mini|hochkant=1.3|Günter Kunert (rechts) im Gespräch mit Carl-Ludwig Paeschke, 2008

Günter Kunert (* 6. März 1929 in Berlin; † 21. September 2019 in KaisborstelSchriftsteller Günter Kunert ist tot. ndr.de, 22. September 2019.) war ein deutscher Lyriker und Schriftsteller. Sein Werk behandelt vor allem die beiden deutschen Staaten in der Zeit der Teilung, das heißt die Kompliziertheit ihrer Wechselbeziehungen und ihre unterschiedlichen Befindlichkeiten, sowie dann das wiedervereinigte Deutschland.

Leben Günter Kunert war es nach dem Besuch der Volksschule auf Grund der nationalsozialistischen Rassengesetze (seine Mutter war Jüdin) nicht möglich, eine höhere Schule zu besuchen. Ab 1946 studierte er in Ost-Berlin als einer der ersten Studenten an der Weißenseer Kunsthochschule fünf Semester Grafik, dann brach er sein Studium ab. 1948 trat er der SED bei. Er lernte Bertolt Brecht und Johannes R. Becher kennen. 1950 erschien mit Wegschilder und Mauerinschriften im Aufbau-Verlag Berlin sein erster Band mit Gedichten.

Seit Mitte der 1960er Jahre pflegte er eine jahrelange enge Freundschaft zu dem Kollegen Nicolas Born, und einen intensiven Briefwechsel, der 1978 kurzzeitig zu einem zur Veröffentlichung vorgesehenen Schriftwechsel wurde.

1972/73 war er Gastdozent an der University of Texas in Austin, 1975 an der University of Warwick in England.

Er gehörte 1976 zu den Erstunterzeichnern der Petition gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann. Daraufhin wurde ihm 1977 die SED-Mitgliedschaft entzogen. 1979 ermöglichte ihm ein mehrjähriges Visum das Verlassen der DDR. Kunert ließ sich mit seiner Frau Marianne in Kaisborstel bei Itzehoe nieder, wo er bis zuletzt als freier Schriftsteller lebte. Über seine Übersiedlung nach Itzehoe/Kaisborstel und seine Haltung zur Ausbürgerung Wolf Biermanns gibt er in drei kurzen autobiographischen Texten Auskunft, die 2023 erschienen sind.Günter Kunert: Zivilcourage. Drei autobiographische Berichte. In: Sinn und Form 5/2023, S. 581–593

Kunert gilt als einer der vielseitigsten und bedeutendsten Gegenwartsschriftsteller. Neben der Lyrik sind es Kurzgeschichten (Parabeln) und Erzählungen, Essays, autobiographische Aufzeichnungen, Aphorismen, Glossen und Satiren, Märchen und Science-Fiction, Hörspiele, Reden, Reiseskizzen, Drehbücher, eine Vielzahl von Vor- und Nachworten zu Veröffentlichungen von anderen Autoren, Libretti, Kinderbücher, ein Roman, ein Drama und anderes mehr, die Kunerts kaum noch überschaubares schriftstellerisches Werk ausmachen. Ab 1963 hatte er mit Carl Hanser einen westdeutschen Verlag gefunden.Friedrich Christian Delius: Unerschöpflicher Witz und wütender Ernst. Nachruf auf Günter Kunert. In: Sinn und Form 2/2020, S. 274–275.

Viele seiner Texte wurden von Kurt Schwaen vertont. Auch als Maler und Zeichner ist Kunert hervorgetreten.

In seinen Arbeiten nahm er eine kritische Haltung zu Themen wie Fortschrittsgläubigkeit, Nationalsozialismus und Politik des DDR-Regimes ein. Während seine frühen Gedichte, pädagogisch-kritisch argumentierend, dem sozialistischen Realismus verpflichtet waren und dem Fortschritt dienen sollten, nahm er später eine zunehmend skeptische und pessimistische Haltung ein. Er selbst sah sich allerdings „stets als Realist und nicht als Pessimist“.Friedrich Christian Delius: Unerschöpflicher Witz und wütender Ernst. Nachruf auf Günter Kunert. In: Sinn und Form 2/2020, S. 274–275.

Günter Kunert war seit 1981 Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, seit 1988 Mitglied der Freien Akademie der Künste Hamburg, 2005–2018 Vorstandspräsident des P.E.N.-Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland und seit 2008 Ehrenmitglied des Fördervereins Gefangenenbüchereien e. V. Er unterhielt Kontakte u. a. zum Jüdischen Kulturverein Berlin, dessen Gast er am 9. Mai 1999 war. Seit der Gründung 2011 war Kunert darüber hinaus aktiv als Stiftungsrat der Kulturstiftung ItzehoeHinweis auf der Website zur Stiftungsveranstaltung Der letzte Indianer Europas. Die Stiftung ehrt ihn seit 2020 durch die Vergabe des Günter-Kunert-Literaturpreises für Lyrik.

Im Februar 2019 erschien unter dem Titel Die zweite Frau im Wallstein Verlag ein mehr als 40 Jahre zuvor entstandener, bis dahin unbekannter Roman, dessen Manuskript von Kunert „vor kurzem zufällig in einer Truhe entdeckt“ worden war. deutschlandfunkkultur.de, 28. November 2018, abgerufen am 29. November 2018.

Günter Kunert starb zu Hause an den Folgen einer Lungenentzündung –, zwei Tage vor dem Erscheinen seines letzten Gedichtbandes. Seine letzte Ruhestätte befindet sich auf dem Jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee.Dichter Günter Kunert (90) gestorben. Berliner Zeitung vom 22. September 2019.

Auszeichnungen 1962 Heinrich-Mann-Preis 1973 Johannes-R.-Becher-Medaille 1979 Georg-Mackensen-Literaturpreis 1980 Ehrengabe des Kulturpreises im Bundesverband der Deutschen Industrie 1983/84 Stadtschreiber von Bergen 1985 Heinrich-Heine-Preis der Stadt Düsseldorf 1988 Dr. h. c. (Allegheny College Meadville, Pennsylvania, USA) 1989 Bundesverdienstkreuz 1. Klasse 1990 Mainzer Stadtschreiber 1991 Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg 1991 Ernst-Robert-Curtius-Preis für Essayistik 1996 Hans-Sahl-Preis 1997 Georg-Trakl-Preis für Lyrik 1999 Prix Aristeion der Europäischen Union 2005 Dr. h. c. (Juniata College Huntingdon, Pennsylvania, USA) 2005 Dr. h. c. (Università degli Studi di Torino, Italien) 2009 Norddeutscher Kulturpreis des Landeskulturverbandes Schleswig-Holstein 2009 America Award (Green Integer, Los Angeles) 2010 Dr. h. c. (Dickinson College Carlisle, Pennsylvania, USA) 2010 Ehrenmitgliedschaft im Verein Deutsche Sprache 2011 Preis der Frankfurter Anthologie 2012 Großes Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland mit Stern 2014 Kunstpreis des Landes Schleswig-Holstein

Darstellung Kunerts in der bildenden Kunst

Jürgen Schäfer: Ehrung für Günter Kunert (1977, Lithografie)

Werke Bücher (Auswahl) Hauptwerke Der ewige Detektiv und andere Geschichten. Erzählungen. Eulenspiegel Verlag, Berlin (DDR) 1954. Unter diesem Himmel. Gedichte. Aufbau-Verlag, Berlin (DDR) 1955. Tagwerke. Gedichte – Lieder – Balladen. Gedichte / Prosa. Mitteldeutscher Verlag, Halle a. d. Saale 1961. Das kreuzbrave Liederbuch. Gedichte. Aufbau-Verlag, Berlin (DDR) 1961. Erinnerung an einen Planeten. Gedichte aus fünfzehn Jahren. Carl Hanser Verlag, München 1963. Erinnerung an einen Planeten. Gedichte. Mit Zeichnungen des Autors. Wilhelm Heyne Verlag, München 1980. Tagträume. Kurzprosa. Carl Hanser Verlag, München 1964. Der ungebetene Gast. Gedichte. Aufbau-Verlag, Berlin/Weimar 1965. Unschuld der Natur. 52 Figurationen leibhafter Liebe. Gedichte. Aufbau-Verlag, Berlin/Weimar 1966. Verkündigung des Wetters. Gedichte. Carl Hanser Verlag, München 1966. Im Namen der Hüte. Roman. Carl Hanser Verlag, München 1967. Im Namen der Hüte. Roman. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1970. (= sonderreihe dtv. 88). Im Namen der Hüte. Roman, Illustrationen von Jürgen Schäfer. Eulenspiegel Verlag, Ost-Berlin 1976. Im Namen der Hüte. Roman. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1979. (= Fischer Taschenbücher. 2085). Die Beerdigung findet in aller Stille statt. Erzählungen. Carl Hanser Verlag, München 1968. Die Beerdigung findet in aller Stille statt. Erzählungen. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1984. (= dtv. 10262). Kramen in Fächern. Geschichten – Parabeln – Merkmale. Aufbau-Verlag, Berlin/Weimar 1968. Poesiealbum 8. Gedichte. Verlag Neues Leben, Berlin 1968; 2., erw. Aufl., Märkischer Verlag, Wilhelmshorst 2019; 3. neueingerichtete Aufl., Märkischer Verlag, Wilhelmshorst 2012 Ortsangaben. Kurzprosa. Aufbau-Verlag, Berlin/Weimar 1971, mit eigenen Illustrationen (=Edition Neue Texte) Warnung vor Spiegeln. Gedichte. Carl Hanser Verlag, München 1970. Warnung vor Spiegeln. Gedichte. Buch und Media, München 2000. (= Lyrikedition 2000). Notizen in Kreide. Gedichte. Verlag Philipp Reclam Jun., Leipzig 1970. Notizen in Kreide. Gedichte. Reclam Verlag, 2., erw. Auflage, Leipzig 1975. Offener Ausgang. Gedichte. Aufbau-Verlag, Berlin/Weimar 1972. Tagträume in Berlin und andernorts. Kleine Prosa, Erzählungen, Aufsätze. Carl Hanser Verlag, München 1972. Tagträume in Berlin und andernorts. Kleine Prosa. Erzählungen. Aufsätze. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1974. (= Fischer Taschenbücher. 1437). Tagträume in Berlin und andernorts. Kleine Prosa. Erzählungen. Aufsätze. Deutscher Bücherbund. Stuttgart, Hamburg, München 1992. Die geheime Bibliothek. Kurzprosa. Aufbau-Verlag, Berlin/Weimar 1973. Gast aus England. Erzählung. Carl Hanser Verlag, München 1973. Gast aus England. Erzählung. Wilhelm Heyne Verlag, München 1981. (= Neue Literatur. 3). Im weiteren Fortgang. Gedichte. Carl Hanser Verlag, München 1974. Das kleine Aber. Gedichte. Aufbau-Verlag, Berlin/Weimar 1975. Der andere Planet. Ansichten von Amerika. Prosa. Aufbau-Verlag, Berlin/Weimar 1974. Der andere Planet. Ansichten von Amerika. Carl Hanser Verlag, München 1975. Der andere Planet. Ansichten von Amerika. Aufbau-Verlag, Berlin/Weimar 1976. (bb-Taschenbuch. 346). Der andere Planet. Ansichten von Amerika. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1982. (= dtv. 1781). Der Mittelpunkt der Erde. Kurzprosa. Mit Zeichnungen des Autors. Eulenspiegel Verlag, Berlin (DDR) 1975. Warum schreiben. Notizen zur Literatur. Essays. Carl Hanser Verlag, München 1976 / Aufbau-Verlag, Berlin/Weimar 1976. Unterwegs nach Utopia. Gedichte. Carl Hanser Verlag, München 1977. Unterwegs nach Utopia. Gedichte. Aufbau-Verlag, Berlin/Weimar 1980. (Nur in Teilen mit der Hanser-Ausgabe identisch) Ein anderer K. Hörspiele. Aufbau-Verlag, Berlin/Weimar 1977. Verlangen nach Bomarzo. Reisegedichte. Mit Zeichnungen des Autors. Carl Hanser Verlag, München 1978 / Reclam Verlag, Leipzig 1978. Verlangen nach Bomarzo. Reisegedichte. Mit 12 Federzeichnungen von Günter Kunert. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1981. (= Fischer Taschenbücher. 5018). Camera obscura. Kurzprosa. Carl Hanser Verlag, München 1978. Camera obscura. Kurzprosa. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1980. (= Fischer Taschenbücher. 2108). Ein englisches Tagebuch. Reisetagebuch. Aufbau-Verlag, Berlin/Weimar 1978. Ein englisches Tagebuch. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1980. (= dtv. 6310 Neue Reihe). Ziellose Umtriebe. Nachrichten vom Reisen und vom Daheimsein. Kurzprosa. Aufbau-Verlag, Berlin/Weimar 1979. Ziellose Umtriebe. Nachrichten vom Reisen und vom Daheimsein. Kurzprosa. DTV, München 1981. (Nicht in allen Teilen identisch mit der Aufbau-Ausgabe) Kurze Beschreibung eines Moments der Ewigkeit. Kurzprosa. Reclam Verlag, Leipzig 1980. Abtötungsverfahren. Gedichte. Carl Hanser Verlag, München 1980. Verspätete Monologe. Reflexionen. Carl Hanser Verlag, München 1981. Verspätete Monologe. Reflexionen. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1984. (= dtv, 10224). Diesseits des Erinnerns. Essays / Aufsätze. Carl Hanser Verlag, München 1982. Diesseits des Erinnerns. Essays / Aufsätze. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1985. (= dtv. 10438). Stilleben. Gedichte. Carl Hanser Verlag, München 1983. Stilleben. Gedichte. Mit einem Nachwort von Karl Riha. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1992. (= dtv Studio. 19010). Zurück ins Paradies. Geschichten. Carl Hanser Verlag, München 1984. Zurück ins Paradies. Geschichten. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1987. (= dtv. 10701). Berlin beizeiten. Gedichte. Carl Hanser Verlag, München 1987. Berlin beizeiten. Gedichte. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1989. (= Fischer Taschenbücher. 9567). Fremd daheim. Gedichte. Carl Hanser Verlag, München 1990. Die letzten Indianer Europas. Kommentare zum Traum, der Leben heißt. Essays. Carl Hanser Verlag, München 1991. Der Sturz vom Sockel. Feststellungen und Widersprüche. Betrachtungen und Polemiken. Carl Hanser Verlag. München 1992.