Die Straßenbahn Lissabon ( beziehungsweise gebräuchlicher Eléctricos de LisboaSchreibweise von „Eléctrico“ entsprechend der Angabe des Betreibers: Homepage von Carris (abgerufen am 19. Juli 2011)) existiert seit 1873. Sie wurde zunächst als Pferdestraßenbahn, portugiesisch: Carros americanos, eröffnet und wird seit 1901 elektrisch betrieben. Die mit Gleisen der Spurweite von 900 Millimetern ausgerüstete Straßenbahn ist wegen ihres teilweise historischen Fahrzeugparks und der reizvollen Streckenführung mit steilen Abschnitten und engen Kurven durch die schmalen Gassen der Lissabonner Altstadt vor allem bei Touristen beliebt. Nach der Stilllegung von zwölf Linien in den 1990er Jahren verkehren zurzeit noch sechs Linien mit zusammen 33,6 Kilometern Länge. Das Streckennetz ist heute noch 25 Kilometer lang.Angaben bei strassenbahn-online.de (abgerufen am 7. Oktober 2022)
Das Verkehrsunternehmen Companhia Carris de Ferro de Lisboa, kurz Carris, betreibt die Straßenbahn der portugiesischen Hauptstadt. Die Gesellschaft befindet sich seit der Nelkenrevolution von 1974 im Besitz der Stadt und betreibt auch einen Großteil des städtischen Omnibusnetzes, den Aufzug Elevador de Santa Justa sowie die drei Standseilbahnen Ascensor do Lavra, Ascensor da Glória und Ascensor da Bica.
Geschichte Pferdebahn mini|Pferdebahn um 1873 Als Vorläufer der heutigen Straßenbahn ging am 17. November 1873 eine normalspurige Pferdebahn in Betrieb. Vorgespannt waren allerdings meist Maultiere.J. H. Price: The Tramways of Portugal. A Visitor's Guide. Published 1964 by The Light Railway Transport League, printed by W. J. Fowler & Son, Ltd., London, S. 5–8 Die erste Strecke wurde zwischen dem 1865 eröffneten Bahnhof Lissabon Santa Apolónia und Santos eingerichtet. Aufgrund der Herkunft der Wagen wurde die Pferdebahn auf Portugiesisch als Carro americano bezeichnet. Nach dem 1872 eröffneten Betrieb in Porto war dies die zweite Straßenbahn des Landes. Betreiber war die 1872 in Rio de Janeiro gegründete Companhia Carris de Ferro de Lisboa, für die sich schnell die noch heute verwendete Kurzform Carris einbürgerte.Christoph Groneck: Metros in Portugal. Schienennahverkehr in und um Lissabon und Porto. Robert Schwandl Verlag, Berlin 2008, ISBN 978-3-936573-20-6, S. 6
Rasch baute das Unternehmen sein Streckennetz aus. Die Strecke nach Santos wurde 1874 entlang des Tejoufers bis Belém verlängert, 1878 folgte der lange Abschnitt von Belém weiter bis in den Vorort Algés. Im gleichen Jahr wurde der Rossio in der Innenstadt erreicht. Es folgten 1879 die Strecken zum Largo do Rato und 1881 nach Anjos. Nach einer Pause von mehreren Jahren gingen ab Ende der 1880er Jahre weitere Strecken in die Vororte in Betrieb, 1888 als erstes die Strecke nach Poço do Bispo. 1890 folgte die lange Strecke in den Norden der Stadt bis Lumiar und 1891 die beiden Strecken nach Benfica und Areeiro. Mit diesen Strecken erschloss die Pferdebahn bereits einen großen Teil der Stadt. Verschlossen blieben ihr allerdings die hügeligen Teile der Altstadt, vor allem Alfama und Lapa.
Das erste Depot wurde zur Betriebseröffnung 1873 in Santo Amaro eingerichtet, wo sich auch heute noch das letzte verbliebene Straßenbahndepot befindet. 1882 folgte ein zweites Depot in Arco do Cego. Neben den Fahrzeugen waren für den Betrieb zudem bis zu 1200 Maultiere erforderlich.Christoph Groneck: Metros in Portugal. Schienennahverkehr in und um Lissabon und Porto. Robert Schwandl Verlag, Berlin 2008, ISBN 978-3-936573-20-6, S. 7
Ein Experiment mit einer Dampfstraßenbahn zwischen Cais do Sodré und Belém in den Jahren 1889 bis 1892 hatte keinen dauerhaften Erfolg. Zuvor hatte die Carris bereits von 1887/1888 Versuche mit Akkumulatorwagen gemacht, die aber nicht zu dauerhaften Einführung dieses Systems führten. Zuvor hatte es bereits zwischen 1873 und 1875 eine wenig erfolgreiche Dampfstraßenbahn gegeben, die als Larmanjat-Einschienenbahn ausgeführt war und zwei Strecken zwischen Lissabon und Sintra bzw. Torres Vedras betrieben hatte.
Standseilbahnen mini|Ascensor da Bica, eine der drei Standseilbahnen der Stadt
Zwecks Erschließung der steileren Teile der Stadt begann zunächst der Bau dreier Standseilbahnen. Diese Anlagen, Lavra, Glória und Bica, gingen in den Jahren 1884, 1885 und 1892 in Betrieb und verkehren bis heute.J. H. Price: The Tramways of Portugal. A Visitor's Guide. Published 1964 by The Light Railway Transport League, printed by W. J. Fowler & Son, Ltd., London, S. 33/34 Erstmals in Lissabon kam bei ihnen die seltene Spurweite von 900 Millimetern zur Anwendung. Die beiden älteren Bahnen wurden von der Companhia dos Ascensores Mecânicos betrieben, der Ascensor da Bica von der Nova Companhia dos Ascensores Mecânicos de Lisboa, abgekürzt NCAML. Beide Betreiber fusionierten 1897 unter dem Namen der jüngeren Gesellschaft.Seiten zur Lissabonner Straßenbahn von Ernst Kers, Cable trams and Funiculars (abgerufen am 26. Dezember 2015)
Kabelstraßenbahnen mini|Elevador da Estrela, Fabrikfoto der eingesetzten Fahrzeuge mini|Die 1909 stillgelegte Graça-Kabelstraßenbahn Für längere Strecken war die Standseilbahn ungeeignet, hier bot die Kabelstraßenbahn eine Alternative. Bei ihr werden mehrere Fahrzeuge an ein kontinuierlich in einem Kanal unter der Oberfläche laufendes Stahlseil angeklammert. Die NCAML, die bereits den Ascensor da Bica betrieb, beantragte und erhielt die erforderlichen Konzessionen und richtete ab 1890Where and When Did Cable Cars Operate? by Joe Thompson (abgerufen am 25. Juli 2011) zunächst zwei Strecken nach Plänen des portugiesischen Ingenieurs Raoul Mesnier du Ponsard ein, der bereits die Lissabonner Standseilbahnen geplant hatte.
Elevador da Estrela Die erste, bereits am 14. August 1890 in Betrieb genommene Linie war 1,7 Kilometer lang und verlief von der Praça Luís de Camões zum Largo da Estrela. Gebaut wurde die Strecke von der Maschinenfabrik Esslingen, entsprechend den bereits gebauten Standseilbahnen mit einer Spurweite von 900 Millimetern. An der Endstelle Estrela richtete die Gesellschaft ein kleines Depot ein. Da auf der Estrela-Strecke Einrichtungsfahrzeuge eingesetzt wurden, gab es dort eine Drehscheibe und an der Praça Luís de Camões eine Wendeschleife.
Elevador da Graça Die zweite Kabelbahn, ebenfalls mit 900 Millimeter Spurweite, führte von der Rua da Palma auf einer 730 Meter langen Strecke zum Largo da Graça und überwand dabei 75 Meter Höhenunterschied. Sie wurde am 27. Februar 1893 eröffnet und ebenfalls von der Maschinenfabrik Esslingen erbaut. Das Depot wurde an der Endstelle Graça eingerichtet. Die Graça-Strecke wurde mit Zweirichtungsfahrzeugen bedient.
Elevador de São Sebastião Von 1899 an verkehrte eine dritte Kabelstraßenbahnlinie zwischen dem Largo de São Sebastião da Pedreira und dem Largo de São Domingos in der Nähe des Rossio, die aber bereits 1901 wieder eingestellt und 1903 durch die elektrische Straßenbahn ersetzt wurde. Diese etwa drei Kilometer lange Strecke entsprach technisch dem System der Graça-Kabelbahn. Viele Einzelheiten sind unklar, so etwa die Herkunft der Fahrzeuge und ihr Aussehen, da keine Fotografien dieser Bahn bekannt sind und erhaltene Unterlagen teilweise widersprüchliche Angaben machen.João Manuel Hipólito Firmino da Costa: Um Caso de património local a tomada de Lisboa pelos Ascensores. Universidade Aberta, Lissabon 2008, S. 123–142
Elektrifizierung der Pferdebahn mini|Erste elektrische Straßenbahn im Jahr 1901 mini|Straßenbahn auf der Praça Dom João da Câmara im Jahr 1918 mini|Elektrische Straßenbahn am Rossio, um 1925 hochkant|mini|Wagen mit Straßenbahnbriefkasten, 1921 Nachdem die Stadt Lissabon ein Jahr zuvor den entsprechenden Planungen zugestimmt hatte, beschloss das Unternehmen 1898 die Elektrifizierung der Pferdebahn. In einem Vertrag mit der Stadt wurden zudem zusätzliche Strecken in die hügeligen Teile Lissabons vereinbart, deren Erschließung zuvor nicht möglich war. Die Carris wurde mitsamt dem gesamten Netz zwecks Kapitalbeschaffung an die 1899 neu gegründete Lisbon Electric Tramways Ltd. aus Großbritannien, eine Tochtergesellschaft der Wernher, Beit & Co.,Marina Tavares Dias: História do Eléctrico da Carris – The History of the Lisbon Trams. Quimera, Carris: Lissabon 2001, ISBN 972-589-066-3, S. 73–75 für 99 Jahre verpachtet. Zur Stromversorgung baute die Gesellschaft am Tejoufer im Stadtteil Santos ein eigenes Kraftwerk, das bis 1951 die gesamte Stromversorgung der Straßenbahn übernahm.
Bereits im Vorfeld der Elektrifizierung begann die Carris ab 1894 mit der Umspurung aller Strecken auf die bis heute verwendete Spurweite von 900 Millimetern, vor allem wegen der damit möglichen engeren Radien als Voraussetzung zur Erschließung der engen Altstadtstraßen. Diese Maßnahme konnte im Mai 1900 abgeschlossen werden. Zudem wurden die Gleise der Pferdebahn zuvor angesichts der schlecht gepflasterten Straßen häufig von Pferdeomnibussen mitgenutzt. Mit der Umspurung gelang es der Carris, diese Konkurrenz und den damit verbundenen erhöhten Verschleiß der Gleise zu verhindern.
Am 31. August 1901 nahm die erste elektrische Straßenbahn ihren Betrieb auf der Strecke zwischen dem Bahnhof Lissabon Cais do Sodré und Algés auf. Die erste Strecke der Pferdebahn war damit auch die erste elektrisch betriebene Strecke. Damit erhielt Lissabon als zweite Stadt in Portugal eine elektrische Straßenbahn, nachdem die Straßenbahn Porto bereits 1895 als erste elektrische Straßenbahn des Landes ihren Betrieb aufgenommen hatte. Ein Jahr später waren alle Strecken elektrifiziert und am 10. August 1902 beendete das letzte Maultier seinen Dienst. Bis 1907 wurde das Netz rasch ausgebaut, seit 1906 erschloss die Bahn auch die steilen Straßen der Alfama.
Elektrifizierung der Kabelbahn 1912 übernahm die Carris auch die NCAML und damit alle Kabel- und Standseilbahnen. Die Kabelstraßenbahn zum Largo da Graça war bereits 1909 eingestellt worden, die letzte Kabelstraßenbahn verkehrte in Lissabon am 3. Juli 1913 zwischen der Praça Luis de Camões und dem Largo de Estrela. In den Jahren von 1913 bis 1915 wurden beide Strecken auf regulären elektrischen Straßenbahnbetrieb umgestellt, wobei bei der Graça-Linie die Endstation nach São Tomé verlegt wurde. Noch bis 1928 blieb die NCAML allerdings nominell selbstständig und die auf der früheren Strecke der Estrela-Kabelstraßenbahn fahrende Linie 28 war formell nicht auf die Carris konzessioniert.
Auch die drei Standseilbahnen wurden 1914 von Dampfmaschinen auf elektrischen Antrieb umgebaut. Seitdem werden sie durch die mit 600 Volt Gleichspannung gespeisten Oberleitungen der Straßenbahn mitversorgt.
Netzausbau zwischen 1915 und 1957 Nach 1915 folgten bis etwa 1930 noch einige Streckenverlängerungen in Vororte, so 1926 nach Alto de São João, 1927 nach Ajuda und 1930 nach Carnide. Außerdem gab es kleinere Netzergänzungen in der Innenstadt, darunter die 1925 fertiggestellte Verbindung von Graça zur Avenida Almirante Reis und 1928 der Lückenschluss der Linie 28 zwischen der Praça Luís de Camões und der Rua Conceição in der Baixa Pombalina, der mit einer Steigung von 13,5 % seitdem der steilste Abschnitt des Streckennetzes ist.
1936 errichtete die Carris nochmals zwei wichtige Netzerweiterungen, zum einen die Strecke zum Friedhof Prazeres, zum anderen schloss sie die Netzlücke der Ringlinie zwischen Campolide und São Sebastião. (abgerufen am 10. Juli 2011) Auch während des Zweiten Weltkriegs wurden kleinere Netzergänzungen vorgenommen, so 1941 die Strecke nach Bairro Arco do Cego. Mit Ausnahme der bereits zu Pferdebahnzeiten erbauten langen Außenstrecke nach Algés und Cruz Quebrada lagen alle Strecken innerhalb des Stadtgebiets. Überlandstraßenbahnstrecken außerhalb der geschlossenen Bebauung der Stadt und ihrer Vororte besaß das Lissabonner Straßenbahnnetz nie.