Die Bahnstrecke Gessertshausen–Türkheim ist eine Nebenbahn in Bayern. Sie verläuft von Gessertshausen über Markt Wald und Ettringen nach Türkheim. Die einst 42,400 Kilometer lange Strecke führt durch die im Naturpark Augsburg-Westliche Wälder gelegene Ausflugsregion Stauden und wird deswegen auch Staudenbahn genannt. Sie folgt dabei bis Fischach der Schmutter, anschließend bis Schnerzhofen der Neufnach. Etwa zwei Drittel der Strecke befinden sich im Landkreis Augsburg, das andere Drittel im Landkreis Unterallgäu. Ein Teil der Strecke wurde in den 1980er und 1990er Jahren stillgelegt.
Geschichte Planungen und erster Streckenabschnitt Erste Bestrebungen für eine Schienenverbindung gab es von Ettringen, Türkheim und Fischach aus. Am 4. Juli 1891 befürwortete der Kirchheimer Brauereibesitzer Fahrschon im Wertach- und Mindelboten, dass er eine Verbindung für sinnvoll hielte. Erst 1908 wurde die Strecke Türkheim–Ettringen eröffnet. Obwohl 1897 die Strecke von Gessertshausen nach Fischach angestrebt wurde, war nach dem Bau des ersten Teilabschnittes die Sache für die Bahnverwaltung erledigt und ein festes Maschinenhaus wurde in Ettringen errichtet. Weitere Verhandlungen über eine weiterführende Streckenverbindung erwiesen sich als kompliziert. Im Oktober 1897 wurde der Gemeinde Fischach mitgeteilt, dass der Anschlussbahnhof Gessertshausen auf einem gut ausgebauten Straßenstück zu erreichen sei. Die Papierfabrik der Gebrüder Lang, die bis heute besteht, plante daher eine private Schmalspurbahn in Richtung Westerringen zum Anschluss an die Bahnstrecke Augsburg–Buchloe. Die Idee wurde wenig später fallengelassen. Nachdem das Fischacher Eisenbahnkomitee erkannte, dass eine Stichbahn nach Gessertshausen nicht durchzusetzen war, veränderten sie ihr Projekt. Das neue Bestreben war eine Zugverbindung von Gessertshausen über Markt Wald nach Ettringen. So hätte auch eine in Schnerzhofen bestehenden Holzfirma mit Werkstoffen beliefert werden können. Einige Gemeinden im Westen der geplanten Bahnverbindung schlugen einen Bahnanschluss in Mödishofen vor statt in Gessertshausen. Die Stadt Augsburg bot Unterstützung beim Bau an. Am 30. Juli 1909 erteilte die Lokalbahn Aktien-Gesellschaft (LAG) aus München die Erlaubnis für den Bau. Das Königreich Bayern stellte ein außerordentliches Budget zur Verfügung. Das Reichseisenbahnamt in Berlin hatte den Plan, auf der Strecke auch Militärzüge fahren zu lassen. Da es aber am notwendigen Geld fehlte, blieb es beim Bau einer Lokalbahn.
Bau des zweiten Streckenabschnitts Rund eineinhalb Jahre nach der gesetzlichen Genehmigung begannen die Königlich Bayerischen Staatseisenbahnen mit den Bauarbeiten. Am 12. Oktober 1910 wurde die Teilstrecke Gessertshausen–Fischach fertiggestellt. Am 20. Dezember 1911 wurde die Verlängerung von Ettringen nach Markt Wald gebaut. Indessen wurde an dem noch fehlenden Teilstück Fischach–Markt Wald gebaut und konnte am 8. Februar 1912 eingeweiht werden. Am 11. Dezember 1912 fuhren die ersten Züge von Gessertshausen nach Türkheim. Fortan gab es die Stationen Türkheim Markt und Türkheim Bahnhof. Der Knotenbahnhof Türkheim (Bay) Bahnhof befindet sich rund 2,5 Kilometer vom Haltepunkt Türkheim (Bay) Markt entfernt und bietet Verbindungen Richtung Buchloe, Mindelheim und Bad Wörishofen. Der Lokomotivschuppen in Ettringen wurde abgerissen; dafür errichtete man ein Maschinenhaus und einen Lokomotivbahnhof in Markt Wald.
Bis zum Zweiten Weltkrieg Die erste Abfahrt in Richtung Türkheim fand fast eine Dreiviertelstunde früher statt als die nach Gessertshausen. Für Reisende, die von Ettringen nach Augsburg fahren wollten, fuhren die Züge über Türkheim und Buchloe bzw. über Gessertshausen etwa gleich lang. Beide brauchten rund 120 Minuten. 1919 musste der Verkehr für einige Zeit ruhen, da das Ruhrgebiet von Frankreich besetzt war und daher auch in Süddeutschland Kohleknappheit herrschte.
Die Staudenbahn im Zweiten Weltkrieg mini|Zugewachsene Bahntrasse zum geplanten Militärdepot 1944 spitzte sich die Situation zu. In Augsburg waren wichtige Rüstungsbetriebe wie MAN und Messerschmitt tätig, so dass die Situation auch für das Umland nach dem Bombenangriff auf Augsburg Ende Februar 1944 immer bedrohlicher wurde. In den letzten Kriegsmonaten wurde eine Schottertrasse zu einem geplanten Militärdepot gebaut, eine Nutzung erfolgte allerdings nie.
Im März 1945 nahmen Tiefflieger eine Zuggarnitur unter Beschuss, die im Bahnhof Markt Wald stand. Ein Personenwagen wurde stark beschädigt. Menschen kamen nicht zu Schaden. Am 25. April 1945, nach dem Einmarsch US-amerikanischer Truppen in der Region, wagte ein Lokomotivführer eine Fahrt ohne Waggons von Gessertshausen nach Markt Wald und kam wohlbehalten an. Bis auf den oben genannten Vorfall war die Staudenbahn vom Krieg verschont worden. Am 19. Juli 1945 konnte ein bescheidener Zugverkehr wieder aufgenommen werden.
Rückgang des Zugverkehrs Ein starker Rückgang des Personenverkehrs war ab den 1960er Jahren zu verzeichnen. Das Jahr 1967 war das letzte Jahr, in dem noch Dampflokomotiven auf der Strecke fuhren. So benötigte ein Nahgüterzug von Gessertshausen nach Türkheim bis zu fünf Stunden. Der Personen- und Güterverkehr ging immer weiter zurück, sodass nur noch montags bis freitags Züge verkehrten. Die langen Fahrzeiten, unter anderem verursacht durch Langsamfahrstellen in Folge ungenügenden Streckenunterhalts führten dazu, dass die Reisezüge kaum noch genutzt wurden.
Die Streckengeschwindigkeit zwischen Ettringen und Türkheim/Markt betrug in den 80er-Jahren noch 80 km/h. Die Akkutriebwägen der Baureihe 515 erreichten diese Geschwindigkeit relativ schnell nach starker Beschleunigung. Anschließend liefen sie im Leerlauf – durch das hohe Triebwagengewicht (über 20 Tonnen Akkumulatoren) fast ohne Geschwindigkeitsverlust – bis zu den Langsamstrecken bei den Ortseingängen Ettringen bzw. Türkheim (Straßenquerungen). Die späteren Dieseltriebwägen der Baureihe 627 konnten diesen für die Passagiere sehr komfortablen Modus nicht annähernd so gut, geschweige denn leise umsetzen und waren fast die ganze Strecke unter Last. Durch das jahrelange Verkommenlassen der Strecke ist die Höchstgeschwindigkeit dort mittlerweile auf 50 km/h begrenzt.
In den frühen 1980er Jahren setzte die Deutsche Bundesbahn auf der Staudenbahn vorübergehend ihre damals modernsten Dieseltriebwagen der Baureihe 627.1 ein, die im Bahnbetriebswerk Kempten (Allgäu) stationiert waren. Ursächlich hierfür war ein gemeinsamer Umlaufplan mit anderen Strecken in der Region Augsburg. Das Nachrichtenmagazin Der Spiegel berichtete seinerzeit: „Die Deutsche Bundesbahn setzt lieber ihre neuesten Triebfahrzeuge in einem Wald, weit hinter Augsburg versteckt ein, anstatt sie auf gut frequentierten Strecken einzusetzen.“Autorenverband Elmar Kretz, Klaus Böhme und Stefan Mühler und Foto Optik Mayer: Die Staudenbahn – Ein spannendes Kapitel bayerischer Bahngeschichte. Video-DVD. 2013/2014.
Teilstilllegung mini|Haltepunkt Reichertshofen (Schwab) 1982 zwang der schlechte Oberbauzustand wegen verrotteter Holzschwellen auf dem Abschnitt Markt Wald–Ettringen – auf den übrigen Abschnitten waren in den 1970er Jahren gebrauchte Stahlschwellen von Hauptstrecken eingebaut worden – zu einer Beschränkung der Höchstgeschwindigkeit auf 30 km/h. Am 24. September gleichen Jahres wurde dieser Abschnitt für den Personenverkehr gesperrt, ehe er am 28. Mai 1983 wegen Unbefahrbarkeit für den Gesamtverkehr gesperrt, jedoch nicht stillgelegt wurde. Der Personenverkehr zwischen Türkheim (Bay) Bahnhof und Ettringen endete am 9. Januar 1987. Bis dahin war der Bahnhof Ettringen noch mit einem Beamten, einem Bahnhofsvorsteher besetzt. Im Mai 1988 lösten auf dem verbliebenen Restabschnitt Gessertshausen–Markt Wald die abgewirtschafteten zweiachsigen Schienenbusse der Baureihen 796/996 die deutlich komfortableren, vierachsigen Akkutriebwagen der Baureihe 515 ab. Trotz Protesten wurde der Personenverkehr am 31. Mai 1991 eingestellt.
Der Güterverkehr wurde mit der Auflösung von Gütertarifpunkten zum 28. Mai 1995 eingeschränkt, was zur Aufgabe des Betriebs auf dem Abschnitt Fischach–Markt Wald zum 1. Mai 1996 führte. Der einzig verbliebene Bahnhof mit Güteraufkommen auf dem nördlichen Streckenabschnitt war somit Fischach. Hier empfing der Hauser Weinimport aus vierachsigen Kesselwagen bestehende Ganzzüge. Auf dem südlichen Abschnitt wurden weiterhin Türkheim (Bay) Markt und Ettringen angefahren.
Wiederinbetriebnahme mini|Die Staudenbahn bei Langenneufnach Auf Teilen der Strecke wurde der Verkehr wieder aufgenommen. von nach in Betrieb ab Gessertshausen Langenneufnach 28. Juli 2001 Langenneufnach Markt Wald 1. Mai 2003
Gegenwart mini|Diesellokomotive der Reihe 2143 der SVG
Südlicher Abschnitt Türkheim Bahnhof – Ettringen – Markt Wald Der 7,1 Kilometer lange Abschnitt Markt Wald – Ettringen ist zurzeit wegen Unbefahrbarkeit gesperrt. Eine formale Stilllegung für diesen Abschnitt fand nie statt, weshalb eine Reaktivierung der durchgehenden Strecke jederzeit möglich ist. Das seit der Streckensperrung im Jahre 1983 stark zugewachsene Gleis ist zudem fast vollständig erhalten. Lediglich am Bahnübergang am ehemaligen Haltepunkt Schnerzhofen wurde das Gleis auf etwa 100 Meter entfernt und die Straße durchgehend asphaltiert. Außerdem fehlt am Anschluss der Gebr. Lang Papierfabrik eine Weiche zum Streckengleis aus Richtung Markt Wald/Gessertshausen. Die Teilstrecke Gessertshausen – Markt Wald kaufte der Staudenbahn-Schienenweg-Trägerverein e. V. der Deutschen Bahn im Jahr 2000 ab und übertrug den Betrieb auf das im gleichen Jahr gegründete Eisenbahninfrastrukturunternehmen Bahnbetriebsgesellschaft Stauden (BBG).
Der Abschnitt von Türkheim nach Ettringen wird durch die DB Cargo befahren, die eine Papierfabrik der zur UPM-Kymmene gehörenden UPM Ettringen bedient. Diese verfügt über einen am 24. Januar 2000 eingeweihten Gleisanschluss nördlich des Bahnhofs Ettringen, mit dem der zuvor praktizierte Umschlag im Bahnhof abgelöst wurde. Nr. 142, März/April 2000, S. 63. Der Südabschnitt zwischen Markt Wald und Türkheim befindet sich seit dem 2. März 2004 im Eigentum der BBG.
Anfang Dezember 2018 fasste der Kreistag des Landkreises Unterallgäu den Beschluss, sich für die Reaktivierung der Strecke zwischen Langenneufnach und Türkheim einzusetzen. Dieser Beschluss ermöglichte die Erstellung eines Potentialgutachtens durch die Bayerische Eisenbahngesellschaft. Nachdem der Landkreis Unterallgäu das Gutachten beauftragt hatte, rechnete man mit einem Ergebnis bis Mitte des Jahres 2024. Ende September 2025 gab das Staatsministerium für Wohnen, Bau und Verkehr schließlich bekannt, dass das Gutachten ergeben habe, dass nur rund 800 Fahrgäste pro Kilometer für die Strecke zwischen Langenneufnach und Türkheim errechnet wurden und damit die Vorgabe von mindestens 1000 Fahrgästen klar verfehlt wurde. Das Ministerium erteilte einer Reaktivierung dieses Streckenabschnitts damit eine Absage. Einige Politiker aus dem Landtag sprechen sich im Nachgang für eine Gesamtbetrachtung der Strecke zwischen Gessertshausen und Türkheim sowie eine Abweichung von dem Reaktivierungskriterium von 1000 Fahrgästen pro Kilometer aus.Rollt die Staudenbahn aufs Abstellgleis? In: Augsburger Allgemeine, erschienen am 9. Oktober 2025, S. 35.
In einem Praxisprojekt der Staatlichen Berufsschule Mindelheim wurde 2025 im dritten Jahr auf einem Abschnitt zwischen Markt Wald und Ettringen ein Freischnitt des Gleises durchgeführt.Abendschau – Der Süden. In: BR Fernsehen. Bayerischer Rundfunk, 15. Mai 2025 ().
Nördlicher Abschnitt Gessertshausen–Markt Wald