Bremenium war ein römisches Hilfstruppenkastell auf dem Gebiet der Gemeinde (Parish) Rochester (High Rochester), County Northumberland, England.

Im 1. Jahrhundert n. Chr. gegründet, wurde das Lager im 2. Jahrhundert von Grund auf erneuert und im 3. und 4. Jahrhundert mehrmals instand gesetzt. Seine Besatzung sollte die Dere Street überwachen, eine wichtige Fernverkehrsverbindung, die bis weit in den unwirtlichen Norden der britischen Insel führte. Die Region um Bremenium diente anscheinend auch als Bereitstellungsraum für Militäroperationen der Römer (siehe Marschlager). Es blieb auch weiterhin besetzt, als die Reichsgrenze wieder vom Antoninuswall auf den Hadrianswall zurückgenommen wurde. Danach war das Kastell eine der Befestigungen zur Vorfeldsicherung der Wallzone und für mehr als 200 Jahre eine der nördlichsten Militärstützpunkte des Römischen Reiches. Heute zählt es zu den am besten erhaltenen archäologischen Stätten im Northumberland-Nationalpark.

Name Das Kastell wird in mehreren antiken Schriftquellen erwähnt: in der Kosmografie des Geographen von Ravenna (Bremenium), im Itinerarium Antonini (Bremenio/Bremaenio), auf zwei Inschriften der in Rochester stationierten Aufklärungseinheit (Bremeniensum) und in der Geographike Hyphegesis des Claudius Ptolemäus (Bremenion). Im Itinerarium ist Bremenio am Beginn von Iter I platziert, zwanzig römische Meilen von Coriosopitum entfernt. In der Geographike Hyphegesis scheint sie zwischen zwei anderen Siedlungen der Votadini auf, Coriosopitum (Corbridge) und Alauna (Learchild). Die Ravenna-Kosmografie führt schließlich Bremenium zwischen Habitancum (Risingham) und dem bislang nicht identifizierten Coccimeda an. Da kein Eintrag in der Notitia dignitatum existiert, war das Kastell höchstwahrscheinlich im späten 4. Jahrhundert nicht mehr mit regulären Soldaten besetzt. Der antike Ortsname könnte „der Ort/Platz am rauschenden Bach“ (im keltischen brem = sprudeln/brüllen) bedeuten, womit vermutlich der im Westen am Kastell vorbeifließende Sills Burn gemeint ist.RIB 1262, RIB 1270, Itinerarium 463-3, Iter I, Ravenna: 107-45, Rivet/Smith, S. 276–277, Nach einer Studie von P. Jackson, aufgenommen von Rivet/Smith in Place-Names of Roman Britain, wäre es nicht unmöglich, dass BREMENIUM Schauplatz einer Schlacht des legendären König Artus war (Breuion var, walisisch: Brewyn).

Lage mini|Kastelle in Nordbritannien mini|Der Sill Burn bei Featherwood Das Kastell befindet sich in Rochester, 21 km nördlich von Corbridge (Corstopitvm/Coria) und 8 km nordwestlich von Otterburn, an der Dere Street (heute A68), die von York (Eboracum) bis nach Melrose (Trimontium) und zum Antoninuswall reichte. Es liegt zwischen der Autostraße und der römischen Straße nach Osten. Ab dort lief die Römerstraße über etwas höheres Terrain. Bremenium war die letzte römische Festung vor den Cheviot Hills und der Kreuzung mit der Römerstraße nach Learmouth. Am Standort des ehemaligen römischen Kastells entwickelte sich im Laufe der Jahrhunderte der Weiler High Rochester. Über die Dere Street war das Kastell mit den Lagern von Risingham (Habitancum), 14 km entfernt, Halton Chesters (Onnum), dem Walldurchgang am Portgate und dem Nachschubzentrum Corbridge verbunden. Das Lager stand auf einer herausgehobenen Position, ein Ausläufer eines Hügelkamms, der steil nach Norden und Westen abfällt und einen guten Ausblick nach Süden, Westen und Norden, auf das Flusstal des Rede und noch etwas darüber hinaus erlaubte. Im NW wird das Kastell vom Sill Burn umflossen. Das Plateau, auf dem sich das Kastell befindet, gehört heute zu den Weidegründen eines Bauernhofs, ist aber weitgehend von moderner Überbauung verschont geblieben. Einige landwirtschaftliche Gebäude konzentrieren sich um die Wälle an der Nord- und Westseite.Guy de la Bedoyere 1998, S. 121.

Forschungsgeschichte und Fundspektrum mini|Relief der Venus und zwei Nymphen im Bad Der Innenbereich des Lagers wurde 1832 teilweise ausgegraben. Die Kastellmauern wurden von 1852 bis 1855 freigelegt. Im Zuge dessen wurden das erste Mal die Grundstrukturen einer römischen Festung in Großbritannien enthüllt. Diese Grabungen wurden jedoch nur sehr schlecht dokumentiert. Eine weitere kleinere Ausgrabung fand 1935 statt. Dabei wurde die Principia, ein Abschnitt der inneren Wallstraße (via sagularis) und ein 5,7 Meter langer, l-förmiger Kasernenblock beobachtet. Seitdem fanden im Kastell keine größeren archäologischen Untersuchungen mehr statt.

Aus Rochester und seiner näheren Umgebung sind bis zu vierzig römische Inschriften bekannt. Der vielleicht interessanteste Fund ist ein 67 cm hohes, im Stil romano-britisches Relief aus dem 2. Jahrhundert n. Chr., das zwei Wassernymphen an der linken und rechten Seite und die badende Venus im Zentrum darstellt. Es basiert auf der Statue der Kauernden Aphrodite des Griechen Doidalses, geschaffen im dritten Jahrhundert v. Chr. Die Nymphen halten einen Wasserkrug und ein Tuch in den Händen, während Venus ihr Haar wäscht. Es stammt aus dem zweiten oder dritten Jahrhundert. Der einzige nennenswerte Keramikfund aus Rochester stammt aus Südgallien und konnte auf die 80er-Jahre des 1. Jahrhunderts n. Chr. datiert werden. Ansonsten wurden während der Ausgrabungen hauptsächlich Tierknochen geborgen (Ochse, Schaf, Schwein, Rotwild, Wildschwein, Hase, Fuchs und Dachs).Guy de la Bedoyere 1998, S. 122

Entwicklung mini|Trasse der Dere Street nahe Rochester Im Jahre 122 befahl Kaiser Hadrian, im Norden Britanniens eine Sperrmauer, verstärkt durch Wachtürme und Kastelle, vom Tyne bis zum Solway-Firth zu errichten, um die britischen Provinzen vor den ständigen Einfällen der Pikten aus dem Norden zu schützen. Der Wall wurde größtenteils durch Soldaten der drei in Britannien stationierten Legionen und der Classis Britannica errichtet. Fünf Kastelle (zwei davon sollten zusätzlich das Stammesgebiet der verbündeten Briganten sichern) lagen als Vorposten nördlich des Hadrianswalles.

Zur Regierungszeit der Flavier entstand in Rochester im 1. Jahrhundert n. Chr. (um das Jahr 80), im Zuge der Feldzüge des Gnaeus Iulius Agricola auf dem Siedlungsgebiet der Votadini zunächst eine Holz-Erde-Befestigung, die unter Trajan noch etwas erweitert wurde. Die jüngsten Untersuchungen deuten darauf hin, dass es über einer Siedlung aus der frühen Eisenzeit errichtet wurde. Eine Textstelle in der Geographica des Claudius Ptolemäus (frühes 2. Jahrhundert) berichtet, dass die „Otalini/Otadini“ auch in Alauna (Maryport) und Coria (Corbridge) ansässig gewesen sein sollen. Seine Besatzung sollte die Dere Street, die römische Hauptversorgungsstraße nach Schottland überwachen und ein Auge auf die indigene Bevölkerung haben. Der Abschnitt der Dere Street bei Rochester dürfte für die Armeeführung ein strategisch wichtiger Ausgangspunkt für Feldzüge in den Norden gewesen sein, wie der Nachweis einer ganzen Reihe von römischen Marschlagern im Nahebereich der Festung annehmen lässt. Als Rom seine Position in Südschottland gefestigt hatten, wurde offensichtlich auch eine militärische Präsenz in Rochester als vorteilhaft angesehen. Trotz des Sieges über die indigenen Stämme in der Schlacht am Mons Graupius (83) und dem Bau eines Legionslagers in Inchtuthil am Fluss Tay, zogen sich die Römer bald wieder aus Schottland zurück und konsolidierten schließlich den Limes an der Linie Tyne-Solway-Firth. Zur Zeit der Erbauung des Hadrianswalls war das Kastell vorübergehend unbesetzt. Unter dem Statthalter Quintus Lollius Urbicus wurde es im Zuge der Errichtung des Antoninuswalls zwischen 139 und 142 wieder mit Truppen belegt und in ein Steinkastell umgebaut, das die wichtigste Nachschubroute in den Norden sichern sollte. Das Kastell blieb auch nach dem endgültigen Rückzug der Armee vom Antoninuswall – in den frühen 160er Jahren – weiter belegt. Um 197 dürfte das Kastell entweder völlig zerstört oder schwer beschädigt worden sein.

mini|Münzporträt des Septimius Severus Zu Beginn des 3. Jahrhunderts wurde es im Zuge der Instandsetzung des Hadrianswalls unter Septimius Severus renoviert und – aufgrund seiner exponierten Lage – erheblich verstärkt. Es diente nun auch zur Vorfeldsicherung des Walls, da die Römer wohl weiterhin ihre ökonomischen und militärischen Interessen nördlich der Mauer verfolgten. Größere Baumaßnahmen am Kastell wurden – laut Inschriften – unter seinen Nachfolgern Caracalla, Elagabal und Severus Alexander vorgenommen. Zwei Bauinschriften dieser Zeit beziehen sich ein ballistarium.RIB 1280; RIB 1281 Dieses Wort, das nur aus wenigen Inschriften aus dem Römischen Reich bekannt ist, leitet sich offensichtlich von der Balliste, einem schweren römischen Feldgeschütz, her, seine genaue Bedeutung ist aber unklar. Möglich ist eine Interpretation als Plattform für Artilleriegeschütze an oder auf der Kastellmauer; als plausibler gilt aber mittlerweile, dass damit ein Lagergebäude im Kastell zur Unterbringung von Geschützen und Munition gemeint ist.Martin Mosser, Ekkehard Weber: Eine spätrömische Bauinschrift aus dem Legionslager Vindobona. In: Fundort Wien. Band 26, 2023, S. 160–172, hier S. 170–171; zustimmend Fritz Mitthof: Valentinian, Equitius und die Ballistarium-Inschrift aus Wien. In: Margit Linder, Werner Petermandl, Christoph Schäfer, Leif Scheuermann (Hrsg.): Libens Laetus Merito. Festschrift für Wolfgang Spickermann zum 65. Geburtstag (= Philippika. Band 180). Harrassowitz, Wiesbaden 2024, ISBN 978-3-447-12208-5, S. 143–149, hier S. 143.

Bis zur Mitte des 3. Jahrhunderts wurden Bremenium und Habitancum mit Aufklärern (exploratores) belegt, was auf zunehmend unruhigere Zeiten schließen lässt. Am Ende des 3. Jahrhunderts wurde das Kastell wieder zerstört, aber danach noch einmal aufgebaut. Unter Konstantin den Großen wurde ab 312 ein Großteil der römischen Truppen, die nördlich des Hadrianswalls standen, abgezogen. Vielleicht als Bedingung eines Friedensvertrages mit den Caledonen und Maetern. Um die Mitte des 4. Jahrhunderts (343 oder 360) wurde Bremenium erneut von den Pikten niedergebrannt und danach von den Römern endgültig aufgegeben. In der Notitia dignitatum, entstanden im späten vierten Jahrhundert, wird Bremenium nicht mehr erwähnt. Im Laufe der Jahrhunderte wurde es durch Steinraub bis auf die Fundamente abgetragen. Innerhalb der römischen Mauern wurden im 16. Jahrhundert (um 1581) zwei befestigte Bauernhäuser (Bastle, eines davon stand bei Gallow Knowe) zum Schutz vor Überfällen der Border Reivers errichtet. Das Kastellgelände ist heute ein Teil des Brigantium Archaeological Reconstruction Centre (Department of Archaeology, University of Newcastle).D.J. Breeze 1982, S. 138f.

Kastell mini|Befundplan von 1902 Obwohl heute ein Großteil des Mauerwerks zerstört ist, sind noch substantielle Reste der römischen Festung zu sehen. Vom Kastell haben sich Teile der westlichen Mauer, sowie des westlichen Tores (komplett bis zum Ansatz des Bogens) erhalten. Vor allem die unteren Segmente seiner Umfassungsmauer (Erdwälle mit Mauerwerk) sind noch fast vollständig sichtbar. Die Westmauer ist am besten erhalten geblieben. Längere Abschnitte der römischen Mauer sind auf der West- und Nordseite oberirdisch sichtbar. Dort haben auch die Substrukturen der Tore die Zeiten überstanden. Insgesamt dürfte das Lager während seiner Existenz vier Bauperioden durchlaufen haben. Vermutlich wurde an der Westseite der Festung – wie beim Wallkastell Halton Chesters (Onnum) – nachträglich eine Erweiterung (Annex) zugebaut, möglicherweise in Verbindung mit einem externen Badehaus. Aufgrund seiner exponierten Lage dürfte sich um das Kastell keine größere Zivilsiedlung (Vicus) entwickelt haben.

Holz-Erde-Kastell