Stenografie oder Stenographie (IPA [], kurz Steno, auch Engschrift, Kurzschrift, Schnellschrift, Tachygraphie, Phonographie, Redezeichenkunst) ist eine aus einfachen Zeichen gebildete Abbreviaturschrift, die schneller als die herkömmliche „Langschrift“ geschrieben werden kann und es ermöglicht, in normalem Tempo gesprochene Sprache mitzuschreiben oder eigene Ideen schneller zu notieren.
Der Begriff Stenografie leitet sich von den griechischen Wörtern („eng“) und („schreiben“) her. Ein in Kurzschrift verfasstes Schriftstück heißt Stenogramm. Eine Person, die diese Schrift als Schreiber oder Protokollant bei Verhandlungen und dergleichen anwendet, ist ein Stenograf. Für den Gebrauch der Stenografie in Deutschland sind besonders Franz Xaver Gabelsberger sowie Wilhelm Stolze und Ferdinand Schrey von Bedeutung.
Moderne Stenografiesysteme sind ihrem Wesen nach Buchstabenschriften. Sie enthalten aber auch Elemente aus der Silbenschrift sowie Zeichen für ganze Wörter („Kürzel“). Zusätzliche Kürze wird durch das Symbolisieren bestimmter Laute und festgelegter Silben erreicht.
mini|Stenografen dokumentieren eine Rede im Deutschen Bundestag, 2020 mini|Reporter bei stenografischen Notizen während einer Pressekonferenz von Barack Obama und Gordon Brown im Oval Office – 2009
Allgemein mini|hochkant=0.4|Die ersten vier Buchstaben des Alphabets in Deutscher Einheitskurzschrift (DEK)
Mit Kurzschriftsystemen können hohe Schreibgeschwindigkeiten erzielt werden, da der sprachliche Informationsgehalt mit grafischen und linguistischen Mitteln verdichtet wird (Kürzungstechnik, s. u.). Stenografiesysteme waren schon den antiken Griechen und Römern bekannt (Tironische Noten) und wurden bis ins Mittelalter als Akten- und Kanzleischrift genutzt. In der Neuzeit waren geometrische Kurzschriftsysteme seit Ende des 16. Jahrhunderts insbesondere in England und Frankreich weit verbreitet. Auch in Deutschland kannte man seit 1678 geometrische Kurzschriften.
Da Silbenstruktur und Lauthäufigkeiten der Sprachen unterschiedlich sind, werden sprachspezifische Kurzschriften benötigt. Im Englischen sind das u. a. die Systeme von Isaac Pitman (Pitman-Kurzschrift) und John Robert Gregg.
Geschichte Altertum Als Erfinder der Stenografie gilt Marcus Tullius Tiro, der im ersten vorchristlichen Jahrhundert die nach ihm benannten Tironischen Noten schuf. Sie waren im Römischen Weltreich weit verbreitet; „Notenschreiber“ gelangten etwa nach Griechenland, Ägypten und in den mitteleuropäischen Raum. Bis zum Mittelalter finden sich Tironische Noten in Klosterhandschriften und Kanzleiakten. Im alten Griechenland gab es teilweise selbstständige Entwicklungen. Zur Kurzschrift der Antike wurden seit dem 19. Jahrhundert immer eingehendere Studien unternommen.
England Das Geburtsland der neueren Stenografie ist England. Hier gab die Einführung der Reformation und der Wunsch, die bedeutenderen Predigten aus jener Zeit möglichst wortgetreu aufzubewahren, den ersten kräftigen Anstoß zur Entwicklung der Kurzschrift (). Timothy Brights Werk von 1588 wird als erstes Kurzschriftsystem der Neuzeit angesehen. Die praktische Anwendung seines Systems „Characterie“ ist seit 1589 belegt; es diente auch zur Mitschrift von Shakespeare-Stücken. 1602 stellte John Willis erstmals ein vollständiges stenografisches Alphabet auf. Thomas Shelton publizierte 1626 eine Kurzschriftmethode, in der unter anderem – mit einigen individuellen Abwandlungen – die berühmten geheimen Tagebücher von Samuel Pepys geschrieben wurden. Auch die sogenannte Geheimschrift Kaiser Leopolds II., die dieser als Großherzog der Toskana (1765 bis 1790) verwendete, weist noch viele Gemeinsamkeiten mit dem System Sheltons auf.Adam Wandruszka: Die ‚Geheimstenographie‘ Leopolds II., in: Karl-Heinz Manegold (Hrsg.): Wissenschaft, Wirtschaft und Technik. Studien zur Geschichte. Wilhelm Treue zum 60. Geburtstag, Bruckmann-Verlag, München 1969, S. 64–68, hier 66.
In England waren ausschließlich „geometrische“ Kurzschriftsysteme in Gebrauch. Dabei werden zur Bildung von Buchstabenzeichen einfache geometrische Grundelemente (Punkt, Gerade, Kreis, Ellipse und deren Teilzüge) verwendet. Zur besonderen Geltung kam das geometrische Prinzip durch John Byrom 1726. Im Gegensatz dazu stehen „kursive“ Systeme, die ihre Zeichen aus Teilen gewöhnlicher Schreibschriftbuchstaben bilden und dadurch geläufigere, der Schreibrichtung entsprechende Züge erzielen.
Eine weitere Verbreitung fand erst das geometrische System von Samuel Taylor (1786), das auch für spätere französische, italienische und spanische Systeme maßgebend wurde. Taylor bezeichnete den an- und auslautenden Vokal mit einem Punkt, den inlautenden Vokal aber gar nicht. Diese Schrift wurde jedoch als schwer lesbar empfunden, so dass Isaac Pitman 1837 mit seinem neuen System der Pitman-Kurzschrift eine volle Vokalbezeichnung schuf. Er verwendete dazu Punkte, kleine waagerechte Linien und Winkel in verschiedener Stellung und Stärke. Seine Rechtschreibung ist eine lautgemäße, phonetische. Im Bestreben, eine im Vergleich zu Pitman schneller erlernbare Kurzschrift zu erschaffen, kreierte James Hill 1968 die Teeline-Stenographie. Im Gegensatz zu den traditionellen geometrisch-phonetischen englischen Kurzschriften ist Teeline ein kursives alphabetisches System. Es gibt Teeline-Bearbeitungen für verschiedene Sprachen (auch für das Deutsche), verbreitet ist diese Kurzschrift aber vor allem in Großbritannien. Insgesamt gab es mehr als 200 Kurzschriftsysteme aus England.
Frankreich In Frankreich schuf Abbé Jacques Cossard 1651 das erste Stenografiesystem. Es war späteren Ansätzen in systemtheoretischer Hinsicht überlegen, fand nach derzeitigem Forschungsstand aber keine nachweisbare praktische Anwendung. 1792 wurde das englische System Taylor durch Théodore-Pierre Bertin auf die französische Sprache übertragen und 1826 durch Hippolyte Prévost und dessen Schüler Albert Delaunay im Hinblick auf seine Wiederlesbarkeit verbessert. Weitere Verbreitung fanden die vokalschreibenden Systeme von Aimé Paris (1822) und von Émile Duployé (1867).
Italien In Italien wurde u. a. eine Bearbeitung des Taylorschen Systems von Amanti (1809) verwendet, ehe Enrico Carlo Noë das kursive Gabelsberger’sche System auf die italienische Sprache übertrug (1863). Daneben werden heute vor allem die halbgeometrischen Systeme von Cima und von Meschini verwendet. Italien kann im Hinblick auf die eingesetzten Schriftstile und Schreibtechniken auf die vielseitigste Entwicklung in Europa zurückblicken.
Spanien In Spanien veröffentlichte Francisco de Paula Martí 1800 ein auf dem System von Samuel Taylor basierendes Werk zu Stenografie. Später verbesserte er das System, Taquigrafía genannt, indem er es präziser auf die spanische Sprache ausrichtete (1803). Er gründete verschiedene Stenografieschulen im Land. Frühe Anwendung fand seine Kurzschriftmethode bei der Protokollierung der parlamentarischen Debatten in den Cortes von Cádiz.
Deutschsprachige Systeme mini|Vergleich verschiedener deutschsprachiger Stenographiesysteme anhand des Wortes „Wikipedia“
Das erste deutschsprachige Stenografielehrbuch veröffentlichte 1678 Charles Aloysius Ramsay unter dem Titel „Tacheographia“. Das System geht auf die altgeometrische englische Kurzschrift von Thomas Shelton zurück und wurde ab 1787 an einer württembergischen Universität, der Hohen Karlsschule, gelehrt. Später folgten unter anderem Friedrich Mosengeil (1796) und Carl Gottlieb Horstig (1797) mit Bearbeitungen des neugeometrischen Systems Taylor.
Franz Xaver Gabelsberger, bayerischer Ministerialbeamter, begründete die aus der Schreibschrift abgeleitete kursive deutsche Stenografie. Sie wird wegen ihres Schriftduktus als kursiv oder graphisch bezeichnet. Gabelsbergers Hauptwerk „Anleitung zur Deutschen Redezeichenkunst“ von 1834 ist ein Meilenstein der Stenografiegeschichte. Sein Stenografiestil beeinflusste auch die Kurzschriftentwicklung in Nord- und Osteuropa und teilweise in Italien, während England und die romanischen Länder bei geometrischen Systemen blieben. Eine der ersten amtlichen Anwendungen war das Stenogramm der Verhandlungen zum Prozess gegen die „Verschwörer“ des Hambacher Festes im Jahr 1833, das Gabelsberger selbst in der von ihm erfundenen Kurzschrift aufnahm. In der Ausstellung im Hambacher Schloss ist diesem Vorgang eine besondere Vitrine gewidmet.
Weitere bekannte deutsche Systemerfinder waren Heinrich August Wilhelm Stolze (1798–1867), Leopold Arends (1850), Heinrich Roller (1839–1916), August Lehmann, Carl Faulmann, Ferdinand Schrey (1850–1938), Karl Scheithauer und die Gebrüder Albrecht und Felix von Kunowski. Insgesamt wird die Gesamtzahl deutscher Kurzschriftsysteme auf 800 bis 900 geschätzt. Die Vertreter der Kurzschriftschulen polemisierten zum Teil heftig gegeneinander.
Die religiös-politische Dimension der Auseinandersetzung über die korrektere Kurzschrift brachte 1913 Eduard Pfaff (1868–1943) in der von ihm in Darmstadt herausgegebenen Stenographen-Zeitung in dem Artikel „Stenographie und Politik“ auf den Punkt:
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde der Wunsch nach Schaffung eines einheitlichen deutschen Kurzschriftsystems, das möglichst die Vorzüge aller bedeutenden Systeme in sich vereinigen sollte, immer größer.
Nach langjährigen Verhandlungen wurde 1924 die Deutsche Einheitskurzschrift (DEK) verabschiedet und amtlich anerkannt.So wurde sie etwa 1925 im Bereich der Deutschen Reichsbahn verbindlich eingeführt: Reichsbahndirektion in Mainz (Hrsg.): Amtsblatt der Reichsbahndirektion in Mainz vom 16. Mai 1925, Nr. 28. Bekanntmachung Nr. 510, S. 320. Sie basiert hauptsächlich auf den Systemen Gabelsberger und Stolze-Schrey sowie der Vokalisation von Faulmann und besteht aus den drei Schriftstufen Verkehrsschrift, Eilschrift und Redeschrift (aufeinander aufbauend, mit ansteigendem Abstraktionsniveau). Die DEK wurde 1936 und 1968 (in der DDR 1970) durch Fachgremien reformiert. Hierbei entstand auch das in der DDR gelehrte System der Deutschen Stenografie. Heute ist die DEK 1968 („Wiener Urkunde“) das Standardsystem in Deutschland und Österreich. In der Schweiz bevorzugt man die Systeme Stolze-Schrey (deutschsprachige Schweiz und Tessin) sowie Émile Duployé und Aimé-Paris (französischsprachige Schweiz).
Auch nach 1945 wurden für die deutsche Sprache verschiedene neue Stenografiesysteme entwickelt. Diese nehmen für sich in Anspruch, einfacher und schneller erlernbar zu sein als die DEK. Am bekanntesten wurde von diesen neuen Systemen die Stiefografie.
Moderne kursive Kurzschriftsysteme bestehen aus den Teilzügen der gewöhnlichen Schreibschrift, aus symbolischen Darstellungen – zumeist der Selbstlaute – und festen Kürzungen für häufige Silben und Wörter (Kürzel). In höheren Stufen erlauben es verschiedene Kürzungsregeln, sowohl die sprachliche Redundanz (z. B. für das Verständnis von Wörtern entbehrliche Endungen oder Endsilben) als auch grafische Mittel (Überdeckung von Schriftzügen, Verschmelzung und so weiter) zu nutzen.
Neben den genannten Systemen existieren auch mehrere Systeme der Blindenstenografie, nämlich die Blindenkurzschrift und die Blindenstenographien mit sechs, sieben oder acht Punkten. In der Blindenkurzschrift werden viele Druckwerke für Blinde hergestellt; sie ist die normale Umgangsschrift der Blinden. Das System mit sechs Punkten ist die heute übliche Protokollierungsstenographie der Blinden. Das System mit sieben Punkten, vor allem in Ostdeutschland verbreitet, wird seit der deutschen Einheit nicht mehr gelehrt. Das System mit acht Punkten wird nur von einigen wenigen blinden Verhandlungsstenographen verwendet.
Anwendung
mini|Wandrers Nachtlied in Gabelsberger-Stenografie, um 1905