mini|Dies ist eine vereinfachte Darstellung eines nuklearen Schlagabtauschs. Kriegspartei A führt einen Erstschlag gegen B aus. Die Gegenseite liefert unter der Annahme einer hohen Reaktionszeit und Überlebensrate einen alles vernichtenden Gegenschlag. Es kommt zu einer garantierten gegenseitigen Zerstörung. (1955)Eine Nuklearstrategie oder nukleare Verteidigung oder nukleare Abschreckung ist ein militärisch-strategisches Konzept bzw. eine Militärstrategie, die den angedrohten oder tatsächlichen Einsatz von Kernwaffen zu sicherheitspolitischen Zwecken beschreibt. Nuklearstrategien existieren seit Beginn des Atomzeitalters, genauer gesagt seit der militärischen Nutzung der Kernenergie.
Die nuklearen Strategien unterscheiden sich daher von den konventionellen. Diese Konzepte waren in den USA zunächst auch bekannt als Kriegspläne. Neben der konventionellen, taktischen oder Gefechtsfeld-Abschreckung gibt es die strategische Abschreckung (z. B. nukleare Abschreckung). Dabei stärkt jede Stufe die vorherige.
Staaten, die Kernwaffen besitzen (viz. Atommächte), erarbeiten Nuklearstrategien und halten sie seit dem Kalten Krieg (ab 1947) bis ins 21. Jahrhundert auf dem neuesten Stand. Die theoretische Planung wird in der Regel von speziellen militärischen Einheiten durchgeführt. Eine integrierte Struktur gewährleistet den Betrieb der Waffensysteme bzw. der offensiven Atomstreitkräfte. Im Falle der USA erfolgt dies unter der Leitung der United States Strategic Command (USSTRATCOM).
Akademische Beiträge zur Strategie kommen auch von verteidigungsnahen Beratungsorganisationen, wie z. B. der RAND Corporation in den USA.
Einleitung Es gibt eine Vielzahl von Strategien, Konzepte und Theorien, die sich mit Nuklearwaffen bzw. der Politik von Nuklearwaffen befassen. Die ersten Veröffentlichungen und Diskussionen zu diesem Thema fanden Ende der 1950er und Anfang der 1960er Jahre statt. Die Entwicklung einer generellen Militärstrategie reicht jedoch noch weiter zurück. Die grundlegenden Ideen dazu stammen von Carl von Clausewitz, welcher Strategie klassisch definierte als „die Theorie des Einsatzes von Kämpfen für das Ziel des Krieges“. Genauer gesagt ist die Aussage von Clausewitz, „der Krieg sei die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“, im Falle von Atomwaffen bzw. einem Atomkrieg weit gefehlt. Ein solcher Krieg würde jegliche Politik beenden und die vollständige Vernichtung bedeuten, wie der Militärhistoriker Edgar McCloughry bereits 1957 bemerkte. Ein weiterer Stratege war der Brite B. H. Liddell Hart, der in seinen Überlegungen zu diesem Kontext eine starke konventionelle Streitkraft gegenüber einer nuklearen Rüstung bevorzugte – auch für die NATO. Laut dem Militärexperten Michael Howard ist der Haken an der Sache nur, dass man im Kriegsfall mit „Feuerlöschern zwar Unfälle bekämpfen kann, aber es voreilig wäre, anzunehmen, dass Unfälle die einzigen Notfälle sind, auf die sich der Westen vorbereiten muss.“
Aufgrund ihres außergewöhnlich hohen Zerstörungspotenzials einer Kernwaffenexplosion nehmen Kernwaffen seit ihrem erstmaligen Einsatz am Ende des Zweiten Weltkrieges im Jahre 1945 eine moralische und sicherheitspolitische Sonderstellung als Massenvernichtungswaffe ein. Der ehemalige US-amerikanische Präsident Lyndon B. Johnson sagte bereits 1964, die Entscheidung des Einsatzes der Waffen „würde uns auf einen ungewissen Weg von Schlägen und Gegenschlägen führen, dessen Ausgang niemand kennen kann“. In einer gemeinsamen Erklärung aus dem Jahr 2022 bekräftigten die fünf Kernwaffenstaaten, „dass ein Atomkrieg nicht zu gewinnen ist und niemals geführt werden darf“. Die Waffen sollen „solange sie existieren – der Verteidigung, der Abschreckung und der Vorbeugung dienen“ und „die Verbreitung muss verhindert werden“.
Die NATO verfügt über eine eigene Nuklearstrategie als Teil des Strategischen Konzepts (darin die Abschreckung und Verteidigungshaltung), die in der Nuklearen Planungsgruppe (NPG) und weiteren Gremien erarbeitet wird. Genauer gesagt waren US-amerikanische strategische (später taktische) Atomwaffen seit 1949 Teil der NATO-Strategie (Strategiedokument: Military Committee 3 bzw. MC 3), mit der das Nordatlantische Bündnis absolut geschützt und der Warschauer Pakt abgeschreckt werden sollte. Nach Artikel V würden die NATO-Parteien davon ausgehen, „dass ein bewaffneter Angriff gegen einen oder mehrere von ihnen in Europa oder Nordamerika als ein Angriff gegen sie alle angesehen wird“. Im Falle eines solchen Angriffs würden die Vertragsmitglieder Maßnahmen ergreifen, „einschließlich der Anwendung von Waffengewalt, um die Sicherheit des nordatlantischen Raums wiederherzustellen und aufrechtzuerhalten“.
Nuklearstrategien der USA und NATO, wie die Massive Vergeltung (ab 1954) oder die Flexible Reaktion (ab 1968), waren daher neben dem damaligen Wettrüsten ein prägendes Merkmal des Kalten Krieges. Dabei spielt auch die nukleare Parität eine Rolle, d. h. eine Situation, in der die Nation, die zuerst zuschlägt, die nukleare Kapazität der anderen Nation nicht so auslöschen kann, dass sie keinen größeren Schlag erhält, als sie erhalten möchte. Ursprünglich wurde dieses Szenario bildlich mit zwei Skorpionen in einer Flasche verglichen: Die Ausführung eines vernichtenden Schlags ist unmöglich, ohne dass dabei die eigenen lebenswichtigen Teile einem gleich tödlichen Gegenstoß ausgesetzt werden.
Weil die beiden Konfliktparteien in dieser strategischen Auseinandersetzung über Kernwaffen verfügten und diese technisch aufrüsteten, stand die Nichtverwendung von Kernwaffen bei gleichzeitiger Wahrung sicherheitspolitischer Interessen im Mittelpunkt ihrer Nuklearstrategien. Auch die Abwehr eines Angriffs mit Nuklearwaffen durch Raketenabwehr stand im Fokus bzw. wurde berücksichtigt. Es wurde jedoch früh erkannt, dass ein Angriff mit Nuklearwaffen nur schwer oder gar nicht zu verteidigen ist. Speziell die MIRV-Technologie aus den 1970er Jahren macht die Verteidigung nahezu unmöglich.
Die Atommacht Frankreich ist seit 1966 kein Mitglied des NATO-Militärausschusses mehr, d. h., sie stellt ihr Atomarsenal, die „Force de dissuasion“, der NATO NPG nicht mehr zur Verfügung. Das Land bzw. Charles de Gaulle wollte eine unabhängige nukleare Abschreckung unter eigener Kontrolle. Im Jahr 2009 folgte jedoch ein Wiedereintritt in die integrierte Militärstruktur der NATO. Eine der Bedingungen war, dass die Atomstreitkräfte unabhängig und unter französischer Kontrolle bleiben.
Nach dem Ende des Kalten Krieges verloren manche Nuklearstrategien teilweise unmittelbar an Bedeutung. Die neuen Risiken in den 1990er Jahren waren zunächst unmittelbar mit der Nichtverbreitung von spaltbarem Material, Kernsprengköpfen, Kernwaffensystemen und dem Wissen dazu verbunden. Die Absicherung der genannten Gefahren fand u. a. durch Kooperation zwischen Russland und den USA statt. Die großen nuklearen Arsenale der ehemaligen Konfliktparteien Sowjetunion und USA wurden durch zahlreiche Abrüstungsverträge und Abkommen mittlerweile reduziert.
Neben der Strategieentwicklung wurde seit Jahrzehnten unter dem Aspekt der Rüstungskontrolle bzw. nukleare Abrüstung eine Erhöhung der Sicherheit und Stabilität durch den Abbau von Gefahrenpotenzialen angestrebt. Einige Beispiele waren der INF-Vertrag, SALT und Strategic Arms Reduction Treaty. Auch eine Vielzahl von Testmoratorien hatte das Wettrüsten und die Verbreitung von Waffen verhindert.
Nukleare Abschreckung Abschreckung umfasst die Gesamtheit der Überzeugungen, die ein potenzieller Gegner aufgrund seiner Werte und Einstellungen in Bezug auf die Kapazitäten sowie den Willen des Abschreckenden hegt. Abschreckung zielt darauf ab, potenzielle Konflikte zu vermeiden, indem die Kosten und Risiken für den Angreifer als zu hoch eingeschätzt werden. Ein Gegner soll davon abgehalten werden, in einer Krise eine Aggression in Betracht zu ziehen. Was die eigene Seite davon abhält, Gewalt anzuwenden, soll davon jedoch nicht betroffen sein.
Alle Strategien verfolgen mindestens die folgenden übergeordneten Ziele: Abschreckung der jeweils anderen Seite vor einem nuklearen Totalangriff; Abschreckung von kleineren Konflikten, die zu einem vollständigen nuklearen Schlagabtausch (viz. totalen Krieg bzw. Atomkrieg) eskalieren könnten. Die Nuklearstrategien verschiedener Staaten unterscheiden sich zwar grundsätzlich voneinander, es gibt jedoch gewisse Grundbausteine, die ihnen gemeinsam sind. Ein Grundbaustein ist beispielsweise die Massive Vergeltung, d. h., ob der Staat einen meist prompten Gegenschlag als Teil der Strategie sieht, um inakzeptablen Schaden zuzufügen. Ein Beispiel dafür ist Israels inoffizielle Samson-Option. Ein anderer Baustein ist die minimale (nukleare) Abschreckung, bei der der Aufbau umfangreicher Zweitschlagskapazitäten vermieden werden soll (oder nicht möglich ist). Ein Gegenschlag ist somit immer noch möglich, aber nur mit minimalen Mitteln, die im atomaren Fall bereits extrem sind und dadurch abschreckend wirken.
Die tatsächlichen Strategien oder Policen gehen jedoch weit über diese vereinfachte Darstellung hinaus, da sie viele weitere Aspekte berücksichtigen.
Grundsätzlich beeinflussen die Außen-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik eines Landes im Besitz von einem Atomwaffenarsenal dessen Nuklearstrategie. Beispiele hierfür sind die Reagan- oder die Bush-Doktrin. Im erweiterten Kontext wird in diesem Zusammenhang auch umgangssprachlich von einer Nuklearpolitik oder nuklearen Ordnung gesprochen. Es ist jedoch zu unterscheiden zwischen den Dynamiken und Debatten der Politik einerseits und den nuklearen Policies andererseits, welche bestimmte Rahmenbedingungen und Inhalte definieren.
Eine nukleare Abschreckung wird technologisch durch offensive, sich ergänzende Waffensysteme aufrechterhalten, um im Falle eines Angriffs (Erstschlag) einen alles vernichtenden Zweitschlag gewährleisten zu können. Wenn drei verschiedene Waffenträgersysteme Kernsprengköpfe zum Ziel transportieren können, wird dies als „Triade“ bezeichnet.
Militärs haben ihre Strategien stets fortgeschrieben bzw. angepasst. Heute sind sie zusammen mit komplexen Kommando-, Kontroll- und Informationsinfrastrukturen [] integriert. Sie werden durch Ziel- und Operationspläne konkretisiert. Zusätzlich finden Übungen statt, z. B. das NATO-Manöver Steadfast Noon. Weitere Demonstrationen der Fähigkeiten bzw. eine mediale Form der Abschreckung, sind Raketentests oder die Präsentation von Kernwaffensystemen auf Militärparaden.
Die nachfolgend beschriebenen Strategien behalten trotz der erwähnten Veränderungen seit dem Kalten Krieg teilweise ihre Gültigkeit, wobei alte Strategien durch neue ersetzt wurden. Die tatsächlichen Nuklearstrategien der Militärs sind stets Verschlusssache. Außerdem unterscheiden sich die Strategien aufgrund ihrer historischen, politischen, geografischen, militärischen usw. Bedingungen.
Die akademische oder militärische Forschung versucht, diese Strategien vor dem Hintergrund der globalen Sicherheitslage zu interpretieren und weiterzuentwickeln.
Nuklearstrategien der USA und NATO
Kalter Krieg