Die mandschurische Sprache (mandschurisch manju gisun ) oder das Mandschu wurde von den Mandschu gesprochen und ist seit dem 19. bzw. Anfang des 20. Jahrhunderts beinahe ausgestorben.“Manchu is extinct today” (Carsten Näher: A Note on Vowel Harmony in Manchu. S. 134. In: Proceedings of the First International Conference on Manchu-Tungus Studies, Bonn, August 28-September 1, 2000. Otto Harrassowitz, 2004). “The Manchu language is all but extinct” (S. Robert Ramsey: The Languages of China. Princeton University Press, 1987, S. 216). “[T]he Manchu language is either extinct or on the verge of extinction” (Merrit Ruhlen: A Guide to the World's Language. Band 1: Classification. Stanford University Press, 1991, S. 128). Die als nationale Minderheit anerkannten Mandschuren in der Volksrepublik China sprechen nur selten Mandschurisch und größtenteils Chinesisch.Carsten Näher: A Note on Vowel Harmony in Manchu. S. 134. In: Proceedings of the First International Conference on Manchu-Tungus Studies, Bonn, August 28-September 1, 2000. Otto Harrassowitz, 2004; S. Robert Ramsey: The Languages of China. Princeton University Press, 1987, S. 216; Merrit Ruhlen: A Guide to the World's Languages. Band 1: Classification. Stanford University Press, 1991, S. 128. Dennoch gibt es das Bestreben der Wiederbelebung des Mandschurischen. Vor allem ethnische Mandschu lernen die mandschurische Sprache."Identity reproducers beyond the grassroots: The middle class in the Manchu revival since 1980s". Asian Ethnicity. 6.Facing the Decline of Minority Languages: The New Patterns of Education of Mongols and Manchus. In: The Central European Journal of Social Sciences and Humanities. Etwa tausend Menschen können Mandschu als Zweitsprache sprechen.
Klassifikation
Mandschurisch gehört zur Familie der tungusischen Sprachen (auch: mandschu-tungusische Sprachen) und gilt als Tochtersprache der Jurchen-Sprache. Es ist eine agglutinierende Sprache mit Vokalharmonie (Tongue-Root- und Labialharmonie) und wird mit der mandschurischen Schrift geschrieben, einem modifizierten mongolischen Alphabet, das wiederum auf die altuigurische Schrift zurückgeht.
Die Sprache der Xibe in Xinjiang ist eine Tochtersprache des Mandschurischen, die dem klassischen Mandschurisch sehr nahe steht.
Die mandschurische Sprache weist im Gegensatz zu den anderen tungusischen Sprachen einen hohen Anteil an Lehnwörtern aus alt-koreanischen Sprachen wie Goguryeo (Koguryŏ) auf, was auf einen Einfluss der Staaten auf der Koreanischen Halbinsel auf die Jurchen und frühen Mandschu hindeutet.
Geschichte
Qing-Dynastie
Mandschurisch war die Sprache am Hof der mandschurischen Qing-Dynastie, die 1644–1911 über China herrschte, doch gegen Ende des 17. Jahrhunderts wurde es selbst am Hof kaum noch gesprochen. Offizielle Dokumente wurden jedoch bis 1911 in Chinesisch und Mandschurisch verfasst und an vielen Gebäuden aus der Qing-Dynastie sieht man mandschurische Aufschriften.
Im Jahr 1708 erschien nach einem Erlass von 1673 des Kaisers Kangxi der Mandschurische Wörterspiegel (mandschurisch han-i araha manju gisun-i buleku bithe , chinesisch Yù zhì Qīng wén jiàn ) mit rund 12.000 Lemmata. Die Aussprache der mandschurischen Einträge ist mit chinesischen Zeichen angegeben. 1771 erschien der Erweiterte und revidierte mandschurische Wörterspiegel () mit 18.671 Lemmata, denen jeweils eine Übersetzung ins Chinesische beigefügt ist. Die Aussprache des Chinesischen ist auf Mandschurisch angegeben. 1779 erschien der Dreisprachige Wörterspiegel () mit etwa 13.000 Lemmata auf Mandschurisch, Chinesisch und Mongolisch. Den Einträgen aller drei Sprachen sind Ausspracheangaben beigefügt. Um 1794 erschien der Viersprachige Wörterspiegel () mit rund 18.671 Lemmata auf Mandschurisch, Chinesisch, Mongolisch und Tibetisch. Den Einträgen sind aber keine phonetischen Transkriptionen beigefügt. Um 1794 entstand auch der Fünfsprachige Wörterspiegel () mit etwa 18.671 Lemmata auf Mandschurisch, Chinesisch, Mongolisch, Tibetisch und Tschagataiisch. Die tibetischen Übersetzungen sind auch ins Mandschurische transliteriert und transkribiert, die tschagataiischen sind ins Mandschurische umgeschrieben.
Für das Studium der Qing-Dynastie sind Kenntnisse des Mandschurischen eine wesentliche Voraussetzung. Dennoch lernen heute nur wenige Sinologen Mandschurisch.
Modernes China
In der Provinz Liaoning gibt es seit den 1980er oder zumindest 1990er Jahren an manchen Schulen einen freiwilligen Mandschurisch-Unterricht für Kinder und Jugendliche der unteren und höheren Mittelstufe. Dies gilt auch für mehrere autonome Kreise der Mandschu, zum Beispiel im autonomen Kreis Xinbin im Verwaltungsgebiet der Stadt Fushun. Da anfänglich ein Mangel an Lehrkräften bestand, wurden in den 1980er Jahren in Nordost-China (Liaoning, Jilin, Heilongjiang) Lehrerseminare zur Ausbildung von Mandschurisch-Lehrern veranstaltet. Diese Bemühungen ermöglichen es heute vielerorts, Unterricht in Mandschu erhalten zu können, was mit einer begrenzten Renaissance des mandschurischen Traditionsbewusstseins einhergeht und auch von manchen lokalen Behörden unterstützt wird, zum Beispiel von der Kreisregierung in Xinbin. Zwar ist damit nicht automatisch verbunden, dass Mandschu wieder zu einer im Alltag gebrauchten Sprache wird, aber es kann durchaus dazu führen, dass die Kenntnis der mandschurischen Sprache und Schrift über den kleinen Kreis der Mandschu hinaus verbreitet wird.
In den letzten 20–25 Jahren erschien zudem eine Fülle wissenschaftlicher Werke, darunter Mandschurisch-Wörterbücher, Lexika, Grammatiken, Lehrbücher für gesprochenes Mandschurisch usw. Dazu erscheint in Harbin die Fachzeitschrift Mǎnyǔ yánjiū (), die sich ausschließlich mit den mandschu-tungusischen Sprachen und der mandschurischen Schrift beschäftigt.
Die Situation des gesprochenen Mandschurisch (ohne Xibe) kann man durch die Übersetzung zweier Stellen aus der Einleitung des Buches Xiandai Manyu babai ju wiedergeben:
Dies ist zwar inzwischen nicht mehr aktuell, und viele der alten Leute, die in den 1980er und 1990er Jahren noch Mandschurisch sprachen, dürften inzwischen verstorben sein; das starke wissenschaftliche Interesse zusammen mit den regelmäßigen Besuchen von Ethnologen, Linguisten und Erzählforschern dürfte aber auch dazu geführt haben, dass in diesen drei Dörfern die jüngeren Generationen (also die Menschen unter 70) wieder Interesse am Sprechen des Mandschurischen gewonnen haben, so wie viele Mandschu in anderen Siedlungsgebieten der Mandschu auch.
Phonetik und Phonologie Das Mandschurische ist schon im 18. Jahrhundert als lebende Verkehrssprache erloschen, schreibt Haenisch. Wo es noch künstlich gepflegt wurde, wurde seine Aussprache durch die des Chinesischen geprägt.Haenisch 1986, 33. Die Rekonstruktion der ursprünglichen Aussprache ist daher noch nicht in allen Details gelungen. Die russische Mandschuristik sowie Möllendorff nahmen an, dass es ursprünglich acht Vokalphoneme gab; die mandschurische Schrift unterscheidet jedoch nur sechs.Gorelova, S. 77; Möllendorf 1892, S. 1.
Konsonanten Es gibt unterschiedliche Transkriptionssysteme für die Konsonanten des Mandschurischen:
Möllendorff: k, g, h, n, b, p, s, š, t, d, l, m, c, j, y, r, f, w; k‛, g‛, h‛, ts‛, ts, dz, ž, sy, c‛y, jyMöllendorff 1892, 1. Haenisch: n k g h k g h ng b p s ś t d t d l m c j y r f w z z’ ź s c’i j’i k’a g’aHaenisch 1986, 24f. Gorelova: n ng k g h [q ɢ χ / k ɡ x] kʰ gʰ hʰ b p s š t d l m c j r f v(w) ts’(c) ts(ci) sy(si) dz(z) c’y(chi) jy(zhi) ž(r)Gorelova, 85.
Vokale Das gilt auch für die Vokale:
Möllendorff: a, e (ä), i, o, u, ūMöllendorff 1892, 1. Haenisch: a e i o ô u ai ei oi ui ôiHaenisch 1986, 24f. Gorelova: a, e, i, o, u, ūGorelova, 59. [a ə/ɜ i ɔ u o/ʊ] ai ei oi ui; iya, iye, i(y)o; eo; u(a), u(w)e, ū(w)a, ū(w)eGorelova, 84.
In diesem Artikel wird die Transkription von Möllendorff verwendet.
Grammatik
Vokalharmonie
Ein grundlegendes Merkmal des Mandschurischen ist Vokalharmonie: Es wird zwischen hinteren (a, o, ū), vorderen (e) und neutralen Vokalen (i und u) unterschieden. In einem Wort kann in der Regel auf einen vorderen nur ein vorderer und auf einen hinteren nur ein hinterer Vokal folgen. Das gilt auch für Suffixe.
Es gibt Suffixe, die nur eine Form haben (z. B. de , ci ) und auf alle Wortstämme folgen können. Es gibt Suffixe mit zwei Formen (giyan/giyen , hiyan/hiyen , kiyan/kiyen ), von denen die eine Form an Stämme mit vorderen, die andere an Stämme mit hinteren Vokalen tritt. Und es gibt Suffixe mit drei Formen, entweder mit den Vokalen a/e/o (z. B. han/hen/hon ) oder mit den Vokalen o/ū/u (z. B. hon/hūn/hun ), die nach folgendem Schema verwendet werden:Haenisch 1986, 33f.
Stamm Suffix Beispiel a – a a wakalan „Schuld“ i – a cihalan „Wille“ u – a tusangga „nützlich“ a – i faksikan „Kunstwerk“ a – u kuralan „Vergeltung“ o – i moringga „Reiter“ e – e e helmehen „Spinne“ i – e ildehe „Baumbast“ u – e tubehe „Lachs“ e – i esihe „Fischsuppe“ e – u erulen „Strafe“ o – o o doloron „Ritus“ o – i hojihon „Schwiegersohn“ a – i ū wasihūn „abwärts“ e – i u wesihun „aufwärts“
Wortbildung Das Mandschurische verfügt über zahlreiche produktive Wortbildungssuffixe.
Denominale Verben Das Suffix -la/-le/-lo bildet ein Verb, indem das Substantiv zum Objekt der Tätigkeit wird: songko „Spur“ – songkolombi „einer Spur folgen“; aba „Jagd“ – abalambi „jagen“, gisun „Wort“ – gisurembi „reden“.Gorelova 2002, 235; Haenisch 1986, 51.
Das Suffix -na/-ne/-no bildet z. T. eine Art Inchoativ oder bezeichnet eine inhärente Entwicklung oder Fähigkeit eines Gegenstandes oder einer Person: fiyeren „Spalte“ – fierenembi „sich spalten“, ilha „Blume“ – ilhanambi „aufblühen“; monggo „Mongolei“ – monggorombi „Mongolisch sprechen“, „sich wie ein Mongole betragen“.Gorelova 2002, 235; Haenisch 1986, 51.
Das Suffix -ša/-še/-šo bildet Verben, die das Bemühen ausdrücken, ein bestimmtes Resultat zu erreichen: sain „gut“ – saišambi „loben“, oncohon „arrogant“ – oncohošombi „sich brüsten“, buleku „Spiegel“ – bulekušembi „in einen Spiegel schauen“, „sich spiegeln“Gorelova 2002, 236; Haenisch 1986, 51.
Das Suffix -da/-de/-do bildet Verben der Intensität, der Dauer bzw. einer allmählichen Entwicklung einer Handlung: jili „Zorn“ – jilidambi „zürnen“, ceku „Schaukel“ – cekudembi „(sich) schaukeln“, eruwen „Bohrer“ – eruwedembi „bohren“, goho „elegant“ – gohodombi „sich herausputzen“.Gorelova 2002, 236f; Haenisch 1986, 51f.
Flexion Die mandschurische Grammatik zeichnet sich im Vergleich zu verwandten Sprachen durch eine schwach entwickelte Flexionsmorphologie aus.Gorelova 2002, 125.
Nomen Im Mandschurischen gibt es kein grammatisches Geschlecht.
Bei einer Reihe von Wortpaaren wird das biologische Geschlecht durch unterschiedliche Vokale bezeichnet: ama „Vater“ – eme „Mutter“, haha „Mann“ – hehe „Frau“, naca „Schwager“ – nece „Schwägerin“, hūwašan (chinesisch héshang ) „Mönch“ – huwešen „Nonne“, amila „Männchen“ – emile „Weibchen“, arsalan „Löwe“ – erselen „Löwin“, garudai „männlicher Phönix“ – gerudei „weiblicher Phönix“, aber auch habtaha „Männergürtel“ – hebtehe „Frauengürtel“, ganggan „stark“ – genggen „schwach“.
Moderne Grammatiken unterscheiden meist belebte und unbelebte Nomen sowie Nomen, die Eigenschaften bezeichnen.
Plural Der Plural wird im Allgemeinen nicht bezeichnet. Wenn er explizit bezeichnet wird, gibt es dafür mehrere Möglichkeiten.
Analytischer Plural Der Plural kann analytisch ausgedrückt werden, d. h. mit einem Zahlwort oder mit einem Wort, das den Plural ausdrückt (eiten „jeder“, geren Das Wort geren kann auch pleonastisch zusammen mit einem Pluralsuffix verwendet werden. „alle“, ududu „mehrere“, tome „jeder“) und dem Nomen vorangestellt wird,vgl. Haenisch 1986, 41. oder indem ein Gattungsnomen (urse „Leute“, gurgu „Tier“, hacin „Art“, jergi „Rang“) nachgestellt wird.