Die Oper Il burbero di buon cuoreAlternative Schreibweise: Il burbero di buon core. (Der Griesgram mit dem guten HerzenZeitgenössische Übersetzungen: Der gutherzige Grämling, Der gutherzige Murrkopf, Der gutherzige Polterer.) ist ein Gemeinschaftswerk des Venezianers Lorenzo Da Ponte (Libretto) und des Valencianers Vicente Martín y Soler (Musik). Sie entstand als erstes ihrer fünf Drammi giocosiDanach schrieben die beiden noch Una cosa rara (Wien 1786), L’arbore di Diana (Wien, 1787), La capricciosa corretta und L’isola del piacere (beide London, 1795). 1785/1786 in Wien und beruht auf der Komödie Le Bourru bienfaisant (Der wohltätige Griesgram) von Carlo Goldoni.Le Bourru bienfaisant, Comédie en trois actes et en prose, de M. Goldoni (…) Veuve Duchesne, Paris 1771 (). Das Stück wurde in Wien 1781 aufgeführt. Vgl. Ulrich Konrad: (PDF). Hochschule für Musik Mainz, 2008.

Da Ponte und Martín y Soler mini|links|Winterreitschule (links) und altes Burgtheater (rechts), vor 1888 Kaiser Joseph II., der die Staaten des Hauses Österreich 1780–1790 im Geiste der Aufklärung regierte, war sein eigener Theaterdirektor.Vgl. Rudolf Payer von Thurn (Hrsg.): Joseph II. 1783 als Theaterdirektor, ungedruckte Briefe und Aktenstücke aus den Kinderjahren des Burgtheaters, Wien/Leipzig 1920. Nach einem Versuch, dem deutschen Singspiel zum Durchbruch zu verhelfen, beschäftigte er wieder eine italienische Operntruppe. Da Ponte traf gleichzeitig mit Mozart 1781 in Wien ein. Obwohl er noch kein einziges Libretto verfasst hatte,Joseph II. nannte ihn eine . Vgl. Memorie di Lorenzo Da Ponte (…) 2. Ausgabe, 1. Band, Teil 2, Nuova-Jork 1829, S. 46. stellte ihn der Kaiser 1783 als Theaterdichter ein. Seinem Erstlingswerk auf diesem Gebiet – Il ricco d’un giorno für Salieri (1784) – war nur mäßiger Erfolg beschieden. Als Martín hingegen im Herbst 1785 nach Wien übersiedelte, hatte er bereits mehrere Opern geschaffen, unter anderem für die Höfe von Josephs Schwestern Maria Carolina in Neapel und Maria Amalia in Parma. Laut Da Ponte wurde der Komponist zudem von der Gattin des spanischen Botschafters in Wien, Isabel de Llano (1751–1821), protegiert. Die Zusammenarbeit der beiden Künstler habe Joseph II. persönlich veranlasst.Vgl. Memorie di Lorenzo Da Ponte (…) 2. Ausgabe, 1. Band, Teil 2, Nuova-Jork 1829, S. 60–64. Das Libretto konnte Da Ponte dem Tagebuch des Grafen Zinzendorf zufolge bereits am 10. Oktober 1785 im Haus von Oberstkämmerer Rosenberg vorlesen.Dorothea Link: The National Court Theatre in Mozart’s Vienna, Sources and Documents 1783–1792. Clarendon Press, Oxford 1998, S. 255.

Buffo- und Seria-Elemente Wie Ulrich Konrad schreibt, wollte Da Ponte die typische Komik des Dramma giocoso zugunsten eines größeren Gleichgewichts zwischen Buffo- und Seria-Elementen und einer Intensivierung des Ausdrucks eindämmen, womit er eine neue Art des musikalischen Schauspiels geschaffen habe. Das Libretto enthalte aber immer noch vieles, was für die Opera buffa charakteristisch sei: Verkleidungen, Liebschaften, Arien mit philosophisch-moralisierenden Inhalten und ausgedehnte Finali. Während der Librettist sonst weitgehend der Vorlage gefolgt sei, habe er die Dialoge den Ansprüchen des Komponisten und der Singenden angepasst. Die obligate Reduktion der Zahl der Akte von drei auf zwei habe die Erfindung einer komischen Episode (Valerio in Ferramondos Schlafzimmer) erfordert, die sich zu einem ersten Finale ausbauen ließ. Ganz am Ende hingegen habe Da Ponte lediglich einen für die Opera buffa typischen moralisierenden Schluss hinzufügt.Ulrich Konrad: (PDF). Hochschule für Musik Mainz, 2008.

Der Herausgeber der Partitur, Leonardo J. Waisman, identifizierte umfangreiche Zitate Martíns aus dessen eigenen in Italien entstandenen Werken.Sechs dieser Selbstzitate stammen aus der Kantate Philistaei a Jonatha dispersi (Venedig 1784), je drei aus den Opern In amor ci vuol destrezza (Venedig 1782), Vologeso (Turin 1783) und La vedova spiritosa (Parma 1785). Vgl. Leonardo J. Waisman: Vicente Martín y Soler (…) Madrid 2007, S. 241.

20-jährige Engländerin als Angelica mini|hochkant=0.8|Der erste Ferramondo: Francesco Benucci (Friedrich John nach Joseph Dorffmeister) An der Uraufführung fand Zinzendorf, aus unterschiedlichen Gründen, drei Ausführende bemerkenswert: Dorothea Link: The National Court Theatre in Mozart’s Vienna, Sources and Documents 1783–1792. Clarendon Press, Oxford 1998, S. 262. Die italienisch-britische Sopranistin Nancy Storace (1765–1817) verkörperte Angelica. Da Ponte schreibt von der Schwester des Komponisten Stephen Storace: Memorie di Lorenzo Da Ponte (…) 2. Ausgabe, 1. Band, Teil 2, Nuova-Jork 1829, S, 56: In der Gazzetta di Napoli vom 9. Januar 1786 heißt es: Zitiert nach: Ulrich Konrad: (PDF). Hochschule für Musik Mainz, 2008. Den Ferramondo verkörperte der auch von Mozart gerühmte Primo buffo Francesco Benucci (1745–1824), seine Haushälterin Marina die ausdrucksvolle Französin Maria Mandini (Marie Vésian). Deren Gatte Stefano Mandini sang wohl den Dorval, Vincenzo Calvesi den Giocondo, Michael Kelly oder Paolo Mandini den Valerio, Celeste Coltellini oder Caterina Cavalieri die Lucilla.Leonardo J. Waisman: Vicente Martín y Soler (…) Madrid 2007, S. 71, Anm. 166.

Handlung Il burbero di buon cuore spielt in der adlig-großbürgerlichen Welt des damaligen Theater- und Opernpublikums. Gegeißelt werden darin die Einschränkung der Wahlfreiheit in der Liebe und die Abschiebung von Personen in Klöster – Themen, die Da Ponte und Martín später im Einvernehmen mit ihrem Auftraggeber Joseph II. in Una cosa rara bzw. L’arbore di Diana erneut aufgriffen. Das Libretto verleugnet seine Herkunft aus dem französischen Sprechtheater nicht: Wenn dem Kaiser an Mozarts Partitur der Entführung aus dem Serail die auffielen, so am Burbero wohl die für eine Oper sehr zahlreichen Irrungen und Wirrungen, mit denen die Handlung gespickt ist.

Dabei lässt sich der Kern derselben in einem Satz erzählen: Die 16-jährige Waise Angelica soll auf ihr Glück mit dem jungen Valerio verzichten und Nonne werden oder aber den 40-jährigen Junggesellen Dorval heiraten, weil ihr Bruder Giocondo aus Liebe zu seiner ahnungslosen Gattin Lucilla Schulden gemacht hat – von denen ihn schließlich der vermeintlich menschenfeindliche Onkel Ferramondo befreit.

Die nachstehende Zusammenfassung folgt der existierenden Einspielung,Teatro Real, Madrid, Christophe Rousset. Dynamic, CD und DVD (2007). Libretto mit Übersetzung ins Englische; dynamiclassic.it (PDF; 184 kB). die gegenüber der kritischen Ausgabe des WerkesVicente Martín y Soler, Lorenzo Da Ponte: Il burbero di buon cuore. Dramma giocoso in due atti. Edición crítica: Leonardo J. Waisman. Reducción para canto y piano (…) Madrid 2004. etwas gestrafft ist.

1. Akt (Salon) mini|Schuldenwirtschaft (Hogarth, 1743) Szenen 1–3: Nach der Ouvertüre () sehen wir die junge Angelica ihren Geliebten Valerio wegschicken. Dies aus Angst vor ihrem Onkel Ferramondo, der laut seiner Haushälterin Marina zwar menschlich und großzügig, aber auch griesgrämig und streng ist. Valerio lässt sich von Angelica ewige Treue schwören. Er erklärt sich entschlossen, bei seinem Freund Giocondo, der die Vormundschaft über die elternlose Schwester ausübt, um Angelicas Hand anzuhalten.

Marina aber eröffnet dem Liebespaar, dass der (Giocondo) Angelica ins Kloster schicken wolle. Denn von seinem Vermögen und vielleicht auch von der Mitgift der Schwester sei nichts mehr übrig, was auf die Schuldenwirtschaft seiner Gattin, Lucilla, zurückzuführen sei:

Arie (Szene 1).

Valerio versichert Angelica, sie bleibe seine erste und einzige Liebe. Eher werde er sterben, als auf sie verzichten.Arie (Szene 2).

Szenen 4–6: Ferramondos Leidenschaft gilt dem Schachspiel. Bei seinem Freund Dorval, den der Diener Castagna holen soll, möchte er sich für eine verlorene Partie revanchieren. Der Meldung Castagnas, Giocondo wolle ihn sprechen, schenkt er kein Gehör. Marina hingegen gelingt es, ihm mitzuteilen, seine geliebte Nichte Angelica solle von ihrem Bruder ins Kloster gesteckt werden. Darauf erklärt Ferramondo in seiner Funktion als Familienoberhaupt, dies gehe nicht ohne seine Zustimmung. Marina solle Angelica herbeirufen. Die Haushälterin bittet ihn, das Mädchen nicht zu beunruhigen.

Szenen 7 f.: Angelicas Schüchternheit und Ferramondos Ungeduld erschweren die Kommunikation zwischen ihnen. Schließlich erfährt der Onkel doch, dass Angelica nicht ins Kloster gehen, sondern heiraten möchte. Nicht zu gestehen wagt sie hingegen, dass sie Valerio liebt. Ferramondo beschließt deshalb, ihr einen Gatten zu suchen, obwohl er als Junggeselle nicht begreifen kann, wieso sie auf Freiheit und Ruhe verzichten will. Er ist bereits weggegangen, als das Mädchen – die Hand auf dem Herzen – singt:

Szene 7.

Ferramondos Gedanken jedoch kreisen bereits wieder um die bevorstehende Schachpartie.

Szenen 9 f.: Als ihn Giocondo sprechen will, verlässt Ferramondo wütend das Zimmer. Giocondo klagt Dorval, dass der Onkel Lucilla zu Unrecht verurteile. Seine Gattin halte ihn für reicher, als er in Wirklichkeit sei, und wisse nichts von seinen finanziellen Schwierigkeiten. Giocondo erzählt (, bis 3.55):

Szene 10.

mini|Junges Paar (Wright of Derby, 1768) Dorval verspricht, bei Ferramonte ein gutes Wort für Giocondo einzulegen, auch wenn er ihm den Vorwurf nicht ersparen kann, in nur vier Jahren ein großes Vermögen durchgebracht zu haben. Dann erkundigt er sich nach Angelica, die immer schöner werde und (so deutet er an) in Gefahr stehe, ihre Jungfräulichkeit zu verlieren. Giocondo berichtet, dass er die Schwester deshalb – wenn auch nur vorübergehend – in einem Kloster unterbringen wolle, was ihm ein des Junggesellen Dorval einträgt.

Szenen 11 f.: Giocondo bittet auch Castagna, sich bei Ferramondo für ihn zu verwenden. Er verspricht, ihn dafür zu belohnen, wenn er wieder zu Geld komme. Doch der Diener, welcher keine komische Figur mehr ist wie der Arlecchino in der Commedia dell’arte, sondern Frau und vier Kinder hat, erwidert, ihm fehle nichts. Ein guter Lohn und ein guter Herr – das genüge ihm:

Szene 12.

Gelernt habe er, wirklichen von eingebildetem Bedarf zu unterscheiden und nicht mehr auszugeben als einzunehmen. Wenn er keine Kapaune und keinen Wein habe, wisse er sich mit Wasser und Kohl zu begnügen (eine auch für damalige Verhältnisse magere Kost!). Im Notfall aber könne er sich auf Ferramondos Freigiebigkeit verlassen.

Szenen 13 f.: Giocondo möchte vermeiden, dass die geliebte Gattin von seinem Bankrott erfährt. Als ihm Lucilla klagt, der Ferramondo (Szene 13). begegne ihr mit Verachtung, bittet er sie, Geduld mit dem Onkel zu haben – eines Tages brauchten sie ihn vielleicht. Darauf stellt Lucilla die (rhetorisch gemeinte) Frage, ob sie vielleicht eine Verschwenderin sei. Als sie sich erkundigt, was den Gatten bedrücke, weicht dieser aus und bringt die Rede auf seine Schwester. Lucilla bittet Giocondo, Angelica nicht ins Kloster zu schicken, sondern zu verheiraten. Mit Valerio habe das Mädchen eine gute Partie in Aussicht. Doch Giocondo will auf das Thema nicht eingehen. Schließlich fragt Lucilla, ob es ihm um Angelicas Mitgift gehe. Völlig verunsichert singt sie:

1789 von Mozart ersetzte Arie (Szene 14).

Szenen 15–18: Lucilla versichert Angelica, sie habe mit der nichts zu tun. Die Verzweifelte entgegnet, die Ursache ihres Unglücks sei der Bankrott ihres Bruders. Lucilla, die aus allen Wolken fällt, verlangt Aufklärung. Darauf nennt Angelica die Schwägerin eine . (Szene 15). Nur ihretwegen verliere sie den Liebsten. Lucilla ihrerseits bezichtigt Angelica, Giocondo zu beleidigen. Marina gelingt es nicht, die Streitenden zu beruhigen. Als Ferramondo heimkommt, erklärt er barsch, Frauen hätten in seinem Salon nichts zu suchen. So kommt Angelica wieder nicht zu Wort, und Lucilla gelingt es nicht, sich für ihre Ausgabenfreudigkeit zu entschuldigen.