mini|Mosaik im Badebereich der großen Thermen Dion war eine antike Stadt in der Landschaft Makedonien und lag im Kernland des gleichnamigen antiken Königreichs Makedonien. Noch vor Leibethra, Methone, Makrygialos, Pydna, Louloudies und dem makedonischen Gräbern von Katerini und Korinos ist Dion die wichtigste Ausgrabungsstätte in der makedonischen Landschaft Pieria und herausragender Vertreter für die Geschichte und Archäologie Pierias.
Nach der Blütezeit ab dem 4. Jahrhundert v. Chr. als religiöses Zentrum des Königreichs Makedonien gelangte Dion Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr. unter römische Herrschaft, wurde um 30 v. Chr. unter Augustus als Colonia Iulia Augusta Diensis römische Kolonie und während der Spätantike Bischofssitz, anschließend verlor die Stadt zunehmend an Bedeutung.
In einem weiträumigen Areal unmittelbar östlich des modernen Ortes Dion wurden Heiligtümer und Bauwerke aus der hellenistischen, der römischen und der byzantinischen Periode gefunden. Viele dieser Befunde sind konserviert und im Archäologischen Park Dion () zugänglich. Funde der Ausgrabungen werden im Archäologischen Museum Dion präsentiert.
Lage Dion liegt in Griechenland am nordöstlichen Rand des Olymp. Es ist fünf Kilometer vom Meer, 15 Kilometer von Katerini und 17 Kilometer vom antiken Leibethra entfernt. Zu hellenistischer Zeit betrug die Entfernung zum Meer lediglich 1,5 Kilometer. Dion ist durch den einst schiffbaren Fluss Vaphyras mit dem Thermäischen Golf verbunden.
Mythologie Der römerzeitliche Reiseschriftsteller Pausanias erwähnt Dion als einen der Orte, an denen Orpheus gelebt haben soll.Pausanias, Beschreibung Griechenlands 9,30,4.
Geschichte Bisherige archäologische Befunde und schriftliche Quellen belegen die Existenz von Dion im 5. Jahrhundert v. Chr. Thukydides erwähnte Dion erstmals in der Bedeutung ‚Stadt‘ () unter der Herrschaft von Perdikkas II., als der spartanische Feldherr Brasidas auf seinem Marsch aus Thessalien (Tempe) kommend Makedonien im Sommer 424 v. Chr. während des Peloponnesischen Krieges erreichte.Thukydides, Der Peloponnesische Krieg 4,78,6. Unter Perdikkas’ Sohn Archelaos I. begründeten die Einführung makedonischer Spiele mit athletischen Wettkämpfen und musischen Wettbewerben zu Ehren des Zeus und der neun MusenDiodor, Historische Bibliothek 17,16,3. den Aufstieg zum religiösen Zentrum der Makedonen. Die Könige empfingen bei den Festlichkeiten ausländische Besucher und feierten mit ihrem Hofstaat. Später feierte hier Philipp II. den Sieg über Olynth. Vor dem Alexanderzug opferte sein Sohn Alexander der Große den Göttern und ließ ein neuntägiges Fest ausrichten.Diodor, Historische Bibliothek 17,16. Später ließ er von dem angesehenen Bildhauer Lysipp 25 Bronzestatuen der in der Schlacht am Granikos gefallenen Reiter errichten und im Zeus-Olympios-Heiligtum aufstellen.
Durch ihre Lage im Süden Makedoniens war Dion eine strategisch bedeutsame Stadt und ermöglichte die Kontrolle über den damals etwa 1,5 km schmalen Küstenstreifen und der Wege vom Tempetal im Süden über Herakleion und Pydna weiter nordwärts nach Veria und bis nach Pella, der antiken Hauptstadt Makedoniens, sowie der Bergpässe zwischen Makedonien und Thessalien von Osten nach Westen. Allerdings mangelte es an einer natürlichen Befestigung, lediglich der damals schiffbare Fluss Vaphyras verlief östlich der Stadt und bildete in der Küstenebene zum Thermaischen Golf hin ein Sumpfgebiet. Unter Kassander entstand zum Ende des 4. Jahrhunderts v. Chr. und dem Beginn des 3. Jahrhunderts v. Chr. eine der wenigen neugegründeten hellenistischen Städte mit einem rechtwinkligen Befestigungsgrundriss. In Verbindung mit dem Bau der starken Stadtbefestigung mit Wehrtürmen in regelmäßigen Abständen wurde das Straßennetz neu angelegt und Monumentalbauten errichtet. Für das Fundament der Wehrmauer fand Konglomerat des nahen Olymp Verwendung. Die Hauptstraßen sind direkt an die Stadttore angeschlossen. Die rechteckige Neuanlage mit einem Umfang von mehr als 2600 Metern umfasste eine Stadtfläche von 43 Hektar.Theodosia Stefanidou-Tiveriou: Das makedonische Dion und die rechteckige Stadt. In: Hefte des Archäologischen Seminars der Universität Bern. Band 17, Bern 2000, S. 49–76, hier S. 49–51.
Die Befestigung, die Stadt und viele Heiligtümer wurden durch Skopas, den Heerführer des Aitolischen Bundes, 219 v. Chr. im Bundesgenossenkrieg gegen Philipp V. zerstört. Vermutlich kurz nach dieser Zerstörung wurde die geschleifte Stadtbefestigung instand gesetzt. Vor der Schlacht von Kynoskephalai 197 v. Chr. war Dion Basis der Truppen Philipps V. Der römische Konsul Quintus Marcius Philippus besetzte 169 v. Chr. Dion im dritten Makedonisch-Römischen Krieg kampflos. Im folgenden Jahr führte Perseus’ Niederlage in der Schlacht von Pydna zum Ende der makedonischen Dynastie der Antigoniden. Die makedonischen Selbstständigkeit endete 146 v. Chr., es wurde zur römischen Provinz Macedonia. Die von Alexander dem Großen bei Lysippos beauftragten 25 Reiterstatuen zu Ehren seiner in der Schlacht am Granikos gefallenen Gefährten ließ Quintus Caecilius Metellus Macedonicus nach Rom bringen. Dort wurden sie auf dem Campus Martius vor dem Tempel des Zeus und der Hera errichtet.
Nach und nach kamen römische Siedler nach Dion und brachten ihr Amtswesen, ihre Maße und Gewichtseinheiten mit. Oktavian, der spätere Augustus, erklärte 31 v. Chr. Dion zu einer römischen Kolonie, die von Steuerzahlungen befreit war und eine gewisse Autonomie besaß. Die Gründung der Colonia Iulia Augusta Diensis durch Augustus belegen eine Widmungsinschrift sowie Münzen, die nach 27 v. Chr. Augustus’ Porträt zusammen mit dem Namen der Kolonie tragen. Neben Philippi, Pella und Kassandria war Dion eine von vier römischen Kolonien in Makedonien. Sie erstreckte sich von den westlichen Ausläufern des Olymps bis zur Ägäis sowie vom Tempetal im Süden bis zur Ebene von Pydna im Norden. Dion erlebte eine Blütezeit, die bis zum 3. Jahrhundert n. Chr. anhielt. Angriffe der Goten sowie Wirren innerhalb des römischen Reichs ab der Mitte und besonders gegen Ende des 3. Jahrhunderts n. Chr. hatten den wirtschaftlichen Niedergang Dions zur Folge.Georgia Galani [Γεωργία Γαλάνη]: Η νομισματική Μαρτυρία για τη ρωμαϊκή αποικία του Δίου από τον Αύγουστο έως τον Αδριανό. Universität Thessaloniki 2016, S. 9–15 (PDF online, griechisch).
Nachdem die Befestigung nach Perseus’ Niederlage allmählich verfallen war, wurde sie vermutlich in der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts n. Chr. erneut errichtet. Größtenteils auf den bestehenden Fundamenten gebaut, umschloss sie eine Fläche von etwa 37 Hektar. In frühbyzantinischer Zeit war Dion eine der bedeutendsten Städte Pierias und Bischofssitz.Fanoula Papazoglou: Les villes de Macédoine à l’époque romaine. Athen 1988, ISBN 2-86958-014-2, S. 108–111. In dieser Zeit wurde der Verlauf der Stadtbefestigung nochmals stark verändert. Für die Ursache der plötzlichen Zerstörung der Stadt im frühen 5. Jahrhunderts wird ein Erdbeben vermutet. Instandsetzungsarbeiten an den beiden Basiliken belegen deren Nutzung im 5. Jahrhundert.Theodosia Stefanidou-Tiveriou. In: Aristoteles-Universität Thessaloniki (Hrsg.): Ανασκαφή Δίου. Τόμος 1: Η οχύρωση. Thessaloniki 1998, S. 247–252. Online Abstract (englisch) Durch bisher nicht veröffentlichte Münzfunde und weitere Baumaßnahmen vor allem an der Bischofskirche sind Siedlungsaktivitäten bis ins 8. Jahrhundert nachweisbar.Charilaos E. Gouidis [Χαρίλαος Ευ. Γουΐδης]: Δίον/Μαλαθριά. Ενδείξεις της ιστορικής εξέλιξης ενός οικισμού. In: ΒΥΖΑΝΤΙΑΚΑ. Nummer 32, Thessaloniki 2015, ISSN 1012-0513, S. 313–334, hier S. 331 f. Der Ort wurde letztmals als ein Verwaltungsbezirk des byzantinischen Kaisers Konstantin VII. im 10. Jahrhundert erwähnt.
Forschungsgeschichte mini|Das hellenistische Theater Ende des 18. Jahrhunderts besuchte der französische Konsul Felix de Beaujour das antike Dion, ohne jedoch zu wissen, um welche antike Stätte es sich handelte, die verlassen und mit den Überresten von Gebäuden und Säulen bedeckt war.
Im Dezember 1806 wurde das antike Dion von dem englischen Forscher William Martin Leake wiederentdeckt. Er identifizierte die Ruinen des antiken Dion nahe dem Ort Malathria, einem kleinen Dorf, bewohnt von Bauern und Viehzüchtern, die den antiken Ort „Kastro“ (Burg) nannten. Er erkannte unter der Vegetation das antike hellenistische Theater, das Stadion und Teile der Stadtmauer. Der französische Archäologe Léon Heuzey bestätigte die Entdeckung 1855. Er kartierte Teile der Stadtmauer, fand die Fundamente einiger Türme und notierte die Inschriften einiger Grabsteine.
Ab 1912, dem Jahr der Befreiung Makedoniens von den Osmanen, wurde dem antiken Dion mehr Aufmerksamkeit gewidmet. Der Archäologe G. P. Oikonomos sammelte und veröffentlichte alle Inschriften, die er in der Umgebung von Dion fand.
Der Rektor der Universität Thessaloniki und Professor für Archäologie, Georgios Sotiriadis, begann im Juni 1928 mit den ersten Ausgrabungen mit dem Ziel, das Heiligtum des Zeus Olympios zu finden. Er fand und untersuchte mehrere der Tumuli innerhalb der Stadtmauern. Auch wurde eine Basilika aus frühchristlicher Zeit entdeckt. Die Vermutung, dass sich unter der Basilika ein Tempel befand, erwies sich als trügerisch, nachdem man fünf Meter tief gegraben hatte. Als wichtigster Fund dieser ersten Grabungsperiode erwies sich ein makedonisches Grabgewölbe aus dem 4. Jahrhundert v. Chr., das schon in antiker Zeit von Grabräubern geplündert worden war. Die Grabungen wurden 1931 wieder eingestellt.
Charalambos Makaronas fand 1955 ein zweites makedonisches Grab. Ein drittes Grab wurde ein Jahr später entdeckt.
Ab 1961 wurden die Arbeiten von Georgios Bakalakis wieder aufgenommen. Bei der Kartierung der bis dahin bekannten Ausgrabungsstätte wurde 1962 ein großer Teil der Stadtmauern und der Wehrtürme entdeckt. Während der Grabungsphase unter G. Bakalakis wurde das römische Theater lokalisiert, das sich südöstlich des hellenistischen Theaters erstreckt. Die Grabungen an der frühchristlichen Basilika wurden durch Stylianos Pelekanidis beendet.
Ab dem Sommer 1973 wurden die Arbeiten unter der Leitung von Dimitrios Pandermalis (Universität Thessaloniki) fortgesetzt. Sein erstes Ziel war, die Reste zweier Gebäude südlich des Stadtgebietes zu erforschen. Die Grabungen brachten das Demeter-Heiligtum zutage. Im selben Jahr zeugten Funde von Statuen des Asklepios, der Hygeia und des Telesphoros davon, dass auch der Asklepios-Kult in Dion praktiziert wurde. An der Hauptstraße wurden die Rüstungen und die Schilde freigelegt. In der Folgezeit wurde die Orchestra des hellenistischen Theaters von der darüber liegenden Erdschicht befreit. Das Theater datiert aus der Zeit des 5. Jahrhunderts v. Chr.
Im Sommer 1976 wurden Grabungen im südöstlichen Sektor innerhalb der Stadtmauern durchgeführt. Man stieß dort auf die großen Thermen. Diese waren offensichtlich durch ein Erdbeben zerstört worden. Das Mosaik eines Stieres im Frigidarium war in zwei Teile getrennt worden, der untere Teil lag 50 cm tiefer als der obere. An der nördlichen Seite der Bäder befanden sich Statuen der Kinder des Asklepios.
Unter schwierigen Bedingungen erfolgten die Grabungsarbeiten am Isis-Heiligtum. Quellwasser und Schlamm sorgten dafür, dass die Gräben häufig wieder zusammenbrachen. Um die Arbeiten fortsetzen zu können, wurde ein Damm errichtet. Auch dort zeigten sich wieder Anzeichen der Zerstörung durch ein Erdbeben mit nachfolgender Überflutung. Die Grabungen wurden 1984 abgeschlossen.
Im Juni 1987 wurde das Dionysosmosaik freigelegt und anschließend mit einer Dachkonstruktion vor Wettereinflüssen geschützt.
Das Stadion wurde 1995 unter der Leitung von Giorgos Karadedos ausgegraben. Neben dem Spielfeld wurden mehrere tönerne Sitzreihen gefunden.
Bei Untersuchungen des Geländes in der Nähe des römischen Theaters wurde 2000 endlich das Heiligtum des Zeus Olympios entdeckt.