Heinrich Tiedemann (* 23. Oktober 1800 in Hademarschen; † 4. Mai 1851 in Rendsburg) war ein deutscher Landmesser, Landinspektor, Gutsbesitzer und Politiker. mini|Gedenktafel für Heinrich Tiedemann Eltern Heinrich Tiedemann war ein Sohn von Christoph(er) Tiedemann (* 1. August 1766 in Beringstedt; † 5. April 1817 in Osterstedt). Der Vater arbeitete als Landmesser und ab 1800 bei der Eindeichung des Karolinenkoogs. Ab 1805 war er Halbhufner in Osterstedt. Seine Mutter Maria, geborene Jarstorf (* 20. Oktober 1760 in Poyenberg im Kirchspiel Kellinghusen; † 15. April 1807 in Osterstedt) war eine Tochter des Kätners Christian Jar(g)storf, (* um 1723; † 1. April 1788 in Poyenberg) und von Magdalena, geborene Stenner (* um 1724; † 25. September 1778 in Poyenberg).Annekatrin Mordhorst, Hartwig Moltzow: Tiedemann, Heinrich. in: Biographisches Lexikon für Schleswig-Holstein und Lübeck. Band 13. Wachholtz Verlag, Neumünster 2011, S. 447–454
Tiedemanns Vater heiratete 1809 in zweiter Ehe Marike (Maria), geborene Trede (* 22. August 1783 in Osterstedt; † 16. Oktober 1867). Ihr Vater Ehler Trede (* um 1757; † 31. März 1824 in Osterstedt) war ein Kätner und Weber. Die zweite Ehefrau heiratete 1820 den Insten und Weber Andreas Harms.Annekatrin Mordhorst, Hartwig Moltzow: Tiedemann, Heinrich. in: Biographisches Lexikon für Schleswig-Holstein und Lübeck. Band 13. Wachholtz Verlag, Neumünster 2011, S. 448.
Kindheit und Jugend Tiedemanns Kindheit und Jugend sind nur wenig dokumentiert. Der Vater war ein Inste und hatte neben Heinrich fünf weitere, ältere Kinder. Nach dem Tod der ersten Ehefrau des Vaters brachte die Stiefmutter drei weitere Kinder mit in den Haushalt ein. Mit so vielen Kindern und geringem Einkommen des Vaters muss die Kindheit karg gewesen sein.Annekatrin Mordhorst, Hartwig Moltzow: Tiedemann, Heinrich. in: Biographisches Lexikon für Schleswig-Holstein und Lübeck. Band 13. Wachholtz Verlag, Neumünster 2011, S. 448.
Tiedemann lebte zunächst in Hademarschen, wo sich die Familie erst unmittelbar vor seiner Geburt niedergelassen hatte. 1805 erwarb der Vater eine Landstelle in Osterstedt, wo Tiedemann im Alter von sechs Jahren erstmals zur Schule ging. Nach dem Tod der Mutter im Folgejahr blieb er offensichtlich wiederholt der Schule fern, um Gänse zu hüten. Gemäß fragmentarischen autobiographischen Aufzeichnungen seines Nachlasses vermisste er seine leibliche Mutter lebenslang. Eine enge Beziehung zu seiner Stiefmutter baute er nie auf.Annekatrin Mordhorst, Hartwig Moltzow: Tiedemann, Heinrich. in: Biographisches Lexikon für Schleswig-Holstein und Lübeck. Band 13. Wachholtz Verlag, Neumünster 2011, S. 448.
Weitere Informationen, die Tiedemanns Privatleben betreffen, sind fast ausschließlich in der Autobiographie seines Sohnes zu finden. Nach dem Tod seines Vaters verließ Tiedemann vermutlich das Elternhaus und durchlief eine Ausbildung zum Landvermesser. Erste Kenntnisse hierüber hatte er vermutlich von seinem Vater bekommen. In hohem Lebensalter sagte Tiedemann jedoch, dass er als 18-Jähriger noch nicht habe schreiben und lesen können. Auch die Hochdeutsche Sprache habe er erst später gelernt.Annekatrin Mordhorst, Hartwig Moltzow: Tiedemann, Heinrich. in: Biographisches Lexikon für Schleswig-Holstein und Lübeck. Band 13. Wachholtz Verlag, Neumünster 2011, S. 448.
Berufliche Tätigkeiten Im Februar 1826 hatte Tiedemann seinen Wohnsitz in Heide und vermaß das Mieltal. Er kooperierte offensichtlich eng mit dem Deichkondukteur Ernst Johann Friedrich von Christensen. Im Mai/Juni 1826 unternahmen sie eine Reise, die von Heide nach Rendsburg, Flensburg, Lügumkloster, Ringköbing an den Limfjord führte. Auf dem Rückweg besuchten sie Holstebro, Viborg und Aarhus. Während der Reise sollten sie insbesondere die Veränderungen der Landschaft am Limfjord untersuchen, zu denen es infolge der Februarflut von 1825 gekommen war.Annekatrin Mordhorst, Hartwig Moltzow: Tiedemann, Heinrich. in: Biographisches Lexikon für Schleswig-Holstein und Lübeck. Band 13. Wachholtz Verlag, Neumünster 2011, S. 448–449.
Deichinspektor Nikolaus Heinrich von Christensen, der Vater Ernst Johann Friedrich von Christensens, gab Anfang März 1827 bei Tiedemann ein Gutachten in Auftrag. Er sollte beurteilen, wie die Gefahren der Flut, die der ganzen Wilstermarsch aufgrund des maroden Elbdeichs bei Schelenkuhlen drohten, abgewendet werden könnten. Tiedemann empfahl, weder Zeit noch Geld in eine Sanierung dieses Deiches zu investieren, die er für kaum durchführbar hielt. Als Sofortmaßnahme regte er die Anlage eines Schlafdeiches an. Was Tiedemann darüber hinaus während dieser Jahre tat und wo er wohnte, ist nicht bekannt. Er muss sich während dieser Zeit aber umfassend weitergebildet haben. Gegebenenfalls erlernte er in diesen Jahren auch die englische Sprache.Annekatrin Mordhorst, Hartwig Moltzow: Tiedemann, Heinrich. in: Biographisches Lexikon für Schleswig-Holstein und Lübeck. Band 13. Wachholtz Verlag, Neumünster 2011, S. 449.
Ab Anfang Juli 1833 arbeitete Tiedemann als Landinspektor für die schleswigschen Landkommissariatsgeschäfte. Mitte August 1834 trat er in das Examinationskollegium für Landmesser in den Herzogtümern ein. Hier blieb er bis zur selbstgewählten Entlassung 1845. Aufgrund seiner großen Reisetätigkeit kannte ihn die Bevölkerung sehr gut. Tiedemann sah dabei auch die große Armut des Großteils der Einwohner, die durch eine Krise der Agrarindustrie noch an Schärfe zunahm.Annekatrin Mordhorst, Hartwig Moltzow: Tiedemann, Heinrich. in: Biographisches Lexikon für Schleswig-Holstein und Lübeck. Band 13. Wachholtz Verlag, Neumünster 2011, S. 449.
Da Tiedemann häufig als Schiedsrichter bei Konflikten rekrutiert wurde, war er offenbar ein sehr guter Landmesser. Seine beruflichen Tätigkeiten waren wichtig für seine späteren Aktivitäten vor der Schleswig-Holsteinischen Erhebung.Annekatrin Mordhorst, Hartwig Moltzow: Tiedemann, Heinrich. in: Biographisches Lexikon für Schleswig-Holstein und Lübeck. Band 13. Wachholtz Verlag, Neumünster 2011, S. 449.
Besitztümer mini|Gutshaus Johannisberg Das berufliche Fortkommen Tiedemanns ging einher mit einem steigenden Einkommen. Seine engsten Verwandten arbeiteten weiter als Insten und Kleinbauern, während ihm ein ungewöhnlicher sozialer Aufstieg gelang. 1835 kaufte er weitestgehend den Meggerkoog inklusive des Gutshofs Johannisberg, der völlig herabgewirtschaftet war. Durch eine Dampfmaschine konnte er die Flächen des Kooges nach kurzer Zeit trockenlegen. Mithilfe weiterer Dampfmaschinen verwandelte er den Gutshof in ein prosperierendes Anwesen, das über eine Wasserschöpfmühle, eine Kornmühle, eine Bäckerei, Brauerei und Stärkefabrik verfügte. Außerdem ließ er ein neues Herrenhaus und große Wirtschaftsgebäude bauen.Annekatrin Mordhorst, Hartwig Moltzow: Tiedemann, Heinrich. in: Biographisches Lexikon für Schleswig-Holstein und Lübeck. Band 13. Wachholtz Verlag, Neumünster 2011, S. 449.
Tiedemann zahlte für die ungefähr 400 Bewohner des Meggerkoogs die Kopfsteuer. 1840 erwarb er zusätzlich den Brömerkoog und baute auch diesen neu auf. Das Land diente insbesondere der Gewinnung von Heu. Um 1848 erbrachte das Gut Johannisberg einen Reinertrag von circa 20.000 Talern. Ein möglicher Grund, aber auch ein Ausdruck seines gesellschaftlichen Aufstiegs dürfte gewesen sein, dass er eine Ehefrau aus der angesehenen Familie Jessen heiratete. Das renommierteste Mitglied war seinerzeit der Psychiater Peter Jessen. Tiedemanns Erfolge machten ihn in den Herzogtümern bekannt.Annekatrin Mordhorst, Hartwig Moltzow: Tiedemann, Heinrich. in: Biographisches Lexikon für Schleswig-Holstein und Lübeck. Band 13. Wachholtz Verlag, Neumünster 2011, S. 449.
Einstieg in die Politik Tiedemann verfasste ab Mitte der 1830er Jahre Pressemitteilungen. Dies stellte den Beginn seiner politischen Laufbahn dar. Bereits die ersten Publikationen zeigten ihn als ehrgeizige, sehr lernfähige Persönlichkeit, die über einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn verfügte. Außerdem hatte er bemerkenswerte unternehmerische und praktische Kenntnisse und verstand gleichzeitig ökonomische Zusammenhänge. Dies geht aus seinen Aufsätzen über staatswirtschaftliche und politische Fragestellungen hervor.Annekatrin Mordhorst, Hartwig Moltzow: Tiedemann, Heinrich. in: Biographisches Lexikon für Schleswig-Holstein und Lübeck. Band 13. Wachholtz Verlag, Neumünster 2011, S. 450.
Ab 1836 schrieb Tiedemann eine Serie von Artikeln für das Kieler Correspondenzblatt. Darin forderte er, den Zoll unter dem Gesichtspunkt des Staatszwecks aufzuheben. Er thematisierte das Finanz- und Steuerwesen der Nationalökonomie, stellte eine mögliche Form einer Klassensteuer dar, die als Ersatzsteuer angelegt sein sollte, die Verpachtung der Dampfkraft und das Mathematik- und Kameralwissenschaftsstudium. In anderen Beiträgen erläuterte er das englische Steuersystem und die Basis des Steuerkatasters Frankreichs.Annekatrin Mordhorst, Hartwig Moltzow: Tiedemann, Heinrich. in: Biographisches Lexikon für Schleswig-Holstein und Lübeck. Band 13. Wachholtz Verlag, Neumünster 2011, S. 450.
In Publikationen der 1840er Jahre schrieb Tiedemann über die Finanzen der Herzogtümer. Darin forderte er, diese aus dem Königreich Dänemark zu lösen und eine schleswig-holsteinische Landesbank einzurichten. Inspiriert durch Uwe Jens Lornsen interessierte er sich auch für Fragen der Verfassung. Das Gesetz zur Anordnung von Provinzialständen beurteilte er sehr positiv. Er gründete den deutschen Zollverein mit und besuchte parlamentarische Verhandlungen in Landtagen in Mittel- und Süddeutschland. Tiedemann hielt die parlamentarische Arbeit für die beste Möglichkeit, die von ihm angestrebte Reformen zu realisieren.Annekatrin Mordhorst, Hartwig Moltzow: Tiedemann, Heinrich. in: Biographisches Lexikon für Schleswig-Holstein und Lübeck. Band 13. Wachholtz Verlag, Neumünster 2011, S. 450.
1841 reiste Tiedemann durch Deutschland und England. Dabei traf er unter anderem die Liberalen Heinrich von Gagern, Georg Gottfried Gervinus, Theodor Welcker, Johann Adam von Itzstein sowie Carl Joseph Anton Mittermaier. Im Londoner Unterhaus hörte er Debattenbeiträge von John Russell, Lord Palmerston, Robert Peel und Daniel O’Connell. Letzteren fand er derart beeindruckend, dass er ihn nach der Rede persönlich kontaktierte. Offiziell sollte Tiedemann in England landwirtschaftliche Verarbeitungsbetriebe besuchen, insbesondere Ölschlägereien. Er hatte hierfür Empfehlungsschreiben erhalten, die an die dänischen Konsuln in Deutschland, Belgien, Holland und England adressiert waren.Annekatrin Mordhorst, Hartwig Moltzow: Tiedemann, Heinrich. in: Biographisches Lexikon für Schleswig-Holstein und Lübeck. Band 13. Wachholtz Verlag, Neumünster 2011, S. 450.
Tiedemann hatte ab 1837 dokumentierte Geschäftskontakte mit Wilhelm Hartwig Beseler, dessen Frau eine enge Freundin seiner Gattin war. Die Ehepaare trafen sich oftmals im Meggerkoog. Andere regelmäßige Besuche empfing Tiedemann von Theodor Olshausen und Ferdinand Jacobsen. Olshausen schrieb er bis Lebensende Briefe. Zu den Politikern, mit denen er sich verbündete, gehörten darüber hinaus Theodor Gülich, Georg Löck und Heinrich Hansen.Annekatrin Mordhorst, Hartwig Moltzow: Tiedemann, Heinrich. in: Biographisches Lexikon für Schleswig-Holstein und Lübeck. Band 13. Wachholtz Verlag, Neumünster 2011, S. 450–451.
Einzug in die Ständeversammlung