Die Tidschānīya (, Wolof Tiijaaniyaa, ) ist ein Sufi-Orden (Tariqa), der in den 1780er Jahren von Ahmad at-Tidschānī gegründet wurde und heute vor allem in Westafrika und Nordostafrika verbreitet ist, aber auch Anhänger im Nahen Osten und in Indonesien hat.

Geschichte Gründung des Ordens durch Ahmad at-Tidschānī Der Name Tiǧānī ist von einem algerischen Berberstamm bei Tlemcen namens Tidschān / Tidschāna abgeleitet, dem Ahmad at-Tidschanis Mutter angehörte. Tidschani wurde 1737 in dem Ksar ʿAin Mādī nahe der südalgerischen Stadt Laghouat geboren. Nachdem er seinen Orden gegründet hatte, beanspruchte er mit dem Titel Scherif eine direkte Abstammung von Mohammed, die sich aber aus seiner Herkunft nicht ergibt. Eine für seine Gegner noch fragwürdigere Selbsteinschätzung war, dass er sich gleichzeitig auf die beiden höchsten Hierarchiestufen eines Sufis erhob: Qutb („Pol, Achse“) bedeutet zu einer bestimmten Zeit die vorherrschende religiöse Macht, Tidschani bezeichnete sich als, „Pol der Pole“ (quṭb al-aqṭāb), das spirituelle (sogar göttliche) Zentrum des Universums, von dem alle anderen, Qutb genannten Religionsführer ihre Macht herleiten würden. Sein zweiter beanspruchter Rang war der eines „Siegels der muhammedanischen Heiligkeit“ (ḫatm al-auliyāʾ al-Muḥammadīya), also der letzte der vom Propheten autorisierten Heiligen. Seine Anhänger nahmen ihm diese Ansprüche ab, denn für sie ist die Rechtfertigung Tidschanis, er habe in einer Vision den Propheten direkt gesehen, ein hinreichender Beweis und die Grundlage ihres Glaubens.

Als sich Ahmad at-Tidschani 1789 in Fès niedergelassen hatte, konnte er mit Unterstützung von Sultan Mulai Sulaiman seine Zawiya gründen. Diese Verbindung zum Herrscherhaus war prägend für die Entwicklung des Ordens, dessen Mitglieder sich aus der oberen Schicht zusammensetzten. Kein anderer Orden war bis zum Beginn des französischen Protektorats 1912 so eng mit dem Makhzen verbunden.

Tidschani verbreitete seine Lehre im marokkanischen Fès und in Südalgerien und entwickelte sie zum wichtigsten Zweig der Chalwati-Tariqa. Sein Lehrer Muhammad ibn Hamwi at-Tidschānī (genannt: Abū ʿAbdallāh) unterrichtete ihn gemäß der malikitischen Rechtsschule. Tidschani erhielt seine Legitimation nicht wie üblich durch Einweisung in die Prophetenabstammung (Silsila), sondern behauptete, es sei direkt eine Vision vom Propheten zu ihm gekommen, die seine frühere Initiation in den Chalwati-Orden ungültig mache.

In seinen letzten Lebensjahren verbot er seinen Anhängern, andere Sufiorden oder die Grabstätten anderer Heiliger (Walis) zu besuchen, da die Tidschaniyya die letztgültigen Aussagen treffe. Besonders problematisch war diese Vorschrift für seine Anhänger in Fès, weil die Einwohner dort üblicherweise zur Qubba ihres Schutzpatrons Mulai Idris pilgerten. Ebenfalls in Tidschanis Lehre ist seine Vorliebe für Luxusdinge und eine angenehme Lebensweise eingegangen. Viele Ordensmitglieder in Marokko gehörten im 19. Jahrhundert zur wohlhabenden Schicht oder waren hohe Funktionäre in der Regierung des Sultans. Tidschani starb 1815 in Fès.Abun-Nasr: The Tijaniyya. 1965, S. 15f., 34, 40f.

Eine der wichtigsten Quellen für die Frühgeschichte der Tidschānīya ist das Buch „Lüften des Schleiers über diejenigen Gefährten, die mit dem Scheich at-Tidschānī zusammengetroffen sind“ (Kašf al-ḥiǧāb ʿamman talāqa maʿa aš-šaiḫ at-Tīǧānī min al-aṣḥāb) von Ahmad Sukairidsch (st. 1944).Vgl. hier das Digitalisat der Ausgabe 1961.

Ausbreitung in Nord- und Westafrika Nach Ahmad at-Tidschānīs Tod wurde der Orden von seinem Sohn ʿAlī at-Tamāsīnī geleitet, der in dem ostalgerischen Ort Tamāsīn residierte. In ʿAin Mādī, dem südalgerischen Heimatort von Ahmad at-Tidschānī, fasste der Orden schon vor 1820 Fuß, geriet aber hier mit den Angehörigen des Tidschāna-Stammes, den sogenannten Tadschādschina, in Konflikt. Die Auseinandersetzung zwischen Tidschānīya, Emir ʿAbd al-Qādir, der den Ort 1838 belagerte, und den Tadschādschina dauerte bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts und führte zur schrittweisen Vertreibung der Tadschādschina aus dem Ort.Vgl. El Adnani: La Tijâniyya 1781-1881. 2007, S. 211–219. Nach dem Tod von ʿAlī at-Tamāsīnī im Jahre 1844 ging die Führung des Ordens auf Muhammad as-Saghīr über, der seinen Sitz bereits in ʿAin Mādī genommen hatte. Er versuchte, nach dem Zusammenbruch der Osmanischen Herrschaft im Land einen eigenen Tidschāni-Staat in Südalgerien zu gründen. Unter Ahmad at-Tidschānī II, dem Enkel des Ordensgründers, der zwischen 1865 und 1897 in ʿAin Mādī residierte und freundliche Beziehungen zur französischen Kolonialmacht unterhielt, erlebte der Ort große wirtschaftliche Prosperität und entwickelte sich zu einem wichtigen spirituellen Zentrum des Ordens. Daneben blieb Tamāsīn ein zweites Zentrum des Ordens in Algerien, das mit ʿAin Mādī rivalisierte.

Zur Verbreitung der Tidschānīya in Tunesien hat vor allem der Gelehrte Ibrāhīm ar-Riyāhī (1766/67–1849/50) beigetragen. Er war schon 1797 bei einem Besuch von Ahmad at-Tidschānīs Anhänger Harāzim Barāda in Tunis in den Orden eingeführt worden. In den Jahren 1803 bis 1804 reiste er anlässlich einer Hungersnot in Tunesien nach Marokko, um den marokkanischen Sultan Mulai Sulaiman um Lebensmittelhilfe zu bitten. Bei dieser Gelegenheit traf er selbst in Fès mit Ahmad at-Tidschānī zusammen. Nach seiner Rückkehr gründete ar-Riyāhī in Tunis die erste Tidschānīya-Zāwiya. Gleichzeitig spielte er eine wichtige Rolle im öffentlichen Leben von Tunis: 1828/29 wurde er zum Obermufti ernannt, 1839/40 zum Rektor der Madrasa der Ez-Zitouna-Moschee, und als 1841 Ahmad I. al-Husain beschloss, auf seinem Territorium die Sklaverei abzuschaffen, gab er als Mufti dazu die offizielle Approbation.Vgl. El Adnani: La Tijâniyya 1781-1881. 2007, S. 191–193.

Von Marokko dehnte sich der Tidschānīya-Orden um 1800 in der westlichen Sahara nach Süden aus. Muhammad al-Hāfiz ibn al-Muchtār (1759–1830) aus dem Idaw-ʿAlī-Stamm, der Ahmad at-Tidschānī in Fez getroffen hatte, führte den Orden in Mauretanien ein. Sein favorisierter Schüler Maulūd Fāl verbreitete ihn in der Senegambia.Vgl. A. Dedoud Ould Abdellah: Le „passage au sud“. Muhammad al-Hafiz et son héritage. In: Triaud/Robinson (Hrsg.): La Tijâniyya. 2000. S. 69–100.

ʿUmar Tall und das Tukulor-Reich Zum einflussreichsten Vertreter der Tidschānīya in Westafrika wurde um die Mitte des 19. Jahrhunderts der Tukulor-Gelehrte al-Hāddsch ʿUmar ibn Saʿīd Tall (1796–1864). Er war ein indirekter Schüler von Maulūd Fāl in Senegal und gelangte während eines Aufenthalts in Mekka zu hohem Ansehen. Während seiner etappenweisen Rückkehr von Mekka hielt er sich acht Jahre in Sokoto auf, wo er ein gutes Verhältnis zu Mohammed Bello, dem Nachfolger Usman dan Fodios unterhielt und dessen Töchter heiratete.

Die Bruderschaft geriet in Mauretanien und am Niger in Konflikt mit der einflussreichen Qadiriyya, vor allem mit den Ulama (Korangelehrten) aus dem Clan der al-Baqqā'ī in Timbuktu, die als oberste Autoritäten in theologischen und juristischen Fragen beim Maurenvolk der Kunta galten. Bis zur Eroberung des heutigen Mali durch die Franzosen gab es Streit um theologische Fragen und die Auslegung von Koranvorschriften für das tägliche Leben betreffend. Nach seiner Rückkehr nach Westafrika organisierte Umar ibn Saʿid Tall von 1851 bis zu seinem Tod einen Dschihad gegen die seiner Meinung nach „heidnischen“ Muslims im Gebiet zwischen den heutigen Staaten Mali, Senegal und Guinea und gegen die französischen Kolonialtruppen. 1855 eroberten seine Streitkräfte das Bambara-Reich von Segu, zogen weiter nach Osten und besiegten 1862 das vom gegnerischen (der „Apostasie“ bezichtigten) Qādirīya-Orden geprägte Fulbe-Reich von Masina. Nach anfänglichem Erfolg und hohen Verlusten auf beiden Seiten wurde Umar bei einer Revolte 1864 umgebracht. Die Unfähigkeit, in den eroberten Gebieten eine funktionierende Ordnung herzustellen und die auch nach seinem Tod fortgeführten kriegerischen Auseinandersetzungen haben zu einer schlechten Beurteilung seiner puritanischen Bewegung beigetragen.John Glover: Sufism and Jihad in Modern Senegal. The Murid Order (= Rochester Studies in African History and the Diaspora. Bd. 32). University of Rochester Press, Rochester NY u. a. 2007, ISBN 978-1-580-46268-6, S. 58–61

ʿUmar wurde von den Anhängern des Ordens als führender Intellektueller anerkannt, sein Hauptwerk Kitāb ar-Rimāh ist ebenso verbreitet wie das Jawāhiral al-maʿānī des Gründers at-Tidschani. Seine Ablehnung der anderen Sufi-Orden wird in der Redewendung deutlich, die zum Sprichwort wurde: „Qadiriyya und Tidschaniyya sind wie Eisen und Gold.“

Zusammenarbeit mit der französischen Kolonialmacht In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts arbeiteten die Tidschanis in Algerien und Tunesien eng mit der französischen Kolonialverwaltung zusammen, im Unterschied zu vielen anderen aufständischen Sufiorden. Unter Ahmad at-Tidschānī II, der 1897 starb, wurde der Orden in Algerien immer mehr zu einem Instrument der französischen Kolonialpolitik. Nach dessen Tod kam es über dem Streit, wo er beerdigt werden sollte, zu einer Spaltung der beiden algerischen Tidschānī-Zāwiyas, die bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts andauerte.Abun-Nasr: The Tijaniyya. 1965, S. 74–76 Auch in Marokko kooperierten die meisten Tidschānī-Führer mit den Franzosen und setzten sich dadurch der Feindschaft der anderen Bruderschaften aus.Abun-Nasr: The Tijaniyya. 1965, S. 93–98

Ähnliche Entwicklungen zeichneten sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Westafrika ab, wo einer der wichtigsten Tidschani-Sufis Abdoulaye Niass war. Er stammte aus der Region um Jolof, ging 1890 auf Wallfahrt nach Mekka und wechselte wahrscheinlich 1901 nach Gambia, um möglichen Konflikten mit den französischen Kolonialherren auszuweichen. Nach einer weiteren Wallfahrt im Jahre 1910 erreichte er eine Einigung mit den Franzosen. Sie teilten ihm, seiner Familie und seinen Anhängern einen Platz in Kaolack zu, dem wichtigsten Zentrum der Saloum-Region zu. Dort errichtete Abdoulaye Niass die zāwiya von Lewna Niasseen.Vgl. David Robertson: „An emerging pattern of cooperation between colonial authorities and Muslim societies in Senegal and Mauritania“ in D. Robinson und J.-L. Triaud (ed.): Le temps des marabouts. Itinéraires et stratégies islamiques en Afrique occidentale française v. 1880-1960. Paris 1997. S. 155–181. S. 174.

Ausbreitung in andere Gebiete Im Jahre 1904 ließ sich der aus Djenné stammende Tidschānī-Sufi Muhammad ibn Muhammad Salmā in El Fasher in Darfur nieder und gründete dort eine Zāwiya (Versammlungsort). Sein Sohn Sīdī Muhammad († 1956) erbaute in El Fasher eine Moschee und verbreitete von dort aus die Lehren der Tidschānīya im westlichen Sudan.

Über die Türkei gelangte im 19. Jahrhundert ein kleiner Zweig der Tidschaniyya im Schatten des mächtigen Bektaschi-Derwischordens bis nach Albanien.Robert Elsie: Der Islam und die Derwisch-Sekten Albanien. Anmerkungen zu ihrer Geschichte, Verbreitung und zur derzeitigen Lage. (PDF; 159 kB) Kakanien Revisited, Mai 2004, S. 9 In den 1930er Jahren kam die Tidschaiyya auch nach Indonesien, wo sich seither der Orden von der Nordküste Javas aus verbreitet.Chapter 8: Pesantren and Tarekat: The role of Buntet. The Origin of Tijaniyah. In: Abdul Ghoffur Muhaimin: The Islamic Traditions of Cirebon. Ibadat and Adat Among Javanese Muslims. Republic of Indonesia – Ministry of Religious Affairs – Centre for Research and Development of Socio-Religious Affairs, Office of Religious Research, Development, and In-Service Training, Jakarta 2004, ISBN 979-3561-90-4

Tidschānīya-Riten und -Lehren Insgesamt zeichnet sich Tidschānīya-Bruderschaft durch drei verschiedene Riten aus: