Roberto Maria Cesare RicciardoRoberto Vivarelli: La fine di una stagione. Memorie 1943–1945. Il Mulino, Bologna 2000, S. 9. Vivarelli (* 8. Dezember 1929 in Siena; † 14. Juli 2014 in Rom) war ein italienischer Zeithistoriker, der vor allem durch Arbeiten zum italienischen Faschismus in Erscheinung getreten ist.
In seiner Jugend nahm Vivarelli als Freiwilliger in den Streitkräften der faschistischen Italienischen Sozialrepublik von 1943 bis 1945 am italienischen BürgerkriegDer Begriff „Bürgerkrieg“ (guerra civile) wurde schon von Zeitgenossen zur Charakterisierung der Jahre 1943–45 gebraucht, seine Verwendung nach Kriegsende in Italien jedoch zunehmend ein Monopol neofaschistischer Kreise; erst seit den Debatten um Claudio Pavones 1991 veröffentlichtes Buch Una guerra civile. Saggio storico sulla moralità della Resistenza hat sich die Deutung der Jahre 1943–45 auch als Bürgerkrieg allgemein durchgesetzt, während die ausländische Forschung den Begriff seit jeher zur Charakterisierung des Bienniums gebrauchte. Siehe etwa Carsten Kretschmann: Der Umgang mit der faschistischen Diktatur in Italien nach 1943/45. Ein Aufriss. In: Wolfgang R. Assmann, Albrecht von Kalnein (Hrsg.): Erinnerung und Gesellschaft. Formen der Aufarbeitung von Diktaturen in Europa. Metropol-Verlag, Berlin 2011, S. 169–180, hier S. 174. teil. In der Nachkriegszeit studierte er Politikwissenschaft an der Universität Florenz. Ab 1956 forschte er fast sechs Jahrzehnte lang zu den Ursprüngen des italienischen Faschismus. Nachdem er an verschiedenen italienischen, amerikanischen und englischen Institutionen gearbeitet hatte, war Vivarelli von 1986 bis 2004 Professor an der Scuola Normale Superiore di Pisa.
Vivarellis dreibändige Storia delle origini del fascismo („Geschichte der Ursprünge des Faschismus“) gilt als Standardwerk für die Geschichte des primo dopoguerra, der Jahre nach dem Ersten Weltkrieg in Italien. Die Publikation seiner Memoiren im Jahr 2000, in denen er insbesondere seine Jugenderfahrung als Freiwilliger in der Italienischen Sozialrepublik beschreibt und kommentiert, löste eine publizistische Debatte auf nationaler Ebene aus. Manche Autoren warfen ihm im Zuge dessen eine revisionistische Geschichtsauffassung vor.Roberto Chiarini: Roberto Vivarelli, il «ragazzo di Salò» che ci ha insegnato cosa fu il fascismo. In: Il Giornale. Abgerufen am 3. September 2017.
Leben Kindheit im faschistischen Italien (1929–1942) Roberto Vivarelli wurde am 8. Dezember 1929 in Siena geboren. Seine Kindheit und Jugend im faschistischen Italien hat Vivarelli rückblickend in den 2000 veröffentlichten Memoiren unter dem Titel La fine di una stagione („Das Ende einer Jahreszeit“) ausführlich beschrieben und kommentiert. Von seiner Geburt bis zum fünften Lebensjahr lebte die Familie Vivarelli in Mailand.Roberto Vivarelli: La fine di una stagione. Memorie 1943–1945. Il Mulino, Bologna 2000, S. 9–12.
Während die Familie mütterlicherseits laut Vivarelli eher antifaschistisch gesinnt war,Roberto Vivarelli: La fine di una stagione. Memorie 1943–1945. Il Mulino, Bologna 2000, S. 97. war sein Vater ein überzeugter Faschist, der sich laut einem Brief an die Mutter vom 25. Februar 1942 bemüht hatte, seine Söhne zu „guten Katholiken und guten Faschisten“ zu erziehen„Ai miei figlioli raccomando di essere quali mi sono sforzato di educarli e come sono certo che tu li educherai buoni cattolici e buoni fascisti.“ (Roberto Vivarelli: La fine di una stagione. Memorie 1943-1945. Il Mulino, Bologna 2000, S. 16).. 1921 war der Vater als Universitätsstudent den Fasci italiani di combattimento und einer faschistischen squadra beigetreten und nahm im Oktober des folgenden Jahres am sogenannten Marsch auf Rom teil,Roberto Vivarelli: La fine di una stagione. Memorie 1943-1945. Il Mulino, Bologna 2000, S. 14. der einen entscheidenden Schritt im Prozess der Machtübernahme durch die Faschisten unter Führung Benito Mussolinis darstellte. 1935 gab der Vater seine Beschäftigung als Advokat auf, um am Abessinienkrieg teilzunehmen.Roberto Vivarelli: La fine di una stagione. Memorie 1943-1945. Il Mulino, Bologna 2000, S. 15. Gleichwohl soll der Vater zu Hause nur wenig über Politik geredet haben.Roberto Vivarelli: La fine di una stagione. Memorie 1943-1945. Il Mulino, Bologna 2000, S. 97.
Als er im Sommer 1935 nach Afrika aufbrach, zog die Familie in das mütterliche Haus in Siena um. Hier lebte Vivarelli ununterbrochen bis ins Frühjahr 1944 gemeinsam mit seinem älteren Bruder Piero Vivarelli, der Mutter und zwei Tanten.Roberto Vivarelli: La fine di una stagione. Memorie 1943-1945. Il Mulino, Bologna 2000, S. 9–12. In Siena besuchte Vivarelli regelmäßig samstagnachmittags die faschistische Jugendgruppe seines Stadtviertels, den gruppo rionale fascista „Alessandro Mini“ mit Sitz in der Piazza Santo Spirito. Sein Animator war Leo Rossi, ein Zeichenlehrer der Mittelschule (Scuola Media) und Militäroffizier. 1939 nahm Vivarelli in diesem Rahmen an einem von der Opera Nazionale Balilla organisierten Camping in Sovicille teil.Roberto Vivarelli: La fine di una stagione. Memorie 1943-1945. Il Mulino, Bologna 2000, S. 97 f.
Im Frühling 1941 verließ der Vater die Familie, um sich nach Festfahren der italienischen Offensive gegen Griechenland im 97. Bataillon der Camicie Nere (Divisione Bergamo) an dem von der deutschen Wehrmacht geleiteten Balkanfeldzug zu beteiligen. Er kehrte gegen Weihnachten noch einmal für wenige Monate zur Familie in Siena zurück, musste im Februar jedoch wieder an die jugoslawische Front. Dort wurde er wenig später von unter Führung Titos stehenden Partisanen getötet, als der junge Roberto zwölf Jahre alt war.Roberto Vivarelli: La fine di una stagione. Memorie 1943-1945. Il Mulino, Bologna 2000, S. 13–16.
Als Jugendlicher im Krieg (1943–1945) Am 25. Juli 1943 wurde Mussolini in einer Sitzung des faschistischen Großrats gestürzt und wenig später gefangen gesetzt; König Viktor Emanuel III. ernannte daraufhin Marschall Pietro Badoglio zum neuen Ministerpräsidenten, welcher zunächst erklärte, dass der Krieg an der Seite des deutschen Verbündeten fortgesetzt werde. Die Zwischenzeit der 45 Tage bis zum Bekanntwerden von Waffenstillstandsverhandlungen der monarchischen Regierung mit den Alliierten am 8. September 1943 war durch eine Atmosphäre der Ungewissheit und des Abwartens gekennzeichnet. Der gestürzte italienische Diktator war gefangen gesetzt geworden, konnte jedoch am 12. September von deutschen Fallschirmjägern im Rahmen des Unternehmen Eiche befreit werden. Die Besatzung Italiens durch deutsche Truppen infolge des 8. September und die Wiedereinsetzung Mussolinis in der Italienischen Sozialrepublik (Repubblica Sociale Italiana, RSI, inoffiziell auch: Republik von Salò) bedeutete für Italien faktisch den Beginn eines Bürgerkriegs (siehe auch Resistenza).Siehe etwa Charles Delzell: I nemici di Mussolini. Storia della Resistenza armata al regime fascista. Castelvecchi, Rom 2013, S. 193–226 (englisches Original: Mussolini’s Enemies. The Italian Anti-Fascist Resistance. Princeton University Press, Princeton (New York) 1961).
Dem Vorbild seines drei Jahre älteren Bruders Piero folgend, schloss sich Roberto Vivarelli in dieser Situation letztlich als Freiwilliger den Verbänden der Italienischen Sozialrepublik, an. In seinen Erinnerungen beschreibt Vivarelli, dass für die beiden Brüder aufgrund ihrer faschistischen Erziehung von Anfang an kein Zweifel über ihre Parteinahme für die Republik von Salò und das nationalsozialistische Deutschland bestand.Roberto Vivarelli: La fine di una stagione. Memorie 1943-1945. Il Mulino, Bologna 2000, S. 21. Noch mehr als das väterliche Vorbild hätten die glühenden Reden Rossis im Rahmen des gruppo rionale fascista seine Entscheidung beeinflusst.Roberto Vivarelli: La fine di una stagione. Memorie 1943-1945. Il Mulino, Bologna 2000, S. 98. Die Nachricht vom Tod Ettore Mutis erschütterte die Brüder,Roberto Vivarelli: La fine di una stagione. Memorie 1943-1945. Il Mulino, Bologna 2000, S. 19. während das Bekanntwerden der Befreiung Mussolinis am Morgen des 13. September sie in Begeisterung versetzte; als die Deutschen im späteren Verlauf des Tages in Siena einzogen, schwenkten die beiden selbstgebastelte Flaggen des sogenannten Dritten Reichs mit der Swastika.Roberto Vivarelli: La fine di una stagione. Memorie 1943-1945. Il Mulino, Bologna 2000, S. 23–24. Piero Vivarelli verließ Siena bereits am 16. September mit einer Abteilung Panzergrenadieren; später gehörte er dem Bataillon Lupo der Decima Mas an.Roberto Vivarelli: La fine di una stagione. Memorie 1943-1945. Il Mulino, Bologna 2000, S. 24 und 41. Dem jüngeren Roberto gelang es dagegen erst im September 1944 nach wiederholten Rückschlägen, sich den Streitkräften von Salò anzuschließen.
Rückschläge Dem von Roberto nach dem 8. September gestellten Antrag, der neugegründeten Guardia Nazionale Repubblicana in seiner Heimatstadt Siena beizutreten, wurde zwar offiziell stattgegeben; tatsächlich beschränkte sich sein Auftrag jedoch darauf, für zehn Tage die verlassenen sienesischen Kasernen von Porta Pispini zu putzen. Danach musste er auf die Schulbank des städtischen naturwissenschaftlichen Gymnasiums (Liceo Scientifico) zurückkehren. In dieser Zeit begann er, die Versammlungen des faschistischen Vereins, der Federazione fascista, zu besuchen. Nachdem die Faschisten den Befehl erlassen hatten, alle privaten Waffen einzusammeln, übernahm Roberto die Aufgabe, diese zu ordnen und zu katalogisieren. Er hörte auf, die Versammlungen der Federazione zu besuchen, als eine faschistische Jugendbewegung, der Movimento giovanile repubblicano, gegründet wurde. Motiviert durch die Nachricht, dass in La Spezia die Decima Mas die ersten Marineeinheiten der Italienischen Sozialrepublik ausbildete, versuchte Roberto, sich nach Padua durchzuschlagen, um dort das angeblich neugebildete, einst in Venedig befindliche Marinekolleg (Collegio Navale) zu besuchen; seit seinem zehnten Lebensjahr hegte er den Wunsch, Marineoffizier zu werden. In Florenz traf er auf eine Abteilung von Rekruten der Decima Mas, doch in Padua stellte sich heraus, dass der Collegio Navale nur noch dem Namen nach bestand.Roberto Vivarelli: La fine di una stagione. Memorie 1943-1945. Il Mulino, Bologna 2000, S. 17 und S. 27–31.