Corpus Christi ist ein Roman von Patrick Roth aus dem Jahr 1996. Zusammen mit Riverside. Christusnovelle (1991) und Johnny Shines oder Die Wiedererweckung der Toten (1993) bildet er die Christus Trilogie (1998/2017).
Überblick Corpus Christi erzählt in einer originellen Mischung aus Detektivgeschichte, Bekenntnis und Mysterienroman die aus dem Johannesevangelium bekannte Geschichte des Jüngers Thomas Didymos (griech.: Thomas, der Zwilling), der an die Auferstehung seines Herrn nicht glauben kann. In der Annahme, man habe den Leichnam Jesu gestohlen, macht sich der Jünger, der bei Roth nach der apokryphen Tradition „Judas Thomas“ heißt, auf die Suche nach dem toten Meister und stößt dabei auf Tirza, eine junge Frau aus Damaskus, die am Ostermorgen im offenen Felsengrab von römischen Soldaten aufgegriffen wurde. Von der vermeintlichen Leichendiebin erhofft sich Judas Thomas eine Spur – er will Jesus noch einmal sehen und berühren, um ihm nachzusterben. Tirza verspricht Thomas, ihn zur Wahrheit zu führen. Doch führt sie ihn von den äußeren Ereignissen zur Erforschung des eigenen Inneren. Insbesondere die vom Tod des Zwillingsbruders überschattete Kindheit, dessen Name Thomas nicht zufällig im eigenen trägt, rückt ins Zentrum der Aussprache.
Im Gespräch mit Tirza zeigt sich, dass am Grund von Thomas‘ Zweifel eine vernunftorientierte Einstellung liegt, die dem Irrationalen zutiefst misstraut. Höhepunkt des Dialogs im Tempel ist Tirzas Schilderung ihrer persönlichen Begegnung mit Jesus, die in der zweiten Hälfte des Romans erzählt wird – ein von Träumen, Visionen und apokalyptischen Szenarien durchsetzter Bericht, der ins Bild eines endzeitlichen Mahls mündet, bei dem Jesus und der Satan vereint am Tisch sitzen. Am Ende ihrer Offenbarungs-Erzählung initiiert Tirza Thomas ins Mysterium der Auferstehung, das ihr im Jesusgrab zuteilgeworden ist. Inhalt Kapitel 1–3 Die Handlung setzt am dritten Tag nach der Kreuzigung Jesu im Jerusalem des Jahres 30 ein. Die Jünger haben sich furchtsam im Haus eingeschlossen, während die Frauen die Nachricht vom leeren Grab verkünden. Thomas, aus dessen Sicht erzählt wird, stellt sich gegen das Zeugnis der Frauen, wie es die späteren Erscheinungserzählungen der Bibel überliefern. Er glaubt den Leichnam gestohlen und beschließt, ihn für sein eigenes Seelenheil zu finden. Römische Soldaten berichten ihm, der Wachposten sei in jener Nacht auf den Stufen des Felsengrabs eingeschlafen und erst erwacht, als der Tote verschwunden war. Eine Unbekannte namens Tirza, die man im Grab antraf, sei unter Verhör. Thomas, der vor der Kaserne auf die Entlassung der angeblichen Leichendiebin wartet, ist nicht anwesend, als Jesus im Haus der Jünger erscheint . Ihre Erzählungen vom auferstandenen Herrn wertet er als Schuldphantasie. Über der Frage der Wirklichkeit der Auferstehung kommt es zum Bruch mit den Jüngern.
Kapitel 4–6 alt=Modell des Jerusalemer Herodes-Tempels|mini|Jerusalem Herodes-Tempel (Modell), Schauplatz des Romans Thomas verwickelt sich in ein philosophisches Gespräch mit dem Folterknecht, einer sardonischen, von Grausamkeit besessenen Gestalt. Ihm zufolge kann die „Wahrheit“ mit Instrumenten aus dem Körper gezogen werden wie Gold aus einem Bergwerk. Er durchschaut den vom Zweifel zerrissenen Jünger, wenn er ihm die Nachricht von einem außerhalb Jerusalems aufgefundenen Leichnam mitteilt. Der in einer Karawane mitgeschmuggelte Tote sei auf dem Weg zurück in die Stadt und solle auf dem Platz vor der Kaserne verbrannt werden. Thomas bricht in einem Anfall von Fieber und Schwindel zusammen und erwacht unbestimmte Zeit später in einem leeren Stall. Er trinkt Wasser aus einem geheimnisvoll in der Erde verankerten Krug, bevor er sich wieder zurück auf den Weg zur Kaserne macht. Als habe sie ihn bereits erwartet, kommt Tirza auf ihn zu, gemeinsam durch die Gassen der Stadt zum Tempel zu ziehen, das Gespräch zu beginnen.
Kapitel 7–9 Beim Rundgang im Tempel äußert Tirza Kritik an der rationalistischen Weltsicht, die Thomas pflegt. Entsprechend fordert er von Tirza einen Beweis für die Auferstehung. Diese argumentiert jedoch, dass ein Festhalten an empirischen Fakten – Thomas will den Leichnam Jesu unbedingt sehen und berühren – die Möglichkeit der spirituellen Erfahrung versperrt, nach der Thomas uneingestanden auf der Suche ist. Thomas erinnert sich an seinen im Mutterleib verstorbenen Zwillingsbruder, dem er es „zu eng gemacht“, d. i. mit der Nabelschnur erstickt habe. Der nie gekannte Bruder sei ihm oft beim Spielen erschienen – er durfte all das tun, was ihm selbst verboten war. Auch habe er den Zwilling gefragt, ob er ihm vergeben könne, jedoch nie Antwort erhalten. So wie der tote Zwillingsbruder seine kindliche Phantasie beherrscht habe, so beherrsche der tote Jesus die Phantasie der Jünger: Der Glaube an die Auferstehung sei letztlich ein Wunschbild, das in verdrängter Schuld gründe. Die Nachricht von der Auffindung eines Leichnams scheint diese der Vernunft folgende Sicht der Dinge zu bestätigen, bedeutet aber zugleich das Ende aller Hoffnung auf die Existenz einer jenseitig transzendenten Welt.
Kapitel 10–12 alt=Treppen an der Südseite durch die Tirza und Thomas den Tempel betreten|mini|Treppenanlage Südseite Jerusalemer Tempel Tirza enthüllt die Auffindung des Leichnams als Komplott zwischen Juden und Römern, das in der Absicht geschmiedet wurde, dem Auferstehungsglauben der Jesusanhänger Einhalt zu gebieten. Bei der Kontrolle einer Reisegruppe durch römische Soldaten auf der Straße nach Jericho sei ein Kasten vom Pferd gefallen, der einen größeren Stoffballen barg, in dem der Leichnam eines kürzlich gekreuzigten jüdischen Mannes eingewickelt gewesen sei. Ihn habe man als den Leichnam Jesu identifiziert. Thomas, der den Toten mit dem Leichnam seines Herrn gleichsetzt, wird scharf von Tirza kritisiert. Anstatt die Wirklichkeit zu prüfen, verfalle er blinder Projektion. Vorgefasste Meinungen, Vorurteile und Denkmuster seien aufzugeben, wenn Erkenntnis sich ereignen solle. Auch sei es nicht an ihm, die „Wahrheit“ zu finden, vielmehr verhalte es sich umgekehrt: „Du kommst vor sie [die Wahrheit]. Nur: nie lebendig. Dein Sterben muß es sein. Gestorben mußt du vor die Wahrheit kommen. Denn aus Toten macht sie Lebendige. Verwirf die Wahrheit, die zu dir kommt. Denn in ihr Feuer mußt du, du mußt brennen.“Patrick Roth: Die Christus Trilogie. Kommentierte Ausgabe. Herausgegeben und kommentiert von Michaela Kopp-Marx. Göttingen: Wallstein, S. 221. Im Folgenden Sigle DCT u. Seitenzahl. Tirzas Bericht über das Schicksal des Tempelwärters Samuel ben Pharez deutet zugleich auf Thomas‘ Glaubensproblem. Samuel wurde im Traum geboten, seinen Sohn, das Findlingskind Boas, Gott zum Opfer zu bringen. Samuel aber habe das Gebot verweigert, woraufhin der Tempel entweiht und „erdbeschmutzt“ erscheint. Aus dem Inneren des Allerheiligsten drang Gottes klagende Stimme, schließlich sei der Tempelvorhang entzweigerissen. Samuel stürzte durch den Riss in den Abgrund der Schöpfung, in dessen Tiefe das Felsengrab Jesu sichtbar geworden sei. Die Söhne Samuels, so Tirza weiter, erkannten im Traum des Vaters ein Vorzeichen des Untergangs ihrer Religion. Sie fassten den Plan, dem Auferstehungsglauben der Jesus-Anhänger entgegenzutreten. Boas habe sich freiwillig zum Opfer gebracht und den Giftbecher getrunken. Seinen toten Körper habe man gekreuzigt, gegeißelt und die Seite durchstoßen, ihn dem toten Jesus ähnlich zu machen. Jakin, Samuels natürlicher Sohn, habe es sodann übernommen, den gefälschten Leichnam von den Römern auffinden zu lassen.
Kapitel 13–15 Thomas, der die Rettungsaktion als „Machenschaft“ (DCT, 230) bezeichnet, kann nicht verstehen, dass Samuel und seine Söhne aus Loyalität zu ihrem Glauben handelten. Er erinnert sich an das letzte Abendmahl und den Verrat aus der eigenen Mitte. Die Erfahrung, dass „unser tiefster Wille gebrochen werden kann“ (DCT, 233) bewirkte „Machtlosigkeit“ und Scham in den Jüngern, die erkannten, im Letzten zum Bösen fähig zu sein. Tirza begreift solche Auflösung von Gewissheiten als notwendige Voraussetzung für die Bildung von Selbsterkenntnis und preist die Erfahrung der Machtlosigkeit: „Sei machtlos. Sei ausgeliefert, wage dich. Spring in die Mitte, da ist der Anfang, und halt aus. Dann kommt durch eben jene Mitte: der Fluß.“ (DCT, 236)
Kapitel 16–19 Tirza erzählt die Geschichte ihrer Begegnung mit Jesus. Alles begann mit der Reise von Damaskus nach Jerusalem. In der Heiligen Stadt sollte sie ihrem seit der Kindheit versprochenen Bräutigam zugeführt werden. Während die Familie am Ostufer des Jordans auf die Ankunft des Versprochenen wartet, über den Fluss in die Stadt geführt zu werden, steigt Tirza in einen Baum, bessere Sicht auf einen von Menschen umringten Prediger zu gewinnen. Zwischen Laub und Geäst sich Durchblick verschaffend, sei sie unvermittelt vom Blick jenes Predigers, Jesus, getroffen worden. Dieses Fast-Aufeinandertreffen der Augen – eine Blickbegegnung, die im letzten Moment von windbewegten Ästen „abgeschnitten“ und darum in der Wirkung verstärkt wurde –, sei es gewesen, die sie gleichsam gegen ihren Willen lebenslang an Jesus gebunden habe. In der folgenden Nacht habe sie einen Traum empfangen, der die Trennung von ihrem alten Leben verhieß. Der Fluss über den der Bräutigam kommen sollte, sie zur Hochzeit zu führen, riss in der Mitte auf, die Ufer traten auseinander und das Flussbett selbst sei in immer neuen Brüchen in die Tiefe der Erde gebrochen bis am Grund das „Viereck einer Stadt“ (DCT, 246) erschien. Von dem Traum beunruhigt, sei sie in einen Hügel in der Nähe des Nachtlagers gestiegen und habe dort dem geheimen Gespräch zweier Männer gelauscht. Es seien Jesus und der Satan gewesen, die gegensätzlichen Göttersöhne, die eine Wette miteinander abschlossen, als deren Gegenstand sie sich selbst erkannte. Die Stimmen beschlossen über ihr künftiges Schicksal. In jenem Gespräch habe sich der Satan als der zurückgewiesene, dem Menschen feindlich gesinnte Sohn offenbart: Von Gottvater in die Tiefen des Alls entsendet habe er bei seiner Rückkehr seinen Platz an Gottes Seite durch den Menschen besetzt gefunden und habe den Plan gefasst, fortan jegliches menschliche Bewusstsein „totzuschlagen“ (DCT, 249). Der vom Himmel gefallene Satan erscheint im Gespräch mit Jesus als Vertreter der Materie, der seinen Gegenspieler zur sinnlichen Liebe mit Tirza zu verführen sucht. Jesus aber hält an der symbolischen Ordnung der Liebe fest – Tirza soll zeugen, indem sie erinnert und das erinnerte Wissen an andere weitergibt. Was der Satan zerreiße und zerstreue, so Jesus, das wolle er einsammeln und wiedererwecken.
Kapitel 20–23 Am Abend des folgenden Tages ereignet sich das Angekündigte: Während Tirza im Jordan Wasser schöpft, nähert sich ein dämonischer Mann, sie in „Stücke zu reißen“. Rückblickend schildert sie, wie der Satan sie physisch tötete, indem er mit einem Stein auf sie einhieb, um in einem zweiten Schritt auf der Suche nach den Spuren menschlichen Bewusstseins in sie einzudringen. In die Tiefe des Alls stürzend, habe sie sich von einem ominösen Kasten in Teile zersprengt erfahren, während das Auge des „Töters“ (DCT, 257) sie durch Raum und Zeit verfolgte. Ihrer Zersprengung in der Unendlichkeit des Raums folgt die Wiederzusammensetzung. Tirza schildert diesen Vorgang als Einlesen ihrer zerstreuten Teile durch eine numinose „Stimmenhand“ (DCT, 261).