Der Begriff Geschichtlichkeit (auch: Historizität) ist abgeleitet von Geschichte, bezieht sich somit auf die Vergangenheit, insbesondere auf die des Menschen. Bei der Verwendung des Begriffes sind verschiedene Betonungen möglich.

Bedeutungen Der Ausdruck „geschichtlich“ bezeichnetVgl. die Bedeutungsanalyse bei Regenbogen/Meyer, Wörterbuch der philosophischen Begriffe. Meiner, Hamburg 2005/Geschichtlichkeit etwas zu einer bestimmten vergangenen Zeit tatsächlich Dagewesenes oder Geschehenes (= wirklich geschichtlich); sich damit zufriedenzugeben, etwas Vergangenes lediglich festzustellen (= nur geschichtlich); etwas Vergangenes und noch Wirksames (= geschichtlich wirksam) einen Grundzug und die Grundbedingung des Menschlichen im Unterschied zu natürlich und naturhaft.

Einflussreiche Autoren Als Urheber des Konzepts der Geschichtlichkeit als spezifischer Dimension des Menschen werden genannt: Giambattista Vico: Geschichtlichkeit als herausgestellte Tatsache, dass alle menschliche Realität ihre Geschichte habe.„Die scienza nuova bietet […] deutlich ausgeprägte Ansätze einer Theorie des geschichtlichen Verstehens. Deren Leitgedanke stellt Vicos Entdeckung der Geschichtlichkeit des menschlichen Geistes dar,…“ (Stefanie Woidich: Vico und die Hermeneutik: Eine rezeptionsgeschichtliche Annäherung, 2007, S. 145) Die Geschichtlichkeit der Welt werde erkannt, weil der Mensch sie hervorgebracht habe. Hegel (gelegentlich, z. B. bei seiner Rechts- und Weltgeschichte),Carl F. Gethmann: Geschichtlichkeit. In: Mittelstraß (Hrsg.): Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie. Bd. 3, 2. Aufl. Metzler, Stuttgart, Weimar 2008 vor allem aber Dilthey, für den menschliches Leben nur im Verweis auf die Geschichtlichkeit der menschlichen Existenz zu verstehen ist.Jörg Baberowski: Der Sinn der Geschichte: Geschichtstheorien von Hegel bis Foucault. Beck, München 2005, S. 102

Wissenschaftliche Disziplinen Die Reflexion von Geschichtlichkeit ist Aufgabe der Geschichtsphilosophie und der Geschichtsdidaktik.

Während der Begriff bei Jaspers noch in der lebensphilosophischen Tradition im Sinne von historischer Bedingtheit verblieb, erfuhr er seine entscheidende Neuprägung durch Heidegger.Hügli/Lübcke: Philosophielexikon (1991), ISBN 3-634-22405-3/Geschichtlichkeit „Geschichtlichkeit meint die Seinsverfassung des »Geschehens« des Daseins als solches, auf dessen Grunde allererst so etwas möglich ist wie »Weltgeschichte« und geschichtlich zur Weltgeschichte gehören.“Martin Heidegger: Sein und Zeit, 11. Aufl. Niemeyer, Tübingen 1967, 20; siehe insbesondere auch das fünfte Kapitel (§§ 72–77): Zeitlichkeit und Geschichtlichkeit Seitdem ist Geschichtlichkeit ein zentraler Begriff in der Existenzphilosophie, Phänomenologie und Hermeneutik (Gadamer).

Während die Geschichtlichkeit bei Dilthey im Zusammenhang mit dem Problem des historischen Relativismus steht, wird er hermeneutisch (auch) als Mittel angesehen, „um den historischen Relativismus (Historismus) zu überwinden.“

Für die christliche Theologie ist die Historizität ein wichtiges Thema, vor allem in Bezug auf Personen und Ereignisse der Bibel. Die Historizität der biblischen Berichte wird in der Apologetik verteidigt. Aber im Rahmen des historisch-kritischen Umgangs mit der Bibel wird die Historizität oft bezweifelt und die Bedeutung der Historizität für den christlichen Glauben relativiert.

Siehe auch Geschichtsbewusstsein Geschichtliche Schule der Rechtswissenschaft Historismus (Geschichtswissenschaft) Terminologie Heideggers

Weblinks

Leonhard von Renthe-Fink: „Geschichtlichkeit“, in: Joachim Ritter (Hg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie, Schwabe Verlag, Basel 1974, Otto Friedrich Bollnow: . Sonderdruck aus: „Gegenwartsfragen der Wirtschaftswissenschaft“, hrsg. von Heinrich Hunke und Erwin Wiskemann, Junker und Dünnhaupt, Berlin 1939, S. 314–373 Helmut Fleischer: Geschichtlichkeit und Geschichtsdenken. In: Horst Müller (Hrsg.): Das PRAXIS-Konzept im Zentrum gesellschaftskritischer Wissenschaft. BoD-Verlag, Norderstedt 2005. S. 138–153 Sebastian Luft: Faktizität und Geschichtlichkeit als Konstituentien der Lebenswelt in Husserls Spätphilosophie, Phänomenologische Forschungen, 2005, Meiner, Hamburg 2005, S. 13–40

Literatur Gerhard Bauer: Geschichtlichkeit. Wege und Irrwege eines Begriffs, Tübingen 1963 (Rezension). Ulrich Brieler: Die Unerbittlichkeit der Historizität. Foucault als Historiker, Böhlau, Köln 2001, ISBN 978-3-412-10697-3. José Llompart SJ: Die Geschichtlichkeit der Rechtsprinzipien. Zu einem neuen Rechtsverständnis, Klostermann, Frankfurt am Main 1976, ISBN 3-465-01171-6. Stefanie Mauder: Die Bedeutung der „Geschichtlichkeit“ für die Geisteswissenschaftliche Pädagogik, Tectum, Marburg 2006, ISBN 3-8288-9058-X. Carl Friedrich Gethmann: Geschichtlichkeit. In: Jürgen Mittelstraß (Hrsg.): Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie, Bd. 3, 2. Aufl., Metzler, Stuttgart, Weimar 2008. Leonhard von Renthe-Fink: Geschichtlichkeit. Ihr terminologischer und begrifflicher Ursprung bei Hegel, Haym, Dilthey und Yorck, 2., durchges. Aufl., Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1968. Thomas Schwietring: Kontinuität und Geschichtlichkeit. Über die Voraussetzungen und Grenzen von Geschichte, UVK, Konstanz 2005, ISBN 978-3-89669-715-8.

Einzelnachweise

Kategorie:Geschichtswissenschaft Kategorie:Geschichtsphilosophie Kategorie:Abstraktum