mini|Bankgebäude am Times Square in New York City Lehman Brothers (häufig []; handelsrechtlich Lehman Brothers Holdings Inc.) war eine 1850 gegründete US-amerikanische Investmentbank mit Hauptsitz in New York. Sie beschäftigte im Jahr 2007 weltweit 28.600 Angestellte. Sie musste am 15. September 2008 infolge der Finanzkrise Insolvenz beantragen.
Geschichte Lehman Brothers wurde 1850 in Montgomery, Alabama, von den Brüdern Hayum (Henry), Mendel (Emmanuel) und Maier (Mayer) Lehmann gegründet. Die Brüder – Söhne des jüdischen Viehhändlers Abraham Löw Lehmann aus Unterfranken – waren zwischen 1844 und 1850 aus Rimpar bei Würzburg in die USA emigriert. Vor der Gründung von Lehman Brothers eröffnete Henry Lehmann 1844 in Alabama einen Gemischtwarenhandel. Sein Bruder Emmanuel trat 1848 in das Geschäft ein. Die Geschäftstätigkeit wurde dann schon bald auf den Handel mit Baumwolle verlagert, wobei die Brüder vom atlantischen Sklavenhandel profitierten. Hieraus entwickelte sich die Bankentätigkeit.
Nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg wurde die Geschäftstätigkeit nach New York verlagert. Ab der Jahrhundertwende wurde die Firma von der zweiten Generation geleitet: Herbert, Philip, Sigmund, Arthur und Meyer Lehmann. Sie versuchten sich erfolglos als Emissionsbank für den Trust International Steam Pump. Danach konzentrierten sie sich wieder auf den Rohstoffhandel (speziell Baumwolle, Kaffee und Petroleum) und engagierten sich als Underwriter für Rohstoffhandel.
1977 fusionierte Lehman Brothers mit Kuhn, Loeb & Co. und firmierte kurzzeitig als Lehman Brothers Kuhn Loeb & Co. 1984 wurde Lehman Brothers von American Express gekauft und mit Shearson sowie 1988 mit E.F. Hutton & Co. fusioniert. 1993 verkaufte American Express die so entstandene Firma an die Travelers Group. Die Travelers Group trennte sich vom Investmentbanking, das 1994 unter dem Namen Lehman Brothers wieder zu einer eigenständigen Firma wurde und an die Börse ging. In den letzten Jahren bis zur Insolvenz konnte das nun selbständige Unternehmen im Wettbewerb seine Marktposition festigen.
Im Mai 2007 kaufte Lehman Brothers zusammen mit dem Immobilieninvestor Tishman Speyer Properties den zweitgrößten börsennotierten Wohnungseigentümer der USA, Archstone-Smith (1963 in Englewood, Colorado gegründet). Der Kaufpreis für den Konzern betrug 22 Milliarden US-Dollar. Lehman Brothers ging damit ein Klumpenrisiko ein.
Insolvenz Durch die US-Immobilienkrise und Subprime-Markt-Krise musste die Bank zunächst 3,3 Milliarden US-Dollar abschreiben. Im April 2008 hatte das Institut eine Kapitalerhöhung von 4 Milliarden US-Dollar durchgeführt, eine weitere in der Höhe von 5 Milliarden US-Dollar folgte im Juni 2008. In: Financial Times Deutschland. 6. Juni 2008.
Die angeschlagene US-Bank hatte am 10. September 2008 verlauten lassen, dass sie Verluste in Höhe von 3,9 Milliarden US-Dollar für das dritte Quartal 2008 erwartet. Richard S. Fuld, Jr., damaliger Vorstandschef von Lehman Brothers, kündigte den Verkauf eines Mehrheitsanteils an der Investmentsparte, die Ausgliederung von Gewerbeimmobilien und weiteren illiquiden Vermögenswerten an. Als weitere Maßnahme sollte die Dividende auf 0,05 US-Dollar pro Aktie verringert werden. Financial Times Deutschland, 10. September 2008. Die Verkaufsbemühungen waren jedoch wenige Tage später gescheitert und die Bank musste am 15. September 2008 die Insolvenz gemäß Chapter 11 des US-Insolvenzrechts beantragen.Lehman Brothers muss Konkurs beantragen. In: Handelsblatt. 15. September 2008. (PDF)
Nachdem die Bush-Regierung drei große Banken (Bear Stearns, Fannie Mae und Freddie Mac) mit Milliarden US-Dollar gerettet hatte, war der politische Druck, weitere Banken nicht aufzufangen, so groß geworden, dass der damalige US-amerikanische Finanzminister Henry Paulson (Goldman Gegenspieler des Lehman-Vorstandsvorsitzenden Richard Fuld) nach der Absage der britischen Barclays-Bank, sich an Lehman zu beteiligen, keine weiteren Milliarden mehr bereitstellte, was – entgegen dem bisherigen Grundsatz too big to fail – zur Insolvenz von Lehman Brothers führte. Wenige Tage nach dem Zusammenbruch waren nur noch 170 Mitarbeiter für Lehman Brothers tätig, 24.988 war unter dem Insolvenzverwalter Bryan Marsal in wenigen Tagen gekündigt worden. Der Schaden, der durch diese plötzliche Insolvenz hervorgerufen wurde, wird auf 50 bis 75 Milliarden US-Dollar geschätzt.
Am 17. September 2008 gab die britische Universalbank Barclays bekannt, dass sie große Teile des US-Geschäfts von Lehman Brothers, einschließlich der gesamten Infrastruktur mit 9000 Mitarbeitern und den Hauptsitz in New York, aus der Insolvenzmasse heraus übernehmen werde. Japans größtes Brokerhaus, Nomura Holdings, kaufte am 22. September das Asiengeschäft sowie die Investmentbanksparte von Lehman Brothers in Europa und im Nahen Osten.Nomura soll von Lehman Brothers asiat. Geschäft aufkaufen. finanznachrichten.de, 22. September 2008.
Infolge der Insolvenz soll Lehman Brothers einen Schuldenberg von über 200 Milliarden US-Dollar hinterlassen haben. Financial Times Deutschland, 14. April 2009.
Nach der Insolvenz ergeben sich folgende Lehman-Brothers-Sparten: Lehman Brothers North America → Barclays Capital Lehman Brothers Hong Kong → KPMG China als Liquidator für acht Tochtergesellschaften (u. a. LB Asia Holdings Limited, LB Asia Limited) Lehman Brothers Asia Pacific → Nomura Lehman Brothers International Europe → Management durch PricewaterhouseCoopers Lehman Brothers Holdings Inc. → Insolvenz nach Chapter 11 Neuberger Berman → eigenständige Investmentgesellschaft
Mit der Zahlung eines Honorars von 424 Millionen US-Dollar an den Treuhänder James Giddens und seine Anwaltskanzlei, die die Insolvenz abgewickelt hatten, wurde das Insolvenzverfahren am 28. September 2022, 14 Jahre und 13 Tage nach der Pleite, abgeschlossen.Historische Lehman-Pleite abgeschlossen. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30. September 2022, S. 29.
Globale Auswirkungen mini|hochkant=1.6|Ausmaß der globalen Finanzkrise (Jahresentwicklung 2007→2008)
Abschätzung des IWF (Dezember 2008)
Die Folgen der Insolvenz der Lehman Brothers Holding blieben nicht auf die USA begrenzt. Der Zusammenbruch, der in den USA begann und zunächst scheinbar auf das Platzen einer Immobilienblase beschränkt war, gedieh zu einer großen globalen Finanzkrise. Im Zuge dieser Krise misstrauten sich die Banken bei Finanzgeschäften untereinander, sodass weltweit wesentlich weniger Kredite vergeben wurden. Dies erforderte mehrere Jahre lang eine Vielzahl von umfangreichen Maßnahmen durch Einzelstaaten und Staatengemeinschaften.
Folgen der Insolvenz in Deutschland mini|Lehman-Brothers-Niederlassung Frankfurt am Main
Lehman Brothers war auch in Deutschland mit einer Tochter in Frankfurt am Main vertreten; ein Vorstandsmitglied war seit 2005 Hans Martin Bury. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) erließ am 15. September 2008 gegenüber der deutschen Lehman Brothers Bankhaus AG ein Veräußerungs- und Zahlungsverbot. Außerdem untersagte sie der deutschen Tochter, Zahlungen entgegenzunehmen, die nicht zur Tilgung eigener Schulden bestimmt waren (Moratorium). Am 28. Oktober 2008 stellte die BaFin den Entschädigungsfall für die Lehman Brothers Bankhaus AG in Frankfurt am Main fest.BaFin stellt Entschädigungsfall für die Lehman Brothers Bankhaus AG fest Am 13. November wurde – wie in Bankinsolvenzen gesetzlich vorgesehen (vgl. KWG) – auf Antrag der BaFin das Insolvenzverfahren über das Vermögen der Lehman Brothers Bankhaus AG eröffnet.AG Frankfurt am Main, Beschl. v. 13. November 2008 – 810 IN 1120/08 – Lehman Brothers Bankhaus AG Als Insolvenzverwalter wurde der Frankfurter Rechtsanwalt Michael Frege bestellt. Nach der Annahme eines Insolvenzplans durch die Gläubiger wurde zwischenzeitlich bekannt, dass die Forderungen der Gläubiger der deutschen Tochtergesellschaft vollständig bedient werden konnten. Zu den Hauptgläubigern der Lehman Brothers Bankhaus AG zählten, neben der Bundesbank, der Einlagensicherungsfonds des Bundesverbandes deutscher Banken und auf die Verwertung von Krediten spezialisierte Hedge-Fonds.
Die Insolvenz der amerikanischen Muttergesellschaft schädigte auch deutsche Anleger, die Zertifikate der niederländischen Tochtergesellschaft, der Lehman Brothers Treasury Co. B. V., erworben hatten. Neben der Anmeldung ihrer Forderungen zur Insolvenztabelle in den USA und den Niederlanden leiteten zahlreiche deutsche Anleger rechtliche Schritte gegen ihre Kreditinstitute wegen fehlerhafter Anlageberatung ein.Zu den rechtlichen Anforderungen an die Anlageberatung vgl. Podewils, Reisich, NJW 2009, 116–121: Haftung für „Schrott-Zertifikate“? – Aufklärungs- und Beratungspflichten nach BGB und WpHG beim Erwerb von Zertifikaten Mit einer Klage gegen die Frankfurter Sparkasse wegen fehlerhafter Anlagevermittlung musste sich 2008 und 2009 das Landgericht Frankfurt am Main befassen.Mit Urteil vom 28. November 2008 wies es die Klage des Anlegerehepaares ab (LG Frankfurt am Main, Urteil vom 28. November 2008 – 2 19 O 62/08 – nicht rechtskräftig)Mit weiterem Urteil vom 7. April 2009 gab es dagegen der Klage gegen das Kreditinstitut wegen fehlerhafter Anlageberatung statt LG Frankfurt am Main, Urteil vom 7. April 2009 – 2 19 O 211/08 – nicht rechtskräftig
Die Hamburger Sparkasse (Haspa) erklärte sich am 18. Februar 2009 bereit, etwa eintausend Anlegern eine Entschädigung von 9,5 Millionen Euro zu zahlen, nachdem die Dresdner Bank vom Landgericht Hamburg zum Schadensersatz verurteilt worden war.Mit Urteil vom 15. Dezember 2008 gab das Landgericht Hamburg der Klage von Anlegern statt (LG Hamburg, Urteil vom 15. Dezember 2008 – 318 O 4/08 – nicht rechtskräftig) Bei der Haspa hatten etwa 3.700 Anleger Lehmann-Zertifikate im Werte von ca. 54 Millionen Euro erworben. Das Landgericht Hamburg verurteilte die Hamburger Sparkasse mit Urteil vom 23. Juni 2009 – Aktenzeichen 310 O 4/09 – zum Schadensersatz, da sie den Anleger nicht auf die fehlende Einlagensicherung und bestehende Interessenkonflikte hingewiesen hatte.LG_Hamburg_Urt_v_23062009_310_O_4_09 Die Klage ist jedoch in der Berufung durch Urteil des OLG Hamburg vom 23. April 2010 – Az. 13 U 118/09 – abgewiesen worden. Mit weiterem Urteil vom 1. Juli 2009 verurteilte eine andere Kammer des Landgerichts Hamburg wegen fehlender Aufklärung über die Rückvergütung beziehungsweise Handelsspanne zur Rückzahlung.openjur.de LG Hamburg · Urteil vom 1. Juli 2009 · 325 O 22/09 Gestützt werden die Klagen wegen fehlerhafter Anlagevermittlung häufig auf folgende unterlassene Hinweise: Keine Einlagensicherung nach dem früheren niederländischen Recht, irreführende Information bezüglich der Emittentin, fehlende Aufklärung über Provisionen und unterlassene Hinweise auf Bonitätsrisiken. Mit Urteilen vom 27. September 2011 hat der Bundesgerichtshof die Klagen der Anleger der Hamburger Sparkasse rechtskräftig abgewiesen.Az. XI ZR 178/10, XI ZR 182/10. Die beklagte Sparkasse habe ihre Pflicht zur anleger- und objektgerechten Beratung in beiden Fällen nicht verletzt. Auf die Insolvenzmöglichkeit der US-Investmentbank und ihrer niederländischen Tochter Lehman Brothers Treasury Co. B.V. habe die Hamburger Sparkasse nicht hinweisen müssen, weil ein konkretes Insolvenzrisiko nicht erkennbar gewesen sei. Auch die Aufklärungspflicht über ein allgemeines Emittentenrisiko sei erfüllt worden. Eine Pflicht zur zusätzlichen Aufklärung darüber, dass die Zertifikate keinem Einlagensicherungsfonds unterfielen, bestehe laut BGH nicht. Auch über eine eigene Gewinnmarge müsse eine Bank nicht aufklären.
Das Landgericht Hechingen verurteilte die Volksbank Albstadt-Tailfingen, einem Kunden die Einlage von 100.000 Euro zu erstatten, weil sie ihm keine Informationen und Hinweise über ein Totalausfall-Risiko gegeben hatte. SWR. Letzte Änderung am 15. November 2009.