Aktzeichnen ist die bildnerische Darstellung des nackten menschlichen Körpers mit den Mitteln der Zeichnung. Als Vorlage wird in der Regel ein lebendes menschliches Modell gewählt, wenn dieses nicht zur Verfügung steht oder die idealisierte Darstellung des Körpers erlernt werden soll, gelegentlich auch eine Statue. Das Zeichnen des unbekleideten Körpers ist eine schwierige künstlerische Aufgabe und dient sowohl dem Erlernen menschlicher Anatomie und Proportionen als auch der Übung von genauer Beobachtung und der mentalen Übertragung dreidimensionaler Erscheinungen in zweidimensionale Abbildungen. Das Ergebnis des Aktzeichnens bezeichnet man als Akt. mini|Maler und Modell

alternativtext=Aktzeichnen an einer Hochschule|mini|Modernes Aktzeichnen an einer deutschen Hochschule

Ort und Teilnehmer miniatur|Der Aktsaal der Wiener Akademie, Gemälde von Martin Ferdinand Quadal, 1787 Aktzeichnen findet an Kunstakademien und Universitäten in der Regel im Rahmen eines Kurses oder eines Tutoriums statt sowie an Zeichenschulen oder Volkshochschulen. Die Sitzordnung im Aktzeichensaal ist je nach Raumgröße und Zuschnitt unterschiedlich. Meistens werden die Plätze kreisförmig um das sich in der Mitte befindliche Modell verteilt, doch sind auch halbkreisförmige oder andere Gruppierungen möglich. Die Teilnehmer können je nach Belieben sitzen und mit Hilfe eines stabilen Zeichenbretts arbeiten. Andere bevorzugen es, an einer Staffelei zu stehen. Weniger günstig ist das Malen auf einer waagrechten Tischplatte im Sitzen, da so die Proportionen nicht im richtigen Verhältnis gesehen werden können. Im Raum befinden sich außer einem Stuhl und einer Liege für das Modell manchmal eine Vorrichtung zur Fixierung der Stellung sowie ein künstliches Skelett zur Analyse des Bewegungsapparats. Wichtig ist eine Heizmöglichkeit, da große Säle meist zu kühl sind und nicht dem Wärmebedarf eines nackten Menschen entsprechen., abgerufen am 22. März 2010 Eine Wasserstelle im Raum erleichtert das Malen mit Aquarellfarben, Tusche oder Tinte.

Aktzeichnen zählt an Akademien, Kunsthochschulen und Universitäten zur freiwilligen künstlerischen Grundausbildung, aber auch an Volkshochschulen oder Zeichenschulen werden Aktkurse für Laien und Hobbykünstler angeboten. Besondere Formen von Aktzeichnen-Veranstaltungen

In den letzten Jahren haben sich neben klassischen Aktzeichenkursen zahlreiche innovative und inklusive Veranstaltungsformate etabliert, die das Aktzeichnen um neue soziale, künstlerische und gesellschaftliche Aspekte erweitern. Zu den bekanntesten zählen Drink and Draw, Queer Life Drawing und Trans Life Drawing. Diese Formate fördern Diversität, Gemeinschaft und einen kreativen Zugang zum menschlichen Körper.

Drink and Draw Drink and Draw ist ein seit etwa 2014 populäres Format, bei dem sich Kunst- und Kulturinteressierte in entspannter Atmosphäre zum gemeinsamen Aktzeichnen treffen. Häufig finden die Veranstaltungen in Bars, Ateliers oder Kulturstätten statt. Getränke und lockere Gespräche begleiten das Zeichnen, wodurch eine offene und niedrigschwellige Umgebung entsteht, die sowohl Anfänger als auch Fortgeschrittene anspricht.https://rausgegangen.de/locations/drink-and-draw-berlin/ Neben öffentlichen Sessions bieten viele Kollektive auch private Kurse, Mentorings und Teambuilding-Events an.https://comicschoolberlin.de/kursangebot/klassischesaktzeichnen/

Queer Life Drawing Queer Life Drawing richtet sich gezielt an queere Menschen und Verbündete und stellt Diversität, Körpervielfalt und Inklusion in den Mittelpunkt.https://queerlifedrawing.com/about/ Die Veranstaltungen schaffen einen sicheren Raum (Safe Space) für Teilnehmende und Modelle, die in klassischen Aktzeichenkursen oft unterrepräsentiert sind, etwa queere, trans- oder nicht-binäre Personen.https://www.instagram.com/qldberlin/ Neben dem Zeichnen werden häufig Gespräche und Reflexionen über Körperbilder, Identität und Kunst angeregt. Queer Life Drawing-Events finden sowohl in Präsenz als auch online statt und zeichnen sich durch eine offene, unterstützende und kreative Atmosphäre aus.https://queerlifedrawing.com In Berlin und anderen Städten sind solche Formate Teil einer wachsenden Community, die künstlerischen Austausch und Sichtbarkeit fördert.https://www.dropbox.com/scl/fi/eeql7ntwiy9n69qkyx6po/queer-life-drawing-info.docx?rlkey=tyzb1pj3v0dtznfilxmftw26t&e=1&dl=0

Trans Life Drawing Trans Life Drawing ist ein weiteres spezialisiertes Format, das sich explizit an trans-, nicht-binäre und gender-diverse Menschen richtet.https://events.humanitix.com/trans-life-drawing-with-elias?hxchl=hex-pfl Ziel ist es, Räume zu schaffen, in denen trans- und nicht-binäre Körper sichtbar werden und wertschätzend dargestellt werden können. Die Sessions werden oft von Künstlern aus der Community geleitet und bieten sowohl Anleitungen als auch individuelle Rückmeldungen. Auch hier stehen Inklusion, gegenseitige Unterstützung und ein respektvoller Umgang im Vordergrund.

Bedeutung und Wirkung Diese besonderen Aktzeichnen-Veranstaltungen tragen dazu bei, gesellschaftliche Normen zu hinterfragen und neue Perspektiven auf Körper, Identität und Kunst zu eröffnen. Sie fördern den kreativen Austausch, stärken marginalisierte Gruppen und machen das Aktzeichnen für ein breiteres Publikum zugänglich.https://berlinschoolofdrawing.weebly.com/lifedrawinguntutoredsessions.html Aktmodell mini|Doppelakt

Ein Aktmodell ist eine unbekleidete Person, die von Künstlern abgebildet wird. Der Körper wird in seiner äußeren Erscheinung studiert und nicht bewertet. Es gibt keine Vorgaben zum Aussehen, Alter oder Geschlecht des Aktmodells. Zum Studium der Muskulatur sind durchtrainierte Personen von Vorteil. Oft wird das Modellstehen als Teilzeitarbeit oder vorübergehende Tätigkeit ausgeübt, auch von Studenten aus Gründen des Nebenerwerbs. Manche Modelle bringen Requisiten mit wie einen Stab, einen Speer, ein Musikinstrument, einen Krug oder ein Tuch. Damit können ausgefallene und nicht alltägliche Stellungen eingenommen werden.Gottfried Bammes: Arbeitsbuch zur Künstleranatomie. S. 54–60 In der Regel ist Modellstehen sehr anstrengend, vor allem bei unbequemen und komplizierten Posen. Daher wird mit Ruhestellungen im Liegen oder Sitzen abgewechselt. Die Dauer variiert von Sekunden bis zu etwa 45 Minuten. Pausen dienen zur Entspannung der Muskulatur und zur Erfrischung.

Stehen zwei Personen Modell wird die Konstellation Doppelakt genannt. Hierbei gibt es verschiedene Wege der Darstellung der zwischenmenschlichen Kommunikation: Bei zwei gleichzeitig anwesenden Modellen ist ein gelungenes äußeres und inneres Zueinander wichtig. Kein Körperteil darf nach Möglichkeit vom Zeichnenden aus ganz verdeckt sein; der Doppelakt sollte Nähe und Entfernung, Trennung und Verbindung der Figuren verdeutlichen. Durch gut gewählte Überschneidungen entstehen optimale Brücken und Zwischenräume.Gottfried Bammes: Studien zur Gestalt des Menschen. S. 126 und 127

Proportionen

Aktzeichnen ist ein figürliches Naturstudium, um die Proportionen und die Anatomie der menschlichen Gestalt kennenzulernen und künstlerisch umzusetzen. Dabei werden die Teile des Körpers in ihrem Aufbau, ihrer Funktion und ihrer räumlichen Ausdehnung betrachtet und der körperlichen Gesamtgebärde untergeordnet. Die Begrenzung auf einfache Formen erleichtert das Verständnis funktioneller Vorgänge des Knochengerüsts und zum Verhalten der Weichteile. Da jeder Mensch anders ist, gibt es keine starren Größenverhältnisse, doch ist die Kenntnis einer idealen Proportionslehre anfangs sehr dienlich.

Körper mini|Leonardo da Vinci: Der Vitruvianische Mensch

Als erste wichtige Grundorientierung wird der Körper als gegliederte Ganzheit mit Haupt- und Nebenformen erkannt, die leicht einprägbar ist. Wie Leonardo da Vincis Vitruvianischer Mensch zeigt, entspricht die Gesamthöhe eines Menschen der Breitenausdehnung mit ausgestreckten Armen, sodass er in einem Kreis oder ein Quadrat eingeschlossen werden kann.

Die Totalhöhe des Körpers vom Scheitel bis zur Sohle wird in acht gleich große Teile durch Horizontalachsen gegliedert, wobei der Abstand von einer Achse zur anderen einer Kopflänge (KL) entspricht. Gottfried Bammes: Studien zur Gestalt des Menschen. S. 9 KL0 = Scheitel KL1 = Kinn KL2 = ungefähre Höhe der Brustwarzen KL3 = Taille KL4 = Schambein KL5 = Mitte des Oberschenkels KL6 = Kniespalt (Unterrand der Kniescheibe) KL7 = Mitte des Unterschenkels KL8 = Fußsohle Gottfried Bammes: Arbeitsbuch zur Künstleranatomie. S. 14 und 16 mini|Körperproportionen Die größte Breitenausdehnung des Rumpfes in Hüfthöhe ist bei den Geschlechtern verschieden und beträgt bei der Frau etwa zwei Kopflängen, beim Mann weniger. Fettablagerungen am weiblichen Körper, wie an der Brust, am Bauch, in der Hüftgegend und am Oberschenkel bilden charakteristische Formen aus und prägen die individuelle Proportion. Gottfried Bammes: Arbeitsbuch zur Künstleranatomie. S. 20 Wichtig sind außerdem die skeletalen Messpunkte Gehörgangsöffnung, Schultergelenk, Ellenbogengelenk, Hüftgelenk, Kniegelenk und Sprunggelenk. Der Schwerpunkt befindet sich zwischen dem ersten und zweiten Kreuzbeinwirbel. In der Profilansicht knickt der Oberkörper gegen das Becken mit einem flachen stumpfen Winkel nach vorne und hinten ab. Hüftregion und Brustkorb sind konstante Formen und können sich in ihrer Lage zueinander durch Beugung und Bewegung stark verändern.

Wegen der fundamentalen Wichtigkeit dieser architektonischen Struktur beginnt das Aktzeichnen in Anfängerkursen meistens mit der Höhengliederung der stehenden Gestalt durch die Horizontalachsen. Erst nach dem flächigen Anlegen der groben Körperformen erfolgt das Zeichnen des Umrisses, man baut die Figur also aus der Tiefe auf. Die Skelettformen sind dabei wichtiger als die Muskulatur, sodass es oft von Nutzen ist, stark vereinfachte Knochen als gerade Striche in die Umrisse einzuzeichnen, damit die Mechanik des Körpers verstanden wird. Außerdem ist die Aufschlüsselung der Figur in räumliche Formen wie Kubus, Kugel, Halbkugel und Walze hilfreich.

Kopf mini|Proportionen des Kopfes

Im Aktzeichnen wird üblicherweise auf die Ausgestaltung des Kopfes im Sinne einer Porträtstudie kein Wert gelegt. Dafür gibt es eigene Kurse, wie Studienkopf oder Porträtzeichnen. Die Länge des Kopfes von einem Achtel der Körpergröße ist jedoch eine wichtige Maßeinheit. Als Zusatzübung kann man sich auch mit den Proportionen des Schädels beschäftigen. Der kuppelförmige Hirnschädel und der vorne abgeflachte Gesichtsschädel formen den Kopf. Die Augenachse befindet sich in der Mitte der Kopfhöhe. Die Strecke vom Scheitel bis zum Kinn kann dreigeteilt werden. Die Nasenspitze reicht bis etwas unterhalb des zweiten Drittels, der Mundspalt liegt in der Mitte des unteren Drittels. Das Ohr erstreckt sich vom Augenoberlid bis zur Nasenspitze. Gottfried Bammes: Arbeitsbuch zur Künstleranatomie. S. 64 Diese Orientierungspunkte sind nur ungefähre Richtwerte, da es gerade beim Gesicht stark abweichende Proportionen und Physiognomien gibt. Durch Beugung, Streckung, Drehung und Neigung des Halses ergeben sich verkürzte Ansichten. David K. Rubins: Anatomie für Künstler. S. 18 und 19

Hand, Fuß, Torso

Entscheidend für das Gelingen einer Aktzeichnung ist das proportional korrekte Abbilden von Händen und Füßen. Die Hand reicht vom Kinn etwa bis zum Haaransatz. Der Fuß ist ungefähr so lang wie der Unterarm ohne die Hand. Wichtig bei beiden ist der skeletale Aufbau, um eine unklare und formlose Darstellung zu vermeiden. Torsos werden vor allem in der Bildhauerei gestaltet, aber auch beim Zeichnen kann die Konzentration auf die Körpermitte und deren Muskulatur als Übung dienen.

Stellungen

Ruhehaltung im Stehen, Sitzen und Liegen mini|120px|links|Rückenansicht im Stand