mini|Als Irminsul gedeutetes Exponat im Museum der Stadt Marsberg Die Irminsul oder Erminsul war ein frühmittelalterliches Heiligtum der Sachsen, das nach den Einträgen fränkischer Annalen zum Jahr 772 auf Veranlassung Karls des Großen von den Franken zerstört wurde. Das altsächsische Wort IrminsūlGerhard Köbler: irminsūl In: Altsächsisches Wörterbuch kann etymologisch zurückgeführt werden auf urgermanisch *Erminasūliz, bestehend aus *erminaz = „groß, erhaben, allumfassend, weit“ und *sūliz = „Säule“.Rosemarie Lühr: Etymologisches Wörterbuch des Althochdeutschen. Vandenhoeck & Ruprecht, 2014, ISBN 978-3-525-20771-0. s. v. 'irmin-'. ()Gerhard Köbler: *irmana- und *sūliz. In: Germanisches Wörterbuch.
Die Existenz weiterer „Irminsäulen“ wird zwar mitunter vermutet,Matthias Springer: Artikel Irminsul. In: Reallexikon der germanischen Altertumskunde, Band 15. 2. Auflage. Walter de Gruyter, Berlin / New York 2000, S. 505. ist aber nicht belegt.
Standort, Zerstörung und Verbleib mini|Alfred Rethel: Sturz der Irminsul (1839); Fresko im Krönungssaal des Aachener Rathauses Die Irminsul der fränkischen Annalenwerke zum Jahr 772 befand sich wahrscheinlich bei oder in einiger Entfernung von der Eresburg, an deren Stelle das heutige Obermarsberg liegt. Das jedenfalls ist den Formulierungen in den Annalen des Fränkischen Reiches zu entnehmen.Johannes Fried: Karl der Große. Gewalt und Glaube. Beck, München 2013, ISBN 978-3-406-65289-9, S. 131, Anm. 25. Die dort als Ermensul bezeichnete Säule wurde von den Franken auf Veranlassung Karls des Großen zum Auftakt der Sachsenkriege im Verlauf des Sommerfeldzuges 772 zerstört.Annales regni Francorum 772: Et inde perrexit partibus Saxoniae prima vice, Eresburgum castrum coepit, ad Ermensul usque pervenit et ipsum fanum destruxit et aurum vel argentum, quod ibi repperit, abstulit. Et fuit siccitas magna, ita ut aqua deficeret in supradicto loco, ubi Ermensul stabat. Quelle: Regesta Imperii, Karl der Große – RI I n. 149d.
Reste der Irminsul sollen sich nach einer seit dem 16. Jahrhundert dokumentierten ÜberlieferungJohannes Letzner (1590): Corbeische Chronik. Hamburg. Online. im Hildesheimer Dom befinden. Der Historiker Walther Matthes schreibt zu dieser Quelle:Walther Matthes: Corvey und die Externsteine. Schicksal eines vorchristlichen Heiligtums in karolingischer Zeit. Stuttgart 1982, ISBN 3-87838-369-X, S. 13.
Im Originaltext von Johannes Letzner aus dem Jahr 1590 heißt es zu diesem Ereignis, Sachsen seien dem Tross in Richtung Hildesheim gefolgt und hätten diesen in Höhe des heutigen Ortes Irmenseul überfallen, um die Säule zurückzubringen, jedoch ohne Erfolg:
Walther Matthes merkt an, dass die Erzählung die wachsende Bedeutung des Hildesheimer Bistums gegenüber dem Corveyer Kloster widerspiegelt, das im 9. und 10. Jahrhundert dominant war. Die Reste der Irminsul sollen sich entweder im Boden unterhalb der Irmensäule befinden – diese ist jedoch bis heute mehrfach umplatziert worden, ursprünglich stand sie in der Mitte des Domes vor dem Kreuzaltar vor den Stufen der Vierung – oder aber die Mariensäule selbst soll aus den Resten gefertigt worden sein.Hildesheimer Geschichten/Hermann-Josef Brand: Die Marien-/Irmensäule. Gemäß dem Bericht von Letzner soll es sich bei der Irminsul um eine Steinsäule gehandelt haben. Der Schaft der Irmensäule im Hildesheimer Dom, deren Entstehung grob auf das 11. oder 12. Jahrhundert datiert wird, besteht aus Kalksinter.Irmensäule kehrt in Dom zurück, auf bistum-hildesheim.de, 24. Februar 2014, abgerufen am 6. Dezember 2022 (im Internet Archive).
Auch in der Chronik Geschichte des Welfenfürstentums Grubenhagen, des Amtes und der Stadt Osterode von Heinrich Wendt (1605–1683) wird die Irminsul in Hildesheim verortet, wobei er allerdings zur weiteren Lektüre auf Heinrich Meiboms Schrift Irmensula Saxonica verweist:„Alß man aber die vielbenante Seul gen Hildesheim gebracht, hat man Sie vor dem hohen Chor in den Tumb gesetzet Und zu einem Leuchter gemacht, worauff Zwölff Zustehen kommen, ist gantz Zierlich undt artig außgemacht. Es stehen darauf diese drey Verß mit Gülden Buchstaben:
Sic fructus vestri vestro sint gloria Patri. Ne damnent tenebrae, qvod fecerit actio vitae. Juncta fides opera, sit ux super addita luci“.Heinrich Wendt: Chronik des Welfenfürstentums Grubenhagen, des Amtes und der Stadt Osterode. Bearbeitet von Jörg Leuschner. Georg Olms Verlag, Hildesheim 1988, ISBN 978-3-487-09035-1, S. 48.
mini|Moderne Irminsul-Interpretation auf der Bornhöhe in Harbarnsen-Irmenseul Der Standort der Irminsul ist immer wieder auch an anderen Stellen vermutet worden. Wilhelm Teudt, ein völkischer Laienforscher, glaubte Mitte der 1920er Jahre in den Externsteinen den Standort der Irminsul entdeckt zu haben. Hans Reinerth verbreitete dann in den 1930er Jahren die von Hermann Diekmann begründete These vom Standort auf dem Tönsberg bei Oerlinghausen. Auch das Dorf Irmenseul südlich von Hildesheim, der Desenberg bei Warburg, die Iburg bei Bad Driburg, die Gertrudenkammer (Drudenhöhle) in den Teutoniaklippen bei der Karlsschanze im Eggegebirge zwischen Willebadessen und Borlinghausen sowie die Velmerstot am Nordende des Eggegebirges wurden als Standorte der Irminsul diskutiert.
Aussehen und Funktion Den Handschriften der Annales Petaviani und des Chronicon Anianense lassen sich keine Hinweise zu Aussehen und Funktion der Irminsul entnehmen.
Der Mönch Rudolf von Fulda schrieb 863 in De miraculis sancti Alexandri (Kap. 3):MGH SS 2, S. 676 (weblink).
Die religiöse Funktion der Irminsul ist aufgrund der Quellenarmut nicht aufklärbar. Nach der ihr von Rudolf von Fulda beigemessenen Aufgabe, das ganze All zu tragen, wird sie bei einer angenommenen Vorstellung der Sachsen vom Himmel als einem Gewölbe teilweise als Weltenbaum interpretiert und in Verbindung gebracht mit der Donareiche, dem heiligen Baum von Geismar (heute Stadtteil von Fritzlar) in Nordhessen, von dem Adam von Bremen im 11. Jahrhundert berichtet, oder mit der Weltesche Yggdrasil aus der nordischen Mythologie.
Interpretationen im Spätmittelalter und Früher Neuzeit hochkant|mini|Die Irminsul nach Sebastian Münster; Holzschnitt aus Cosmographey, um 1590 Es gibt eine Vielzahl von Interpretationen seit dem Mittelalter. So schreibt Sebastian Münster gegen 1550 in seiner „Cosmographia“: Münster zeichnet auch ein Fantasiebild der Irminsul, das er allerdings in völlig gleicher Art auch für andere Säulen verwendet. Er glaubte, dass Hermes (römisch Mercurius) oder Mars an der Säule angebetet worden sei und daher die Stadt Marsberg auch ihren Namen habe. Schwert und Waage gibt er ihm in die Rechte, eine Fahne mit der lippischen Rose in die Linke.
hochkant|mini|rechts|Irminsul nach Heinrich Meibom, 1612 Heinrich Meibom, Professor an der Universität Helmstedt, der seine Schrift über die Irminsul 1612 dem Hildesheimer Domkapitel widmete,Heinrich Meibom: Irminsula Saxonica, hoc est ejus Nominis Idoli, sive Numinis tutelaris, apud antiquissimos Saxones paganos culti, … Helmstädt 1612 (weblink) veröffentlichte auf dem Abschlussblatt ein Ektypon Irminsulae, das wie ein großer Leuchter aussieht und wahrscheinlich die angeblich nach Hildesheim verbrachte Säule zeigen soll (nicht zu verwechseln mit der bronzenen Bernwards-Säule im Hildesheimer Dom). Meiboms Säule trägt keine Gestalt, sondern nur einen spitzen Stachel, wie ihn Kerzenleuchter tragen. Der Schmuck der Säule entspricht ganz und gar der vergangenen Renaissance, spiegelt also sicher kein Gebilde der vorchristlichen Ära wider. Sein Bild zeigt deutliche Ähnlichkeit mit der heute noch im Mariendom Hildesheim befindlichen und mehrfach umgestalteten und innerhalb des Doms versetzten Irmensäule.
hochkant|mini|Irmensula als Gott ohne Säule. Nach Schedius, De diis Germanis, 1728 In dem Werk von Elias Schedius bildet ein Künstler 1728 den bewaffneten Kriegsmann, der auf der Säule gestanden haben soll, schon ohne Säule ab. Die Personifikation tritt nun ganz in den Vordergrund. Bemerkenswert ist der Bär, den er oben auf dem Brustschild platziert. Hundertfünfzig Jahre nach Sebastian Münster hatten sich die vorsichtigen Erwägungen in vermeintlich sichere Erkenntnisse verwandelt. 1731 konnte ein Gelehrter schon schreiben:
Von diesem Bild des Irmin konnten sich die künstlerische und die gelehrte Welt, die mit der Französischen Revolution in eine stärker weltlich orientierte Forschung überging, nur langsam lösen. Ein Reallexikon der deutschen Altertümer schrieb noch 1881:
Interpretationen im 20. Jahrhundert hochkant|mini|Irminsul-Vorstellung nach dem Vorbild der Darstellung im Kreuzabnahmerelief an den Externsteinen. hochkant|mini|Irminsul als Emblem der Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe (auch SS-Ahnenerbe genannt)
1929 stellte Wilhelm Teudt in seinem Buch Germanische Heiligtümer die These auf, das Kreuzabnahmerelief an den Externsteinen zeige mit dem gebogenen Gegenstand, auf dem die Figur eines Mannes steht, die – zum Zeichen für den Sieg des Christentums gebeugte – Kultsäule der Sachsen.Wilhelm Teudt: Germanische Heiligtümer. Beiträge zur Aufdeckung der Vorgeschichte, ausgehend von den Externsteinen, den Lippequellen und der Teutoburg. 1. Auflage. Eugen Diederichs Verlag, Jena 1929, S. 27 f. Dass Teudt für seine These keinen positiven Beweis antreten konnte, hinderte die erneute Popularität des alten Symbols nicht. Von der Fachwissenschaft wird seine Interpretation nicht geteilt. Teudt selbst gründete in Detmold die Vereinigung der Freunde germanischer Vorgeschichte, welche eine – wieder aufgerichtete – „Irminsul“ als Abzeichen führte.
Dem Zug der Zeit folgend, wurde die Irminsul auch von anderen Gruppen wie der Nordischen Glaubensgemeinschaft und der Nordisch-Religiösen Arbeitsgemeinschaft verwendet. Die Irminsul spielte eine bedeutende Rolle als Symbol neuheidnischer Gruppen innerhalb und außerhalb des Nationalsozialismus.
Als 1936 die Vereinigung Teudts in die Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe der SS übernommen wurde, übernahm man auch das Emblem der Gemeinschaft. Im Vordergrund stand dort die Vorstellung, mit der Irminsul ein Gegensymbol zum christlichen Kreuz und einen sinnfälligen Ausdruck für die Idee des Ahnenerbes zu haben.
Die Bedeutung als Symbol lebte nach 1945 fort und wird teilweise auch politisch missbraucht. So beschmierten Altnazis 1955 das Kreuzabnahmerelief an den Externsteinen mit schwarzer Farbe, überstrichen die „gebeugte Irminsul“ mit Silber und schrieben die Parole „Deutschland erwache“ daneben.Uta Halle: „Treibereien wie in der NS-Zeit“. Kontinuitäten des Externsteine-Mythos nach 1945. In: Uwe Puschner, Georg Ulrich Großmann (Hrsg.): Völkisch und national. Zur Aktualität alter Denkmuster im 21. Jahrhundert. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2009, ISBN 3-534-20040-3, S. 198.
Irminsul heißt auch die Zeitschrift des 1976 gegründeten ariosophischen Armanenordens, einer germanisch-neuheidnischen Organisation.
Teudts These von der gebeugten Irminsul wurde in neuerer Zeit aufgegriffen und kritisch diskutiert.So von: Walther Matthes, Rolf Speckner: Das Relief an den Externsteinen. Ein karolingisches Kunstwerk und sein spiritueller Hintergrund. edition tertium, Ostfildern vor Stuttgart 1997. Uta Halle untersuchte die Forschungsgeschichte der Nachkriegszeit auch bezüglich dieses Symbols und führte dann weiter aus, dass durch „die Zusammenarbeit während der NS-Zeit mit der SS“ eine Tabuisierung des Themas zustande kam. Das Thema sei hochgradig ideologisch belastet.Uta Halle: Die Externsteine sind bis auf weiteres germanisch! Prähistorische Archäologie im Dritten Reich. Verlag für Regionalgeschichte, Bielefeld 2002, ISBN 3-89534-446-X, S. 518.
Die Irminsul in der Kunst Oper und Drama