mini|Börries von Münchhausen (um 1913)

Börries Albrecht Conon August Heinrich Freiherr von Münchhausen (* 20. März 1874 in Hildesheim; † 16. März 1945 in Windischleuba) war ein deutscher Schriftsteller und Lyriker der Neuromantik. Er war Antisemit und stand der völkischen Bewegung nahe. In der späten Weimarer Republik gründete er die elitäre Deutsche Dichterakademie. In der Zeit des Nationalsozialismus ab 1933 beteiligte er sich aktiv an der rassistischen Kulturpolitik des NS-Staates. Während die zeitgenössische Literaturkritik seinen literarischen Rang hoch einschätzte und die Germanistik ihn bis in die 1960er Jahre als Balladendichter rühmte, ist der Autor heute weitgehend vergessen.

Leben Herkunft mini|Schloss Windischleuba (von 1880 bis 1945 im Besitz der Familie Münchhausen)

Börries war der älteste Sohn des gleichnamigen Vaters Börries Freiherr von Münchhausen (1845–1931) und von dessen Frau Clementine von Münchhausen, geborene von der Gabelentz (1849–1913). Seine vier jüngeren Geschwister hießen Clementine, Hans Georg, Elisabeth und Anna Margarete. Zum Besitz der Eltern gehörten unter anderem das Rittergut Apelern, ein Gut in Moringen und das Schloss und Rittergut Windischleuba bei Altenburg (Thüringen). Bis 1878 wuchs Börries in einer von seinen Eltern gemieteten Wohnung in Hildesheim auf. Das Haus gehörte dem jüdischen Kaufmann Magnus Meyerhof. Dessen Töchter, darunter die spätere Autorin und Frauenrechtlerin Leonie Meyerhof, kümmerten sich mit um Börries. Bis 1922 blieben beide Familien nach seinen Angaben befreundet.Jutta Ditfurth: Der Baron, die Juden und die Nazis. Hamburg 2015, S. 81–84

Schul- und Studienzeit Ab 1878 wohnten die Münchhausens auf den vorgenannten drei Gütern. Börries wurde zunächst privat von seiner Mutter unterrichtet und kam ab 1887 in die preußische Klosterschule Ilfeld, ein protestantisches Internat. Ab Oktober 1888 besuchte er das Gymnasium in Altenburg, ab Frühjahr 1890 das Lyzeum II in Hannover, das spätere Goethegymnasium. Dort legte er 1895 sein Abitur ab.

In seiner autobiografischen Skizze von 1922 („Fröhliche Woche mit Freunden“) bezeichnete er sein Elternhaus als tolerant gegenüber den sogenannten Nichtadeligen, beschrieb jedoch fast nur Kontakte zu eigenen Verwandten und unterschied „Juden und Deutsche“. Er beschrieb sich als „sehr schlechten und faulen Schüler“, der zweimal ein Schuljahr wiederholen musste und sich vor allem für Sport und Dichtung interessierte. Er habe einen Leseverein gegründet und Mitschülern gelegentlich eigene Gedichte und Balladen vorgetragen. Im Lyzeum II hatte er Kontakt zu Sammy Gronemann, der als Sohn des hannoverschen Landesrabbiners Selig Gronemann starkem Judenhass ausgesetzt war. Mit ihm habe er sich „gut vertragen“; doch „wahrlich befreundet“ habe er sich mit Ludwig Heynemann. Dieser nahm ihn 1891/1892 öfter in die 1870 gebaute Neue Synagoge (Hannover) mit, lud ihn zum Pessachfest in sein Elternhaus ein und lieh ihm die Haggada. Durch diesen Einfluss habe er sich für das Alte Testament begeistert und sich zu seinen späteren „jüdischen Balladen“ anregen lassen. Durch die jüdischen Mitschüler sei ihm „zuerst der Unterschied der Rassen“ bewusst geworden; woran, erläuterte er nicht. Gronemann berichtete später in seinen Memoiren: Börries „pflegte gegenüber antisemitischen Pöbeleien sehr energisch aufzutreten“, sei aber nicht sein Freund geworden.Jutta Ditfurth: Der Baron, die Juden und die Nazis. Hamburg 2015, S. 85–98

mini|Göttinger Musen-Almanach für 1898 Ab 1895 studierte Münchhausen an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg Rechts- und Staatswissenschaften. Nach einem Semester an der Kunstakademie München setzte er das Jurastudium auf Geheiß seiner Eltern an der Georg-August-Universität Göttingen fort. Dort gründete und leitete er einen Studentenkreis für Literatur namens „Göttinger Akademie“. Der Name lehnt sich an die Akademie der Wissenschaften zu Göttingen als Teil der Universität Göttingen an, die sein Vorfahre Gerlach Adolph von Münchhausen 1734 gegründet hatte. In diesem Kreis versammelten sich nach seinen Angaben Burschenschafter, Corps-Studenten und junge Frauen zu Alkoholgenuss und Volksliedgesang. 1897 veröffentlichte Münchhausen seinen ersten Gedichtband und übernahm die Redaktion des jährlich erscheinenden Göttinger Musenalmanachs für die meisten Ausgaben bis 1905. Darin machte er sich konservativen Lesern als „Erneuerer der Ballade“ bekannt und nutzte dazu seinen Studentenkreis und seine Kontakte als Adeliger.Jutta Ditfurth: Der Baron, die Juden und die Nazis. Hamburg 2015, S. 99–103

Im Vorwort zum Musenalmanach 1898 stellte er das „natürliche“ Kunstwerk des „gesunden und frischen Künstlers“ dem Werk des „seelisch krankhaft Differenzierten“ gegenüber.Thomas F. Schneider: Ein „Beitrag zur Wesenserkenntnis des deutschen Volkes“. In: Srdan Bogosavljevic, Winfried Woesler (Hrsg.): Die deutsche Ballade im 20. Jahrhundert. Frankfurt am Main 2009, S. 127 und Fußnote 15. Damit bezog er von vornherein gegen Autoren moderner Lyrik Stellung und verfolgte programmatisch „ein restauratives Bemühen […] im Geiste der Antimoderne“.Peter Sprengel: Geschichte der deutschsprachigen Literatur 1900–1918: Von der Jahrhundertwende bis zum Ende des Ersten Weltkriegs. Beck, München 2004, ISBN 3-406-52178-9, S. 598f. Er vertrat die Neuromantik gegen Naturalismus und moderne Kunstrichtungen, die auch die soziale Wirklichkeit unterprivilegierter Bevölkerungsteile aufgriffen.Jutta Ditfurth: Der Baron, die Juden und die Nazis. Hamburg 2015, S. 104

Bereits 1896 als Student nutzte Münchhausen seine Rechtskenntnisse für literaturpolitische Konflikte. Er erstattete eine Strafanzeige wegen Blasphemie und Unzucht gegen Richard Dehmel und behauptete, dieser sei jüdischer Herkunft.Joachim Dyck: Gottfried Benn, ein „reinrassiger Jude“? In: Matías Martínez: Gottfried Benn: Wechselspiele zwischen Biographie und Werk. Wallstein, Göttingen 2007, ISBN 3-89244-964-3, S. 121 und Fn. 20. Zum Anlass dafür nahm er Dehmels Gedicht Venus Consolatrix, das die Figuren der Maria Magdalena, der Gottesmutter Maria und der römischen Liebesgöttin Venus miteinander verschmolz. Im Strafprozess 1897 wurde Dehmel dazu verurteilt, eine Passage des Gedichts zu streichen und es aus der Restauflage und späteren Auflagen seines Werks Weib und Welt zu entfernen.Andrea Verena Glang-Tossing: Maria Magdalena in der Literatur um 1900: Weiblichkeitskonstruktion und literarische Lebensreform. De Gruyter, Berlin 2013, ISBN 3-05-006263-0, S. 110; Lars Kaschke: Aus dem Alltag des wilhelminischen Kulturbetriebs: Börries von Münchhausens Angriffe auf Richard Dehmel. In: Text und Kontext. Band 20, 997, Heft 1, S. 35–57

Durch diesen Fall verlor Münchhausen viele Sympathien. Auch Gronemann wusste von der Entrüstung vieler Gebildeter über die Strafanzeige. Nachdem beide 1897 mit der mündlichen Prüfung am selben Tag das erste juristische Staatsexamen bestanden hatten, unterschrieb Münchhausen für Gronemann, der als orthodoxer Jude am Sabbat nicht schreiben durfte, widerrechtlich die Prüfungsurkunde. Anders als Gronemann und zum Unwillen seines Vaters ging er danach nicht als Jurist in den Staatsdienst, sondern studierte Philosophie und Literaturgeschichte an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin, um Schriftsteller zu werden.Jutta Ditfurth: Der Baron, die Juden und die Nazis. Hamburg 2015, S. 107–111

Der Literaturkritiker Carl Hermann Busse machte Münchhausen 1897 auf Gedichte der jungen Agnes Miegel aufmerksam. Von 1898 bis 1900 war sie seine Geliebte. 1930 behauptete er, er habe ihr Genie entdeckt und viele ihrer Gedichte mitverfasst. Sie hätten sich einvernehmlich getrennt und seien Freunde geblieben. Miegel schrieb 1899: Während er sich sein „Götterrecht“ genommen habe, in ihr Leben einzugreifen, habe er ihr dieses Recht abgesprochen. 1903 schrieb sie, er habe sie verachtet, gerade weil sie seine Geliebte gewesen sei. In ihrer Ballade La Furieuse (1904) verarbeitete sie ihren Zorn auf den Adel und ihren früheren Geliebten. Jedoch warf sie sich selbst vor, sie habe Standesgrenzen verletzt. 1901 wurde Lulu von Strauß und Torney Münchhausens neue Geliebte, die er mit Miegel bekannt machte. Er hatte zudem zahlreiche Affären mit nichtadeligen Frauen, denen gegenüber er offen seinen Standesdünkel zeigte.Jutta Ditfurth: Der Baron, die Juden und die Nazis. Hamburg 2015, S. 112–121 1901 veröffentlichte er erstmals Gedichte Miegels im Göttinger Musenalmanach.Anneliese Raub: Miegel, Agnes. In: Bernd Lutz (Hrsg.): Metzler Autoren Lexikon, 2. Auflage, Springer VS, Wiesbaden 1997, S. 604

In Berlin lernte Münchhausen eine vielseitige Kulturszene kennen und erfuhr Kritik an seiner Herkunft und der altmodischen Themenwahl in seinen Balladen. Kurzzeitig erwog er, seinen Adelstitel abzulegen, zog aber vor, seinen Großgrundbesitz zu behalten und adelige Tradition weiterzugeben. Obwohl keine seiner Balladen soziale Themen behandelte, vertrat er einen volkspädagogischen Anspruch.Jutta Ditfurth: Der Baron, die Juden und die Nazis. Hamburg 2015, S. 123–126 1899 schloss er seine Jura-Ausbildung ab und wurde mit einer Dissertation „Über die Pflicht zur Anzeige“ in Leipzig zum Dr. iur. promoviert.Werner Mittenzwei: Münchhausen, Börries Freiherr von. In: NDB. Band 18, 1997, S. 525

Verhältnis zum Zionismus mini|Juda (1900) mini|Euch

1899 befreundete sich Münchhausen mit dem jüdischen Künstler Ephraim Moses Lilien, der ihm anbot, seine Balladen zu Themen der Bibel zu illustrieren. Liliens Kreis von Rabbinern und Zionisten, so Münchhausen 1922, habe ihn zur Sonderausgabe Juda angeregt. Diese erschien im Dezember 1900. Die Balladen darin behandeln Figuren des Tanach als Helden wie in germanischer oder griechischer Mythologie, nicht sozial deklassierte, verfolgte, ermordete Juden der Geschichte Europas. Münchhausens damaliger christlicher Zionismus deckte sich mit dem Interesse des deutschen Adels, Juden weiter Zugang zu Offiziersberufen und höheren Justizämtern zu verwehren und sie auszubürgern. Darum hatte Kaiser Wilhelm II. bei seiner Palästinareise 1898 dem Führer des politischen Zionismus Theodor Herzl ein deutsches Protektorat in Palästina für ausreisewillige deutsche Juden in Aussicht gestellt.

Juda erreichte bis 1922 mehrere Auflagen, wurde in viele Sprachen übersetzt und erschloss dem Autor neue Leser. Die zionistische Zeitschrift Die Welt warb fortan für seine Schriften. Im Gegenzug warb Münchhausen bei Lesungen für den Zionismus, den er als Beweis für eine mutige „Aristokratie der Juden“ ansah. Sein Werk wurde in vielen jüdischen Familien zur Bar Mitzwa verschenkt. Es verschaffte Lilien genug Einkommen, um den „Jüdischen Verlag“ und die Demokratisch-Zionistische Fraktion zu gründen, die jüdische Nationalkultur erneuern wollte.Jutta Ditfurth: Der Baron, die Juden und die Nazis. Hamburg 2015, S. 126–157

In Juda vertrat Münchhausen einen programmatischen Philosemitismus, der die Ansiedlung von Juden in Palästina vorbehaltlos bejahte. In den Anfangszeilen reklamiert der Sprecher, er werde dem „geächtet Volk“ der Juden „die Stege aus Haß und Hohn zu deiner Jugend Glück“ zeigen und ihm unter der Losung „Zurück!“ die Wege weisen. Dies spiegelte in poetischer Form eine philosemitische Sicht auf den Zionismus und sein Nachdenken über die Möglichkeiten, dessen Ziele zu erreichen. Dabei grenzte er sich vom jüdischen Kollektiv ab und stellte sich ihm als „des Predigers Stimme in der Wüste“ () wie ein Prophet gegenüber. In der Auswahl und Abfolge biblischer Figuren gaben seine Balladen negativen Episoden der jüdischen Geschichte eine positive Deutungsmöglichkeit.