mini|Abtei Corvey, Eingangssituation Der Weserbarock bezeichnet einen von 1670 bis 1760 im Weserraum herrschenden Baustil, der die Weserrenaissance fortsetzte, im Unterschied zu deren reicher Formenausstattung aber von betont einfachen, auf weitere Detaillierung verzichtenden Baukörperformationen bestimmt wird, wobei lediglich Portalanlagen eine aufwendigere plastische Gestaltung erfuhren. In dieser Hinsicht ist der Weserbarock entscheidend vom Klassizistischen Barock der Niederlande geprägt.
Begriffsgeschichte Auf die kulturelle Besonderheit des Wesertals mit seinen Städten, Burgen und Kirchen machte erstmals der in Rinteln aufgewachsene und als Verfasser des Weserliedes bekannt gewordene Franz von Dingelstedt in seinem 1839 erschienenen Buch Das Weserthal von Münden bis Minden aufmerksam.Franz Dingelstedt: Das Weserthal von Münden bis Minden. Theodor Fischer, Kassel 1839 (Nachdruck Olms, Hildesheim 1996). Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts setzte eine genauere Beschäftigung mit der Baukultur des Weserraums ein, die 1918 in dem Buch Die Weserrenaissance von Max Sonnen mündete.Max Sonnen: Die Weserrenaissance. Die Bauentwicklung um die Wende des 16. und 17. Jahrhunderts an der oberen und mittleren Weser und den angrenzenden Landesteilen. Münster 1918 (Digitalisat). 1964 veröffentlichte Jürgen Soenke mit dem Fotografen Herbert Kreft ein weiteres Buch unter dem Titel Die Weserrenaissance.Herbert Kreft, Jürgen Soenke: Die Weserrenaissance. Niemeyer, Hameln 1964. Die gleichzeitigen Forschungen von Theodor Rensing zur barocken Architektur Westfalens und des Weserraums ließen damals einen weiteren Band zum Weserbarock sinnvoll erscheinen, doch verhinderte dessen früher Tod das Projekt, das einen Überblick über die Baukultur des Weserraums zwischen 800 und 1800 zum Abschluss gebracht hätte. Der Begriff Weserbarock hat sich seither v. a. in der touristischen Literatur etabliert (Corvey, Bad Karlshafen etc.), trotz zahlreicher Einzelstudien zu Objekten fehlt jedoch von kunsthistorischer Seite eine Gesamtdarstellung des Phänomens Weserbarock.
Geschichtliche Voraussetzungen mini|Tabula Angriae in Diocesi Paterbornensi (1740)mini|Weserschleife Glashütte bei Reinhardshagen mini|Wesertal mit Bad Karlshafen mini|Wesertal mit Schloss Fürstenberg mini|Die Weser bei Lüchtringen, im Hintergrund Stift Corvey Das Ausbreitungsgebiet des Weserbarocks entspricht im Wesentlichen der historischen Landschaft Engern, die nach dem Zerfall des älteren Stammesherzogtums SachsenJoseph Prinz: Der Zerfall Engerns und die Schlacht im Welfesholz (1115). In: Heinz Stoob (Hrsg.) Ostwestfälisch-weserländische Forschungen zur geschichtlichen Landeskunde. Aschendorff, Münster 1970 (Veröffentlichungen des Provinzialinstituts für Westfälische Landes- und Volkskunde Reihe I Heft 15), S. 75–112. weitgehend im Herzogtum Westfalen bzw. den als Ostfalen definierten braunschweigischen Herzogtümern aufging und ohne territoriale Grundlage als Landschaftsbezeichnung noch bis zum 19. Jahrhundert im Titel des Herzogs von Engern fortbestand. Der historische Begriff umfasst die Bereiche rechts und links der Weser.
1962 hatte Ernst Wolfgang Mick die Eigenschaft des Weserraums als eigenständiger Kulturraum herausgestrichen,Ernst Wolfgang Mick: Die Weser. (= Deutsche Lande – Deutsche Kunst). München/Berlin 1962. und 1970 verwies Hans Thümmler für die Weserbaukunst im Mittelalter darauf, wie sehr „der Wasserweg … durch seine Nutzung für den Transport von Baumaterial oft geradezu die Voraussetzung dafür“ bildet, „eine Flusslandschaft zu einer künstlerischen Mitte für ein weites Einzugsgebiet werden zu lassen“, auch wenn die modernen Landesgrenzen heute den Blick auf die kulturelle Einheit der Region verstellt haben.Hans Thümmler: Weserbaukunst im Mittelalter. Niemeyer, Hameln 1970.
Der Weserbarock setzt mit dem Beginn der allgemeinen Wiederaufbauphase nach dem Dreißigjährigen Krieg und dem nachfolgenden Holländischen Krieg ein. Die wirtschaftliche Grundlage bildeten der Getreideanbau in der Warburger Börde und die Milch- und Viehwirtschaft in der Weserniederung, wobei die Produkte auf der Weser bis nach Bremen transportiert wurden. Verarbeitet wurde das Getreide in zahlreichen Mühlen, so den seit dem 13. Jahrhundert bestehenden wasserbetriebenen Wesermühlen in Hameln und der 1326 erstmals erwähnten Schiffmühle in Minden,Zur rekonstruierten Schiffmühle des 18. Jahrhunderts auf der Website muehlenverein-minden-luebbecke.de; Winfried Hedrich: Faszination Westfälische Mühlenstraße, Erfurt 2011, S. 78. der 1744 errichteten windbetriebenen Alte Mühle in Fürstenberg sowie der Windmühle Achim in Achim-Uesen. Daneben bestand eine namhafte Holzwirtschaft in Solling und Reinhardswald (u. a. für die Beschickung der Bremer Werften), wobei der Transport durch die Flößerei auf der Weser erfolgte.Nicola Borger-Keweloh, Hans-Walter Keweloh: Flößerei im Weserraum. Leben und Arbeiten in einem alten Gewerbe. Hauschild, Bremen 1991, ISBN 3-926598-51-4.
Ein wichtiger Exportartikel wurde der Veckerhäger Ofen, der in der 1666 gegründeten Kurhessischen Eisenhütte Veckerhagen gegossen und auf dem Wasserweg zunächst nach Bremen und weiter zu Kunden in Skandinavien und Amerika transportiert wurde. In der Nähe von Kassel ließ Landgraf Karl von Hessen-Kassel 1679 zur Verarbeitung des regional abgebauten Kupfererzes den Messinghof anlegen, und auch die Anlage des (nur in seinem nördlichen Streckenabschnitt fertiggestellten) Landgraf-Carl-Kanals und eines Hafens in Karlshafen sollten wesentlich zur wirtschaftlichen Entwicklung des Weserraums beitragen. Hans Philippi: Landgraf Karl von Hessen-Kassel. Ein deutscher Fürst der Barockzeit (= Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen, Band 34). Marburg 1976.
mini|Der Weserverlauf mit den angrenzenden Territorien um 1700 In territorialer Hinsicht war die Region zersplittert. Die wichtigsten Herrschaftszentren wie das Kurfürstentum Hannover, das Herzogtum Braunschweig und die Landgrafschaft Hessen-Kassel lagen außerhalb des Wesergebiets, während das Hochstift Paderborn, das schon zuvor seit 1706 in Personalunion mit dem Hochstift Münster verbunden war, von 1719 bis 1761 zum nordwestdeutschen Herrschaftsbereich des Kölner Kurfürsten Clemens August von Bayern gehörte.Clemens August. Fürstbischof, Jagdherr, Mäzen. Eine kulturhistorische Ausstellung aus Anlaß des 250jährigen Jubiläums von Schloß Clemenswerth. Bramsche 1987. Die ehemals paderbornische Grafschaft Pyrmont fiel 1668 endgültig an die Grafschaft (seit 1711 Fürstentum) Waldeck. Während die Stadt Bremen 1648 Freie Reichsstadt wurde, fielen das säkularisierte Erzstift Bremen und das Hochstift Verden als „Herzogtümer Bremen und Verden“ mit Sitz in Stade an Schweden und schließlich 1715 an Hannover. Das Herzogtum Oldenburg war seit 1667 mit dem Königreich Dänemark, das Kurfürstentum Hannover seit 1714 mit Großbritannien und die Landgrafschaft Hessen-Kassel seit 1730 mit Schweden jeweils in Personalunion verbunden, was eine zunehmende Verlagerung der politischen Interessen ins Ausland bedeutete. Subsidienverträge banden zudem Hessen-Kassel militärisch an Großbritannien. Nachdem schließlich auch das Hochstift Minden von Brandenburg-Preußen besetzt worden war, blieben nur noch die kleineren Herrschaftsgebiete der Fürstabtei Corvey, der Grafschaft Lippe und des Fürstentums Schaumburg-Lippe als selbständige Herrschaften vertreten, wobei letzteres in der Landesteilung von 1647 die Hälfte seines bisherigen Territoriums mit Rinteln als Hauptort an die Landgrafschaft Hessen-Kassel abtreten musste und damit eine eigene Exklave bildete.
mini|Welfenschloss und Werrabrücke in Hann. Münden mini|Die zerstörte Weserbrücke und Fährverbindung in Höxter Wegen der Bedeutung des Weserflusses als Verkehrs- und Transportweg bemühten sich die einzelnen Territorien jeweils um einen direkten Zugang. Als Verkehrsverbindung zwischen den beiden Weserufern dienten seit dem 13. Jahrhundert Brückenbauten, namentlich, wo der Weserstrom nicht mit den jeweiligen Territorialgrenzen zusammenfiel. Die älteste erhaltene Steinbrücke ist die erstmals 1329 erwähnte Alte Werrabrücke von Hannoversch Münden am Zusammenfluss von Werra und Fulda.Hans Reuther: Die Werrabrücke zu Hann. Münden. In: Niederdeutsche Beiträge zur Kunstgeschichte, Band 12, 1973, S. 179–203. Die Hamelner Brücke, die in ähnlicher Weise einen Werder zuhilfenahm, wurde 1758 durch den Hannoverschen Festungsbaumeister Georg Friedrich Dinglinger erneuert.Stefan Amt: Georg Friedrich Dinglinger. Neue Forschungsergebnisse zum Werk des hannoverschen Festungsbaumeisters. In: Hannoversche Geschichtsblätter, Neue Folge 48 (1994), S. 185–217 Abschrift auf bhb-hannover.de. Die bereits im 13. Jahrhundert anstelle der älteren Mindener Weserfurt erwähnte hölzerne Weserbrücke von Minden war um 1600 durch eine Steinbrücke ersetzt worden, während die Große Weserbrücke in Bremen 1738 vollständig als Holzkonstruktion neuerrichtet wurde. Ansonsten bestanden Fährverbindungen, so nach den kriegsbedingten Zerstörungen der Weserbrücke von Grohnde 1633 sowie 1673 der Weserbrücke von Höxter. Seit 1713 verband eine Schiffsbrücke die beiden Ortsteile von Rinteln, 1715 wurde auf Anordnung von König Georg I. in Nienburg/Weser die erste steinerne Brücke durch Johann Michael Führer errichtet.
mini|Ansicht von Minden mit (kath.) Dom und (evang.) Pfarrkirchen Auch in konfessioneller Hinsicht war das Wesergebiet gespalten. Die braunschweigischen Territorien östlich der Weser gehörten dem Luthertum an, desgleichen die ehemaligen Hochstifte Bremen und Verden als Generaldiözese Bremen-Verden sowie das nun brandenburgische Fürstentum Minden.Hans Nordsiek: Vom Fürstbistum zum Fürstentum Minden. In: Westfälische Zeitschrift 140, 1990, S. 251–274. Die geistlichen Territorien westlich der Weser hingegen blieben katholisch, wobei das Hochstift Osnabrück einer alternierenden (katholischen bzw. protestantischen) Landesherrschaft unterworfen war und eine freie Religionsausübung der beiden Konfessionen garantierte.Mark Alexander Steinert: Die alternative Sukzession im Hochstift Osnabrück. Bischofswechsel und das Herrschaftsrecht des Hauses Braunschweig-Lüneburg in Osnabrück 1648–1802 (Osnabrücker Geschichtsquellen und Forschungen. Band 47). Osnabrück 2003, ISBN 978-3-9806564-6-7. Desgleichen waren einzelne Orte wie Höxter protestantisch oder gemischtkonfessionell. Eine Sonderstellung innerhalb der protestantischen Stadt Minden nahm der katholisch verbliebene Mindener Dom ein, dessen Domkapitel paritätisch mit Angehörigen beider Konfessionen besetzt war. 1605 hatten Landgraf Moritz von Hessen-Kassel und Graf Simon VI. von Lippe in ihren jeweiligen Herrschaftsgebieten den Calvinismus eingeführt. Um 1700 wurden in der Landgrafschaft Hessen-Kassel französische Glaubensflüchtlinge (Hugenotten) angesiedelt, während nach dem Konfessionswechsel des Landgrafen Friedrich II. 1770 die katholische Elisabethkirche in Kassel durch Hofbaumeister Simon Louis du Ry errichtet wurde.
mini|Alte Universität Paderborn mini|Ehem. Universität Rinteln mini|Das Michaelishaus der Universität Göttingen (1737)