutz: . PDF, Stand 1. Mai 2015, online auf www.bfs.de, abgerufen am 24. Mai 2016. Einen Tag später strömten bei einem Störfall bei Teillast (Ereignis Nummer 78/084), verursacht durch das Abbrechen eines Stutzens im Leitungssystem, innerhalb von zwei Stunden etwa 100 Tonnen radioaktiver Dampf ins Maschinenhaus aus. Davon gelangten etwa 2 Tonnen ungefiltert in die Umgebung, was zu einer Überschreitung der zulässigen Edelgas- und Jodemissionen in die Umgebung führte. Eine Reaktorabschaltung wurde von der Betriebsmannschaft verhindert, indem sie das Reaktorschutzsystem unzulässig manipulierte. Der Störfall wurde erst zwei Tage später bekannt, als ein Unbekannter bei der Deutschen Presse-Agentur anrief. Die Ereignisse wurden durch die Reaktor-Sicherheitskommission untersucht.Der Spiegel: Gewisse Routine. 17. Juli 1978, online auf www.spiegel.de, abgerufen am 24. Mai 2016. Das KKB wurde für mehrere Wochen stillgelegt. Später erfolgten Umrüstungen; das KKB musste immer wieder längere Betriebspausen einlegen.

2001 Ein Aufsehen erregender Störfall ereignete sich am 14. Dezember 2001, als im laufenden Betrieb eine Knallgas-Explosion eine Rohrleitung beschädigte, die an den Reaktordruckbehälter angeschlossen war. Der daraus resultierende Kühlwasserverlust konnte durch die Schließung eines unbeschädigt gebliebenen Absperrventils beendet werden. Obwohl beim Störfall ein Explosionsdetektor anschlug und mehrere weitere Überwachungsgeräte kurzzeitig Werte am Skalenanschlag lieferten, interpretierten die Betreiber das Geschehen als nicht meldepflichtige „spontane Leckage“ an einem nicht sicherheitsrelevanten Anlagenteil. Der Reaktor wurde ohne weitere Untersuchung mehrere Wochen weiter unter Volllast betrieben. bei Greenpeace

Die Messwerte der Überwachungsgeräte werden, wie es das Atomgesetz vorschreibt, direkt an das zuständige Ministerium in Kiel übermittelt und dort mitgeschrieben. Die Analyse dieser Daten veranlasste das Ministerium dazu, vom Betreiber eine Stellungnahme zu verlangen. Nachdem die Interpretation der Betreiber („Spontane Leckage“) die aufgezeichneten Daten nicht plausibel hatte erklären können, forderte das Ministerium mit wachsender Dringlichkeit eine Begehung des Reaktors zur Klärung des Vorgangs. Erst nach der Androhung einer formalen Anweisung waren die Betreiber bereit, diese Revision am 21. Februar 2002 durchzuführen. Bei dieser Begehung stellte sich heraus, dass das Rohr der Deckeldusche (Durchmesser 100 mm) gerissen war und auf einer Strecke von etwa zwei Metern fehlte.

Die Ursache für die Explosion war Knallgas, das durch Radiolyse bei allen Siedewasserreaktoren im regulären Betrieb entsteht. Das Risiko, dass sich das Gas in der vom Reaktordeckel abgehenden Leitung sammeln und explodieren könnte, war in den Sicherheitsbeurteilungen übersehen worden. Im Februar 2003 konnte das Kernkraftwerk Brunsbüttel wieder in Betrieb gehen. Die anderen Siedewasserreaktoren in Deutschland wurden auf die Möglichkeit ähnlicher Explosionen untersucht.

Aus dem zuständigen Gremium der Bundesregierung (damals eine rot-grüne Koalition unter Gerhard Schröder, siehe Kabinett Schröder I (bis Oktober 2002)) hieß es zu der Verzögerung der Begehung durch die Betreiber, dass dieser den Unfall entweder „schamlos vernebelt“ habe oder die Fachkunde „skandalös unterentwickelt“ sei. Nach Angaben des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (damaliger Minister: Jürgen Trittin) hätte dieser Unfall bei anderem Verlauf und einem Ausfall diverser weiterer Sicherheitssysteme im Extremfall auch zur Kernschmelze führen können. Der Vorfall wurde mit INES 1 eingestuft. (PDF; 527 kB)

2004 Am 23. August 2004 löste ein Kurzschluss in einem Starkstromkabel einen Kabelbrand aus. Wegen Ausfall der gesicherten Eigenbedarfsversorgung führte dies zu einer Reaktorschnellabschaltung. Die Aufsichtsbehörde ordnete daraufhin eine Überprüfung ähnlicher Kabel und weiterer betroffener Systeme an. Nach Ende der sich daraus ergebenden Reparatur- und Ertüchtigungsmaßnahmen ging das Kraftwerk nach etwa zwei Monaten Ende Oktober 2004 wieder ans Netz.

2007 Bei Instandhaltungsarbeiten in einer E.ON-Schaltanlage des Stromnetzes wurde am 28. Juni 2007 in unmittelbarer Nähe des Kernkraftwerks Brunsbüttel eine Störung durch einen Kurzschluss im 380-Kilovolt-Übertragungsnetz verursacht. Die Anlage wurde daraufhin automatisch vom Stromnetz getrennt und per „Lastabwurf“ sehr schnell auf die für die Eigenbedarfsversorgung notwendige Leistung von ca. 30 MW heruntergefahren. Um Schäden bei der starken Leistungsreduktion zu vermeiden, wurde eine Turbinenschnellabschaltung und infolgedessen eine Umschaltung der Eigenbedarfsversorgung auf den Fremdnetztrafo ausgelöst. Der Turbinenschnellabschaltung folgte unmittelbar eine Reaktorschnellabschaltung.Ministerium für Soziales, Gesundheit, Familie, Jugend und Senioren des Landes Schleswig-Holstein: Zwischenbericht über die Vorkommnisse bei den Kernkraftwerken Brunsbüttel und Krümmel am 28. Juni 2007 zur Sondersitzung des Sozialausschusses des Schleswig-Holsteinischen Landtages am 19. Juli 2007 (PDF; 300 kB) Beim Wiederanfahren der Anlage am 1. Juli wurden zweimal Absperrungen des Reaktorwasserreinigungssystems ausgelöst. Nach Angaben des Betreibers waren diese jeweils auf Fehlbedienungen des Personals zurückzuführen. Die Absperrungen wurden in die Kategorie „N“ (Normal) gemäß der AtSMV und in die Stufe 0 (ohne oder mit geringer sicherheitstechnischer Bedeutung) gemäß der internationalen Störfall-Bewertungsskala INES eingeordnet. (PDF) Nach Angabe des für die Aufsicht zuständigen Ministeriums in Kiel sind bei einer Anfrage an die Kraftwerksleitung am 2. Juli Störungen beim Wiederanfahren verneint worden und die spätere Meldung gemäß AtSMV ist erst „auf den letzten Drücker“ erfolgt. Einige Politiker und Umweltschützer bewerteten dies als neuerlichen Beweis für die mangelhafte Informationspolitik des Betreibers.