mini|Johann Gaudenz von Salis-Seewis, Edme Quenedey (unter Verwendung des 1786 erfundenen Silhouettierstuhls Physionotrace entstandener Kupferstich)
Johann Gaudenz Gubert (Freiherr, ab 1815 Comte) von Salis-SeewisSeewis wurde auf Französisch Scevis, Sevis, Sévis oder Séevis geschrieben. Als Dichter schrieb er sich in der Revolutionszeit nur «J. G. Salis». Vom Titel Comte machte er nie Gebrauch. (* 26. DezemberFalsches Geburtsdatum 26. September: Dresdner Journal. 27. März 1862, S. 289 f. (); Édouard-Marie Oettinger (Hrsg.): Moniteur des Dates […] (Dresden). 25. Lieferung, Januar 1868, S. 9 (). 1762Falsches Geburtsjahr 1763: Neues Genealogisches Handbuch […]. Adeliches Handbuchs-Comptoir, Frankfurt am Main. 1. Theil, 1778, S. 370 (); 2. Theil (Nachtrag), 1780, S. 164 (). in Malans; † 29. Januar 1834 ebendort) war ein Schweizer Dichter und General. In französischen Diensten machte er sich einen Namen als Verfasser deutschsprachiger Lyrik.Die Einschätzung seiner Bedeutung auf diesem Gebiet schwankt. Während ihn Friedrich Pieth: Bündnergeschichte. F. Schuler, Chur 1945, S. 292, den «namhaftesten Schweizer Lyriker vor Gottfried Keller» nannte, war er in den Augen von Christian Erni: Ein Heimatloser und ein Vergessener. Rainer Maria Rilke und Johann Gaudenz von Salis im Palazzo Salis in Soglio. In: Bündner Monatsblatt. 2000, S. 43–58, hier S. 57 (), nur ein «bescheidener Freizeitdichter». Als einziger Angehöriger des mächtigsten Adelsgeschlechts der Drei Bünde teilte er die Ideale der Revolution. Nach Hause zurückgekehrt, gehörte er der Partei der PatriotenAlexander Pfister: Die Patrioten. Ein Beitrag zur Geschichte Bündens am Ausgange des XVIII. Jahrhunderts. (Diss. Universität Bern.) In: Jahresbericht der Historisch-antiquar. Gesellschaft von Graubünden 33/1903, separat paginiert (); an, machte sich aber am Verlust des Veltlins mitschuldig. Andererseits betrieb er den Beitritt seiner Heimat zur Helvetischen Republik, deren Armee er 1799 als Generalstabschef kommandierte.Generalstabschef: 5. April–6. Juni 1799; Oberbefehlshaber: ab 26. Mai. Danach bekleidete er Ämter in Politik und Justiz des Einheitsstaats wie auch Graubündens, das 1803 vom helvetischen Kanton Rhätien zum Stand der von Bonaparte mediatisierten Eidgenossenschaft wurde.
Herrschaft Maienfeld
mini|Malans in der Herrschaft Maienfeld, Elias Emanuel Schaffner (um 1830)
Malans gehörte zur Herrschaft Maienfeld. Diese war – was die verworrenen Rechtsverhältnisse des Ancien Régime widerspiegelt – Untertanengebiet der Drei Bünde, im Gegensatz zum Veltlin gleichzeitig aber auch Teil der herrschenden Lande, genauer gesagt des Zehngerichtenbundes. (Auf den Bundstagen, die alternierend in Ilanz, Chur und Davos stattfanden, besass der Obere oder Graue Bund 27, der Gotteshausbund 22 und der Zehngerichtenbund 14 Stimmen.)
Die Salis-Seewis, einer von zehn Zweigen der seit dem Jahr 1300 bezeugten, wohl aus Como eingewanderten «rhätisch-lombardischen Familie»P. Nicolaus von Salis-Soglio: Die Familie von Salis. Gedenkblätter aus der Geschichte des ehemaligen Freistaates der drei Bünde in Hohenrhätien (Graubünden). Joh. Thom. Stettner, Lindau i. B. 1891, S. 8 (). von Salis gehörten wie deren überwiegende Mehrheit der evangelisch-reformierten Landeskirche des nicht nur sprachlich, sondern auch konfessionell gemischten Freistaates an. 1588 waren sie zu Reichsfreiherren erhoben worden.(Anton Herkules Sprecher von Bernegg:) Sammlung rhätischer Geschlechter. 1. Jahrgang. G. Hitz, Chur 1847, Stammtafel No. III () (falscher Kaisername); Gothaisches Genealogisches Taschenbuch der Freiherrlichen Häuser. Justus Pertes, Gotha, 61/1911, S. 802 ().
mini|Salis mit den Grosseltern väterlicherseits, anonym
Vater von Johann Gaudenz (im Folgenden «Salis» genannt) war Johann Ulrich (1740–1815), Sohn von Johann Gaudenz Dietegen (1708–1777) und Anna Katharina von Cleric (1709–1792).Frey (1889), S. 113 (); Stammtafel der Familie Cleric von Chur (). Die Eltern der Mutter Jacobea von Salis-Bothmar (1741–1791) – Gubert Abraham (1704–1766) und Jacobea von Buol (1700–1764) – starben beide schon in der frühen Kindheit des Enkels.
Grossvater und Vater waren Inhaber einer Kompanie des französischen Régiment des Gardes Suisses et Grisons. Die väterliche wie die mütterliche Familie brachten Generäle hervor. Der bei Fontenoy gefallene Grossonkel der Mutter Anton Rudolf (1688–1745) war französischer Brigadier (Ein-Stern-General).May de Romainmotier: Histoire militaire des Suisses […]. Band 2. Société Typographique, Berne 1772, S. 422 (). Der Vater erbte von seinem Bruder Herkules (1734–1774), der es ebenfalls zum französischen Brigadier gebracht hatte,Encyclopédie méthodique. Art militaire. 1. Band. Panckoucke, Paris/Plomteux, Liège 1784, S. 351 (); Hans Jakob Holzhalb: Supplement zu dem allgemeinen helvetisch-eidsgenößischen oder schweizerischen Lexicon […]. 5. Theil. Selbstverlag, Zürich 1791, S. 284 (). die Schlösser Seewis und Flims (Oberer oder Grauer Bund) sowie Güter in Bergün (Gotteshausbund), St. Margrethen (Fürstabtei St. Gallen) und Meilen (Kanton Zürich), was ihn zum wohlhabendsten Bündner gemacht haben soll.Frey (1889), S. 1 f. (). Eine Schwester des Vaters war mit dem niederländischen Generalleutnant Baptista von Salis-Soglio (1731–1797) verheiratet.
In der Heimat war der Grossvater 1734/35 und 1750/51 Bundslandammann des Zehngerichtenbundes sowie jahrzehntelang Oberhaupt der französischen Partei, bis Ludwig XV. 1768 Ulysses von Salis-Marschlins zu seinem dortigen Geschäftsträger ernannte.Alfred Rufer: Das Ende des Freistaates der Drei Bünde. Erzählt in Aufsätzen über den Zeitraum von 1763–1803. Calven, Chur 1965, S. 2, 8, 14. Der Vater bekleidete 1761–1763 das Amt des Landvogts in Maienfeld, 1766/67, 1782/83 sowie 1792/93 des Bundslandammanns des Zehngerichtenbundes und 1787–1789 des Landeshauptmanns im Veltlin mit Sitz in Sondrio. 1776 verlieh ihm Ludwig XVI. den Titel Comte, den Salis als ältester Sohn erbte. 1792–1797 war der Vater Korrespondent des französischen Botschafters in der Eidgenossenschaft, Barthélemy.Bartthélemy nannte ihn 1792 einen «in jeder Hinsicht überaus achtbaren Mann, der sich auf außergewöhnliche Weise für unsere Interessen einsetzt und der dank seiner Verdienste und Tugenden in seinem Land hohes Ansehen und beträchtlichen Einfluss genießt». Jean Cart: Le 10 août à Paris et le régiment des gardes-suisses. In: Revue des études historiques (Paris). 75/1909, S. 481–519, 647–667, hier S. 659 (). 1798/99 ging er ins Exil.
Der Grossvater mütterlicherseits war 1725 Landvogt in Maienfeld, 1744/45 Bundslandammann des Zehngerichtenbundes sowie 1749–1751 Podestà in Morbegno.Jürg Simonett (Gesamtred.): Handbuch der Bündner Geschichte. Band 4. Verlag Bündner Monatsblatt, Chur 2000, ISBN 3-905342-04-9, S. 297, 311–314. Die Mutter brachte als Letzte ihres Geschlechts – einer ihrer Brüder war im Duell gefallen, der andere schwermütig gewordenFrey (1889), S. 3 (). – Schloss Bothmar in Malans in die Ehe ein, wohin der Vater nach der Heirat aus dem Stammschloss in Seewis übersiedelte. Die sensible Seele des «weichen phantasievollen Knaben» Johann Gaudenz war laut Adolf Frey von der Mutter geprägt.
Diese verlor zwei zuvor geborene Töchter in frühestem Alter: Jacobea (* 1760) Catharina (* 1762)Neues Genealogisches Handbuch […]. Adeliches Handbuchs-Comptoir, Frankfurt am Main. 1. Theil, 1778, S. 370 (); 2. Theil (Nachtrag), 1780, S. 164 (). Auf Salis folgten sechs weitere überlebende Kinder: Jacobea (1765–1850), ∞ Vincenz von Salis-Sils (1760–1832), 1803, 1806 und 1810 RegierungsratJürg Simonett (Gesamtred.): Handbuch der Bündner Geschichte. 4. Band. Verlag Bündner Monatsblatt, Chur 2000, ISBN 3-905342-04-9, S. 366., Teilnehmer an der Krönung Napoleons und am Wiener Kongress Gubert Abraham Dietegen (1767–1840), ∞ Perpetua von Salis-Soglio (1771–1845), 1788 Unterleutnant im französischen Regiment Salis-Samaden,Jacques de Roussel (Hrsg.): État militaire de France. Onfroy, Paris 1788, S. 246 (). später Oberstleutnant Catharina (1768–1845), ∞ Daniel von Salis-Soglio (1765–1832), Unternehmer, Stadtrichter in Chur, Teilnehmer am Wiener Kongress Herkules Dietegen (1770–1847), ∞ Perpetua von Salis-Soglio († 1825), 1789–1791 Podestà in PiuroJürg Simonett (Gesamtred.): Handbuch der Bündner Geschichte. 4. Band. Verlag Bündner Monatsblatt, Chur 2000, ISBN 3-905342-04-9, S. 315., Teilnehmer am Stecklikrieg Anna Paula (1773–1740), ∞ Karl Ulysses von Salis-Marschlins (1760–1818), Italienreisender, Schriftsteller Johann Ulrich Dietegen (1777–1817), studierte in Deutschland, begleitete den Vater 1798/99 ins Exil, ab 1800 teilweise gelähmt, konservativer HistorikerJohann Ulrich v. Salis-Seewis: Gesammelte Schriften. Hrsg. v. Conradin v. Mohr. J. Ant. Pradella, Chur 1858 (), S. V–VIII; Georg von Wyss: Salis-Seewis: Joh. Ulrich Dietegen v. S.-S. In: Allgemeine Deutsche Biographie. 30. Band. Duncker & Humblot, Leipzig 1890, S. 248 f. (); Guido v. Salis-Seewis: Ein bündnerischer Geschichtsschreiber vor hundert Jahren. Johann Ulrich v. Salis-Seewis 1777–1817. H. R. Sauerländer & Co., Aarau 1926;
Salis wuchs in der Weinbau- und Marktgemeinde Malans sowie in der benachbarten Kleinstadt Chur auf. Im Bergdorf Seewis wurde er von der Grossmutter verwöhnt. Von seinen Privatlehrern Conradi, Schulze und Heinrich Ludwig Lehmann dürften die beiden erstgenannten Deutsche gewesen sein.Frey (1889), S. 6, 68, 251 (). Vom 14. Jahr bis zum 31. Geburtstag, an dem er heiratete, führte Salis mehr oder weniger ausführlich Tagebuch.Frey (1889), passim, v. a. S. 241–262 (); Christian Erni: Johann Gaudenz von Salis-Seewis’ Reise ins Veltlin 1788 […]. In: Bündner Monatsblatt. 1993, S. 334–368, hier S. 334 (); Erni (1995) (), S. 181–183. Der Religionsunterricht beim Seewiser Pfarrer, Dekan Anton Zanuck, war ihm «nicht immer angenehm».Christian Erni: Johann Gaudenz von Salis-Seewis’ Reise ins Veltlin 1788 […]. In: Bündner Monatsblatt. 1993, S. 334–368, hier S. 349 (). Den letzten Schliff erhielt er 1778/79 zusammen mit Schweizern, Deutschen, Franzosen, Holländern und Engländern in der Pension Bugnon in Lausanne.Frey (1889), S. 7 f., 10 f. (). (Die Nachricht, Salis sei wie seine beiden nächstjüngeren Brüder Schüler der École militaire des blinden Dichters Pfeffel in Colmar gewesen,Nachdruck des Nachrufs der Bündner Zeitung. In: Neue Zürcher-Zeitung. 5. Februar 1834 (), S. 43 f., hier S. 43; Neuer Nekrolog der Deutschen. 12/1834, 1. Theil, Bernh. Fr. Voigt, Weimar 1836, S. 95–97, hier S. 95 (); Frey (1884), S. 208 f., 215 (). beruht auf einem Irrtum.Frey (1889), S. 17, 19, 21, 65 (); Heino Pfannenschmid (Hrsg.): Gottlieb Konrad Pfeffel’s Fremdenbuch […]. Selbstverlag, Colmar 1892, S. 128 f. ().)
Seine Jugendfreundin Barbara Laurer (1763–1796), deren Vater später Churer Stadtvogt wurde, heiratete zu seinem Leidwesen 1787 den späteren Stadtschreiber Abundi Schwarz.Offenbar war sie bei der Hochzeit bereits Mutter oder hochschwanger. Christian Erni: Johann Gaudenz von Salis-Seewis’ Reise ins Veltlin 1788 […]. In: Bündner Monatsblatt. 1993, S. 334–368, hier S. 339–341, 362 (); Erni (1995) (), S. 183, 188, 222; Stammtafel der Familie von Schwarz von Chur (). In Lausanne verliebte der Fünfzehnjährige sich in die neunzehnjährige Marianne Porta, der er ein verschollenes Drama widmete und die ihrerseits für den amerikanischen Freiheitshelden Washington schwärmte.Meine erste Liebe. Frey (1889), S. 8–10, 91 ().
Frankreich vor 1789
Dichtender Gardefähnrich