Christian Georg Alfred Klar (* 20. Mai 1952 in Freiburg im Breisgau) ist ein verurteilter deutscher linksextremistischer Terrorist, der bei der Roten Armee Fraktion (RAF) aktiv war. Er gilt als eine der Schlüsselfiguren der zweiten Generation. Zwischen 1977 und 1982 war er an mehreren Anschlägen und Überfällen beteiligt, wurde 1982 verhaftet und in zwei Gerichtsverfahren wegen gemeinschaftlich verübten, neunfachen Mordes zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt.

Klars später abgelehntes Gnadengesuch sorgte 2007 für eine öffentliche Diskussion. Er wurde am 19. Dezember 2008 vorzeitig entlassen, nachdem der Strafrest zur Bewährung ausgesetzt worden war.

Jugend Klar stammt aus dem Bildungsbürgertum;„Die alte RAF ist zu Ende gegangen“. Nach der Klar-Verhaftung: Die Fahnder fürchten eine neue Terroristen-Generation. In: Der Spiegel, 22. November 1982. seine Mutter war Gymnasiallehrerin für Physik und MathematikHeike Faller: Christa Klar, Mutter. In: Die Zeit, 11. Mai 2000. in Karlsbad, sein Vater Alfred war Vizepräsident des Oberschulamtes Karlsruhe. Er ist der zweitältesteTobias Wunschik: Baader-Meinhofs Kinder. Die zweite Generation der RAF. Westdeutscher Verlag, Opladen 1997, S. 203. von fünf Geschwistern, darunter eine Schwester.Stefan Amzoll: „Ich bin nicht bereit, die RAF als Kriminalfall zu besprechen“. Im Gespräch: Das ehemalige RAF-Mitglied Christian Klar. In: Der Freitag, 21. Dezember 2007. Klar besuchte das Hans-Thoma-Gymnasium Lörrach und wechselte auf das Eichendorff-Gymnasium Ettlingen, an dem er 1972 das Abitur ablegte. Kurzzeitig studierte er Geschichte und Philosophie an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Dort besuchte er u. a. ein Proseminar des Historikers Hartmut Soell. Hartmut Soell: Als junger Historiker an der Universität Heidelberg in der Zeit der Studentenbewegung, in: Eberhard Demm/Jaroslav Sucholpes (Hrsg.) Akademische Lebenswelten – Habitus und Sozialprofil von Gelehrten im 19. und 20. Jahrhundert, Frankfurt 2011, S. 177-188. hier, S. 185. Über sein Studium reflektierte er später: „Ich bin ein paar Mal hingegangen, habe auch die Bibliothek benutzt, war aber desillusioniert von Nährwert und Zurichtung sozusagen.“ Zeitweilig war er Mitglied der FDP und der Jungdemokraten.Von Inge Meysel bis Christian Klar. In: Die Tageszeitung, 22. März 2005. 1973 verweigerte er den Wehrdienst mit der Begründung, er habe eine „zutiefst lebensbejahende Haltung“, wodurch ihn nichts veranlassen könne, „einen Menschen zu verletzen oder zu töten“.Willi Winkler: Ein Kriegsdienstverweigerer, der zum Krieger wurde. In: Süddeutsche Zeitung, 28. Mai 2007.Ein Kriegsdienstverweigerer, der zum Krieger wurde, Willi Winkler, SZ, 05/2010. Abgerufen am 7. Oktober 2024, 12:05 MESZ

RAF-Aktivitäten und Verhaftung 1973 zog Christian Klar zusammen mit seiner Freundin Adelheid Schulz und Günter Sonnenberg in eine Wohngemeinschaft nach Karlsruhe, später zog auch Knut Folkerts dort ein. Am 30. Oktober 1974 nahm er, um gegen die Haftbedingungen gefangener RAF-Mitglieder zu protestieren, an der Besetzung des Hamburger Büros von Amnesty International durch das dortige Komitee gegen Folter teil, einem „Talentschuppen“ der RAF.Butz Peters: Tödlicher Irrtum. Die Geschichte der RAF. Argon, Berlin 2004, S. 315 und S. 381 f. Von den beteiligten 32 Personen ging eine Reihe in den Untergrund und schloss sich der zweiten Generation der RAF an, darunter auch Klar, der spätestens im Herbst 1976 Mitglied wurde.Tobias Wunschik: Baader-Meinhofs Kinder. Die zweite Generation der RAF. Westdeutscher Verlag, Opladen 1997, S. 203. Willi Winkler spricht davon, dass sich Klar „bald“ nach dem Oktober 1974 der RAF angeschlossen habe; ders.: Ein Kriegsdienstverweigerer, der zum Krieger wurde. In: Süddeutsche Zeitung, 28. Mai 2007. Die erste nachweisbare Verbindung Klars zur RAF waren vier Waffen, die er gemeinsam mit Siegfried Haag und Roland Mayer am 27. Oktober 1976 im Aostatal beschaffteWolfgang Kraushaar: Die blinden Flecken der RAF. Klett-Cotta, Stuttgart 2017, ISBN 978-3-608-98140-7, S. 203. und von denen eine später bei der Schleyer-Entführung benutzt wurde. Er gilt neben Brigitte Mohnhaupt und Peter-Jürgen Boock als eine der „Schlüsselfiguren“ der zweiten RAF-Generation;Butz Peters: Tödlicher Irrtum. Die Geschichte der RAF. Argon, Berlin 2004, S. 33. laut Stefan Aust bildete Klar ab 1979 mit Mohnhaupt die „Doppelspitze“ der RAF.Stefan Aust: Der Baader-Meinhof-Komplex. Hoffmann und Campe, Neuausgabe Hamburg 2008, ISBN 978-3-455-50029-5, S. 874. Für Butz Peters war Klar ein „eiskalter Macher“: „Immer die nächste ‚Aktion‘ im Sinn.“Butz Peters: Tödlicher Irrtum. Die Geschichte der RAF. Argon, Berlin 2004, S. 488 f., Zitat S. 489. Der Historiker Tobias Wunschik bezeichnet Klar als „Macher“ mit Schwächen in der Ausführung; sein „wenig ausgeprägter ideologischer Hintergrund“ sei mit dafür verantwortlich, dass er nur in Abwesenheit Mohnhaupts in der Gruppenhierarchie herausragte.Tobias Wunschik: Baader-Meinhofs Kinder. Die zweite Generation der RAF. Westdeutscher Verlag, Opladen 1997, S. 372. Ähnlich Butz Peters: Tödlicher Irrtum. Die Geschichte der RAF. Argon, Berlin 2004, S. 481 f. für die Zeit ab Sommer 1978.

Am 5. Januar 1977 wurden er und Günter Sonnenberg beim Überschreiten der Grenze zur Schweiz bei Riehen kontrolliert. Darauf kam es zu einer Schießerei, bei der ein Grenzwächter schwer verletzt wurde. Den beiden Männern gelang darauf die Flucht.Isabel Koellreuter: RAF in Riehen. In: Gemeinde Lexikon Riehen. Wenige Stunden nach der Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback benannten die Ermittler Klar am 7. April 1977 als mutmaßlichen Mittäter; kurz darauf wurde öffentlich nach ihm gefahndet.Sven Felix Kellerhoff: Christian Klar: Bundestagsausweis für einen uneinsichtigen Mörder? In: Die Welt, 19. Februar 2016; Tagesschau vom 9. April 1977 (YouTube). Im Jahr 1977 ging es der RAF-Führung laut Klar darum, „den revolutionären Prozess in Gang zu setzen“ (Offensive 77); nach dem Deutschen Herbst und der Todesnacht von Stammheim wurde die Strategie geändert hin zu einer Integration „militärischer“ mit politischen Kämpfen, die durch die Verhaftung und Tode der meisten Mitglieder der zweiten RAF-Generation in den nächsten Jahren nicht zur Ausführung kam.Erklärung Klars vom 4. Dezember 1984, zitiert nach Butz Peters: Tödlicher Irrtum. Die Geschichte der RAF. Argon, Berlin 2004, S. 735. Klar war an den meisten Anschlägen und Überfällen der RAF zwischen 1977 und 1982 beteiligt (zu Einzelheiten siehe das Gerichtsverfahren).Übersichten bei Majid Sattar: RAF-Terrorist Christian Klar: Neun Morde, elf Mordversuche. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24. April 2007; Restfreiheitsstrafe gegen Christian Klar zur Bewährung ausgesetzt. Pressemitteilung. In: OLG-Stuttgart.de, 24. November 2008. Seine Tatbeiträge sind vor allem deshalb weitgehend geklärt, weil er eine Reihe von Fingerabdrücken hinterließ und einige RAF-Aussteiger in der DDR nach ihrer Enttarnung 1990 umfassende Aussagen machten. Nach einer Tuberkulose-Erkrankung 1979 erholte sich Klar im Südjemen und in der DDR.Willi Winkler: Ein Kriegsdienstverweigerer, der zum Krieger wurde. In: Süddeutsche Zeitung, 28. Mai 2007. Zusammen mit Wolfgang Beer handelte Klar die von Inge Viett angebahnte Aufnahme von RAF-Aussteigern in der DDR im Juli 1980 mit einem MfS-Offizier in Königs Wusterhausen aus.Butz Peters: Tödlicher Irrtum. Die Geschichte der RAF. Argon, Berlin 2004, S. 553. Den Ausstieg des „Nachzüglers“ Henning Beer im April 1982 organisierte Klar von Beginn an mit, siehe ebda., S. 563. In mehrwöchigen DDR-Aufenthalten wurde Klar Anfang der 1980er Jahre mit anderen RAF-Mitgliedern militärisch geschult, unter anderem durch Schießübungen, in Sprengstofftechnik und in der Bedienung der Panzerfaust RPG-7.Jan-Hendrik Schulz: Die Beziehungen zwischen der Roten Armee Fraktion (RAF) und dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) in der DDR. In: Zeitgeschichte Online, Mai 2007; ausführlich Butz Peters: Tödlicher Irrtum. Die Geschichte der RAF. Argon, Berlin 2004, S. 578–581 und S. 588–591.

Nach mehreren erfolglosen Festnahmeversuchen verhaftete die Polizei Klar am 16. November 1982 bei Friedrichsruh im Sachsenwald bei Hamburg, wo sich ein Waffendepot der RAF (Codename „Daphne“) befand. Am 18. November 1982 wurde der Zugriff mit Ortsskizze auf der Schleswig-Holsteinischen Landespressekonferenz präsentiert.Getty Images: Photo mit Ortsskizze, Schleswig-Holsteinische Landespressekonferenz, am 18. November 1982. https://www.gettyimages.ae/detail/news-photo/auf-der-schleswig-holsteinischen-landespressekonferenz-in-news-photo/1213379738Die Geschichte der RAF (5/6) Die zweite Generation und die Stasi https://www.youtube.com/watch?v=em0iQ4coRng&t=1852 Das BKA hatte, nachdem im Oktober 1982 Brigitte Mohnhaupt und Adelheid Schulz an einem RAF-Erddepot bei Frankfurt am Main festgenommen worden waren, öffentlich erklärt, Hinweise lediglich auf RAF-Erdverstecke im Raum Rhein-Main-Neckar zu haben, um den Eindruck zu erwecken, das Depot bei Hamburg sei unbekannt.Klaus Pflieger: Gegen den Terror – Erinnerungen eines Staatsanwalts. Verrai, Stuttgart 2016, ISBN 978-3-9818041-4-0, S. 128 f. Klar war der „letzte Kopf“ (so Butz Peters) der 38 RAF-Angehörigen der zweiten Generation, der in Haft kam.Butz Peters: Tödlicher Irrtum. Die Geschichte der RAF. Argon, Berlin 2004, S. 534. Der frühere Leiter des Bundeskriminalamts Horst Herold gab daraufhin die Einschätzung ab, „die alte RAF“ sei mit Klars Festnahme „zu Ende gegangen“.

Gerichtsverfahren Die Hauptverhandlung gegen Klar beim Staatsschutzsenat des Oberlandesgerichts Stuttgart – angeklagt gemeinsam mit Brigitte Mohnhaupt – begann im Februar 1984.Butz Peters: Tödlicher Irrtum. Die Geschichte der RAF. Argon, Berlin 2004, S. 623. Der Antrag der Verteidigung vom 13. Dezember 1984, das Verfahren aus rechtlichen Gründen einzustellen, war erfolglos. Auf das Vorbringen, die Angeklagten unterlägen als Kombattanten sowohl dem völkerrechtlichen Kombattantenprivileg als auch strafrechtlicher Immunität, ging das Gericht nicht ein und beschloss, die Hauptverhandlung fortzusetzen.Dokumentation zum Verfahren gegen Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar vor dem OLG Stuttgart: Einstellungsantrag der Verteidigung – 13. Dezember 1984. Social History Portal, S. 47. Abgerufen am 21. Juni 2022. Der Senat kam in seinem Urteil vom 2. April 1985OLG Stuttgart, Urteil vom 2. April 1985, 5 – 1 StE 1/83 zu der Überzeugung, dass Klar die folgenden Taten in Mittäterschaft begangen hatte: 5. Januar 1977 – Versuchter Mord an einem schweizerischen Grenzbeamten in Riehen und einem Autofahrer, dessen Fahrzeug er raubte 7. April 1977 – Mord an Generalbundesanwalt Siegfried Buback, seinem Fahrer und dem Leiter der Fahrbereitschaft der Bundesanwaltschaft, der sich zufällig ebenfalls im Auto befand 30. Juli 1977 – Mord an Jürgen Ponto, Vorstandssprecher der Dresdner Bank 25. August 1977 – Versuchter Raketenanschlag auf das Gebäude der Bundesanwaltschaft 5. September 1977 – Entführung von Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer, Ermordung seines Fahrers und seiner drei Leibwächter 18. Oktober 1977 – Ermordung Hanns Martin Schleyers 15. September 1981 – Anschlag mit einer Panzerfaust auf den Oberkommandierenden der US-Streitkräfte in Europa, Frederick J. Kroesen, seine Frau, seinen Fahrer und einen Begleiter