Eleonore Baur, geborene Mayr (* 7. September 1885 in Kirchdorf am Haunpold bei Bad Aibling; † 18. Mai 1981 in Oberhaching), genannt Schwester Pia, war eine deutsche Nationalsozialistin der ersten Stunde und persönliche Freundin Adolf Hitlers. Baur hatte im Konzentrationslager Dachau dieselben Privilegien wie ein SS-Oberführer. In ihrem privaten Wohnhaus in Deisenhofen bei Oberhaching war zeitweise ein Außenkommando des KZ Dachau zur Zwangsarbeit eingesetzt.

Biographie Leben Von spärlichen Angaben abgesehen, ist über das Leben von Baur bis 1919 fast nichts bekannt, viele Daten stützen sich auf ihre eigenen Aussagen in richterlichen Vernehmungen.Hans Holzhaider: „Schwester Pia“. Nutznießerin zwischen Opfern und Tätern. In: Dachauer Hefte. 10, Täter und Opfer. 1994.

Dabei beschreibt sie ihre schwere Kindheit: Die Mutter sei kurz nach ihrer Geburt verstorben, ihr Vater habe etwa sechs Jahre später wieder geheiratet. Von der Stiefmutter fühlte sie sich schlecht behandelt, sie musste täglich um kurz nach vier Uhr morgens aufstehen und in München Milch austragen. Sie habe bis 1898 sieben Jahre die Volksschule besucht und im Alter von 14 Jahren am Tag der Schulentlassung eine Stelle als Dienstmädchen bei einer Hebamme annehmen müssen. Einen Beruf hatte sie nicht erlernt. Da der Lohn gering war, habe sie bei Privatfamilien und Gasthäusern Gelegenheitsarbeiten angenommen. 1905 sei sie mit einer befreundeten Krankenschwester nach Ägypten gereist und dort in einem deutschen Krankenhaus zur Krankenschwester ausgebildet worden.Richterliche Vernehmung am 10. Oktober 1949, während der Internierung im Arbeitslager Eichstätt.

Im gleichen Jahr brachte sie einen Sohn namens Wilhelm zur Welt. Diesen übergab sie vor Reiseantritt der Obhut ihrer Stiefmutter. Der Vater des unehelichen Sohnes war ihren Angaben zufolge ein Jurastudent, der 1938 tödlich verunglückte.

Nach zwei Jahren Aufenthalt in Ägypten kehrte sie nach Deutschland zurück. In München habe sie als private Krankenschwester gearbeitet und von dem „Gelben Kreuz“, einer Vereinigung von Krankenschwestern, den Namen „Schwester Pia“ erhalten. 1908 oder 1909 heiratete sie den Maschineningenieur Ludwig Baur. Die „reine Versorgungsehe“ wurde nach fünf oder sechs Jahren geschieden. An genaue Jahreszahlen konnte Baur sich während dieser Aussage aber nicht erinnern. In späterer richterlicher Vernehmung gab sie an, sie habe während des Ersten Weltkriegs in ihrer Münchner Wohnung Kranke gepflegt. Über politische Tätigkeit ist bis zu diesem Zeitpunkt nichts bekannt.

Ihr unehelicher Sohn Wilhelm Baur (* 1905; † 1945) wurde von ihrem Ehemann adoptiert.Hans Holzhaider: Nazi-Ikone Blutschwester Pia. In: Süddeutsche Zeitung. 9. November 2007. Er machte später Karriere als Leiter des Zentralverlags der NSDAP, Vizepräsident der Reichsschrifttumskammer und ab 1934 Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. buchmarkt.de (PDF; 36 kB) Börsenverein des Deutschen Buchhandels Er fiel 1945 während der Schlacht um Berlin.

Politische Laufbahn Im Frühjahr 1919, in den Wochen der Räteherrschaft in München, habe sie in den Kampftagen eine improvisierte Rettungsstation für Verwundete eingerichtet.Ein späterer Pressebericht: sie sei 1919 heldenhaft an vorderster Linie der Freikorps marschiert, habe am Sturm auf München teilgenommen, vielen Verwundeten Verbände angelegt, bis sie selbst von einem Brustschuss getroffen worden sei. 1920 habe sie sich „mit noch verbundener Brust“ vor dem Volksgericht München gegen die Anklage „Aufreizung zum Klassenhass“ verteidigen müssen. In: Berliner Illustrierte. Nachausgabe vom 31. Oktober 1934.

Am 19. Februar 1920 traf sie ihrer eigenen Aussage nach in der Tram auf die Zivilisten Anton Drexler und Adolf Hitler. Sie hatte ihre Station überfahren und sollte nachzahlen. Da sie kein Geld dabei hatte, zahlte Drexler hilfsbereit den Betrag für sie. Durch diesen Vorfall kam sie mit „der Bewegung“ in Berührung, besuchte von da an Versammlungen im Sterneckerbräu, gehörte bald zu den allerersten Mitgliedern der DAP und somit der NSDAP (Mitgliedsnummer 506).Anton Joachimsthaler: Hitlers Liste. 2004, S. 56.Bundesarchiv NS 26/230 bzw. 2099, Mitgliederverzeichnis, die Zählung wurde bei 501 begonnen. Die Nummer 511 ihrer Aussage nach ist ebenso unzutreffend wie ihre Angabe 559 in einem späteren amerikanischen Fragebogen laut Hans Holzhaider: „Schwester Pia“. Nutznießerin zwischen Opfern und Tätern. In: Dachauer Hefte. 10, Täter und Opfer. 1994.

Am 11. März 1920 demonstrierten auf der Theresienwiese Frauen gegen die Polizei. Baur kam zufällig vorbei und rief den Demonstrantinnen zu, sie sollten nicht die Polizei beschimpfen, sondern diejenigen, die an allem Unglück schuld seien: „Acht Pfund Weizenmehl und ein Pfund Zucker bekommen die Juden, und wir bekommen einen Dreck.“ Die Leute sollten sich bei den Juden etwas holen, die Lebensmittel sogar speichern könnten. Baur wurde der „Aufreizung zum Klassenhass“ angeklagt, das Gericht sprach sie frei. Sie habe in unverantwortlicher Weise gegen Juden gehetzt, aber ihr sei ferngelegen, die Menge zur Begehung von Gewalttätigkeiten gegen die Juden und deren Eigentum aufzufordern.

Als Sanitäterin nahm sie an den Kämpfen des Freikorps Oberland – eines 1919 im Umfeld der rechtsextremen Thulegesellschaft entstandenen und 1921 als „Bund Oberland“ neu gegründeten freiwilligen militärischen Verbandes, der zum Umfeld der Hitlerbewegung zählte – in Schlesien teil und wurde am 21. Mai 1921 am Oberschenkel verwundet.

Am 9. November 1923 war sie aktiv am Hitler-Ludendorff-Putsch beteiligt – sie marschierte angeblich in der vierten Reihe – und hatte als erste die Verwundeten geborgen, wie sie später aussagte. Angeblich schützte sie Hitler mit ihrem Körper davor, von Kugeln getroffen zu werden.Comité International de Dachau (Hrsg.); Stanislav Zámečník: Das war Dachau. Luxemburg 2002, S. 180.

Nach dem Verbot der NSDAP bis zur Machtübernahme im Jahr 1933 habe sie sich eigenen Angaben zufolge nicht mehr um die Politik gekümmert. 1923 heiratete sie zum zweiten Mal, den zehn Jahre jüngeren Hoteldirektor Sponseil. Die Ehe wurde 1933 geschieden. In den letzten Jahren der Ehe versuchte sie, ein Hautöl zu vermarkten; das Rezept hatte sie aus Ägypten mitgebracht. Ein Hamburger Pharmaunternehmen kaufte ihr das Rezept für 10.000 RM ab.

Himmler stellte sie 1934 als „Fürsorgeschwester in der Reichsführung SS“ mit Privilegien einer SS-Oberführerin ein. Baur rühmte sich später ihrer guten Kontakte zum Reichsführer SS, nannte ihn „meine schwarze Perle“.Laut Aussage des SS-Mannes und Chauffeurs Rudolf Wirth bestand diese Sympathie nur einseitig. Am 8. November 1934 verlieh Hitler ihr den Blutorden für ihre Teilnahme beim Marsch auf die Feldherrnhalle. Bei dieser Verleihung genehmigte ihr Hitler ihren Wunsch, als Krankenschwester im KZ Dachau tätig zu sein. Noch im November 1938 war sie die bis dahin einzige mit dem Orden ausgezeichnete Frau. Am 10. November 1937 beantragte sie die Aufnahme in die 1925 neu gegründete NSDAP und wurde rückwirkend zum 1. Mai 1937 aufgenommen (Mitgliedsnummer 5.096.034).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/1640849

Die KZ-Häftlinge in Dachau hielten sie für eine SS-Oberführerin, da sie im Lager jederzeit und ohne Begleitung von Wachpersonal das Konzentrationslager Dachau betreten und verlassen durfte. Die SS-Wachen hatten ihr Meldung zu erstatten, die Gefangenen und die SS-Dienstgrade mussten sie grüßen. Sie selbst bestritt später, eine SS-Oberführerin gewesen zu sein, es sind auch keine historischen Dokumente hierzu vorhanden. In Uniform der braunen Krankenschwestern besuchte sie das Lager, sie ließ durch ihren SS-Chauffeur Rudolf Wirth Lebensmittel aus der Lagerküche mitnehmen, auch in den kargen Kriegsjahren, angeblich auch für ihre beiden Hunde. Dinge wie Bettwäsche und Häftlingswäsche nahm sie aus den Vorräten mit. Das Personal hielt sie nicht davon ab. Als persönliche Freundin Hitlers hatte sie Einfluss, ob jemand befördert oder an die Ostfront versetzt wurde.

Zu Weihnachten verteilte sie kleine Pakete mit Keksen; es ist nicht bekannt, ob diese von ihr selbst finanziert wurden. Bei ihren Besuchen ermahnte sie die politischen Häftlinge, dem Führer Treue zu halten, belehrte und beschimpfte sie.Aussage eines Häftlings über ihre Weihnachtsansprache, Quelle: Weiler, S. 851 f, übernommen aus: Comité International de Dachau (Hrsg.); Stanislav Zámečník: Das war Dachau. Luxemburg 2002, S. 181. Hitler hatte ihr eine Villa mit Garten in Oberhaching geschenkt, die mit Gegenständen aus den Werkstätten des KZ Dachau ausgestattet war.DACHAU SUBCAMP MÜNCHEN-SCHWABING [ALSO KNOWN AS SCHWESTER PIA]. auf der Webseite des United States Holocaust Memorial Museum

Ein eigenes Arbeitskommando von zwei bis vier Häftlingen war ihr für die Villa unterstellt. Sie ließ sich eine Garage, einen Schuppen, ein Badehaus und einen Bunker bauen. Einem der jungen Häftlinge, Max Leopold, an dem sie Gefallen fand, obwohl er jüdisch war, versprach sie, er werde zu Weihnachten entlassen. Doch dieser wandte sich, als er aus dem Lager entlassen war, dem Dienstmädchen aus der Villa zu. Bald darauf starb er unter ungeklärten Umständen. Ein weiterer Häftling ihres Arbeitskommandos kam ähnlich zu Tode, nachdem er ihre Zudringlichkeit nicht erwidert hatte. Er wurde angeblich „auf der Flucht erschossen“.Bericht von H. Schwarz über Schwester Pia, DA-15821. Und „Schwester Pia“. Ein Leben für Deutschland? In: Frauenleben in München, Lesebuch zur Geschichte des Münchner Alltags. München 1993, S. 125–130, Quellen übernommen von Zámečník: Das war Dachau. Luxemburg 2002, S. 183.

Gerichtsverfahren Baur wurde am 5. Mai 1945 verhaftet und kurz darauf wieder freigelassen. Das Counter Intelligence Corps der US Army nahm sie am 12. Juli erneut fest. Im August 1949 wurde gegen sie ein Ermittlungsverfahren wegen Beihilfe zum Mord eingeleitet. Baur gestand dreimalige Teilnahme an Raschers Unterkühlungsversuchen, die oft tödlich endeten. Das Landgericht hörte etwa 100 Zeugen. Die Anklage basierte größtenteils auf Walter Neffs Aussage, er selbst habe sie zweimal bei Versuchen angetroffen. Die Ärzte Holzlöhner und Finke hätten zuvor vorgeschlagen, eine leichte Narkose zu verabreichen. Sie habe protestiert, sich eingemischt und Rascher unterstützt. Raschers Versuche seien dann ohne Narkose durchgeführt worden. Darauf soll Finke gesagt haben, sie habe hier nichts zu suchen, und sie habe den Raum dann verlassen. Die 1. Strafkammer des Landgerichts München kam zu dem Schluss, dass „die Beweise für eine Beihilfe zu einem Verbrechen des Mordes, der Körperverletzung mit Todesfolge oder der gefährlichen Körperverletzung als ungenügend“ zu erachten sind.