mini|Köln, PolizeipräsidiumAmts- und Wohnsitz von Otto Bauknecht mini|Gedenktafel vor dem früheren Standort des Präsidiums Carl Otto Bauknecht (geboren 7. März 1876 in Stuttgart; gestorben 2. Juni 1961 in Bad Cannstatt) war ein deutscher Verwaltungsbeamter und von 1926 bis 1932 Polizeipräsident von Köln. Mit Bauknechts Abberufung in Köln endete dort die Politik der Eindämmung des „nationalen Lagers“. Sein konservativ-nationalerNicola Wenge: Integration und Ausgrenzung in der städtischen Gesellschaft. Eine jüdisch-nichtjüdische Beziehungsgeschichte Kölns 1918–1933, S. 419. Nachfolger, der Karrierebeamte Walther Lingens trug durch seine Neuausrichtung gegen die „politische Linke“ wesentlich zur reibungslosen Machtübernahme der Nationalsozialisten in Köln bei.Horst Matzerath: Köln in der Zeit des Nationalsozialismus 1933–1945. (Geschichte der Stadt Köln, 12), Greven Verlag Köln 2009, S. 54, 127.

Leben Herkunft und Werdegang bis 1918 Bauknecht war der Sohn des Schreiners Wilhelm Gottlieb Bauknecht und dessen Ehefrau Anna Barbara Bauknecht, geborene Keck. Nach einer vierjährigen Lehrzeit im lithographischen Gewerbe war er für ein Jahr in der Schweiz und ein weiteres in PlunnbergOrtsangabe entsprechend dem Reichshandbuch. tätig, bevor er seinen Wehrdienst im Grenadier-Regiment „Königin Olga“ ableistete. Später wurde er Gewerkschaftssekretär in Köln und dort 1907 Gauleiter im Verband der Lithographen, Steindrucker und verwandter Berufe in Köln (Graphisches Gewerbe). Bauknecht trat wohl bereits in jungen Jahren der SPD bei.

Von 1914 bis 1918 nahm Otto Bauknecht am Ersten Weltkrieg teil. Ab Juni 1915 gehörte er den deutschen Einheiten an, die in Russland kämpften und rückte mit diesen bis zur Beresina vor. Von Juni 1916 bis Kriegsende stand er an der Westfront in dort aktiven Regimentern.

1918 bis 1926 Im Verlauf der Novemberrevolution gehörte er im November und Dezember 1918, wie die späteren Kölner Polizeipräsidenten Paul Runge und Karl Zörgiebel, dem Kölner Arbeiter- und Soldatenrat an.Harald Buhlan, Werner Jung (Hrsg.): Wessen Freund und wessen Helfer? Die Kölner Polizei im Nationalsozialismus Emons Verlag, Köln 2000, ISBN 3-89705-200-8, S. 69. Im darauffolgenden September 1919 erhielt Bauknecht seine Ernennung zum sozialpolitischen Referenten des Reichskommissars für die besetzten rheinischen Gebiete, dem vorherigen Kölner Regierungspräsidenten Karl von Starck und nach dessen Abschied 1921 von dessen Nachfolger, Fürst Paul Hermann von Hatzfeld-Wildenburg, mit Dienstsitz in Koblenz. Noch bevor das Reichskommissariat seine Arbeit im April 1923 in der bis dahin bestehenden Form beendete,Horst Romeyk: Verwaltungs- und Behördengeschichte der Rheinprovinz 1914–1945 (= Publikationen der Gesellschaft für rheinische Geschichtskunde. LXIII), Droste Verlag, Düsseldorf 1985, ISBN 3-7700-7552-8, S. 114 f. wechselte Bauknecht zum 1. Februar 1923 als Referent in das preußische Innenministerium (Berufung 1. Dezember 1922), wo er dann zum 1. März 1923 die Ernennung zum Ministerialrat erhielt. Von 1921 bis 1924 gehörte er dem Provinziallandtag der Rheinprovinz für die SPD an.Abgeordnetenliste.

Der preußische Innenminister Carl Severing hatte am 15. Juli 1922 ein Verfahren zur Wiederbesetzung der abberufenen Regierungspräsidenten von Koblenz (Albert Heinrich von Gröning) und Aachen eingeleitet. Severing schlug zur Besetzung der Koblenzer Stelle Bauknecht vor, womit ein zweiter Sozialdemokrat als Regierungspräsident in der Rheinprovinz eingesetzt würde. Hiergegen gab es jedoch massiven Widerstand aus dem Zentrum, der Deutschen Volkspartei und dem Rheinischen Bauernverein. Die Krise löste sich erst am 1. November 1922 mit dem nunmehrigen Vorschlag, den Oberpräsidialrat Paul Brandt vom Oberpräsidium der Rheinprovinz in Koblenz an die Spitze des dortigen Regierungspräsidiums zu befördern.Horst Romeyk: Verwaltungs- und Behördengeschichte der Rheinprovinz 1914–1945 (= Publikationen der Gesellschaft für rheinische Geschichtskunde. LXIII), Droste Verlag, Düsseldorf 1985, ISBN 3-7700-7552-8, S. 202–204.

Polizeipräsident in Köln Am 15. Oktober 1926 trat Otto Bauknecht die Nachfolge von Karl Zörgiebel als Polizeipräsident in Köln an. Wie seine Vorgänger Runge und Zörgiebel war auch Bauknecht Sozialdemokrat, womit aber nur das Präsidium unter sozialdemokratischer Führung stand. Einen Rückschluss auf eine sozialdemokratisch oder republikanisch gesinnte Polizei lässt diese Kontinuität nicht zu. In der Praxis waren die wiederzubesetzenden Leitungsstellen bereits kurz nach dem Ersten Weltkrieg wieder bevorzugt mit früheren Heeres- und Freikorpsoffizieren besetzt. Die kaisertreuen Beamten hatten weiterhin das Sagen. Die Situation im Reich wird auch in Köln grundlegend gegolten haben.Werner Jung: Ein gleitender Übergang. Die Kölner Polizeiführung zwischen Preußenschlag und Machtergreifung. S. 64–144, hier S. 69 f.

Die Kölner Polizeiverwaltung entwickelte sich bis zur Mitte der 1920er Jahre zu einer in ihrer Organisation fortschrittlichsten in Preußen und im gesamten Reich. Im Unterschied zu den meisten Städten der Rheinprovinz unterstand die Polizei in Köln seit Anfang des 20. Jahrhunderts nicht mehr der Kommune, sondern dem preußischen Staat, was sich unmittelbar positiv auf deren Ausstattung auswirkte. Seit den 1920er Jahren verfügte sie zudem über eine differenzierte innere Organisation, die sowohl eine Landeskriminalpolizeistelle umfasste als auch eine selbständige Mordkommission. Der Polizeipräsident war in diesem Zusammenhang daran interessiert, die politisch relevanten Stellen mit loyalen und demokratischen Kräften zu besetzen, was in besonderer Weise für den Staatsschutz galt. Der politischen Polizei gelang es in Köln dabei, bis in die obersten Führungsebenen von NSDAP und KPD Gewährsmänner zu installieren, die sie jederzeit und detailliert über Gespräche auf allen Ebenen in Kenntnis setzte.Werner Jung: Ein gleitender Übergang. Die Kölner Polizeiführung zwischen Preußenschlag und Machtergreifung. S. 64–144, hier S. 71.

Nach Berichten des Regierungspräsidenten in Köln an das Oberpräsidium der Rheinprovinz in Koblenz „war Bauknecht genau über die meisten Interna des Apparates der KPD-Mittelrhein unterrichtet“. Er hatte zumindest im Zeitraum von 1927 bis 1929 über einen Funktionär in „leitender Stellung“ Zugriff auf vertrauliche Informationen. Nach Günter Bers müsste diese Person, deren Identität nicht öffentlich wurde, Mitglied der Bezirksleitung gewesen sein, vermutlich zugleich Kölner Stadtverordneter oder zumindest Bürger. Seitens des Oberpräsidiums wurden Bauknecht mehrfach (vermutlich regelmäßig halbjährlich) persönlich Geldbeträge von je 1500,-- Reichsmark übergeben. Einem Begleitschreiben zu der Anweisung von Oktober 1927 steht hierzu: „Hiernach sind … aus den überwiesenen Mitteln alle Ausgaben für Übermittlung von geheimen Nachrichten landespolitischer Natur einschließlich der Anwerbung und Abfindung von Vertrauenspersonen zu bestreiten.“ Nach der Aktenlage ist nicht belegt, ob auch der KPD-Funktionär Empfänger zumindest eines Teilbetrages dieser Beträge war. Die jüngeren, noch in Köln befindlichen Akten des Kölner Polizeipräsidiums, gerieten 1944 als Folge der Luftangriffe in Verlust.Günter Bers: Eine Regionalgliederung der KPD. Der Bezirk Mittelrhein und seine Parteitage in den Jahren 1927/1929 Einhorn Presse Verlag, Reinbek 1981, ISBN 3-88756-021-3, S. 47 und S. 56 Anm. 6–11 a.

Vor den Reichstagswahlen im September 1930 erreichte der auf der Straße ausgetragene Wahlkampf eine zuvor nicht gekannte Intensität. Otto Bauknecht verfasste hierzu einen Geheimbericht an den Kölner Regierungspräsidenten.

Die Kölner Polizei unter der Führung von Otto Bauknecht erreichte zumindest temporär, die örtlichen Nationalsozialisten stärker zu behindern. Bauknecht leitete die Dienststelle während der wesentlichen Jahre des Aufstiegs der NSDAP zu einer Massenbewegung. Sie erhoben den Vorwurf, die Polizei sei auf dem linken (KPD) Auge blind und ihnen gegenüber besonders wachsam. So wurde behauptet, dass „der marxistische Polizeipräsident Bauknecht ... fachlich wie moralisch der für sein Amt ungeeignetste, den es in Köln überhaupt zu finden gab“ sei. Der Hass der Nationalsozialisten gegen die von ihnen sogenannte „Bauknechtpolizei“ und das „System Bauknecht“ ging so weit, dass selbst höchste Repräsentanten tätlichen Angriffen ausgesetzt waren.Werner Jung: Ein gleitender Übergang. Die Kölner Polizeiführung zwischen Preußenschlag und Machtergreifung. S. 64–144, hier S. 72 f. und Bild S. 73 Abb. 7.

Auseinandersetzung mit Robert Ley mini|Robert Ley im Jahre 1933

Wenige Monate nach Dienstantritt Bauknechts in Köln begann dessen Auseinandersetzung mit Robert Ley. Letztlich auslösend war möglicherweise der Verlauf einer Veranstaltung in einem Hotel in Nastätten am 6. März 1927 unter dem Titel „Das wahre Gesicht des Nationalsozialismus oder die Gefahr der völkischen Bewegung“. Ley organisierte, nachdem er von dem Tenor des Vortrags Kenntnis erlangt hatte, SA- und SS-Einheiten aus Köln und der Region (Wiesbaden und Koblenz) zu einer gemeinsamen Aktionsfahrt nach Nastätten, um dort eine eigene Veranstaltung aufzuziehen. Gegen 16:00 Uhr trafen 125 Nationalsozialisten in Nastätten ein, nachdem die angemeldete Veranstaltung bereits zu Ende war. Ley hielt, da die zunächst aufgesuchten Räumlichkeiten zu eng zu werden drohten, eine Rede auf dem Marktplatz, während seine angereisten Anhänger Parolen grölend und Flugblätter verteilend durch den Ort zogen. Während eines hieraus entstehenden Handgemenges fiel durch einen bedrängten Gendarmen ein Schuss. Der Ley-Sympathisant Wilhelm Wilhelmi starb sofort. Zu ihrer eigenen Sicherheit flohen die Gendarmen daraufhin in das Hotel, während Ley seine Männer wieder antreten ließ und unter Kontrolle brachte. Bei dem Versuch, im weiteren Verlauf des Nachmittags bei Lahnstein den Rhein zu queren, erfolgte die Festnahme der Gruppe um Ley durch verstärkte Polizeieinheiten.Ronald Smelser: Hitlers Mann an der „Arbeitsfront“. Robert Ley. Eine Biographie, Ferdinand Schöningh, Paderborn 1989, ISBN 3-506-77481-6, S. 55 f.

Folge der Nastättener Aktion war die Auflösung der größeren NSDAP-Ortsgruppen in Köln und Wiesbaden sowie mehrerer kleinerer, wie Leys eigener in Wiesdorf, durch die Zivilbehörden sowie das zeitweise ausgesprochene Verbot des Westdeutschen Beobachters. Die Ortsgruppe Köln blieb für mehr als ein Jahr verboten.Ronald Smelser: Hitlers Mann an der „Arbeitsfront“. Robert Ley. Eine Biographie, Ferdinand Schöningh, Paderborn 1989, ISBN 3-506-77481-6, S. 56.

Ley begann hiernach einen Rachefeldzug gegen Bauknecht, der jenem zwischen Goebbels und dem stellvertretenden Berliner Polizeipräsidenten Weiß an Intensität nicht unähnlich war. In einem Beschwerdebrief vom 8. April 1927 warf Ley Bauknecht vor, die bürgerlichen Rechte der Nationalsozialisten zu missachten und die Fundamente des zu schützenden Staates auszuhöhlen, „mit einer Energie und einem rücksichtslosen Zielbewußtsein, die selbst Metternische Methoden und Polizeimittel in den Schatten stellten.“ Leys Brief endete mit der Ankündigung: „Sie dürfen versichert sein, daß der Kampf um das Dritte Reich fortschreitet, ohne über polizeiliche Verfügungen zu stolpern.“ Fortan war die „Bauknechtpolizei“ ein vom Westdeutschen Beobachter bevorzugt angegriffenes Objekt.Ronald Smelser: Hitlers Mann an der „Arbeitsfront“. Robert Ley. Eine Biographie, Ferdinand Schöningh, Paderborn 1989, ISBN 3-506-77481-6, S. 57.

Das von Bauknecht nach den Vorkommnissen in Nastätten verhängte Verbot der Kölner NSDAP-Ortsgruppe umging diese durch Neugründung in anderer Form. Otto Bauknecht schrieb daraufhin „zur Vermeidung von Zweifeln“ an Robert Ley, dass er dieses Manöver durchschaue. Ley antwortete am 6. November 1927 in einem offenen Brief auf der Titelseite des ihm zugehörenden Westdeutschen Beobachters: