Der Bergsturz von Bondo ereignete sich an der Nordflanke des Piz Cengalo () in den Bergeller Alpen im Schweizer Kanton Graubünden. Nach vorherigen Felsabbrüchen und Muren in den Jahren 2011 und 2012 kam es am 23. August 2017 zum grössten Bergsturz in Graubünden seit Jahrzehnten und forderte acht Menschenleben. Murgänge durch das Val Bondasca erreichten den etwa vier Kilometer entfernten Ort Bondo im Bergell und führten dort zu Evakuierungen und Zerstörungen.
Situation Für das Dorf Bondo Das 200-Einwohner-Dorf Bondo, in der politischen Gemeinde Bregaglia, Region Maloja, liegt im Val Bregaglia (der Talung Bergell der oberen Mera oder auch Maira genannt), zwölf Kilometer östlich von Chiavenna unweit der italienischen Grenze auf Hier mündet von Südosten das Seitental Val Bondasca, am südlichen Talschluss erhebt sich nur fünf Kilometer vom Dorf entfernt der Piz Cengalo als Teil der Sciora-Gruppe. Die Bedrohung des Ortes besteht nicht direkt durch Felsstürze aus der Bergflanke, sondern primär durch Geschiebetransport im Bach Bondasca. Dieses Risiko ist mindestens seit den Bergstürzen von 2011 und dem darauf folgenden Murgang von 2012 bekannt, weshalb im Dorf ab 2013 ein Auffangbecken für 50.000 m³ Geschiebe (dank einkalkuliertem Freibord bis 200.000 m³) geplant und gebaut wurde sowie die üblichen Warnanlagen mit Reissleinen und Pegelmessungen installiert wurden. Ab 2012 erfolgten periodische Radarmessungen der Nordostflanke des Cengalo.
Für das Bondasca-Tal Das kleine Bondasca-Tal (Val Bondasca) fällt auf seinen letzten zwei Kilometern auf Bondo zu steil in das Haupttal ab. Oberhalb dieser Stufe befinden sich kleine Maiensässe oberhalb von Prä/Selvartigh auf um 1150 m ü. M. bei Lera/Laret auf um 1300 m ü. M., diese ohne direkte Zufahrtsmöglichkeiten, dazu kamen zwei Wanderwege ohne weitere Infrastruktur. Das Tal wurde somit extensiv genutzt. Oberhalb der nutzbaren Flächen befand sich ein Gletschervorfeld unter den Gletschern Vadrec dal Cengal/Vadrec da la Bondasca. Das Gebiet des Piz Cengalo ist eine Verwerfungszone und war seit jeher bei Bergsteigern als steinschlaggefährdet bekannt. Der Berg besteht aus eher jungem Bergeller Granit (Granodiorit),Vergl. Rudolf Staub: Geologische Beobachtungen am Bergellermassiv. In: Vierteljahrsschrift der Naturforschenden Gesellschaft in Zürich, 63/1–2 (1918), S. 1–18 (Artikel pdf, auf ngzh.ch).H.-R. Wenk: Geologische Exkursionen im Bergell. Società Culturale Bregaglia, 2012, insb. Exkursion 5. Val Bondasca, Trubinasca. Der NW Kontakt des Granits. S. 18ff, mit geologischer Detailkarte und Foto Figur 7. Blick von Tombal auf die Granitgipfel im Val Bondasca, S. 13 (, centrogiacometti.ch). in der steilen Nordflanke des Cengalo hätte der Rückgang des Permafrosts zur Instabilität des darunterliegenden Gesteins geführt.Die nächste Katastrophe kommt bestimmt: Die Bündner wissen, wie man auch künftig in den Bergen überleben kann, NZZ, 13. Juli 2024
rahmenlos|hochkant=1|zentriert Im rechten Bilddrittel befindet sich der Piz Cengalo. Die Felsmassen stürzten im Dezember 2011 und im August 2017 in den Talkessel des Val Bondasca, in der Bildmitte. Das vom Murgang betroffene Dorf Bondo liegt unten im linken Bilddrittel (Luftaufnahme von 1954) rahmenlos|hochkant=1|zentriert Nordostflanke des Piz Cengalo 2008 vor dem ersten Bergsturz, Abbruchzone markiert. Erkennbar ist die talwärts geneigte Zerklüftung der Wand.
Bergsturz 2011 mini|Val Bondasca östlich von Laret im Jahr 2008 – im Hintergrund der Piz Cengalo und dessen Abbruchnische etwa in der oberen Bildmitte. Beim Bergsturz im Dezember 2011 wurde der junge Wald in der Bildmitte verschüttet.Foto der SAC-Sektion Hoher Rohn, auf der Website von geopraevent.ch.
Im Sommer 2011 nahm die Sturzaktivität in der Nordwand des Piz Cengalo zu. Das Gebiet wurde darum erstmals geologisch beurteilt. Aufgrund dieser Beurteilung wurde der Verbindungsweg «Viale» zwischen den Berghütten Sciora und Sasc-Furä direkt unter dieser Nordwand gesperrt. Nach zwei grossen Felsstürzen am 27. Dezember 2011 folgte gleichentags der Bergsturz; um etwa 19 Uhr abends stürzten 1,5–2 Millionen Kubikmeter Fels aus der Cengalo-Nordwand.Millionen Kubikmeter Gestein am Pizzo Cengalo abgegangen: Massiver Felsabbruch im Bergell. NZZ online, 31. Dezember 2011 (begrenzte Vorschau, dazu Verheerender Felsabbruch im Bergell: Wie der Bergsturz am Pizzo Cengalo von 2011 publik wurde. ebd., 26. August 2017; beide abgerufen am 28. August 2017).Stefan von Bergen: Bergsturz: Es wird eng im Tal. In Die Zeit, Jahrgang 2014, Ausgabe 36, 1. September 2014 (online auf zeit.de).So wurde der Piz Cengalo überwacht / Alarmsystem am Piz Cengalo: Der Stein am Kabel. In: Tages-Anzeiger online, 24. August 2017. Diese blieben in der hinteren Bondasca liegen. Der Erdbebendienst der ETH Zürich registrierte einen Erdstoss mit einer Magnitude von 2,7. Das Ereignis blieb von der Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet, obschon es sich bereits hier um einen der grossen Felsstürze der jüngeren Schweizer Geschichte handelte.
Einige bekannte Kletterrouten am Cengalo wurden zerstört. Der Wanderweg Vial zwischen Sasc-Furä- und Sciorahütte (T4 nach SAC-Skala) wurde verschüttet und war seither wegen hoher Steinschlaggefahr gesperrt, wurde aber nach wie vor auf eigene Gefahr begangen. Ungesperrt blieben die Zustiegswege zu den weiterhin bewarteten Hütten Sasc-Furä und Sciora. Warnungen bei den Hütten, an Wanderwegen und im Dorf wiesen in vier Sprachen auf die Gefahren hin, und vor „längerem Verweilen“ auf bestimmten Wegabschnitten wurde gewarnt.Tagesschau SRF, Hauptausgabe, vom 26. August 2017.
Im Sommer 2012 ereigneten sich dann mehrere Murgänge entlang des Bachs, insbesondere ein grosser am 25. August 2012 nach einem Gewitter,«Wir wollen keine ‹Chinesische Mauer›.» Südostschweiz (suedostschweiz.ch), 12. Oktober 2014. der mit etwa 100'000 Kubikmetern Geschiebe kurz vor dem Ort zum Stehen kam. Er blieb ohne grössere Schadwirkung, verwüstete aber den örtlichen Campingplatz.
In Folge wurden umfangreichere Verbauungen begonnen und ein Monitoring- und Alarmsystem installiert: Am Nordostrand von Bondo, unmittelbar vor der Brücke der Hauptstrasse 3 und der Mündung der Bondasca in die Maira, wurde ein Überlaufbecken für 50'000 Kubikmeter Geschiebe errichtet. Eine gut 500 Meter lange und zwei Meter hohe Betonmauer schützt das Dorf, das sich mit einigen Häusern zu nah in die Gefahrenzone ausgedehnt hatte. Das Projekt wurde im August 2013 vom Bergeller Stimmvolk bewilligt, und 2014–2015 umgesetzt. Durch die harte Verbauung mit Betonmauern konnte das Projekt mit 5,3 Mio. Franken (anstatt 7 Mio. mit einem Erddamm) realisiert werden. Dem Wakkerpreis des Schweizer Heimatschutzes für «gelungene Symbiose von Siedlung und Landschaft», den die Gemeinde Bregaglia 2015 bekam, stand das Projekt, bei dem auch der kantonale Denkmalschutz beigezogen worden war, nicht im Wege.Nur zum Trost? Das Bergell erhält den Wakkerpreis des Schweizer Heimatschutzes. Aber nicht alle im Tal mögen sich darüber freuen. Stefan von Bergen in Zeit online, 13. Juli 2015. Reissleinen über dem Bondasca-Bach, etwa einen Kilometer oberhalb von Bondo, sorgen dafür, dass im Tal die Strassenampeln auf Rot geschaltet werden, und die Verantwortlichen von Gemeinde und Kanton mittels SMS alarmiert werden. Dieses System erlaubt eine Vorwarnzeit von 4 Minuten, bis die vergleichsweise langsamen Murgänge den Ort erreichen.Murgang steht bevor: «Für die Evakuierung bleiben 4 Minuten». 20min.ch, 27. August 2017 – Interview mit Martin Keiser, Amt für Wald und Naturgefahren. Zusätzlich liefern Kameras und ein Pegelstandradar Daten zur Wasserführung, um die Murgefahr zu beurteilen. Ausserdem wurden umfangreiche Beobachtungs- und Forschungstätigkeiten begonnen, so durch die Arbeitsgemeinschaft Alpenländer (Arge Alp) zusammen mit dem Amt für Wald und Naturgefahren (AWN) Graubünden, der Gemeinde Bregaglia, die Expertenbüros Bonanomi AG und Terrarsense, ETH Zürich, Amt für Geologie in Bozen und WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF). Mit Radar, Laserscan und Infrarot wurde der Rückgang des Permafrosts und das Gesteinsprofil vermessen und überwacht (Projekt Einfluss von Permafrost auf Berg- und Felsstürze, 2012–2015) ARGE ALP, o. D. WSL-SLF, o. D.; (beide 2012, abgerufen am 28. August 2017).
Die spezielleren Ursachen des Bergsturzes 2011 blieben aber ungeklärt. Das Ereignis im Hochwinter könnte durch ausfrierendes Kluftwasser verursacht worden sein. Das Gewitter 2012, das die grosse Mure verursachte, war nicht besonders intensiv. In den folgenden Jahren gab es weitere kleine Nachstürze, auch ohne Frosteinwirkungen. Insgesamt wurde um 2015 von weiteren 3,3 Mio. Kubikmetern instabilem Material am Pizzo Cengalo und einem kommenden Grosssturz von 2 Mio. Kubikmetern ausgegangen. Bis 2017 wurde im Rahmen der Messung eine Verschiebung der Bergflanke bis zu 10 cm festgestellt.Die Flanke verschob sich pro Jahr um 10 Zentimeter – so kam es zum Bergsturz in Bondo. Sarah Serafini, Camille Kündig in watson.ch, 24. August 2017. 2015 waren die Bauten zu 70 Prozent erstellt.
Ereignisse 2017 Nachdem Geologen Ende Juli 2017, bei den letzten Messungen vor dem Ereignis,Bondo: Suche nach vermissten Wanderern in der Schweiz. Gian Ehrenzeller in baden online, bo.de, 25. August 2017. stark erhöhte Felsbewegungen mit etlichen kleineren Felsabgängen festgestellt hatten,Der Piz Cengalo ist in Bewegung. südostschweiz (suedostschweiz.ch), Kurzmeldung, 14. August 2017. wurden die Warnungen am 14. August ergänzt um die Mitteilung, dass sich ein weiterer Bergsturz ankündige: Mit dem Niedergang sei in den kommenden Wochen und Monaten zu rechnen.Diese Warnung am Piz Cengalo wurde nicht beachtet. In: Tages-Anzeiger, 25. August 2017 Ebenso wurde ein Betretungsverbot für die Maiensässe in der Bondasca verhängt. Andrea Cattani in blickamabend.ch, 23. August 2017 – mit Abbildung des Seismogramm-Nachweis des Sturzes um 07:30:30–07:31:30 UTC. Gleichwohl sahen die Experten zu diesem Zeitpunkt noch keinen Grund zur Beunruhigung und glaubten eher, die instabile Flanke würde in kleineren Teilen abgehen.
Am 21. August löste sich auf der Rückseite des Pfeilers, also aus der Nordwestflanke, ein Felssturz. Dieser wurde nicht als Vorbote für einen Bergsturz aus der Nordostflanke interpretiert, sondern es wurde davon ausgegangen, dass auch auf der Nordostflanke einem Bergsturz solche Felsstürze vorausgehen würden.Bergsturz Cengalo und Murgänge Bondo: Erfahrungen der kantonalen Fachstelle, WSL Berichte, Forum für Wissen 2019: 53–66
Ereignis vom 23. August 2017 mini|Video: Der Schuttstrom zerstört am 23. August 2017 Häuser Am Mittwoch, dem 23. August 2017, 09:30 Uhr MESZ, kam es zu einem noch grösseren Bergsturz als 2011, mit einem Abbruch von 3 Millionen Kubikmetern Gestein und einer Geschwindigkeit von 250 Kilometern pro Stunde.SRF Tagesschau vom 26. August 2017 Bei diesem Ereignis wurde auch Grundwasser aus dem Talboden mitgenommen,«Es wird Tausende Stellen geben, wo sich der Fels bewegt». Tages-Anzeiger, 4. Juni 2025, S. 12. respektive aus mit Wasser gesättigtem Moränenmaterial.Satelliten helfen beim Sichern der Berggebiete, SRF, 15. August 2022 Unmittelbar nach dem Stillstand des Bergsturzmaterials kam es zu einem Murgang entlang der Bondasca.
Das automatische Überwachungssystem löste erstmals seit der Installation aus,Bondo wegen Bergsturz evakuiert – keine Durchfahrt durch das Bergell. In: Neue Zürcher Zeitung online, 23. August 2017. daraufhin wurde das Dorf mit 200 Einwohnern vollständig evakuiert.Beeindruckende Naturgewalt: Bergsturz in Bondo – Ganzes Dorf evakuiert / «Man hat jetzt entschieden, die Suche aufzugeben». swissinfo.ch, 26. August 2017.