Der Bürgerkrieg im Irak 2013 bis 2017 war ein bewaffneter Konflikt zwischen dem Irak und dem Islamischen Staat, der sich aus dem Aufstand im Irak 2011 bis 2013 entwickelte. Im Dezember 2013 begann sich aus den zuvor bürgerkriegsähnlich ausgetragenen Konflikten ein Krieg zu entwickeln, als die Terrororganisation Islamischer Staat im Irak und in Syrien (ISIS) die Städte Ramadi und Falludscha eroberte. Diese konnte zwar schnell wieder vertrieben werden, im Juni 2014 kam es jedoch zu einer Offensive des Islamischen Staates, die zur Einnahme Mossuls, Tikrits und anderer Städte im Nordirak führte.
Ab 2014 wurde der Irak durch Luftangriffe der Vereinigten Staaten gegen den Islamischen Staat sowie durch weitere Verbündete unterstützt. Ende 2017 wurde der irakische Sieg erklärt, seitdem gibt es im Irak nur noch vereinzelte Angriffe des Islamischen Staates in ländlichen Gebieten.
Vorgeschichte Nach dem Zweiten Irakkrieg, der international umstritten war (siehe Irakkrise 2003), wurde zunächst eine Übergangsverwaltung, dann ein Regierungsrat und danach eine irakische Regierung installiert. Die Truppen der Vereinigten Staaten wurden im Dezember 2011 abgezogen (siehe Besetzung des Irak 2003–2011). Im Land stehen gesellschaftliche und religiöse Gruppen in einer Spannung. Die sunnitische Bevölkerungsminderheit fühlte sich vom schiitischen Regierungschef Nuri al-Maliki (zurückgetreten im August 2014) unterdrückt.
Verlauf
Aufstand in Anbar
Anfang Januar 2014 gelang es ISIS-Kämpfern, die Städte Falludscha und Ramadi, die Hauptstadt der westirakischen Provinz Al-Anbar, zu erstürmen und unter ihre Kontrolle zu bringen; aus Ramadi wurden sie allerdings von Stammeskämpfern und lokalen Polizeikräften bald wieder vertrieben.Deutschlandfunk Aktuell Falludscha soll sich selbst befreien (7. Januar 2014)n-tv.de: Al-Kaida-Ableger erobert Falludscha: USA besorgt über Erfolge der Islamisten, 5. Januar 2014.Badische Zeitung, Brennpunkte, 4. Januar 2014: (11. Januar 2014) Nach einigen Tagen hatten auch in Falludscha die regulären Behörden wieder normal geöffnet. Zuvor hatten sunnitische Stammesführer gemeinsam mit der Lokalpolizei die Sicherheitsverantwortung für das Gebiet übernommen.Deutschlandfunk, Aktuell, 8. Januar 2014: deutschlandfunk.de: Al-Maliki siegessicher (11. Januar 2014) mini|US-Außenminister John Kerry mit irakischem Premier Nuri al-Maliki bei einem Treffen in Bagdad Die USA und die Europäische Union berieten sich über eine erneute militärische Invasion, um so den Zerfall des Irak zu verhindern. Auch die Türkei und Israel waren als von der Krise betroffen zu sehen. Das geistliche Oberhaupt der irakischen Schiiten, Großajatollah Ali al-Sistani, rief die Iraker zum Widerstand gegen die sunnitischen Dschihadisten auf.Schiitenführer ruft zum Widerstand auf. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13. Juni 2014. Der iranische Präsident Hassan Rohani schloss eine Zusammenarbeit mit den USA zur Bekämpfung der ISIS-Milizen nicht aus.Irans Präsident Rohani bietet USA Zusammenarbeit an. In: Spiegel Online, 14. Juni 2014.
Offensive des IS im Nordirak Anfang Juni 2014 startete die Organisation eine Blitzoffensive auf die zweitgrößte irakische Stadt Mossul – angeführt wurde die Gruppe von Abū Bakr al-Baghdādī. Innerhalb weniger Tage eroberte sie die Stadt und anschließend die mehrheitlich von Sunniten bewohnten Provinzen Ninive, Salahaddin und Anbar im Norden des Landes. Bei der Einnahme von Mossul entführen sie auch 49 Personen des türkischen Konsulats.BBC News: Türkei: Geisel islamistischer Kämpfer vom 12. Juni 2014. Im Gefängnis Badusch soll es zu einem Massaker an etwa 670 nicht-sunnitischen Häftlingen gekommen sein.Zeugen berichten von Häftlingsmassaker Die irakische Armee überließ den Angreifern das Feld meist kampflos.Christoph Sydow: Dschihadisten kontrollieren zweitgrößte Stadt des Irak. In: Spiegel Online, 10. Juni 2014. Die britische Zeitung The Guardian berichtete, es seien bei der Offensive auf Mossul etwa 30.000 Regierungssoldaten desertiert; die Zahl der ISIS-Angreifer habe schätzungsweise 800 betragen.The Guardian: Iraq army capitulates to Isis militants in four cities, 12. Juni 2014. Dabei brachten die ISIS-Kämpfer neben den Waffenlagern der lokalen Garnison auch eine noch unbekannte Zahl US-Black-Hawk-Hubschrauber, weiteres Fluggerät sowie schwere Waffensysteme unter ihre Kontrolle. Nach Angaben eines irakischen Sicherheitsoffiziers, der sich auf Verhöre eines gefangengenommenen ISIS-Kuriers beruft, sind ihr bei der Eroberung Mossuls Geld und militärisches Gerät im Wert von bis zu 1,5 Milliarden USD in die Hände gefallen, ihr Gesamtvermögen (Geld und Waffen) soll schon vorher bei 875 Millionen Dollar gelegen haben.How an arrest in Iraq revealed Isis’s $2bn jihadist network, Martin Chulov, The Guardian, 15. Juni 2014 Der IS erbeutete 2400 gepanzerte Fahrzeuge, zumeist aus US-amerikanischer Produktion.stern.de
Von Mossul aus drangen am 10. Juni ISIS-Kämpfer nach Baidschi vor, wo sich die größte Ölraffinerie des Irak befindet, zogen sich aber angesichts verstärkter Armee- und Polizeikräfte wieder zurück.
Am 11. Juni 2014 erreichten ISIS-Kämpfer Tikrit, wo Sunniten der früheren Diktatur von Saddam Hussein mit den ISIS-Kämpfern zusammenarbeiteten,tagesschau.de: , 14. Juni 2014. und Baidschi.BBC News – Iraq crisis: Militants 'seize Tikrit’ after taking Mosul Bei Gefechten zwischen der Hawza of Najaf und dem IS in der Provinz Salah ad-Din starben am 12. Juni in den Ortschaften Udhaim und Mukdadija mehr als 100 Menschen.Br-online.de: vom 13. Juni 2014.
Am 12. Juni verließen 3000 Soldaten der irakischen Armee den Luftwaffenstützpunkt Camp Speicher, in Zivilkleidung, um sich zu ergeben, zuvor waren ihre Offiziere geflohen. Die ISIS-Milizen teilten die Soldaten in Sunniten und Schiiten auf und richteten laut eigenen Angaben etwa 1700 schiitische Soldaten hin. Die Organisation Human Rights Watch schätzte die Zahl der Opfer auf bis zu 770, es konnten anhand von Satellitenbildern fünf Orte identifiziert werden, an denen Ermordungen stattgefunden hatten.Sabine Mohamed: Irakische Soldaten vom Islamischen Staat exekutiert. In: Neue Zürcher Zeitung, 6. September 2014. Diese Massenermordungen wurden als Massaker von Tikrit bekannt. Im selben Zeitraum sollen um das Dorf Beshir etwa 700 Turkmenen vom IS hingerichtet worden sein.UN: ISIS Massacred 700 Turkmen
Die Menschen in Bagdad bereiteten sich auf einen Angriff vor, und am 13. Juni legte das religiöse Oberhaupt der Schiiten im Irak, Großajatollah Ali al-Sistani, seine Zurückhaltung ab und rief zum Kampf gegen die sunnitischen Extremisten auf. Jeder, der eine Waffe tragen könne, solle sich den irakischen Sicherheitskräften anschließen. Der Aufruf wurde von Sistanis Vertreter, Scheich Abdul Mehdi Kerbalaie, während der Freitagspredigt in der Imam-Hussein-Moschee in Kerbela verlesen.Inga Rogg: Der Schiitenführer Sistani ruft zum Kampf auf. In: Neue Zürcher Zeitung, 13. Juni 2014. Auch der radikale Schiitenprediger Muktada al-Sadr rief seine Anhänger zum Widerstand auf.
Bei einem Angriff von ISIS-Anhängern auf eine Polizeistation und ein Gefängnis, in dem Sunniten einsitzen, starben in Baquba, der Hauptstadt der Provinz Diyala, 44 Menschen.
Rund eine Million Iraker befanden sich auf der Flucht. Viele versuchten, das als stabil geltende kurdische Autonomiegebiet im Nordirak zu erreichen. Wenig später wurde der Grenzposten Al-Kaim erobert, ein offizieller Grenzübergang zwischen dem Irak und Syrien.
Trotz des offenen Streits zwischen dem Regierungschef Nuri al-Maliki in Bagdad und dem Kurdenpräsident Masud Barzani in Erbil stellte sich die Führung der kurdischen Gebiete im Irak offiziell an die Seite der irakischen Regierung und schickte ihre Peschmerga-Einheiten aus der Hauptstadt Erbil ins Kampfgebiet. Am 12. Juni übernahmen Peschmerga-Kämpfer die vollständige Kontrolle über die Großstadt Kirkuk.
Ausländische Unterstützung Nach der Einnahme von Mossul bat die Regierung von Nuri al-Maliki die US-Regierung um Luftunterstützung gegen die ISIS-Kämpfer. US-Präsident Barack Obama zog einen Militärschlag in Erwägung, der Einsatz von US-Truppen am Boden wurde jedoch ausgeschlossen. Die Vereinigten Staaten hätten schon viel Geld in den Aufbau der irakischen Sicherheitskräfte investiert; wenn diese nicht bereit seien zu kämpfen, gebe es „Probleme mit der Moral und dem Bekenntnis zum Irak“. Es liege „an den Irakern, als einem souveränen Staat, ihre Probleme zu lösen“, sagte Obama und verwies auf die schwierige Geschichte des Irak.Obama schließt Einsatz von US-Bodentruppen im Irak aus. In: Süddeutsche Zeitung, 13. Juni 2014. Zunächst verlegte der US-Verteidigungsminister Chuck Hagel den Flugzeugträger George H. W. Bush in den Persischen Golf. Begleitet wurde dieser von drei Zerstörern, die mit ihren Tomahawk-Marschflugkörpern bereits bei der Irak-Invasion 2003 eingesetzt wurden, der Arleigh Burke, der Truxtun, der O’Kane und einem mit Raketen bestückten Kreuzer, der Philippine Sea.Schiitenführer ruft zum Widerstand gegen Islamisten auf. In: Die Zeit, 13. Juni 2014. Zudem wurde ein weiteres Kriegsschiff in die Region abkommandiert, die Mesa Verde, das für amphibische Einsätze konzipiert ist, mit senkrecht startendem Kipprotor-Wandelflugzeug Bell-Boeing V-22 Osprey und mit 550 Marineinfanteristen an Bord.USS Mesa Verde joins naval strike group in Persian Gulf as Obama weighs military option in Iraq, United Press International, Juni 17 2014.
Der iranische Präsident Hassan Rohani bot am 14. Juni dem Irak an, im Rahmen internationalen Rechts beizustehen, und schloss eine Kooperation mit den Vereinigten Staaten im Irak nicht grundsätzlich aus: „Wenn wir sehen, dass die Vereinigten Staaten gegen terroristische Gruppen im Irak einschreiten, dann kann man darüber nachdenken. Bisher haben wir aber von ihrer Seite keine Handlungen gesehen.“Iran kann sich Kooperation mit den USA vorstellen. In: Die Zeit. Zudem dementierte Rohani einen Bericht des Wall Street Journals, wonach bereits mindestens drei Eliteeinheiten der iranischen Revolutionsgarden Al-Quds-Brigaden (Al-Kuds-Brigaden) in den Irak entsandt worden seien.Rohani: Keine iranischen Truppen im Irak | Aktuell Welt | DW.DE | 14. Juni 2014
Am 17. Juni entschied Barack Obama, eine 275-köpfige Spezialeinheit in den Irak zu entsenden, um Personal der US-Botschaft in Bagdad zu den US-Konsulaten in Erbil (Autonome Region Kurdistan im Nordirak) und Basra (Südirak) sowie in die US-Botschaft nach Amman in Jordanien zu verlegen. Wie viele der insgesamt 5000 US-Botschaftsmitarbeiter in Bagdad verlegt werden, wurde nicht bekanntgegeben.
Eine mögliche militärische Zusammenarbeit mit dem Iran wurde von der Sprecherin des US-Außenministeriums dementiert, nachdem Außenminister John Kerry sie zuvor nicht ausgeschlossen hatte.
Nach Angaben eines Funktionärs der kurdischen DPK sind die meisten Rebellen, die sich der ISIS-Offensive angeschlossen haben, keine Islamisten, sondern nicht-radikale sunnitische Iraker, die mit der schiitischen Maliki-Regierung nicht einverstanden sind. Unterstützt werden sie von entlassenen oder übergelaufenen Soldaten der irakischen Armee, deren Anzahl um ein Vielfaches über der der Dschihadisten liegen soll.Rainer Hermann: Die Sunniten vereinen sich zum Aufstand gegen Bagdad. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14. Juni 2014. Als Grund nennen sie vielfältige Diskriminierung durch die schiitisch dominierte irakische Regierung.tagesschau.de: , 17. Juni 2014.