Das Jüdische Landschulheim Herrlingen wurde von dem Pädagogen Hugo Rosenthal 1933 auf dem Gelände und in den Einrichtungen des Landschulheims Herrlingen aufgebaut und dort auch bis 1939 betrieben. Trotz vieler Parallelen war die neue Einrichtung keine Fortführung des von Anna Essinger nach England verlegten Landschulheims, sondern eine Neugründung unter betont jüdisch-zionistischer Ausrichtung. Es war eines von drei Jüdischen Landschulheimen, die in Deutschland während der 1930er Jahre unter der Herrschaft der Nationalsozialisten existieren durften.
Die Gründung Zur Vorgeschichte gehört natürlich die Geschichte des „Landschulheims Herrlingen“ und dessen Verlegung nach England im Spätsommer 1933.
Anna Essinger, die mit ihrer Schülerschaft in England die Bunce Court School aufbaute, war nach Hildegard Feidel-Mertz davon überzeugt, „daß die in Deutschland verbleibenden jüdischen Kinder nunmehr einer anderen, bewußt jüdischen Erziehung bedurften“. Sie übertrug „diese Aufgabe, der sie selbst sich nicht gewachsen fühlte, dem Volksschullehrer Hugo Rosenthal (1889–1980), der einen undogmatischen Zionismus vertrat“.Hildegard Feidel-Mertz: Jüdische Landschulheime im nationalsozialistischen Deutschland, S. 165
Wann Anna Essinger, nachdem sie den Entschluss gefasst hatte, mit ihren Schülern nach England auszuwandern, über eine weitere Verwendung ihres Herrlinger Anwesens nachdachte, ist nicht bekannt. Doch war es nach Hugo Rosenthal sie (von ihm stets „Fräulein Essinger“ genannt), die sich während dieses Prozesses mit ihm in Verbindung setzte.
Essinger und Rosenthal, für den die Aussicht auf eine Arbeit in einem Landschulheim die war, die er seit seiner „frühesten Erziehertätigkeit als die vollkommendste angesehen hatte“Hugo Rosenthal: Otto Hirsch und die Anfänge des jüdischen Landschulheims in Herrlingen. In: Lucie Schachne: Erziehung zum geistigen Widerstand. S. 40–49 waren sich schnell einig. Zwei große Probleme blieben dennoch zu klären: die Beschaffung von Geldmitteln für den Betrieb des Heims und dessen Duldung durch die neuen Machthaber.
Um die Schließung ihrer Schule zu vermeiden, hatte Anna Essinger ihre eigenen Auswanderungspläne nach außen hin völlig geheim gehalten und die Schule nicht geschlossen. Sie hatte also noch eine Betriebserlaubnis und schlug Rosenthal vor, „sofort mit der Ministerialabteilung in Stuttgart in Verbindung zu treten um die Erneuerung der Lizenz zur Führung eines Schulheimes zu erreichen“. Der Plan gelang – nicht zuletzt auch, wie Rosenthal glaubt, aufgrund des hohen Ansehens, das Anna Essinger immer noch bei der Behörde genoss. Mit Erlass des Kultusministeriums vom 20. September 1933 wurde dem Landschulheim Herrlingen Der Fortbestand in seiner bisherigen Form zugestanden.Lucie Schachne: Erziehung zum geistigen Widerstand. S. 62–67. Im November 1933, Rosenthal hatte zuvor um Erlaubnis gebeten, einige an der Schule verbliebene „arische Kinder“ weiter unterrichten zu dürfen, nimmt das Kultusministerium mit Bezug auf eben diesen Erlass „von der Ausschliessung nichtarischer Schüler auf Grund des Gesetzes gegen die Überfüllung deutscher Schulen und Hochschulen Abstand, gibt aber andererseits nicht die Genehmigung zur Umwandlung des Landschulheims in eine rein jüdische Schule. Daraus folgt, daß gegen die Belassung der arischen Kinder im Landschulheim nichts einzuwenden ist und daß die Bezeichnung der Schule als ‚Jüdisches Landschulheim‘ unzulässig, zum mindestens verfrüht ist. Sie hat mit sofortiger Wirkung zu unterbleiben.“ Rosenthal hat sich an diese Auflage gehalten, woraus der Widerspruch resultierte, dass er immer nur für sein „Landschulheim Herrlingen“ Werbung betrieb, während dieses längst in der jüdischen Öffentlichkeit als „Jüdisches Landschulheim Herrlingen“ bekannt war.
Die wichtigste Aufgabe nach der Erlaubnis zur Weiterführung des Landschulheims war es, dessen organisatorische und die finanzielle Handlungsspielräume sicherzustellen. Hugo Rosenthal erwähnt in diesem Zusammenhang zwei Menschen, die ihm dabei besonders geholfen haben: seinen Freund Hans Beyth und Otto Hirsch. Hirsch, Präsident des Oberrats der Israelitischen Religionsgemeinschaft in Württemberg und Geschäftsführer der Reichsvertretung der Deutschen Juden, sicherte Rosenthal schon bei ihrer ersten Begegnung zu, die Betriebsmittel für das erste Halbjahr zu beschaffen. Hirschs Unterstützung war für Rosenthal umso wichtiger, als zum damaligen Zeitpunkt die jüdischen Organisationen für sich selber noch nicht die Notwendigkeit erkannt hatten, Auffangeinrichtungen für Kinder zu gründen, die aus dem staatlichen Schulwesen ausgegrenzt zu werden drohten. „Otto Hirsch gehörte zu den ersten, die die Notwendigkeit der Schaffung von Schulheimen anerkannten, in denen namentlich Kinder aus kleinen [jüdischen] Gemeinden erzieherische Zuflucht finden konnten. Auch er zweifelte nicht daran, daß Herrlingen, nach Überwindung der Anfangsschwierigkeiten ohne Hilfe existieren könne.“ Rosenthal rechnet es Hirsch sehr hoch an, dass er ihm auch den Rücken freihielt gegenüber den unterschiedlichen Strömungen und Interessen des deutschen Judentums, ihm aber auf Druck der jüdischen Verbände dennoch die Zusage nach „einer überparteilichen (auf deutsch: nichtzionistischen) Führung des Heims“ abverlangen musste. „So wenig sympathisch mir eine ausdrückliche Anerkennung der Forderung war (sie zeigte, wie weit entfernt das deutsche Judentum von einer Einsicht in den furchtbaren Ernst der Lage war), so bedeutete sie an sich keinen Kompromiß für mich. Was jene aus parteiischer Engherzigkeit wünschten, war mir grundlegende pädagogische Forderung.“
Hirsch und Rosenthal waren sich schon früh bewusst, dass das Landschulheim eine Einrichtung auf Zeit bleiben würde. Bereits in der Anfangszeit ihrer Bekanntschaft stellte Hirsch Rosenthal die Frage, wie viele Lebensjahre dieser dem Heim geben würde. „Prompt entgegnete ich: ‚Vier bis fünf Jahre‘, worauf er ebenso prompt: ‚Sagen wir fünf bis sechs.‘ Er behielt recht. Die Lebensdauer des jüdischen Landschulheims in Herrlingen betrug genau fünfeinhalb Jahre.“
Die Aufgaben des Landschulheims Hugo Rosenthals leitende Ideen für das Landschulheim entstammen seinem Verständnis von Zionismus und Reformpädagogik.
Was das praktisch zu bedeuten hat, erläutert er unter Bezugnahme auf den Schulprospekt in einem Artikel in der Jüdischen Rundschau vom 20. Oktober 1933: „1. Heimischmachung der Kinder im deutschen und jüdischen Kulturkreise. 2. Ihre sprachliche Vorbereitung auf eine eventuelle Auswanderung. 3. Vorbereitung auf handwerkliche, gärtnerische und hauswirtschaftliche Ausbildung im Rahmen der beruflichen Umschichtung der Juden.“
Während die ersten beiden Punkte klar auf Kinder und Jugendliche im Kontest eines Landschulheims zielen, ist das beim 3. Punkt so eindeutig nicht. Natürlich hat bei den meisten Landschulheimen die Förderung handwerklicher, gärtnerischer oder hauswirtschaftlicher – kurz: praktischer – Fertigkeiten immer schon eine große Rolle gespielt, doch Rosenthal stellt sie hier in den Kontext ‚der beruflichen Umschichtung der Juden‘. Das weist über die Funktionen eines Landschulheims hinaus, denn unter der beruflichen Umschichtung der Juden wird meistens die Umschulung der jüdischen (erwachsenen) Menschen verstanden, die von den Nazis Berufsverbot erhalten hatten und in Vorbereitung auf eine Auswanderung praktische Berufskenntnisse, in der Regel Grundkenntnisse in Landwirtschaft und Ackerbau, erwerben mussten. Die Umschichtung spielt aber auch im Rahmen der Hachschara eine Rolle, wo sie sowohl der beruflichen Umorientierung als auch der Herausbildung eines ‚neuen jüdischen Menschen‘ dienen sollte, dessen künftiges Wirkungsfeld in Eretz Israel zu liegen habe. Und in der Tat wurde das Landschulheim Herrlingen nach einiger Zeit von der zionistischen Dachorganisation als Hachscharah-Zentrum anerkannt, in dem vor allem junge Frauen auf ein Leben im Kibbuz vorbereitet worden seien.Lucie Schachne: Erziehung zum geistigen Widerstand. S. 71.
In dem zitierten Artikel skizziert Rosenthal zugleich seine Vorstellungen darüber, in welcher Form die sich dem Landschulheim stellenden Aufgaben gelöst werden können. Die Heimischmachung in der jüdischen Kultur ist in erster linie Aufgabe des Unterrichts. Es ist für ihn selbstverständlich, dass „die Kinder mit den Kulturgütern des deutschen Volkes aufs innigste vertraut“ gemacht werden sollen – und das in der Fortführung der Tradition des Landschulheims durch die Pflege von Musik, Kunst und Literatur. Dieser schulpädagogische Unterbau soll seine Ergänzung erfahren durch eine dezidiert jüdisch-kulturelle Bildung. Da zu zählt für Rosenthal an erster Stelle die Förderung der hebräischen Sprache, dann die Unterrichtung der Kinder in jüdischer Geschichte und Judentumskunde. Damit das nicht abstrakte Wissensvermittlung bleibt, muss als weiterer Baustein die Erfahrung jüdischen Lebens hinzukommen. „Das Kind soll mit dem jüdischen Kalender wieder vertraut werden. Sabbat, Feste, Halbfeiertage sollen nicht nur Gegenstand unterrichtlicher Belehrung sein, sie sollen auch ein das Gefühl und die Sinne der Kinder beeindruckende Gestaltung finden im Leben des Landschulheims.“
Die Vorbereitung auf eine eventuelle Auswanderung ist primär an das Erlernen von Fremdsprachen gebunden, wobei Rosenthal davon ausgeht, dass nicht nur Palästina Auswanderungsziel werden kann. Neben Neu-Hebräisch, verbunden mit Palästinakunde, offeriert er auch Englisch und Französisch, „sowie die Belehrung über die Lage der Juden in den verschiedenen Ländern der Welt“.
Nach Rosenthals Auffassung bietet das Landschulheim auch für die Vorbereitung auf die berufliche Umschichtung gute Voraussetzungen, und das in zweifacher Hinsicht. Zum einen würden Werkstätten, Gärtnereien etc. bestehen, die für einen Werk-, Gartenbau- oder Hauswirtschaftsunterricht notwendig wären, zum anderen böte die Versorgung das Landschulheims mit seinen etwa siebzig Personen auch hinreichend Gelegenheit, das Erlernen praktischer Fertigkeiten unter realen Bedingungen zu Vollziehen. Allerdings unterstreicht Schachne, dass trotz günstiger Voraussetzungen die praktische Kurse nie zu befriedigenden Ergebnissen geführt hätten. „Wie weit dabei die Zusammensetzung der Schülerschaft oder die geringe Wertschätzung manueller Arbeit bei Kindern und Eltern eine hemmende Rolle spielte, läßt sich schwer ergründen.“Lucie Schachne: Erziehung zum geistigen Widerstand. S. 169.
Im Oktober 1933 ist sich Rosenthal aber noch sicher, dass „das jüdische Landschulheim in Herrlingen die Möglichkeit [bietet], eine innere Konsolidierung des deutschen Judentums vorzubereiten durch die Erziehung jüdischer Persönlichkeiten, die, fest im Judentum verwurzelt, sich doch die Aufgeschlossenheit unserer Umwelt gegenüber bewahren, die unser Leben als ›Juden im deutschen Raum‹ von uns fordert.“