mini|hochkant|Kommodore Friedrich Ruge bei der Besichtigung einer Minensuchflottille in Frankreich (1941) Friedrich Oskar Ruge (* 24. Dezember 1894 in Leipzig; † 3. Juli 1985 in Tübingen) war ein deutscher Marineoffizier und Militärschriftsteller. Er diente in vier deutschen Marinen, zuletzt im Dienstgrad Vizeadmiral.
Als Angehöriger des Naval Historical Teams und Mitautor der Himmeroder Denkschrift gehörte er zu den Gründungsvätern der Bundeswehr und war einer der Gestalter der Bundesmarine, deren erster Inspekteur er 1956 wurde. Von 1962 bis 1965 war er Präsident des Verbandes der Reservisten der Deutschen Bundeswehr.
Familie Ruge entstammte einer evangelisch-lutherischen Familie aus Norddeutschland. Sein Urgroßvater, der Arzt Christian August Ruge, nahm an der Schlacht bei Waterloo teil. Der Großvater Sophus Ruge war Wirtschaftsgeograph. Der Onkel Reinhold Ruge diente als Sanitätsoffizier in der Kaiserlichen Marine. Friedrichs Vater Walther Ruge war Philologe und heiratete 1894 Martha Friederike von Zahn, die Tochter eines Rechtsanwaltes. Friedrich Ruge wurde 1894 als erstes von drei Kindern geboren. Sein Vater war damals Gymnasialprofessor am König-Albert-Gymnasium in Leipzig.Ruge 1979, S. 14.
Friedrich Ruge besuchte von 1904 bis 1907 die Thomasschule zu Leipzig. Der Geschichtslehrer Konrad Sturmhoefel hinterließ bei ihm einen prägenden Eindruck. Im Jahr 1911 wurde Ruges Vater Direktor des humanistischen Gymnasiums Bautzen; Friedrich Ruge machte dort im März 1914 sein Abitur.Ruge 1979, S. 22. Er war seit 1912 Mitglied der Jugendbewegung Wandervogel. Ein Großonkel, der Königlich Sächsische Hofbuchhändler Robert von Zahn, machte ihn schon früh mit deutscher Literatur vertraut.
Er heiratete Ruth Greeff und hatte mit ihr fünf Kinder. Eine seiner Töchter war die Journalistin Ingeborg Eggert-Sander, sein Enkel Dieter Hartwig ist Marineoffizier a. D., Politologe und Kommunalpolitiker (SPD).
Beruflicher Werdegang Kaiserliche Marine und Erster Weltkrieg Beförderungen 1. April 1914 Seekadett 13. Juli 1916 Leutnant zur See 28. September 1920 Oberleutnant zur See 1. Oktober 1925 Kapitänleutnant 1. April 1933 Korvettenkapitän 1. Januar 1937 Fregattenkapitän 1. September 1939 Kapitän zur See 1. Februar 1940 Kommodore 1942 Konteradmiral 1943 Vizeadmiral
Ruge trat am 1. April 1914 als Seekadett mit der Crew 14 in die Kaiserliche Marine ein und absolvierte bis zum 10. Mai die Infanterieausbildung an der Marineschule Kiel-Wik.Ruge 1979, S. 23. Bei Beginn des Weltkriegs am 28. Juli 1914 diente er bis November 1914 auf dem als Schulschiff verwendeten Großen Kreuzer Hertha in der Ostsee. Dazwischen diente er im August und September 1914 auf dem Linienschiff Lothringen in der Nordsee. Es folgten ein Funkerlehrgang an der Marineschule Mürwik und bis Februar 1915 Einsätze auf dem Kleinen Kreuzer Lübeck. Anschließend diente er bis zum 30. November 1915 auf dem Linienschiff Elsass, das an dem Vorstoß in die Rigaer Bucht beteiligt war. Vom 1. Dezember 1915 bis Februar 1916 nahm er an einem Torpedolehrgang der Torpedo-Schul-Halbflottille teil und danach bis zum 13. Juni 1916 an einem Fähnrichs-Artillerie-Lehrgang auf dem Artillerieschulschiff Kaiserin Augusta. An Bord des Torpedoboots B 110 der 4. Torpedoboots-Halbflottille diente Ruge als Wachoffizier von Oktober 1916 bis zum Kriegsende im November 1918.Ruge 1979, S. 38. Für den Ausgang des Krieges machte er den „merkwürdigen Mangel an praktischer Psychologie, an Menschenführung [...] welche die sich ändernde Lage berücksichtigte“ verantwortlich.Ruge 1979, S. 48.
Nach dem Waffenstillstand von Compiègne (1918) wurde Ruge Kommandant des Torpedoboots B 112 der 4. Torpedoboots-Halbflottille, das mit der gesamten Hochseeflotte im britischen Flottenstützpunkt Scapa Flow interniert wurde. Auf Befehl des Admirals Ludwig von Reuter ließ er sein Boot am 21. Juni 1919 in der Selbstversenkung der Kaiserlichen Hochseeflotte in Scapa Flow sinken, um die Auslieferung an die Briten zu verhindern.Ruge 1979, S. 51. Er kommentierte später:Ruge, Friedrich Oskar beim leobw „Es war für mich ein Gefühl der Erleichterung, als das Boot kenterte und sank. Die Versenkung war das größte Ereignis meines Lebens“.
Reichsmarine Nach britischer Kriegsgefangenschaft in Oswestry und Donington Hall kehrte Ruge am 31. Januar 1920 nach Wilhelmshaven zurück. Von der Reichsmarine übernommen, war er unter anderem Adjutant beim Kommandeur der Küstenwehrabteilung III in Kiel, die das Legen, Suchen und Sprengen von Seeminen erprobte. In dieser Zeit wurde er zu einem Minenabwehrspezialisten. Von Oktober 1924 bis September 1926 wurde er als einer der ersten Seeoffiziere der Reichsmarine zum Studium naturwissenschaftlicher Grundlagen an die Technische Hochschule Charlottenburg kommandiert und absolvierte gleichzeitig Sprachstudien in Türkisch, Schwedisch, Russisch und Italienisch, die er 1927 an der Universität Kiel mit dem Dolmetscher-Examen in Englisch abschloss.Ruge 1979, S. 63. Auch reiste er in die Vereinigten Staaten (Besuch der Naval Station Norfolk, Virginia), nach Italien und Großbritannien. Vom 2. Oktober 1926 bis September 1928 war er Kommandant des Minensuchboots M 136 bei der 1. Minensuchflottille. Anschließend war er bis September 1932 Sachbearbeiter für Minenwesen und Referent im Sperrversuchs- und Lehrkommando in Kiel. Im Oktober 1932 wurde er Chef der 1. Minensuchflottille, die auch Minenleger und U-Boot-Jäger einschloss.Ruge 1979, S. 102.
Vor der Machtübernahme des NS-Regimes schrieb erUwe Bahnsen: Eine Schule als Schauplatz deutscher Geschichte. In: Welt am Sonntag vom 31. Oktober 2010, S. 7.: „Was muss ein Seeoffizier in erster Linie können? Er muss Menschen führen können. Er muss Schiffe führen können. Und er muss Waffen führen können. Dahinter tritt alles Übrige zurück.“
Kriegsmarine und Zweiter Weltkrieg mini|Generalfeldmarschall Erwin Rommel und Vizeadmiral Friedrich Ruge bei Besichtigung eines U-Boot-Bunkers in La Rochelle (1944) Ab 30. September 1934 gehörte er als 3. Admiralstabsoffizier (A III) zum Stab des Kommandierenden Admirals der Marinestation der Ostsee in Kiel, zuständig für Minenwesen. Unter Admiral Wilhelm Canaris arbeitete er dort für kurze Zeit in der Spionageabwehr. Ab Juni 1937 war er als Nachfolger von Kurt Ramien Führer der Minensuchboote in Cuxhaven.Ruge 1979, S. 172.
Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges am 1. September 1939 wurde Ruge zum Führer der Minensuchboote Ost ernannt, welche aus dem Führer der Minensuchboote hervorgegangen war und dessen Boote am Überfall auf Polen teilnahmen.Ruge 1979, S. 190. Von Oktober 1939 bis zum 16. Februar 1941 war er Führer der Minensuchboote West und nahm in dieser Dienststellung am Westfeldzug sowie während des Unternehmens Weserübung an der Besetzung Dänemarks und Norwegens teil.Ruge 1979, S. 192. Danach bereiteten seine Boote durch Minenräumungen das Unternehmen Seelöwe, die geplante aber nie durchgeführte Invasion Großbritanniens, vor. Am 1. Februar 1940 wurde er zum Kommodore ernannt und im Oktober des gleichen Jahres für die Einsätze gegen Großbritannien mit dem Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes ausgezeichnet. Am 17. Februar 1941 wurde er zum Befehlshaber der Sicherung West mit Sitz in Paris ernannt. Als solcher hatte er großen Anteil am Gelingen des Unternehmens Cerberus, dem Durchbruch deutscher Großkampfschiffe durch den Ärmelkanal im Februar 1942. Im Wehrmachtbericht hieß es dazu: „An dem Gelingen des Durchbruchs unserer Seestreitkräfte durch den Kanal haben die unter Führung von Kapitän zur See und Kommodore Ruge stehenden Minensuch- und Räumboote sowie Sicherungsfahrzeuge hervorragenden Anteil.“Die Berichte des Oberkommandos der Wehrmacht 1939–1945. Bd. III, Parkland, Köln 2004, S. 41. Parallel dazu war er ab 12. März 1941 Chef des Sonderstabes Tunesien bei der italienischen Marine, zuständig für Geleitschutzfragen. Am 1. April 1941 erfolgte die Beförderung zum Konteradmiral und am 1. Februar 1943 zum Vizeadmiral. Am 18. Mai 1943 wurde er als Nachfolger von Konteradmiral Wilhelm Meendsen-Bohlken Befehlshaber des Deutschen Marinekommandos Italien in Rom.Ruge 1979, S. 233. Nach der Kapitulation Italiens sprach er sich gegen ein bewaffnetes Eingreifen Nazi-Deutschlands aus. Er reichte seine Entlassung ein, die Großadmiral Karl Dönitz jedoch nicht erreichte. Er selbst gehörte zu den wenigen hochrangigen Offizieren, die sich nicht vom System instrumentalisieren ließen.Alexander Rost: Schrott-Bonanza. In: Die Zeit vom 20. Juni 1969. Vielmehr lehnte er entschieden die Kriegsverbrechen der Wehrmacht und Waffen-SS in den osteuropäischen Staaten ab, von denen er 1943 durch einen Freund erfuhr.
Am 13. August 1943 wurde er in die Führerreserve versetzt, ehe er am 10. November 1943 als Admiral z. b. V. dem Stab der Heeresgruppe B in Fontainebleau zugeteilt wurde, mit der Aufgabe der Verbesserung der Sicherung der Nordsee- und Ärmelkanalküste außerhalb des Reichsgebietes.Ruge 1979, S. 243. Mit dem Oberbefehlshaber der Heeresgruppe B, Generalfeldmarschall Erwin Rommel, verband ihn eine bis zu dessen Tod 1944 anhaltende Freundschaft. Nach der alliierten Invasion in der Normandie im Juni 1944 war er ab August 1944 zunächst Chef des Konstruktionsamtes beim Oberbefehlshaber der Marine, ehe er am 1. November 1944 Chef des Amtes für Kriegsschiffbau im Oberkommando der Marine mit Sitz in Berlin wurde. Diese Position hatte er bis Kriegsende inne. Am 8. Mai 1945 kam er bei Eckernförde in britische Kriegsgefangenschaft.Ruge 1979, S. 272. Über sein Vaterland urteilte er:Deutschland. Zitate. In: Der Spiegel vom 27. Juni 1962. „Die Deutschen sind eine kriegerische Nation, die Begabung hat, an der falschen Front zu kämpfen.“
Nachkriegszeit In den belgischen Kriegsgefangenenlagern 2224 in Jabbeke und 2226 in Zedelgem war er Lagerdolmetscher. In Munster-Lager lehrte er 1946 deutsche Kriegsgefangene Englisch als Fremdsprache und gab Geographie- und Geschichtsunterricht.Ruge 1979, S. 274. Aus der Kriegsgefangenschaft am 30. November 1946 entlassen, war Ruge bis 1948 Inhaber eines Schreib- und Übersetzungsbüros in Cuxhaven. Beim Entnazifizierungsverfahren wurde er zunächst als Mitläufer und dann als Entlasteter eingestuft.
Von 1949 bis 1952 war er Mitarbeiter im Naval Historical Team in Bremerhaven, das unter amerikanischer Aufsicht die Kriegserfahrungen der Kriegsmarine vor allem im Kampf gegen die Sowjetunion aufarbeitete. Er war Angehöriger der von der Bundesregierung eingesetzten Expertengruppe für Sicherheitsfragen, die Bundeskanzler Adenauer in dessen Verhandlungen mit den westlichen Alliierten beriet. Im Oktober 1950 war er in dieser Funktion einer der Mitverfasser der Himmeroder Denkschrift, mit der wesentliche konzeptionelle Grundlagen für die künftigen westdeutschen Streitkräfte geschaffen wurden. Außerdem wurde er in dieser Zeit Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Demokratischer Kreise unter Leitung von Hans Edgar Jahn und des Verbandes deutscher Soldaten. Als Vorstandsmitglied des Deutschen Marinebunds verfasste er Artikel für dessen Zeitschrift Leinen los!.Ruge 1979, S. 278.
Ab den 1950er Jahren veröffentlichte Ruge mehrere militärhistorische Werke, die der U.S. Army als Vorlage für ihre Geschichtsaufarbeitung dienten. Er bezog in vielen militärtheoretischen Diskussionen Stellung. So kritisierte er den Suizid des Kapitäns Hans Langsdorff (20. Dezember 1939):Sven Felix Kellerhoff, Lars-Broder Keil: Montevideo 1939: In auswegloser Lage versenkt Kapitän Hans Langsdorff sein Panzerschiff und erschießt sich selbst – das ist der Mythos der "Admiral Graf Spee". In der kommenden Woche sollen die Bergungsarbeiten weitergehen. Porträt eines deutschen Kriegshelden. Die letzte Fahrt der Graf Spee. In: Berliner Morgenpost vom 15. Februar 2004, S. 5. „Das war ein Fehlentschluss, wohl darauf zurückzuführen, dass dieser besonders fähige Offizier für die seelische Belastung durch die lange Kreuzerfahrt und den schweren Kampf nicht robust genug war“.