mini|300px|Sitz der Ermittler in den meisten Romanen: das alte Stockholmer Polizeihauptquartier auf Kungsholmen mini|150px|Wappen der schwedischen Reichspolizeileitung (Rikspolisstyrelsen) Roman über ein Verbrechen () ist eine zwischen 1965 und 1975 erschienene Roman-Dekalogie des schwedischen Autorenpaars Maj Sjöwall und Per Wahlöö. Die Serie war ein weltweiter Erfolg und wurde mehrfach verfilmt. Als grundlegende Neuerung im Kriminalroman gilt die realistische Darstellung der Ermittlung als Zusammenspiel vieler Beteiligter. Hauptfigur der Reihe ist Martin Beck, ein Kriminalkommissar der schwedischen Reichsmordkommission. Wesentliche Handlungsstränge werden jedoch auch von seinen Kollegen bestritten, insbesondere von Lennart Kollberg und Gunvald Larsson.

Die Reihe Roman über ein Verbrechen legte die Grundlage für den sozialkritischen Kriminalroman skandinavischer Prägung, der viele Nachfolger fand. Sjöwall und Wahlöö wählten gezielt das populäre Genre der Kriminalliteratur, um ihre Kritik an der schwedischen Gesellschaft zu verbreiten. Das „Verbrechen“ im Reihentitel bezieht sich auf den Kapitalismus in Schweden als Ausgangspunkt der Kriminalhandlungen der einzelnen Romane. Besondere Kritik wird an der schwedischen Polizei geübt. Beck und seine Kollegen stehen bei ihrem Versuch, gute Polizeiarbeit zu leisten, diversen inkompetenten und reaktionären Kollegen, Vorgesetzten und Politikern gegenüber.

Autoren

Maj Sjöwall und Per Wahlöö lernten sich laut Sjöwalls Angaben 1962 kennen. Sie arbeiteten beide als Journalisten für sozialdemokratische Wochenzeitungen. Wahlöö hatte zu diesem Zeitpunkt bereits vier politische Romane geschrieben, die allerdings nur in kleiner Auflage erschienen waren.Zehn nach Zehn. Maj Sjöwall im Gespräch. Interview von Norbert Klugmann und Peter Mathews. Im Beiheft zur Kassette Maj Sjöwall, Per Wahlöö: Roman über ein Verbrechen. Die zehn Romane mit Kommissar Martin Beck. Rowohlt, Reinbek 1986, ISBN 3-499-43177-7, S. 20. Sjöwall hatte einen Sohn und war zweimal geschieden, Wahlöö war verheiratet und Vater einer Tochter. Beide trafen sich zunächst in Bars, um miteinander zu arbeiten, doch schon nach einigen Monaten zog er bei ihr ein. Sie hatten ein gemeinsames Kind, blieben aber unverheiratet. Die Zusammenarbeit war eng mit der Beck-Reihe verknüpft. Der 1965 veröffentlichte Kriminalroman Die Tote im Götakanal war ihr erstes gemeinsames Buch, Die Terroristen blieb ihr letztes. Kurz vor seinem Erscheinen 1975 starb Wahlöö.John-Henri Holmberg (Hrsg.): Kalte Schatten. Goldmann, München 2014, ISBN 978-3-442-48137-8, Begleittext zur Erzählung Der Multimillionär. S. 310–322.

Für die Entstehung eines Buches setzten Sjöwall und Wahlöö ungefähr ein Jahr an, wobei sie den Prozess mit einem Schiffsbau in der Kockums-Werft in Malmö verglichen. Die Vorarbeit und Recherche nahm die meiste Zeit in Anspruch. Das Autorenduo entwarf detaillierte Pläne des jeweiligen Buches. Dabei gingen sie stets von 30 Kapiteln aus, die sie jeweils in wenigen Sätzen skizzierten. Auf Karteikarten hielten sie alle Merkmale, körperliche und charakterliche, der handelnden Personen fest. Für den zweiten Roman Der Mann, der sich in Luft auflöste etwa recherchierten sie vor Ort in Ungarn. Der eigentliche Schreibprozess dauerte ungefähr drei Monate. Wegen der Kinder konnte das Paar nur abends und nachts schreiben. Dabei teilten sie sich die Kapitel auf, wobei sie teilweise ihre Manuskripte austauschten, wenn der Schreibprozess bei einem ins Stocken geriet. Wegen der akribischen Vorarbeiten gab es selten die Notwendigkeit von nachträglichen Änderungen.Zehn nach Zehn. Maj Sjöwall im Gespräch. Interview von Norbert Klugmann und Peter Mathews. Im Beiheft zur Kassette Maj Sjöwall, Per Wahlöö: Roman über ein Verbrechen. Die zehn Romane mit Kommissar Martin Beck. Rowohlt, Reinbek 1986, ISBN 3-499-43177-7, S. 22–24.

Zielsetzung

Sjöwall und Wahlöö waren Marxisten und suchten nach einem Vehikel, um ihre politische Botschaft zu verbreiten und dabei breite Bevölkerungsschichten zu erreichen.Alexandra Hagenguth: Der Mord, der aus der Kälte kommt: Was macht skandinavische Krimis so erfolgreich? In: Jost Hindersmann (Hrsg.): Fjorde, Elche, Mörder. Der skandinavische Kriminalroman. Nordpark, Wuppertal 2006, ISBN 3-935421-16-8, S. 24. Sjöwall formulierte in einem Interview: „Wir hielten es für einen erfolgsversprechenden Weg, gezielt ein populäres Genre zu wählen, um das, was wir sagen wollten, zu sagen.“Zehn nach Zehn. Maj Sjöwall im Gespräch. Interview von Norbert Klugmann und Peter Mathews. Im Beiheft zur Kassette Maj Sjöwall, Per Wahlöö: Roman über ein Verbrechen. Die zehn Romane mit Kommissar Martin Beck. Rowohlt, Reinbek 1986, ISBN 3-499-43177-7, S. 20. Wahlöö nannte dem Kriminalroman „eine typisch bürgerliche Erscheinung“, dessen Personal ebenso bürgerlich sei wie seine Leser. Gegen dieses Muster hätten sie versucht, zu verstoßen: „Wir versuchen, eine Art sozialistischen Krimi zu schreiben.“ Dabei hätten sie sich anfänglich noch zurückgehalten, um das Publikum zu erreichen, im späteren Verlauf der Reihe sei die sozialistische Ausrichtung aber immer deutlicher geworden.Ernst Ullrich Pinkert: Der Krimi als Mittel zum Zweck. Die politischen Kriminalromane von Maj Sjöwall & Per Wahlöö – Anspruch und Verwirklichung. Aalborg Universitetsforlag, Aalborg 1979, ISBN 87-7307-051-3, S. 10.

Um den Kriminalroman aus dem bürgerlichen Korsett zu lösen, brachen Sjöwall und Wahlöö mit den angloamerikanischen Vorbildern, namentlich Agatha Christie und Dorothy L. Sayers, die zu dieser Zeit den schwedischen Kriminalroman beherrschten. An die Stelle eines genialen Detektivs oder Amateurs setzten sie ein Team von Berufspolizisten und schufen die Figur Martin Beck und seine Kollegen. Sjöwall formulierte: „Kriminalroman ja, aber in neuer Form.“Zehn nach Zehn. Maj Sjöwall im Gespräch. Interview von Norbert Klugmann und Peter Mathews. Im Beiheft zur Kassette Maj Sjöwall, Per Wahlöö: Roman über ein Verbrechen. Die zehn Romane mit Kommissar Martin Beck. Rowohlt, Reinbek 1986, ISBN 3-499-43177-7, S. 20–21. Rudi Kost weist allerdings darauf hin, dass sich auch Sjöwall und Wahlöö bei bekannten Vorbildern bedienten. So hatte bereits der von ihnen übersetzte amerikanische Autor Ed McBain mit seinem 87. Polizeirevier ein Polizistenteam in den Mittelpunkt gestellt, die chronologische Entwicklung von Handlung und Figuren mitsamt ihres Privatlebens hatte Nicolas Freeling eingeführt, und Martin Beck selbst sei eine Maigret-Figur, die wie Georges Simenons Kommissar Verständnis für die Täter zeige.Rudi Kost: Bi-ba-Bullenpack. Sjöwall/Wahlöös chronique scandaleuse der Klassengesellschaft. Im Beiheft zur Kassette Maj Sjöwall, Per Wahlöö: Roman über ein Verbrechen. Die zehn Romane mit Kommissar Martin Beck. Rowohlt, Reinbek 1986, ISBN 3-499-43177-7, S. 4–5 (online).

Nach dem Erfolg des ersten Romans entschieden Sjöwall und Wahlöö aus Martin Beck und seinen Kollegen eine Serie zu machen. Mit dem Negativbeispiel Ed McBains vor Augen, der der Wiederholungen seiner Serie um das 87. Polizeirevier zunehmend leid wurde, beschlossen sie nach Sjöwalls Worten „eine Serie von zehn Büchern zu schreiben – und kein einziges mehr. Finito.“Zehn nach Zehn. Maj Sjöwall im Gespräch. Interview von Norbert Klugmann und Peter Mathews. Im Beiheft zur Kassette Maj Sjöwall, Per Wahlöö: Roman über ein Verbrechen. Die zehn Romane mit Kommissar Martin Beck. Rowohlt, Reinbek 1986, ISBN 3-499-43177-7, S. 19–31. Nach dem dritten Roman Der Mann auf dem Balkon formulierte Per Wahlöö das Konzept der Reihe:Rudi Kost: Bi-ba-Bullenpack. Sjöwall/Wahlöös chronique scandaleuse der Klassengesellschaft. Im Beiheft zur Kassette Maj Sjöwall, Per Wahlöö: Roman über ein Verbrechen. Die zehn Romane mit Kommissar Martin Beck. Rowohlt, Reinbek 1986, ISBN 3-499-43177-7, S. 3 (online).

Maj Sjöwall erklärte zum Reihentitel: „Unsere Bücher sind der ‚Roman eines Verbrechens‘, des Verbrechens der Sozialdemokratie an der schwedischen Arbeiterklasse.“ Die Sozialdemokraten in Schweden betrieben „kapitalistische Politik“ und hätten den schwedischen Wohlfahrtsstaat unter Tage Erlander und Olof Palme immer mehr in einen bürgerlichen Staat zurückverwandelt.Zehn nach Zehn. Maj Sjöwall im Gespräch. Interview von Norbert Klugmann und Peter Mathews. Im Beiheft zur Kassette Maj Sjöwall, Per Wahlöö: Roman über ein Verbrechen. Die zehn Romane mit Kommissar Martin Beck. Rowohlt, Reinbek 1986, ISBN 3-499-43177-7, S. 25. Laut Jürg Brönnimann haben die Autoren mit ihrer Reihe zu einer Umdefinierung des Begriffs „Verbrechen“ beigetragen, indem „[n]icht mehr der einzelne Täter der Verbrecher [ist], sondern der unmenschliche kapitalistische Staat und die egoistische Gesellschaft“.Jürg Brönnimann: Der Soziokrimi: ein neues Genre oder ein soziologisches Experiment? Eine Untersuchung des Soziokriminalromans anhand der Werke der schwedischen Autoren Maj Sjöwall und Per Wahlöö und des deutschen Autors -ky. Nordpark, Wuppertal 2004, 3-935421-13-3, S. 24. Zitiert nach: Alexandra Hagenguth: Der Mord, der aus der Kälte kommt: Was macht skandinavische Krimis so erfolgreich? In: Jost Hindersmann (Hrsg.): Fjorde, Elche, Mörder. Der skandinavische Kriminalroman. Nordpark, Wuppertal 2006, ISBN 3-935421-16-8, S. 24. Der Titel Roman über ein Verbrechen wurde im schwedischen Original von Anfang an verwendet, im Deutschen jedoch erst bei einer späteren Neuveröffentlichung aller zehn Bände in einer Kassette durch Rowohlt.

Gestaltung

Während die ersten beiden Romane noch stark auf die Hauptfigur Martin Beck fokussiert sind, tritt mit dem dritten Roman Der Mann auf dem Balkon stärker das Team in den Mittelpunkt. Die Romane werden nun aus wechselnden Perspektiven erzählt, häufig beginnen sie mit der Beschreibung des Täters oder der Tat. Mehrere Erzählstränge laufen parallel. In einer Technik, die an den Filmschnitt erinnert, wird zwischen den Handlungssträngen hin- und hergesprungen. Auch die ermüdende Alltagsroutine der Polizeiarbeit wird vorgeführt. Der Stil erinnert an eine Reportage und lässt die journalistischen Ausbildung der Autoren erkennen. Die Szenen sind exakt datiert, teilweise wird Hintergrundmaterial wie Statistiken eingearbeitet. Auch das gesellschaftliche Umfeld wird einbezogen. Der Leser soll, so Rudi Kost, nicht bloß wie in einem klassischen Whodunit über den Täter rätseln, er soll sich auch „auseinandersetzen mit dem, was einen Menschen zum Mörder macht und was dies verrät über die Welt, die Gesellschaft, in der er lebt“.Rudi Kost: Bi-ba-Bullenpack. Sjöwall/Wahlöös chronique scandaleuse der Klassengesellschaft. Im Beiheft zur Kassette Maj Sjöwall, Per Wahlöö: Roman über ein Verbrechen. Die zehn Romane mit Kommissar Martin Beck. Rowohlt, Reinbek 1986, ISBN 3-499-43177-7, S. 5–6 (online).