Eine Klaviersonate ist eine Solosonate für Klavier. Diese Form der Instrumentalkomposition bietet einen Rahmen für die Verarbeitung musikalischer, häufig gegensätzlicher Gedanken.Carl Dahlhaus: Die Idee der absoluten Musik. Kassel 1987, S. 109. Sie ist meist in mehrere, auch intern strukturierbare Sätze geteilt. Sie entwickelte sich im Laufe des 17. Jahrhunderts aus anderen musikalischen Formen als Werkgattung für ein Tasteninstrument. Ihre erste verbindliche Form erhielt sie durch Joseph Haydn. Über 150 Jahre hinweg war sie dann in wechselnder innerer und äußerer Form eine der zentralen Formen der Klaviermusik. Einen Höhepunkt stellen die Klaviersonaten Beethovens dar. In der Romantik wandelte sie sich inhaltlich und formal stark und löste sich spätestens mit dem Aufkommen der Atonalität zu Beginn des 20. Jahrhunderts zusehends auf. Das theoretische Konzept der Sonate wurde nachträglich von der Musikwissenschaft aus einigen Werken abstrahiert und entspricht in seiner Vereinfachung häufig nicht der musikalischen Realität.

Der Begriff „Sonate“ Das Wort „Sonate“ (italienisch „sonata“) stammt vom italienischen Verb „sonare“ (klingen) und bedeutet so viel wie „Klingstück“. Als „Klaviersonate“ wurden im Verlauf der Musikgeschichte von 1650 bis in die Gegenwart musikalische Werke unterschiedlicher Art bezeichnet, so dass keine umfassende Definition möglich ist. Im engeren Sinn fallen unter den Begriff „Sonate“ aber nur Werke, welche die Definitionen der klassischen Sonate erfüllen und deren erster Satz der Sonatensatzform entspricht. Dies bedeutet: mini|315px|Vereinfachtes Schema von Exposition, Durchführung und Reprise des ersten Satzes Eine Großgliederung in mehrere, bei Joseph Haydn und speziell Mozart meist drei Sätze der Form schnell – langsam – schnell, mit der Charakterisierung dramatisch – lyrisch bzw. kantabel, häufig in Liedform – und oft tanzmäßig bzw. scherzend.Udo Zilkens: Beethovens Finalsätze in den Klaviersonaten – Allgemeine Strukturen und individuelle Gestaltung. S. 12. Im ersten Satz eine interne Gliederung in Themenvorstellung (Exposition) mit manchmal vorangestellter meist langsamer Einleitung, modulierende und variierende Themenverarbeitung (Durchführung), Wiederholung (Reprise – meist in der Tonika, Ausnahme z. B. in KV 545) und eventueller Coda. Im ersten Satz häufig eine tonale Teilung (Tonika – Dominantbereich) der Exposition in Haupt- und Seitenthema.Dietrich Kämper: Die Klaviersonate nach Beethoven – von Schubert bis Skrjabin. S. 2.

Diese Form kann erst seit Haydn konstatiert werden und wurde schon seit dem späten Beethoven und spätestens mit der Romantik zunehmend obsolet. Ab 1900 blieb meist nur noch der reine Begriff oder Werktitel „Sonate“ übrig, der dem theoretisch definierten Begriff der Sonate kaum noch entsprach. Werke des 20. Jahrhunderts tragen auch dann den Werktitel „Klaviersonate“, wenn sie, wie etwa Pierre Boulez’ dritte Klaviersonate, jeglichen Bezug zur Sonatentradition explizit ablehnen.Pierre Boulez: Anhaltspunkte. S. 257: „… diese vorklassischen oder klassischen Formen sind der größte Widersinn, der sich in der zeitgenössischen Musik finden lässt.“

Der Begriff „Sonatine“ bezeichnete im 17. Jahrhundert häufig die Einleitungssätze von Suiten, später kleine, leichter spielbare Sonaten, welche meist keine oder nur eine sehr kurze Durchführung besitzen.

Der Begriff „Klavier“ Bis etwa zur Mitte des 18. Jahrhunderts kann Klavier bzw. Clavier (Schreibweise z. B. bei Carl Philipp Emanuel Bach) prinzipiell jedes Tasteninstrument bezeichnen, also z. B. das Cembalo, das Klavichord und das Hammerklavier, aber auch die Orgel.

Stärker als bei anderen Gattungen ist die musikalische Entwicklung der Klaviersonate von der Entwicklung der Tasteninstrumente abhängig. So lässt das Cembalo keine Anschlags-, sondern lediglich eine Registrierungsdynamik (Terrassendynamik) zu; auf dem Klavichord dagegen ist eine stufenlose dynamische Gestaltung möglich. Es lässt zudem mit der Bebung eine Art Vibrato auf dem einmal angeschlagenen Ton zu, besitzt aber bei begrenztem Tonumfang ein eher kleines Tonvolumen.

Klaviermusik als heute gängiger Begriff ergibt sich rational erst im Zusammenhang mit den technischen Möglichkeiten und Klangvorstellungen des von Bartolomeo Cristofori ab 1698 konstruierten Hammerklaviers. Trotzdem werden heute auch Werke für Cembalo als Klaviermusik bzw. Klaviersonate bezeichnet.

Frühzeit Nimmt man nicht das Klavier (Cembalo), sondern Tasteninstrumente allgemein als Ausgangspunkt, so kann der Beginn der Gattung auf das Jahr 1605 festgelegt werden, in dem der Italiener Adriano Banchieri seinen Orgelkompositionen den Titel Sonate bzw. Sonata gab.

Die ersten heute erhaltenen Werke, die Klaviersonaten genannt wurden, stammen von dem italienischen Komponisten Gian Pietro del Buono aus Palermo. Es handelt sich um Bearbeitungen des Ave Maris Stella aus dem Jahr 1645. Es folgten vereinzelte Werke für Tasteninstrument mit der Bezeichnung Sonate, z. B. von Gregorio Strozzi aus dem Jahr 1687.

Barock und Frühklassik Mit dem Beginn des 18. Jahrhunderts wurden Klaviersonaten zu einer populären Gattung. Zahlreiche Komponisten schrieben Klavier- bzw. Cembalowerke,Anm.: Scarlattis Sonaten benennen mit dem Titel Essercizi per Gravicembalo ausdrücklich das Instrument. Die Sonaten von Scarlatti, den Bach-Söhnen und anderen Komponisten der Zeit werden auch heute noch wahlweise auf Cembalo oder Klavier gespielt. die sie Sonate nannten. mini|160px|Domenico Scarlatti, porträtiert von Domingo Antonio Velasco (1738)

Barock Eine frühe musiktheoretische Erwähnung findet sich im Musiklexikon von Sébastien de Brossard (1703). Dabei war der Begriff Sonate inhaltlich noch weitgehend undefiniert und wurde häufig austauschbar mit Bezeichnungen wie Toccata, Canzona, Phantasia, und anderen verwandt.Siegfried Mauser: Beethovens Klaviersonaten. 2001, S. 8.

Die erste weithin bekannte Reihe von Klaviersonaten schrieb der Thomaskantor Johann Kuhnau. Es handelt sich um die Musicalischen Vorstellungen einiger biblischer Historien, in 6 Sonaten auff dem Claviere zu spielen, die 1700 in Leipzig erschienen. Diese Werke gelten als Beginn der deutschen Klaviersonate. Die illustrativen Stücke geben verschiedene Geschichten des Alten Testaments auf dem Tasteninstrument wieder. Kuhnau schrieb hierzu:

Dabei konnte es sich um zyklische Formen oder um Einzelsätze handeln. So schrieb Domenico Scarlatti am spanischen Hof etwa 555 einsätzige Stücke, in denen er barocke und klassische Formen, Einflüsse spanischer Folklore (), sowie Virtuosität und Empfindsamkeit miteinander verband. In ihnen wird teilweise schon der SatzzyklusAnm.: Der amerikanische Cembalist und Scarlatti-Fachmann Ralph Kirkpatrick führt Gründe an, welche für eine Zusammenfassung von zwei, seltener auch drei, Sätzen zu einem Zyklus sprechen. Györgi Balla vertritt im Vorwort zu D. Scarlatti – 200 Sonate per clavicembalo – Parte seconda die Ansicht: „Bei den Sonatenpaaren, die ungefähr nach K. 100 folgen, handelt es sich (im Gegensatz zu einigen tatsächlich aus mehreren Sätzen bestehenden Scarlatti-Sonaten) um keine wirkliche Mehrsätzigkeit. Die Glieder der paarweise zusammengehörenden Sonaten sind lockerer miteinander verbunden al die Sätze der mehrgliedrigen Sonaten.“ und die Sonatensatzform vorweggenommen.Siegfried Mauser: Beethovens Klaviersonaten. S. 12. Mit den Sonaten, von denen zu seinen Lebzeiten nur wenige gedruckt wurden, gilt Scarlatti als bedeutender Komponist dieser Gattung. Die neue musikalische Form verbreitete sich schnell. Weitere Sonatenkomponisten der iberischen Halbinsel waren z. B. Pater Antonio Soler oder Carlos Seixas.

Sowohl französische als auch italienische Komponisten vermieden die Bezeichnung Sonate weitgehend, wenn es sich um Kompositionen für Klavier alleine handelte. François Couperin verwendete beispielsweise für seine Klavierwerke, die in Wirklichkeit Suiten sind und aus mehreren aufeinanderfolgenden Tanzsätzen bestehen, den Begriff Ordre, und Jean Philippe Rameau gab seine Werke unter dem Titel Pièces de Clavecin heraus. Der Begriff Sonate wurde in diesen Regionen eher für Werke für Melodieinstrumente oder Melodieinstrumente und Basso continuo verwendet. Typisch dafür ist die Triosonate. Im umfangreichen Klavierwerk von Johann Sebastian Bach existieren mit BWV 963 und 964 (eine Bearbeitung der Violin-Solosonate in a-Moll) nur zwei Werke für Tasteninstrumente, welche den Titel Sonate tragen.

Frühklassik Nördlich der Alpen begann ein regelmäßiges und systematisches Komponieren von Klaviersonaten erst mit der Generation von Johann Sebastian Bachs Söhnen. So schrieb Carl Philipp Emanuel Bach zahlreiche Klaviersonaten und unterschied auch zwischen dem aufkommenden Hammerklavier und dem Cembalo. Bachs Söhne lebten genau im Zeitalter der Ablösung des Cembalos durch das Klavier.

Die Entwicklung von Klavichord und Hammerklavier ermöglichte einen tiefgreifenden Umbruch in der Komposition. Erstmals nutzten die Komponisten in ihren Kompositionen für Klavier alleine die Möglichkeit kleinräumiger dynamischer Differenzierung als stilgebenden Parameter. Hiervon machten beispielsweise die Bachsöhne, insbesondere Carl Philipp Emanuel und Johann Christian Bach, regen Gebrauch. Es kam zur Ausprägung des galanten und empfindsamen Stils in der Klaviermusik. mini|380px|Ausschnitt aus dem Adagio von Carl Philipp Emanuel Bachs Klaviersonate in F-Dur ()

Die Werke Carl Philipp Emanuel Bachs und des nahezu gleichzeitig lebenden Joseph Haydn erlangten für spätere Komponisten, insbesondere für Mozart und Beethoven, Vorbildcharakter. Obwohl weder Satzfolge oder Form festgeschrieben waren, wurde die Mehrsätzigkeit jedoch zur Regel. Immer häufiger setzte sich als grundlegende Form die Umklammerung eines langsamen Satzes durch zwei schnelle Sätze durch. Johann Christian Bach trieb in seinen Sonaten besonders die Periodisierung innerhalb der Themen in viertaktigen Vorder- und Nachsatz voran. Einem meist kantablen Hauptthema folgt meist freie Figuration, ohne dass sich daraus ein in der Klassik später obligates zweites Seitenthema klar herausbildet.Siegfried Mauser: Beethovens Klaviersonaten. C. H. Beck, 2001, S. 13. In den circa 150 Sonaten des als typischer Vertreter der „neuen Empfindsamkeit“ geltenden Carl Philipp Emanuel Bach wird der Gegensatz unterschiedlicher musikalischer Themen dagegen schon schärfer und kontrastreicher herausgearbeitet. Diese werden dabei häufig in stark figurativen Fortspinnungen aus einem gemeinsamen thematischen Kern entwickelt.Wolfgang Horn: Carl Philipp Emanuel Bachs frühe Klaviersonaten – eine Studie zur Form der ersten Sätze nebst einer kritischen Untersuchung der Quellen. Verlag der Musikalienhandlung Wagner, Hamburg 1988, S. 17 ff., 60–62 und 197–199. In seinen meist hochvirtuos gehaltenen, einfallsreichen und mitunter harmonisch zukunftsweisenden Sonaten ist eine klare Trennung zwischen rein thematischen, expressiven, und eher spielerischen Partien dennoch schwierig.Siegfried Mauser: Beethovens Klaviersonaten. C. H. Beck, 2001, S. 13 und 14.

Giambattista Martini wendet sich mit seinen späteren Sonaten dem Stil Johann Christian Bachs und des frühen Mozart zu. Erwähnenswert sind ebenfalls die frühklassischen Sonaten von Pietro Domenico Paradisi und Baldassare Galuppi. Zukunftsweisend sind die Werke von Friedrich Wilhelm Rust. Georg Benda schrieb 16 Sonaten und 34 Sonatinen.Klaus Wolters: Handbuch der Klavierliteratur zu zwei Händen. 1977, S. 211 bis 223