Hanna Bergas, eigentlich Johanna Bergas, (* 11. März 1900 in Berlin; † im Januar 1987 in KalifornienLeslie Baruch Brent (früher: Lothar Baruch) erwähnt, dass Hanna Bergas an der Peninsula School in Palo Alto unterrichtet habe. Das lässt den Schluss zu, dass sich ihr Wohnsitz in Mountain View (Santa Clara County, Kalifornien) befand, da dieses Mountain View ebenso wie Palo Alto im Santa Clara County liegt. Die Passage über Hanna Bergas in Brents Buch ist online einsehbar: Baruch Brents Ein Sonntagskind bei Google Books. Leslie Baruch Brent: Ein Sonntagskind? Vom jüdischen Waisenhaus zum weltbekannten Immunologen, BWV, Berliner Wissenschafts-Verlag, Berlin, 2009 (2. Aufl. 2012), ISBN 978-3-8305-1702-3, S. 87.) war eine deutsche Lehrerin, die am 1. April 1933 wegen ihrer jüdischen Abstammung Opfer des Berufsbeamtengesetzes geworden war. Sie wurde aus dem staatlichen Schuldienst entlassen und fand aufgrund ihrer Bekanntschaft mit Anna Essinger eine Anstellung im privaten Landschulheim Herrlingen. Noch im selben Jahr wurde sie Mitorganisatorin von dessen geheimer Auswanderung nach Kent im Südwesten Englands, wo sie mithalf, die Bunce Court School als Exilschule aufzubauen. 1937 ging sie als Lehrerin an eine weitere Schule im Exil, das Alpine Schulheim am Vigiljoch. Als dieses 1938 schließen musste, überführte sie zusammen mit ihrem Cousin Hellmut Schneider einen Teil der dortigen Kinder an die Bunce Court School. Anschließend half sie mit, die im Rahmen der Kindertransporte nach Großbritannien gekommenen Flüchtlingskinder zu betreuen. Nach dem Zweiten Weltkrieg zogen sie und Hellmut Schneider in die USA und lebten in Kalifornien.
Herkunft und Ausbildung Aufgrund ihres Personalblatts für Lehrkräfte an Höheren Lehranstalten. Alle nachfolgenden Angaben stammen, soweit keine anderen Angaben gemacht werden, aus dieser Quelle. lässt sich Hanna Bergas Lebensweg bis zu ihrer Entlassung aus dem Schuldienst weitgehend rekonstruieren. Demnach wurde sie am 11. März 1900 in Berlin als Tochter des Kaufmanns Robert Bergas geboren. Sie sei „mosaischen Bekenntnisses“.
Hanna Bergas erhielt am 27. September 1919 an der Fürstin-Bismarck-Schule, der heutigen Sophie-Charlotte-Oberschule in Berlin-Charlottenburg, das Reifezeugnis. Ab dem Wintersemester 1919/20 studierte sie in Berlin, später für ein Semester auch in Göttingen. Am 30. Juni und 1. Juli 1924 legte sie in Berlin mit dem Prädikat „gut“ die Lehramtsprüfung in den Hauptfächern Deutsch und Englisch sowie in Kunstgeschichte als Zusatzfach ab. Zuvor hatte sie schon am 28. Juni 1923 eine Universitätsprüfung für Griechisch abgelegt.
Ihr erstes Vorbereitungsjahr begann Hanna Bergas an Ostern 1925 am Hohenzollern-Oberlyzeum. in Berlin-Wilmersdorf Am 20. Mai des Jahres wurde sie vereidigt und wurde daneben kommissarisch am Lyzeum de Mugica in Berlin-Moabit beschäftigt. An Ostern 1926 begann Hanna Bergas zweites Vorbereitungsjahr am „Bismarck-Lyzeum im Grunewald“, dem heutigen Hildegard-Wegscheider-Gymnasium. Ihre kommissarische Beschäftigung am Lyzeum de Mugica bestand weiter.
Am 9. März 1927 bestand Hanna Bergas die Pädagogische Prüfung, das 2. Staatsexamen, mit dem Prädikat „gut“; zum 1. April 1927 wurde ihr die „Anstellungsfähigkeit in Preußen“ zuerkannt, woraus aber noch keine feste Anstellung folgte: Sie wurde zunächst von April 1927 bis April 1929 an der „1. städtischen Studienanstalt (Aufbauschule Friedrichshain)“ ohne Festanstellung eingesetzt.Zur Geschichte dieser Einrichtung siehe: l. Städtische Studienanstalt und 12. Lyzeum mit AufbauschuleChronik des Georg-Friedrich-Händel-Gymnasiums, abgerufen am 10. Dezember 2022 Ab 1. April 1929 erfolgte dann ihre Festanstellung als Studienrätin an der gleichen Einrichtung. Vom 1. April 1931 an unterrichtete sie für ein halbes Jahr in Berlin-Lichtenberg, bevor sie am 1. Oktober 1931 wieder nach Charlottenburg zurückkehrte. Der Personalbogen verschweigt leider, an welche Schule.
In der Chronologie des Personalbogens gibt es keine weiteren Einträge mehr. Auf dessen Deckblatt allerdings prangt an oberster Stelle folgender Eintrag: „1.11.33 Ruhestand, BBG“. „BBG“ steht als Abkürzung für das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums und bedeutete Berufsverbot für jüdische und politisch missliebige Beamte. Hanna Bergas Cousin Hellmut Schneider traf das gleiche Schicksal am 1. Dezember 1933. Faktisch rausgeflogen aus dem Schuldienst aber war Hanna Bergas bereits am 1. April 1933. Sie beschreibt dieses Ereignis in ihren Erinnerungen: Die große Schlagzeile in der Zeitung, auf die Hanna Bergas Bezug nimmt, betraf den Judenboykott, den das NS-Regime seit längerem geplant hatte und am 1. April 1933 in ganz Deutschland durchführen ließ.
Landschulheim Herrlingen Für Hanna Bergas bestanden die Wochen nach ihrem Rauswurf darin, für sich eine neue Perspektive zu gewinnen. Sie gab privaten Unterricht, versuchte, ihre Angelegenheiten mit der Schulbehörde zu klären und schrieb Bewerbungen. Anfang Mai erhielt sie dann ein Angebot von Anna Essinger, die sie drei Jahre zuvor kennengelernt hatte. Essinger, die Direktorin des Landschulheims Herrlingen, wollte nicht länger Kinder im Nazi-Deutschland unterrichten und beabsichtigte, die Schule nach England zu verlagern.
Anna Essinger schlug Bergas vor, in den Sommermonaten in Herrlingen zu unterrichten und dann zusammen mit ihr, weiteren Lehrkräften und den Schülerinnen und Schülern auszuwandern. Diese Aktion, die die Zustimmung der meisten Eltern der jüdischen Kinder fand, wurde gut vorbereitet und nach außen gut abgeschirmt. Die teilnehmenden Kinder fuhren noch ganz normal zu ihren Eltern in die Sommerferien, doch sie sollten danach nicht wieder nach Herrlingen zurückkommen.Sara Giebeler: Das Landschulheim Herrlingen, S. 40–74
Anna Essinger hatte nach längerem Suchen ein Haus in Otterden in der Grafschaft Kent gefunden. Dort traf Mitte September 1933 die erste Vorhut der künftigen Bunce Court School ein: sechs ältere Jungen und Mädchen sowie sechs Lehrer, die gemeinsam das Haus herrichten und die Ankunft der übrigen Schülerinnen und Schüler vorbereiten sollten. Ende September/Anfang Oktober sammelten sich dann in Deutschland drei Gruppen, um auf getrennten wegen nach Ostende zu reisen.Hanna Bergas beschreibt in ihren Erinnerungen ausführlich den Abschied ihrer Gruppe am Berliner Bahnhof Zoo, der für sie auch ein Abschied von ihrer Mutter war, und auch die Reise nach Dover. Nach ihrem Rauswurf aus der Schule, den sie ihren ersten Exodus nannte, war für sie diese Reise nun ihr zweiter Exodus.Hanna Bergas: Fifteen Years – Lived among, With and For Refugee Children, S. 4–6. Anders als Giebeler, die schreibt, dass Anna Essinger die zweite Reisegruppe begleitet habe, erinnert sich Bergas, dass Anna Essinger in England gewesen sei und die Gruppen in Dover erwartet habe.
Bunce Court School vor dem Zweiten Weltkrieg Hanna Bergas hat, ausführlicher als Anna Essinger selber, in ihren Erinnerungen den Alltag in der Bunce Court SchoolZur Geschichte des Hauses und der Schule siehe auch: und deren fortschreitenden Ausbau beschrieben.
Die Schülerzahlen aus dem Anfangsjahr stiegen kontinuierlich und damit auch die Anforderungen an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Nach Hanna Bergas fühlten sie sich nach einiger Zeit glücklich und erschöpft zugleich. Hanna Bergas nahm ihre erste Auszeit im Sommer 1936, aber nicht ganz frei von Verantwortung, wie sie es als Konzept beschrieben hat: Nach längerer Vorplanung reiste sie in Begleitung einer fünfzehnjährigen Schülerin nach Südtirol zu einem Besuch im Alpinen Schulheim am Vigiljoch, dessen Co-Direktor ihr Cousin Hellmut Schneider war.Hanna Bergas: Fifteen Years - Lived among, With and For Refugee Children, S. 28 Während dieses Besuchs bahnte sich eine folgenreiche Entwicklung an, die durch „the close relationship between Helmut and me“ noch zusätzlichen Antrieb erhielt:
Zwischenspiel am Alpinen Schulheim am Vigiljoch
Hanna Bergas blieb bis Herbst 1938 am Vigiljoch und leitete nach Marie Günther-Hendels Emigration das Schulheim zusammen mit Hellmut Schneider. Nach der Verabschiedung des italienischen Rassengesetzes am 1. September 1938 war jedoch absehbar, dass die Schule in Italien keine Zukunft haben würde. Es musste deshalb für alle Schülerinnen und Schüler eine Lösung gefunden worden, teils bei den eigenen Eltern, teils bei Verwandten oder auch an Schulen in anderen Ländern. Auch die Bunce Court School erklärte sich bereit, fünf Kinder aufzunehmen, und Anna Essinger teilte Hanna Bergas darüber hinaus mit, sie habe „noch aus früheren Jahren eine Erlaubnis für eine Erwerbstätigkeit in Großbritannien. Nun, durch die Flut von Immigranten, würden solche Permits nur an Haushaltshilfen vergeben. Später, wenn Helmut auch noch kommen wolle, würde es auch einen Platz für ihn geben; aber er müsste bloß für seinen Unterhalt arbeiten, da er kein Permit für Erwerbstätige hätte. Das waren wertvolle Angebote, die wir mit tiefer Dankbarkeit akzeptierten.“Hanna Bergas: Fifteen Years, S. 36–37. „I still had, she stressed, a permit for ‚gainful employment‛ in Britain from former years. Now, since the flood of immigrants, such permits were only given to "domestic" workers. Later on, when Helmut wanted to come over too, there would also be a place for him; but he would have to work merely for his keep, as he had no permit for ‚gainful employment‘. These were lost valuable offers which we accepted with profound gratitude.“ Vermutlich im Oktober oder November 1938 kehrte Hanna Bergas an die Bunce Court School zurück, wohin ihr auch Hellmut Schneider folgte.
Kindertransporte und Zeit des Zweiten Weltkriegs Dovercourt Hanna Bergas Rückkehr nach England mündete sofort in ein besonderes Engagement, dessen Hintergrund Anna Essinger skizziert: „Mehrere von uns wurden von einem der Flüchtlingskomitees gebeten, beim Empfang der Kindertransporte zu helfen, die seit den Pogromen in Deutschland und Österreich nach England kamen. Zusammen mit einigen ehemaligen Helfern und einigen der älteren Kinder der Schule gingen sechs von uns nach Dovercourt, um die Kinder zu empfangen.“Anna Essinger: Die Bunce Court School (1933–1943), S. 77 Hanna Bergas war eine dieser sechs Personen, die dann vom Dezember 1938 bis Ende Januar 1939 geflüchtete Kinder in Dovercourt betreuten.Sie selber berichtet nur von vier Personen, wobei offen bleibt, ob sie die von Anna Essinger erwähnten älteren Kinder in ihrer Zählweise mit berücksichtigt.
Ihr Einsatz hier endete Ende Januar 1939, und sie kehrte an die Bunce Court School zurück.
Zwischen Vorabend und Ende des Zweiten Weltkriegs