mini| rahmenlos|zentriert|hochkant|klasse=skin-invert-image Geórgi Wladímirowitsch Iwánow (, wiss. Transliteration ; * in Puke, Wolost Seda, Gouvernement Kowno, Russisches Reich, heute Rajongemeinde Mažeikiai, Bezirk Telšiai, Litauen; † 26. August 1958 in Hyères, Département Var, Frankreich) war ein russischer Dichter, Schriftsteller, Publizist, Kritiker und Übersetzer. Er gilt als einer der bedeutendsten Dichter der russischen Emigration und als einer der ersten literarischen Existentialisten der russischen Literatur.
Leben und Schaffen Die russischen Jahre (1894–1922) Kindheit und Jugend mini|Iwanows Ururgroßvater mütterlicherseits Iwan Osipowitsch Bierbrauer von Brennstein (1746–1825), (dt.: Johann Jacob von Bierbrauer zu Brennstein)Tatjana Senn: Georgij Ivanov. Die russischen Jahre im literarischen und historischen Kontext. München 2013, ISBN 978-3-86688-386-4, S. 37–40.Tatjana Senn: Georgij Iwanow: Legendy i dokumenty. In: Zwezda. (11). St. Peterburg 2014, , S. 137–157. Online: Татьяна Зенн: Георгий Иванов: Легенды и документы.Irena Fedorowicz: Michał Eustachy Brensztejn – verdienter Erforscher der Vergangenheit des Landes. In: Archäologisches Inventar des Gouvernements Kowno von Michał Eustachy Brensztejn (= Reihe 3. Bd. 2). Herausgegeben von Ministerstwo Kultury i Dziedzictwa Narodowego, Departament Dziedzictwa Kulturowego (Ministerium für Kultur und nationales Erbe). Redaktion Anna Bitner-Wróblewska / Rasa Banytė-Rowell. Warschau 2016, ISBN 978-83-62622-52-8, S. 8 ff. Georgi Iwanow wurde am 29. Oktober 1894 in Puke, dem Landgut der Familie Brennstein, im Landkreis Telsche des Gouvernements Kowno der litauischen Provinz des Russischen Reiches als viertes Kind seiner Eltern geboren. Sein Vater, Wladimir Iwanowitsch Iwanow (5. Dezember 1852–11. März 1907), war ein Artillerieoffizier. Er stammte aus einem alten russischen Adelsgeschlecht aus dem Gouvernement Witebsk (heute Belarus). Iwanows Mutter, Wera Michajlowna Iwanowa, (11. Januar 1859–192?), geborene Brennstein, stammte aus einem deutschen Adelsgeschlecht von Bierbrauer zu Brennstein. Einer ihrer Vorfahren siedelte nach Russland um und machte am Hof der russischen Zaren eine brillante Militärkarriere. Seine beiden Nachkommen waren treue Gefährten des Zaren Nikolai I. Der Familienname wurde russifiziert, so dass dieser ab der zweiten Generation von Brennstein lautete, beziehungsweise im Laufe der Zeit der russischen Schreibweise angepasst Brenschtein. Neben Georgi waren in der Familie noch drei weitere Geschwister: Wladimir, geb. 28. Mai 1880, Natalija, geb. 1. Oktober 1881 und Nikolai, geb. 24. Dezember 1884.
Georgis Vater hatte einen erfolgreichen Militärdienst hinter sich: er kämpfte im Russisch-Türkischen Krieg (1877–1878), danach diente er ab 1881 bis 1885 in Sofia am Hof des ersten Fürsten Bulgariens Alexander Battenberg (1879–1886). Zur Zeit Georgis Geburt diente er wieder in Russland im Wilno-Militärkreis in der Garnison Kovno, später direkt in Wilno. 1902 quittierte er seinen Militärdienst. Im Jahre 1899 kaufte Iwanows Vater das Landgut Studenka bei Nowogrudok im Gouvernement Minsk.Studenka wurde bislang laut den meisten Quellen und auch in den Erinnerungen von Iwanows Witwe (Irina Odoewcewa) fälschlicherweise als sein Geburtsort genannt. Doch Georgij Iwanow selbst bezeichnete das Landgut Puke mehrmals als seinen Geburtsort (Iwanows Briefe an Jurij Iwask. In: Georgij Iwanow: Schestnadcat pisem k Juriju Iwasku. (Hrsg.) A. Arjew. In: Woprosy literatury. (Nojabr-Dekabr). Moskwa 2008. S. 282–308.). 1902 kaufte Iwanows Vater das nächste größere Gut in der Nähe von Wilno, das Landgut Sorokpol. In diesem Landgut verbrachte die Familie Iwanow bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges ihre Ferienzeit. Das Landgut Studenka, beziehungsweise der Grundbesitz, wurde sehr schnell von Iwanows Vater zum großen Teil stückweise an die benachbarten Bauern verkauft, der Rest des Landguts wurde nach seinem Tod (März 1907) zwangsversteigert.
Im Jahre 1904 zog die Familie Iwanow von Wilno nach Petersburg. Ab 1905 wohnte Iwanows Mutter, Wera Michajlowna, mit den Kindern auf der Offizerskaja 12 in St. Petersburg. Georgi wurde ab 15. August 1905 in das Kadettenkorps in Jaroslawl zur Militärausbildung gebracht.
Georgi war das jüngste Kind der Familie. Er schien schon von seiner Geburt an ein sehr schwaches, gebrechliches Kind mit Gesundheitsproblemen zu sein, und wurde dadurch verwöhnt und geschützt, besonders von seiner 13 Jahre älteren Schwester Natalija. Sie brachte Georgi die Liebe zum Lesen und zur Literatur bei und ersetzte ihm alle seine nicht vorhandenen Kameraden seiner Kindheit. Natalija war sein einziger Freund und Kamerad bis zuletzt. Sie unterstützte Georgi während seiner Dichterlaufbahn und ergriff die Möglichkeit, ihn vorzeitig aus der Militärschule zu befreien.
Georgi war sechs Jahre im Kadettenkorps, schloss jedoch nur vier Klassen ab. Das zweite und dritte Schuljahr musste er aus gesundheitlichen Gründen wiederholen. Im Januar 1907 wurde Georgi auf dringende Bitte seines Vaters aus Jaroslawl nach St. Petersburg in das Zweite Petersburger Kadetten Korps verlegt. Am 11. März 1907 beging sein Vater Selbstmord in Dwinsk (heute Daugavpils, Lettland). Daraufhin wurde der junge Iwanow schwer krank und konnte den Unterricht im neuen Korps für ein ganzes Schuljahr nicht mehr besuchen. Obschon bei seiner Aufnahme ins Kadettenkorps klar wurde, dass Georgi aufgrund seiner Gebrechlichkeit und schwachen Gesundheit zur Militärausbildung nicht geeignet war, hatte sein Vater ihn dennoch für den Militärdienst vorgesehen. Iwanow schrieb später über diese Zeit, dass es „ein Missverständnis“ gewesen war und er „mit Neid hinter jedem Gymnasiasten hinterher blickte“.Andrej Arjew: Zhizn Georgija Iwanowa. St. Peterburg 2009, ISBN 978-5-7439-0138-8. Doch nicht nur Iwanows Gesundheit machte ihm zu schaffen, sondern auch seine Labilität.
Er konnte die Disziplin der Militärschule nicht ertragen und nur seine Liebe zur Literatur und zum Lesen half ihm, den Militärschulalltag abzuwenden und zu bewältigen. Er las viele Bücher, oftmals auch verbotene, wurde von moderner Dichtung ergriffen und fing bald an selbst zu schreiben. Als 15-Jähriger publizierte er erfolgreich seine ersten Gedichte und wurde rasch in der gesamten Petersburger Literaturszene bekannt.
Petersburger Literaturszene und der junge Georgi Iwanow „Der fünfzehnjährige Anfänger“
Schon 1910 wurde er als „15-jähriger vielversprechende Dichter“ in der „Akademie der Poesie“ vorgestellt, wo Wjatscheslaw Iwanow für „die Beste der Besten“ den letzten poetischen Schliff veredelte. Bereits zu dieser Zeit umgab sich Georgi mit Petersburger literarischen Größen wie Michail Kusmin, Sergei Gorodezki, Georgi Tschulkow, Juri Annenkow sowie mit Alexander Blok, Igor Sewerjanin, Nikolai Kulbin, Welimir Chlebnikow, Alexei Krutschonych, Wladimir Majakowski und vielen anderen. Er schrieb klangvolle Gedichte über für die damalige Poesie ungewöhnliche Themen, dies faszinierte anfangs alle. Der 15-jährige Kadett hatte noch keine Lebenserfahrung, deshalb verarbeitete er in seinen Reimen alles, was er sah, fühlte oder was in seiner Fantasie ihm vorkam. Oftmals beschrieb er nur das eine oder andere Bildnis, eine alltägliche Szene oder Situation, die seine Vorstellung beflügelte. Alexander Blok mahnte ihn: „Der Dichter soll über die Liebe und den Tod schreiben…“ Doch der junge Kadett hatte noch keine Liebe gefunden, außerdem quälten ihn die Pflichten der Militärschule. Zu dieser Zeit führte er ein sehr bedenkliches Leben: in der Militärschule war er braver Kadett, draußen ein erfolgreicher, vielversprechender junger Dichter. Er ließ sich für die Schule drei Monate krankschreiben und in derselben Zeit arbeitete er als Redakteur der Poesieabteilung der Zeitschrift „Gaudeamus“. Darüber hinaus verstieß er ständig gegen das Reglement des Kadettenkorps, indem er „verbotene“ Kneipen besuchte, wo sich die Petersburger Bohème versammelte.
Schon im Jahre 1909 hatte Georgi sich für eine Dichterlaufbahn entschieden, jedoch konnte er das Kadettenkorps als noch nicht Volljähriger nicht selbst verlassen. Aus diesem Dilemma befreite ihn seine Schwester. Im Oktober 1911 wurde er aus der fünften Klasse des Kadettenkorps entlassen, ohne Schulabschluss in die „Obhut seiner Mutter“. Im Dezember 1911 wurde sein erster Gedichtband Otplytie na o. Ziteru mit dem Untertitel Poesy (Die Einschiffung nach In[sel] Kythera. Reime) im Verlag der Ego-Futuristen herausgegeben. Georgi war jung und an allen literarischen Strömungen und Richtungen, die in dieser Zeit in Petersburg reichlich vorhanden waren, interessiert. Er war mit allen Schulen dieser Zeit gut vertraut: Symbolisten, Futuristen, Ego-Futuristen, danach mit Akmeisten. Doch keine dieser Bewegungen konnte ihn überzeugen, auch die Akmeisten nicht. mini|hochkant|links|Am 13. Januar 1912 wurde Iwanow im Brodjatschaja sobaka (Der streunende Hund) offiziell von Nikolai Gumiljow und einigen Mitglieder des Zech Poetow als neues Mitglied der Dichtergilde begrüßt
Er wurde zwar im Januar 1912 von Nikolai Gumiljow in Zech Poetow (Dichterzunft), der „Zech“, in welcher auch später die sogenannten Akmeisten waren (es gab nur sechs Akmeisten von 36 Mitgliedern der gesamte Gilde), ohne jegliche Abstimmung, was sonst als obligatorisch galt, aufgenommen, doch hat Iwanow sich nie zu dieser akmeistischen Gruppierung gezählt, sehr wohl aber zur „Zech“, dem Dichterverband, den er hochschätzte und der für Georgi eine der wichtigsten Schulen der Poesie wurde.
Dichterzunft (Zech Poetow) Viele Mitglieder der „Zech“ wurden später bekannte Dichter: Nikolai Gumiljow, der Organisator des „Zechs“, Anna Achmatowa, Gumiljows erste Ehefrau, die demzufolge eine erfolgreiche Dichterin geworden war, Ossip Mandelstam, Wladimir Narbut, Wassili Gippius, Michail Losinski und viele andere. Im „Zech“ gab es sehr strenge Regeln, ebenso wie die Aufgabe Gedichte zu schreiben, vor den Mitgliedern vorzutragen, zu kommentieren und dann zu veröffentlichen, was Iwanow zugutekam. Als geistiger Vater für die Mitglieder des „Zechs“ galt Innokenti Annenski. Georgi Iwanow hat den Abschluss einer Schule verpasst, umso mehr war für ihn „Zech“ eine Art Schulersatz und so, wie es sich in einer guten Schule gehörte, gab Iwanow schon im Jahre 1914 seinen zweiten Gedichtband Gorniza (Die gute Stube) heraus: In verblichenem Gold, in kaltem Blau Leuchtet der herbstliche Abend über Newa. Die Laternen werfen auf die Wellen einen gedämpften Glanz, Und es schwanken leicht die Kähne am Kai.
Mürrischer Bootsmann, leg deine Ruder weg! Ich möchte uns von der Strömung treiben lassen. Sich hingeben voll Wonne mit der unruhigen Seele Der flüchtigen Harmonie des fahlen Sonnenuntergangs.
Und die Wellen plätschern an dunklen Bord. Wirklichkeit verschmolz mit luftigem Traum. Der Lärm der Stadt legte sich. Die Fesseln der Wehmut lösten sich. Und die Seele spürt die Berührung der Muse.Übertragen v. T. Senn. In: Tatjana Senn: Georgij Ivanov. Die russischen Jahre im literarischen und historischen Kontext. München 2013, S. 383–483.
Und so 1914 zeigte sich schon in diesem Gedicht Iwanows künftige Verbeugung vor dem melancholischen Motiv Toska (Sehnsucht/Wehmut, russ. тоска), welches für Innokenti Annenski eines der beliebtesten Motive war und in seiner Dichtung am Meisten auch als Wort vorkam. Man kann quasi sagen, als ob Georgi Iwanow eine Stafette aus Annenskis Hand übernahm.
Annenskis Vermächtnis als Erfolg Iwanows späterer Dichtung mini|hochkant|links|Georgi Iwanow im Scherenschnitt 1922 mit Signatur