mini|hochkant=1.8|Traditionelles Stammesgebiet der Lower („Unteren“) Chinook und Upper („Oberen“) Chinook sowie heutige Reservationen im Nordwesten der USA (orange)
Chinook bezeichnet sowohl eine Stammesgruppe mehrerer kulturell sowie sprachlich eng verwandter Indianergruppen im Pazifischen Nordwesten der USA als auch die gleichnamige indigene Sprachfamilie Chinook. Im engeren Sinne werden mit Chinook meist Lower-Chinook-sprachige Gruppen am Unterlauf und der Mündung des Columbia Rivers bezeichnet.
Ihre Stammesgebiete erstreckten sich entlang des Lower und Middle Columbia River (Wimahl, „Großer Fluss“) von der Columbia River Gorge (nahe der heutigen Stadt The Dalles) im Norden von Oregon flussabwärts (westlich) bis zur Flussmündung und entlang angrenzender Küstenabschnitte, sowie von Tillamook Head, einer Landzunge an der Nordküste Oregons im Süden nordwärts bis zur Willapa Bay im Südwesten Washington; zudem siedelten sie auf den Clatsop Plains und entlang des Lower Willamette Rivers und dessen Nebenflüssen. Kulturell werden sie allgemein daher zur Nordwestküstenkultur gerechnet, wobei die weiter flussaufwärts im Inland (östlich) im Columbia Plateau lebenden Gruppen mehr dem Kulturareal des Plateau zuzurechnen sind.
Es gibt mehrere Theorien darüber, woher der Name Chinook stammt. Einige leiten die heute übliche Sammelbezeichnung aus der Sprache der Chehalis (Tsihalis) ab, eines Volks der Küsten-Salish, die mit dem Wort Tsinúk sowohl eine bestimmte Siedlung an der Baker Bay als auch deren Bewohner bezeichneten; die Bedeutung wird entweder als „Fischesser“ oder „starke Kämpfer“ wiedergegeben.
Vor den katastrophalen Verlusten durch Epidemien und der hieraus folgenden sozialen Desintegration waren die Chinook-Völker die bedeutendsten Händler am Columbia River, der wichtigsten Wasserstraße zwischen der Westküste und dem Landesinneren. Da sie von der Küste flussaufwärts bis zu Celilo und The Dalles den Handel als Mittelsmänner dominierten, entwickelte sich Chinook Wawa (Chinook Jargon) von Oregon bis Alaska sowie landeinwärts bis auf das Columbia Plateau im amerikanisch-kanadischen Pazifikraum zur Lingua franca und diente als Handelssprache.
Ihre Geschichte zeigt besonders deutlich, wie wenig europäische Vorstellungen von Stammesstrukturen zur Aufhellung beitragen. Zudem ist sie äußerst verwickelt.
Geschichte Ihre Geschichte war oftmals eng mit der der benachbarten Küsten-Salish verbunden bzw. fast identisch.
Lebensweise und Kultur Die Chinook waren in erster Linie ein Volk der Flüsse und lebten meist als sesshafte Fischer (Lachs, Forelle, Hering) und Wildbeuter und Feldbeuter (Vögel und Wild, Sammeln von Beeren, Nüssen und Wurzeln, Anbau von Quamash und später Kartoffeln), in großen Siedlungen aus gemeinsam von Großfamilien bewohnten Langhäusern (sog. Plankenbauten/Plankenhäusern), betrieben Vorratswirtschaft und hatten differenzierte und abgestufte Eigentums- und Besitzrechte („Property rights“). Aufgrund der hervorragenden Stellung des Lachses als Nahrungsgrundlage sowie innerhalb der Religion und Kultur der Chinook ist der Königslachs in Nordamerika meist auch als Chinook Salmon bekannt.
Die Gesellschaft der Chinook war in verschiedene soziale Schichten bzw. Klassen unterteilt, die auf Reichtum, Fleiß (wobei man allgemein annahm, dass die Reichen auch die Fleißigen seien), Erbschaft und Prestige beruhten. Zu der führenden Klasse gehörten Schamanen, Krieger und erfolgreiche Händler (die durch ihre Heilkunst, erfolgreiche Kriegszüge oder Handel jeweils zu Reichtum gelangten) sowie führende Lineages, die den Häuptling stellten. Sie stellten im Vergleich zu den gewöhnlichen Mitgliedern eine Minderheit der Bevölkerung dar. Die Mitglieder der höheren Klassen sollen soziale Diskriminierung praktiziert haben, indem sie den Kontakt zu den niederen Klassen (den Gemeinen, „dem einfachen Volk“) einschränkten und das Spiel zwischen den Kindern der verschiedenen sozialen Gruppen verboten. Die sozialen Klassen waren zwar prinzipiell nach oben wie nach unten durchlässig, doch wurden meist Heiraten innerhalb der sozialen Klassen geschlossen, so dass sich der soziale Status (und der damit verbundene materielle Wohlstand) innerhalb der verschiedenen Klassen angehörenden Familien weiter vererbte.
Einige Chinook praktizierten Sklaverei, eine Praxis, die von den nördlichsten Stämmen des pazifischen Nordwestens entlehnt wurde. Sklaven waren meist Kriegsgefangene oder Nachkommen von Sklaven (der Status war erblich), diese mussten niedere Arbeiten für ihre Herren durchführen, die für deren hohen Status „unwürdig“ waren.Robert H. Ruby, John A. Brown: Indian Slavery in the Pacific Northwest, ISBN 978-0-87062-225-0
mini|Künstlich deformierter Schädel (Flathead-Schädel) Zusammen mit anderen Stämmen praktizierte die führende Klasse („der Adel“) der Chinook als Zeichen des sozialen Status eine künstliche Schädeldeformation durch beabsichtigte mechanische Umformung des menschlichen Kopfes, um ein von der Norm abweichendes Aussehen zu erzeugen. Die Stirn und die Schädeldecke ihrer Kinder wurde abgeflacht, indem sie den Kopf des Säuglings unter Druck zwischen Brettern einbanden. (Der Kopf des Kindes wird zwischen zwei Bretter von ungleicher Länge gespannt; das längere davon kommt an den Hinterkopf und reicht von den Schultern an bis ein wenig über den Kopf hinaus; das kürzere aber wird vorn angelegt, und zwar von den Augenbrauen an bis über die Stirn hinauf. Beide Bretter werden hierauf mit Riemen festgebunden und so stark zusammengeschnürt, dass der Kopf sich durch diesen Druck nach oben hin verlängert und unterhalb der Ohren beträchtlich breiter wird.) Der absichtlich vorgenommene Eingriff geschah bereits im frühkindlichen Alter (als der Säugling etwa 3 Monate alt war, bis das Kind etwa ein Jahr alt war), da die Schädelnähte noch relativ leicht formbar sind. Dieser Brauch war ein Mittel zur Kennzeichnung der sozialen Hierarchie, da die so veränderte Person damit einen besonderen Status erlangte und sich bereits rein äußerlich von den niederen Klassen abhob. Mitglieder der Gemeinschaft mit flachem Kopf hatten einen höheren Rang als Mitglieder mit rundem Kopf. Diejenigen mit abgeflachtem Schädel weigerten sich, andere Personen zu versklaven, die ähnlich gezeichnet waren, und verstärkten damit die Assoziation eines Rundkopfes mit Unterwürfigkeit. Auf Grund ihrer zur Zierde verformten Schädel (künstliche Makrozephalie) bekamen die Chinook und weitere Stämme den Beinamen Flathead (dt.: „Plattkopf/Flachkopf-Indianer“), die ohne genaue ethnologische Bedeutung verwendet wird. Für den Stamm der Bitterroot Salish (besser bekannt als Flathead) ist dies ein irreführender Name, denn die Abflachung der Stirnpartie mittels Schädeldeformation war bei ihnen unbekannt.
mini|hochkant|Interview mit Edward Curtis in der New York Times mit einem Foto einer Chinook-Frau, die chinesische Münzen als Kopfschmuck trägt Schon vor der Ankunft der Europäer handelten Chinesen und Chinook miteinander, wie Edward Curtis vermutete. Eines seiner Fotos zeigt, dass die Chinook chinesische Münzen als Kopfschmuck benutzten.Lives 22 years with Indians to get their secrets, in: New York Times, 16. April 1911, S. 5.
Sozio-politische Organisation Die Chinook lebten in mehreren Siedlungsclustern mit meist einer (oder mehreren) dominierenden Siedlung(en), die meist untereinander verwandt waren und einen gemeinsamen Dialekt sprachen. Diese verdichteten Ansammlungen von Siedlungen wurden seitens der Europäer fälschlicherweise als „Stämme“ betrachtet, und als „Stammesname“ wurde meist einfach der Name dar führenden Siedlung verwendet – jedoch stellte für die Chinook die jeweilige Siedlung bzw. Dorfgemeinschaft die primäre sozio-politische Einheit dar.Robert T. Boyd: Lower Chinookan Disease and Demography. Portland State University
Meist werden die verschiedenen Chinook-Siedlungscluster in zwei (oder auch drei) geographische Dialektgruppen gruppiert: die Lower Chinook (Tsinúk), die Middle Chinook (Kathlamet) sowie die Upper Chinook (Kiksht).
Lower-Chinook (Tsinúk)-sprachige Siedlungscluster: Willapa Bay (gemeinsame Chinook-Küsten-Salish-Siedlungen), Mündung des Columbia River sowie auf den Clatsop Plains; wichtigste Siedlungen: Nemah (Nímax̣ʷ), Necanicum (Nikánikəm), Neacox (Niáx̣aqši), Clatsop (Tɬácʼǝp) oder Tiyakilakikh (Tiákʼilakix) sowie Chinook (Cʼinúk / činúkʷ). Middle-Chinook (Kathlamet)-sprachige Siedlungscluster: Lower Columbia River flussaufwärts bis zum Portland-Becken (früher: Wapato Valley); wichtigste Siedlungen: Kathlamet (Gaɬámat), Wahkiakum (Wáqaiqam) und Tenasillahe (Tǝnǝs-íliʔi). Upper-Chinook (Kiksht)-sprachige Siedlungscluster:Nach Hymes’ Urteil können Middle Chinook (Kathlamet) und Upper Chinook (Kiksht) als unterschiedliche Sprachen betrachtet werden, jedoch bildeten sie wahrscheinlich innerhalb eines gemeinsamen Dialektkontinuums eine Kette von Dialekten, mit Middle Chinook als westlichste Dialekte und Wasco-Wishram als östlichste Dialekte. Upper Columbia River bis knapp oberhalb The Dalles, einschließlich den Willamette Falls, den Lower Clackamas River und den Kaskaden des Columbia Rivers (heute: Bonneville Dam) sowie am Hood River („Dog River“); wichtigste Siedlungen: Willamette (ɬáwiwala / (Gaɬa)wálamt), Clackamas (ɬáqʼimaš), Washougal (Gaɬawašúxʷal), Skamania (Skʼmániak), Watlala (Waɬála / Gaɬaɬála, auch: ɬaɬála), Wishram Village (Nixlúidix) und Wasco (Wacq!ó).
Die Dialekte der Siedlungen des Portland-Beckens und Sauvie Island (früher: Wapato Island) wurden nie ausreichend dokumentiert, so dass eine gewisse Unsicherheit bezüglich ihrer Einordnung besteht, jedoch weisen sie vergleichsweise größere Ähnlichkeiten zu flussaufwärts gesprochene Upper-Chinook-Dialekten auf; wichtigste Siedlungen: Cathlapotle (Gáɬapʼuƛx), Scappoose (Sqə́pus) und Multnomah (Máɬnumax̣).Henry B. Zenk, Yvonne P. Hajda, Robert T. Boyd: Chinookan Villages of the Lower Columbia. Portland State University
Da die Flussläufe die primären Handels- und Verkehrsrouten sowie Siedlungsgebiete der Chinook bildeten, verwendeten diese zur geographischen Orientierung sowie zur Bezeichnung ethnischer Gruppen gewöhnlich komplementäre Begriffe mit Bezug zum Fluss oder Wasser, z. B. „zum Wasser hin“ und „vom Wasser weg“ (d. i. im Binnenland) sowie „stromaufwärts“ (ostwärts) und „stromabwärts“ (westwärts): Itkigwalatksh (itgígʷalatkš – „Jene, stromabwärts“): Kathlamet (Gaɬámat), Wahkiakum (Wáqaiqam) und Tenasillahe (Tǝnǝs-íliʔi) Shakhlatksh (šáx̣latkš – „Jene, stromaufwärts“): Washougal (Gaɬawašúxʷal), Skamania (Skʼmániak), Watlala (Waɬála / Gaɬaɬála, auch: ɬaɬála), Wishram Village (Nixlúidix) und Wasco (Wacq!ó) Giɬáqʼimaš („Jene vom Clackamas River“): Clackamas (ɬáqʼimaš)
Das Handbook of North American Indians, Band 7: Northwest Coast und Band 12: Plateau, gruppiert die Chinook-Völker primär nach regionalen Dialekten:
Lower Chinook: Willapa-Bay-, Lower-Chinook- und Clatsop-Plains-Siedlungscluster Cathlamet (Kathlamet): Itkigwalatksh (itgígʷalatkš)-Siedlungscluster Multnomah (Willamette River)Nach Meriwether Lewis und William Clark, die dem Willamette River den Namen Multnomah für seine Nähe zum Dorf Multnomah (Máɬnumax̣) gaben.: Portland-Becken- und Sauvie-Island-Siedlungscluster ClackamasClackamas ist der unter Linguisten übliche Begriff für die Kiksht-Dialekte in dieser Region.: Clackamas River und Willamette Falls-Siedlungscluster Watlala / Watlalla (auch: Cascades): Shakhlatksh (šáx̣latkš)-Siedlungscluster Wasco-Wishram: Hood-River- und The-Dalles-Siedlungscluster
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