Als Verrechnungspreis (auch Transferpreis oder Konzernverrechnungspreis) wird in der Betriebswirtschaftslehre, der innerbetrieblichen Leistungsverrechnung und in der Konzernrechnungslegung derjenige Preis bezeichnet, der innerhalb eines Unternehmens zwischen Kostenstellen oder Profitcentern verwendet wird oder im Konzern einheitlich bei allen Tochtergesellschaften für bestimmte Wirtschaftsobjekte angewandt wird (Konzernverrechnungspreis).

Allgemeines Das Konzept wird auch als Verrechnungspreisprinzip bezeichnet und beruht handels- und steuerrechtlich auf dem Fremdvergleichsgrundsatz (, ALP). Dieser Grundsatz verlangt, dass bei einer vergleichbaren Transaktion unter voneinander unabhängigen Dritten auf einem externen Markt die dortige Preisbildung bei Verrechnungspreisen berücksichtigt wird. Verrechnungspreise zielen darauf ab, dass eine einheitliche Bewertung von Wirtschaftsgütern und Leistungen stattfinden kann. Die Besonderheit von Verrechnungspreisen besteht darin, dass ihre Preisbildung nicht auf einem Markt durch Angebot und Nachfrage als Marktpreis entsteht, aber einem so zustande gekommenen Preis angenähert ist. Ökonomische Bedeutung erlangen Verrechnungspreise in zweifacher Hinsicht, einerseits durch Anreiz- und Lenkungsfunktionen bei einer Profit-Center-Struktur und andererseits durch ihre steuerlichen Auswirkungen.

In Unternehmen mit mehreren Fertigungsstufen kann ein Materialfluss entlang einer Wertschöpfungskette beobachtet werden, der die Aufteilung in eigenständige Kostenstellen oder Profitcenter rechtfertigt.Günter Wöhe, Ulrich Döring: Einführung in die Allgemeine Betriebswirtschaftslehre. 25. Auflage. 2013, ISBN 978-3-8006-4687-6, S. 205. Dabei bildet jede Fertigungsstufe eine eigenständige Abrechnungseinheit, welche die von ihr erbrachten Teilleistungen mit einem Verrechnungspreis an die nächste Stufe weitergibt.

Funktionen von Verrechnungspreisen Lenkung und Koordination Verrechnungspreise können das Verhalten einzelner Bereichsleiter so beeinflussen, dass der Gewinn des Gesamtunternehmens maximiert wird.Theresia Theurl, Eric Christian Meyer: Kooperationscontrolling und Verrechnungspreise. 2004, ISBN 978-3-7908-0162-0, S. 167. Genau wie die Volkswirtschaft pretial, d. h. über den Preis, koordiniert wird, so können auch im Betrieb über koordinierende „Lenkpreise“Dieses Modell und der Begriff der „Lenkpreise“ geht auf Eugen Schmalenbach zurück; vgl. Eugen Schmalenbach: Über Verrechnungspreise. In: Zeitschrift für handelswissenschaftliche Forschung. 3, 1908/1909, S. 165–184. Ressourcen einer optimalen Verwendung zugeführt werden. Die Bereichsleiter planen bei dieser „pretialen Lenkung“ mit dem Preis, mit dem ein Transfer bewertet wird.

Auf diese Weise kann sich die Unternehmensführung aus der operativen Betriebsführung zurückziehen und sich mit strategischen Fragestellungen befassen, da bestimmte Entscheidungen der Bereiche autonom über Verrechnungspreise getroffen werden können. Durch diese stärkere Eigenverantwortlichkeit der Bereiche in dezentralen Organisationsstrukturen kann es jedoch zu Bereichsegoismen kommen, die wiederum aus Unternehmenssicht suboptimale Effekte haben können.

Die Lenkungsfunktion der Verrechnungspreise gilt als erfüllt, wenn die Entscheidungen der Bereichsleiter auf Grundlage des Verrechnungspreises genau den Entscheidungen entsprechen, die eine – allwissende – Zentrale getroffen hätte.Birgit Friedl: Controlling der Ökonomik. 2003, ISBN 978-3-8252-2117-1, S. 447 f.

Erfolgszuweisung und Motivation Durch die Bewertung interner Transfers erfolgt die Erfolgsbewertung der Bereiche mittelbar durch die Verrechnungspreise.Theresia Theurl, Eric Christian Meyer: Kooperationscontrolling und Verrechnungspreise. 2004, S. 167. Einerseits ist er der (interne) Erlös des liefernden oder leistenden Bereiches, andererseits gibt er die (internen) Einstandskosten des beziehenden Bereichs an. Dieser Bereichserfolg ist Grundlage für Entscheidungen des Bereichsmanagements; das Management des Unternehmens knüpft strategische Maßnahmen oder Mittelzuteilungen daran an, und er dient zur Leistungsbeurteilung.Ralf Ewert, Alfred Wagenhofer: Interne Unternehmensrechnung. 2005, ISBN 978-3-540-23617-7, S. 579 f. Problematisch bei der Erfolgsermittlung ist die Verrechnung von Synergien (z. B. economies of scope) – Diese sind gewöhnlich keinem der beteiligten Bereiche zuzurechnen, da sie nur durch die gemeinsame Leistung entstehen.Ralf Ewert, Alfred Wagenhofer: Interne Unternehmensrechnung. 2005, S. 580.

Verrechnungspreise können bestimmte Parameter, die für die Motivation von Entscheidungsträgern relevant sind, beeinflussen. Sie selbst entfalten jedoch keine unmittelbare Motivationswirkung.Andreas Kreuter, Alfred Kieser: Verrechnungspreise in Profit-Center-Organisationen. 1999, ISBN 978-3-87988-222-9, S. 143. Damit ein Verrechnungspreissystem extrinsische Motivationswirkung auslösen kann, muss ein Zusammenhang zwischen den Bereichsentscheidungen auf der Grundlage der verwendeten Verrechnungspreise, den Erfolgsrechnungen der Bereiche und der Beurteilung der verantwortlichen Bereichsleiter hergestellt werden. Für eine Motivationswirkung muss der Bereichsleiter jedoch auch die Möglichkeit der Beeinflussung des Erfolgs haben und das Verrechnungspreissystem akzeptieren. Dann können gezielt Belohnungen eingesetzt werden und der Bereichsleiter wird entsprechend versuchen, seine Beurteilungsgröße zu optimieren.Christian Scholz: Konzernverrechnungspreise. In: Alexander Vögele, Thomas Borstell, Lorenz Bernhardt (Hrsg.): Verrechnungspreise: Betriebswirtschaft, Steuerrecht. 1999, ISBN 978-3-406-71598-3, S. 28. Sollten jedoch nicht beeinflussbare Faktoren zu finanziellen Einbußen des Bereichsleiters führen, kann dies auch zu einer negativen Motivationswirkung führen.Andreas Kreuter, Alfred Kieser: Verrechnungspreise in Profit-Center-Organisationen. 1999, S. 157 f. Über Verrechnungspreise und die Simulation eines Marktes können Bereichsleiter in die Rolle von „Quasiunternehmern“Hans-Hermann Bruckschen: Verrechnungspreise in Spartenorganisationen. 1981, ISBN 978-3-8204-6930-1, S. 87. versetzt werden, wodurch das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung befriedigt wird und Leistungsanstrengung angeregt werden kann.

Steuerminimierung In einem Konzern lassen sich über Verrechnungspreise Gewinne zwischen mehreren juristisch selbständigen Gesellschaften im Konzernverbund verschieben: Über die Ansetzung von Verrechnungspreisen kann der Gewinn in die leistende oder beziehende Gesellschaft verlagert werden. Sind die beiden Bereiche von unterschiedlicher Rechtsform oder liegt der Geschäftssitz in Staaten mit unterschiedlicher Steuerbelastung (Hochsteuerland, Niedrigsteuerland), wird man den Verrechnungspreis so wählen, dass der größte Gewinn bei der Gesellschaft mit der geringsten Steuerbelastung entsteht. Dem sind jedoch durch nationale und internationale Steuervorschriften Grenzen gesetzt.Ulrich Kleinschnittger, Beteiligungs-Controlling, 1993, S. 122; ISBN 978-3-8006-1703-6 Im Zuge des Wegfalls von zwischenstaatlichen Handelshemmnissen gewinnen Besteuerungsunterschiede verstärkten Einfluss auf unternehmerische Entscheidungen.Christian Scholz, Konzernverrechnungspreise, in: Alexander Vögele/Thomas Borstell/Lorenz Bernhardt (Hrsg.), Verrechnungspreise: Betriebswirtschaft, Steuerrecht, 1999, S. 52 Sofern beteiligte Finanzbehörden unterschiedliche Korrekturen vornehmen, besteht auch die Gefahr einer Doppelbesteuerung.Holger Kahle, Internationale Verrechnungspreise aus steuerlicher Sicht, 2007, S. 96; ISBN 978-3-482-67481-5 Die wirtschaftliche Bedeutung der Steuerminimierungsfunktion wird deutlich, wenn man bedenkt, dass nach Schätzungen der OECD mehr als 60 % des Welthandels über konzerninterne Transaktionen abgewickelt werden.Holger Kahle, Internationale Verrechnungspreise aus steuerlicher Sicht, 2007, S. 96 Das hat die Verrechnungspreisgestaltung bei multinationalen Unternehmen zunehmend in den Fokus des Interesses des Steuergesetzgebers gerückt. Mehr als vierzig Länder haben in der letzten Zeit ihre diesbezüglichen Regelungen ausgebaut.Transfer Pricing, Vecteurs de croissance n°1, S. 10

Weitere Funktionen Des Weiteren werden in der Literatur folgende Funktionen genannt: Vereinfachung und Beschleunigung: Durch eine Entkopplung von Schwankungen des Marktpreises ermöglichen Verrechnungspreise durch die Eliminierung von sich überlagernden Preis- und Mengeneffekten eine differenzierte Abweichungsanalyse und Kostenkontrolle, etwa auf Kostenstellenebene.Stefan Trost, Koordination mit Verrechnungspreisen, 1998, S. 50; ISBN 978-3-8244-6779-2 Verrechnungspreise werden in der Bilanz zur Bewertung der Leistungen herangezogen und dienen so der bilanziellen bzw. steuerlichen Gewinnermittlung bzw. Bestandsbewertung.Gerhard Mensch, Verrechnungspreise als Controlling-Instrument, in: Betrieb und Wirtschaft 22, 2003, S. 926 Daher müssen sie den handels- und steuerrechtlichen Vorschriften entsprechen – Ermessensspielräume können zugunsten der Unternehmung genutzt werden.Wolfgang Kilger, Aufgaben im betrieblichen Rechnungswesen durch durch multifunktionale Arbeitsplatzsysteme EMS 5815, 1984, S. 4 Im Konzern sollen Verrechnungspreise auch dazu führen, dass die Bilanzen der Konzernunternehmen bestimmte Strukturen und Relationen aufweisen, womit letztlich die Kapitalkosten beeinflusst werden. Zu berücksichtigen sind dabei auch die Interessen der Anteilseigner und konzernfremder Gläubiger der Konzerngesellschaften.Ulrich Kleinschnittger, Beteiligungs-Controlling, 1993, S. 122 Im Rahmen von Ausschreibungen öffentlicher Aufträge oder bei Regulierungsverfahren für besondere Märkte, etwa Post-, Telekommunikations- und Energiemärkte, dienen Verrechnungspreise häufig zur Rechtfertigung gegenüber Regulierungsbehörden für den am (regulierten) Markt geforderten Preis einer LeistungJürgen Weber/Utz Schäffer, Einführung in das Controlling, 2006, S. 200; ISBN 978-3-7910-4333-3, denn neben den eingesetzten externen Leistungen sind auch die internen anzusetzen oder zu bewerten.Gerhard Mensch, Verrechnungspreise als Controlling-Instrument, in: Betrieb und Wirtschaft 22, 2003, S. 926

Zielkonflikte Verrechnungspreise können also eine Reihe von Funktionen erfüllen. Jedoch ist festzustellen, dass die verschiedenen Funktionen häufig in Zielkonflikten zueinander stehen. Erfüllt ein Verrechnungspreis eine Funktion besonders gut, so kann es sein, dass eine andere Funktion darunter leidet oder kontraproduktiv wirkt. Insbesondere die Funktionen Koordination auf der einen und Erfolgsermittlung/Motivation auf der anderen Seite stehen im Zielkonflikt zueinander.Ralf Ewert/Alfred Wagenhofer, Interne Unternehmensrechnung, 2003, S. 600; ISBN 978-3-662-65282-4 Ähnlich verhält es sich zwischen den betriebswirtschaftlich motivierten Funktionen Motivation/Steuerung und der Steuerminimierungsfunktion. Der Zielkonflikt wird deutlich, wenn beispielsweise internationale Verrechnungspreise rein aus Überlegungen zur Steuerminimierung gestaltet werden. Durch die Missachtung der Koordinationsfunktion bei der Bildung des Verrechnungspreises werden verzerrte Managemententscheidungen getroffen, die wiederum das Gesamtergebnis negativ beeinflussen können.Mario Stoffels/Ingo Kleindienst, Internationale Verrechnungspreise im Konzern, 2005, S. 94 f.; ISBN 978-3-937141-34-3 Die Zielkonflikte werden im Folgenden bei der Analyse verschiedener Verrechnungspreisarten deutlich.

Arten von Verrechnungspreisen