Mano. Der Junge, der nicht wusste, wo er war ist ein Jugendbuch von Anja Tuckermann, das auf Tatsachen basiert. Es erzählt vom Schicksal des Sintojungen Mano, der mehrere Konzentrationslager und einen Todesmarsch überlebt hat und am Ende des Zweiten Weltkrieges zufällig nach Frankreich geraten ist. Die Erstausgabe erschien 2005 im Carl Hanser Verlag.
Inhalt Der etwa elfjährige Mano und sechs andere Jungen haben einen Todesmarsch überlebt. Mit anderen Kindern nachts zwischen Stacheldrahtzäunen eingesperrt, haben sie sich im April 1945 unter diesen Zäunen durchgegraben, aber es sind nicht alle durch den von ihnen gegrabenen Tunnel entflohen. Die es geschafft haben, sind so den SS-Männern entkommen, die sie bewacht haben. Sie treffen auf russische Panzersoldaten, die in das besiegte Deutschland einmarschieren, und stellen fest, dass sie weder von diesen noch von den Deutschen etwas zu befürchten haben. So beschließen sie, sich in Richtung ihrer Heimat aufzumachen.
Mano gehört der Familie Höllenreiner an, die ihren Wohnsitz in München-Giesing hat. Die Männer in der Familie haben vor der Deportation 1943 meist als Schausteller oder Pferdehändler gearbeitet, so auch der Vater von Manos Cousin Manfred, der ebenfalls zu der Kindergruppe gehört. Manfred ist geschwächt durch die Zwangssterilisation, die Joseph Mengele an ihm vorgenommen hat. Doch im Gegensatz zu ihm hat Mano, der außerdem unter Hungerödemen und Beinverletzungen leidet, das Fahrradfahren nie richtig gelernt. Auf gestohlenen Fahrrädern bewegen sich Manfred und die übrigen Jungen Richtung Süden. Mano, der zu Fuß kaum folgen kann, wird schließlich von einem Fuhrwerk mitgenommen, auf dem französische KZ-Überlebende in ihre Heimat zu gelangen versuchen. Er ist offenbar dermaßen geschwächt, dass er gar nicht mitbekommt, dass seine Begleiter auf ihren Fahrrädern dem Fahrzeug irgendwann nicht mehr folgen können. Sie werden später zu Hause in München erzählen, dass Mano möglicherweise nach Frankreich geraten ist.
Eine Frau namens Élise nimmt sich seiner an; auch ein Mann kümmert sich um ihn. Als die beiden erfahren, dass Mano ein Deutscher ist, warnen sie ihn eindringlich davor, dies je wissen zu lassen. Er soll jetzt als französischer Jude gelten. Eine Fotografie seines Vaters in Wehrmachtsuniform, die Mano von diesem noch im KZ Sachsenhausen erhalten hat und die ihn in Deutschland schützen sollte, wird unter den Franzosen zur Gefahr. Der Mann auf dem Wagen zerreißt sie.
Tuckermann flicht, in abgesetzter Typographie, immer wieder Kommentare des Jungen zum Geschehen in ihren erzählenden Text ein. „jetzt [sic!] ist von meinem Tata nichts mehr übrig“,Anja Tuckermann, Mano. Der Junge, der nicht wusste, wo er war, München 2008, ISBN 978-3-446-23099-6, S. 13. Im Folgenden wird das Buch als Mano zitiert. ist Manos Reaktion auf die Zerstörung des Bildes. Immer noch in der Obhut seiner Begleiterin Élise Carrée, die aus dem KZ Neustadt-Glewe befreit worden ist, wird er im Stalag VI B in Versen registriert, wo er nichts als seinen Namen Mano angibt und vorgibt, sich an nichts sonst erinnern zu können, und wird per Flugzeug und Zug nach Frankreich transportiert. In einer Empfangsstation außerhalb von Paris trennen sich ihre Wege. Élise Carrée hat bei der Registrierung angegeben, der Junge stamme wahrscheinlich aus der Gegend von Marseille und sie meine, ihn von früher her zu kennen. Mit ihr weiterfahren kann er aber nicht. So nimmt schließlich Madame Joséphine Fouquet, die in der Station arbeitet, ihn mit zu sich nach Hause. Sie kann sich mit ihm auf Deutsch verständigen, da sie ursprünglich aus Ingersheim im Elsass stammt.
Mano bleibt zunächst bei der Familie Fouquet, die in einer Zweizimmerwohnung in der Rue du Pré St. Gervais 35 in Pantin wohnt. Joséphine Fouquet, meist Fifine genannt, hat mit ihrem Mann Félix einen Sohn namens Paul, der einige Jahre älter ist als Mano und an den dieser sich in den nachfolgenden Wochen schnell anschließt. Zunächst muss das nahezu verhungerte und völlig verwahrloste Kind jedoch versorgt und aufgepäppelt werden. Die Fouquets, die während des Krieges in der Résistance tätig waren, haben damit bereits Erfahrung, da Fifines Neffe André bereits aus Buchenwald zurückgekommen ist. Beim Baden entdecken sie die Tätowierung „Z 3526“ auf Manos Arm und erfahren, dass er in den Konzentrationslagern Auschwitz, Ravensbrück und Sachsenhausen interniert war. Mano ist nicht nur körperlich in miserablem Zustand, sondern darüber hinaus auch schwer traumatisiert.
Mano wird schnell in die Familie Fouquet integriert, beginnt französisch zu sprechen und verbirgt nach wie vor seine Vergangenheit, aus Angst, auch diese Zuflucht noch zu verlieren, und in der Vorstellung, dass von seinen Anverwandten keiner mehr lebt. Die Versorgung des Kindes ist für Familie Fouquet schwierig. Mano wird zwar als Rückkehrer registriert und erhält eine Empfangsprämie, jedoch keine weitere Entschädigung, da er in keine der vorgesehenen Kategorien passt. Schließlich sucht Fifine Unterstützung beim Hilfsdienst für Deportierte in Paris. Madame Madeleine Marcheix-Thoumyre organisiert Manos Aufnahme in einem Ferienlager auf dem Land, in der Nähe von Cernay-la-Ville. Mano, der mit Pferden und anderen Tieren aufgewachsen ist, verspürt zwar eine gewisse Erleichterung, wenn er z. B. im Garten einer Amsel seine Befürchtungen anvertraut, dass er keine Familie mehr hat, verhält sich aber gegenüber den anderen Kindern extrem aggressiv, insbesondere, wenn sie ihn als Deutschen beschimpfen. Auch fällt den Betreuern auf, dass er sich nicht traut, nachts auf die Toilette zu gehen, weil seit seiner Lagerzeit die Angst vor einem draußen stehenden SS-Mann in ihn eingebrannt ist.
Als er im August 1945 von Madame Marcheix-Thoumyre wieder abgeholt wird, vertraut er ihr immerhin an, dass er sich erinnere, eine Schwester namens Lili gehabt zu haben. Doch über seine Eltern und seine Herkunft aus Deutschland äußert er sich weiterhin nicht. Madame Fouquet gibt ihn, da sie arbeiten muss, stundenweise in einen Kinderhort, wo es wieder Probleme mit den anderen Kindern gibt. Mano pflegt auch dann noch auf Kinder, die ihn gehänselt haben, einzutreten, wenn diese schon wehrlos am Boden liegen. Schließlich muss der Versuch mit dem Hort aufgegeben werden und Mano wird stattdessen von Félix Fouquets Schwester Lucienne und deren Mann André Knepper betreut. Knepper bringt Mano das Briefmarkensammeln bei, damit der Junge eine Beschäftigung hat. Dabei stellt er fest, dass der Junge so gut wie gar nicht lesen kann.
Als Mano von Fifine Fouquet erfährt, dass diese, in der Zeit des Ersten Weltkriegs, auch fern ihrer Heimat und viele Jahre lang von ihrer Familie getrennt leben musste, ist er drauf und dran, über seine Herkunft zu sprechen. Doch die Angst, dann überhaupt niemanden mehr auf der Welt zu haben, lässt ihn dann doch weiter schweigen. Fifine Fouquet, die um seine Schulausbildung besorgt ist, wendet sich wieder an Madame Marcheix-Thoumyre, die vorschlägt, ihn vor dem Schulbesuch erst in einem Krankenhaus gründlich untersuchen zu lassen. Mano wird also – unter dem Namen André Manot – stationär in einer Einrichtung aufgenommen, in der er in tiefste Verzweiflung gerät: Wieder wird er, sowohl von den Mitpatienten als auch vom Personal, als Deutscher diskriminiert und misshandelt. Außerdem kann er vor Ekel nichts mehr essen, nachdem er festgestellt hat, dass sein Bettnachbar Fäkalien zu essen pflegt. Überdies wird er mit Elektroschocks behandelt, unter denen er sehr leidet. Nachdem er den Fouquets gegenüber, als diese ihn besuchten, geäußert hat, dass er in diesem Krankenhaus sicher über kurz oder lang sterben werde, bemühen sich diese zusammen mit Madame Marcheix-Thoumyre, eine Lösung zu finden. Dr. Heuyer, der behandelnde Arzt, ist vom Sinn seines Tuns fest überzeugt. Es muss erst eine medizinische Kapazität gefunden werden, von der er sich überzeugen lässt. Zum Glück gelingt dies dem Dr. Lallemant, und Mano kann zu den Fouquets zurückkehren. Doch immer noch steht die Frage im Raum, wo er denn endgültig bleiben soll. Lucienne und André Knepper spielen mit dem Gedanken, den Jungen zu adoptieren, doch man hofft ja noch, etwas über seine Vergangenheit zu erfahren.
Dr. Lallemant plädiert dafür, ihn erst einmal zur Erholung nach Saint-Maur-les-Fosses in das Sanatorium des Monsieur Maret zu schicken. Wieder gibt es dort Probleme mit den anderen Kindern, wieder fällt Manos Angst auf, nachts den Schlafsaal zu verlassen, um auf die Toilette zu gehen. Monsieur Maret erfährt schließlich von einigen Szenen auf dem Todesmarsch, die sich in Manos Gedächtnis eingebrannt haben, und ist entsetzt.
Unterdessen, im Oktober 1945, verschickt das Central Tracing Bureau der UNRRA eine erste Suchanfrage nach Mano, die von dessen Vater in München in die Wege geleitet wurde. Die Fouquets bereiten Mano inzwischen, als sie ihn im Sanatorium besuchen, darauf vor, dass Madame Marcheix-Thoumyre vielleicht wohlhabendere Adoptiveltern für ihn finden könnte als das Ehepaar Knepper. Um über seine Vergangenheit etwas in Erfahrung zu bringen, gibt Madame Marcheix-Thoumyre jetzt auch eine Suchmeldung im Radio durch.
Mano verbringt Weihnachten im Sanatorium, das allmählich nicht mehr so dicht belegt ist. Einige der Kinder können wieder mit ihren vermissten Eltern zusammengeführt werden, andere sollen adoptiert werden. Anfang 1946, mittlerweile sucht auch das Bayerische Rote Kreuz über das Radio nach Mano, kommt Madame Marcheix-Thoumyre mit einem wohlhabenden Ehepaar, das an einer Adoption interessiert ist, ins Sanatorium. Paulette und Pierre Chassagny entscheiden sich tatsächlich für Mano. Doch vorläufig übersiedelt der Junge erst zu Madame Marcheix-Thoumyre. Diese versucht, ihm etwas Erziehung angedeihen zu lassen, und stattet ihn mit neuen Kleidern aus. Sie nimmt ihn auch oft zu ihrer Arbeit beim Hilfsdienst für Verschleppte mit. Obwohl Mano dabei erfährt, dass man nur relativ wenige Informationen brauche, um mit einer Suche nach vermissten Personen zu beginnen, schweigt er weiterhin über seine Herkunft. In der Wohnung seiner Gastgeberin verkehren zahlreiche Bekannte, die während der Besatzungszeit in der Résistance waren und nun zum Teil prominent sind. Mano lernt unter anderem Charles de Gaulle und Lucie Aubrac kennen, die ihren Mann dreimal aus dem Gefängnis befreien konnte. Madame Marcheix-Thoumyre ihrerseits hat im Krieg Jacques Vendroux versteckt, der nun Abgeordneter im Parlament ist. Immer noch bemüht, etwas über Manos Vergangenheit in Erfahrung zu bringen, lässt sie den Jungen von Georges de Caunes beim Radiosender France Inter interviewen. Auch Paul Fouquet nimmt an diesem Gespräch teil.
Im Frühjahr wird Mano auf eine Kurzreise in die Nähe von Marseille mitgenommen. Dort erwähnt er sowohl Deutschland als auch München. Auf einer anderen Reise verrät er, dass er sich mit Pferden und anderen Tieren gut auskennt. Gleichzeitig mit diesen Erkenntnissen über seine Vergangenheit wird aber die Adoption durch die Chassagnys vorangetrieben. Da er den Berufswunsch Soldat oder Kapitän geäußert hat, will Pierre Chassagny ihn die Kadettenschule in Le Havre besuchen lassen. Zur Vorbereitung wird Mano um Ostern 1946 dort bei dem kinderlosen Ehepaar Odile und Auguste Chevrier in der Rue du Docteur Cousture 46 untergebracht, jetzt unter dem Namen André Mannot. Seiner Nachhilfelehrerin erklärt er, dieser Name stamme aus Ungarn und Mano sei von Emmanuel abzuleiten. Odile und Auguste Chevrier bemühen sich sehr um den Jungen, und er findet in seinem Schulkameraden Pierre auch einen guten Freund. Dennoch fühlt sich Mano, der nun auch Klavierunterricht bekommt, nicht wohl und flieht einmal auch von Le Havre nach Paris.