mini|Niedergebrannte Erdhütten im KZ-Außenlager Kaufering IV – Hurlach am 27. April 1945, dem Tag der Befreiung durch die US-Armee (United States Holocaust Memorial Museum)
mini|hochkant=1.1|Schematische Karte KZ-Außenlager Kaufering IV – Hurlach, 1945. (s.a. Luftbilder)
Das KZ-Außenlager Kaufering IV – Hurlach war ein großes der 169 Außenlager des nationalsozialistischen KZ Dachau nahe dem Ort Hurlach. Es war das vierte der elf zum KZ-Außenlagerkomplex Kaufering gehörenden Lager rund um Kaufering und Landsberg. Hier waren vor allem Menschen jüdischen Glaubens interniert, um sie für die deutsche Rüstungsproduktion in der Endphase des Zweiten Weltkrieges einzusetzen. Ab September 1944 mussten hier bis zu 3000 Gefangene Zwangsarbeit bei Leonhard Moll Eisenbahn- und Betonbau und der Firma Holten leisten.Edith Raim: Die Dachauer KZ-Außenkommandos Kaufering und Mühldorf - Rüstungsbauten und Zwangsarbeit im letzten Kriegsjahr 1944/45, München, Universität, Philos. Fak. für Geschichts- und Kunstwissenschaften, Dissertation 1992, Neumeyer, Landsberg am Lech 1992, 317 S., ISBN 3-920216-56-3, S. 151f, 170–174, 193–195, 272. Das KZ-Außenlager bestand aus 72 Erdhütten für die männlichen Gefangenen, zudem acht für die weiblichen.Gerhard Roletschek: Ausstellungskatalog Neu V6, Landsberg am Lech, S. 33. / siehe auch Luftaufnahme 1940er Jahre.
Zum Jahreswechsel 1944/45 wurde das KZ-Außenlager Kaufering IV – Hurlach zum „Sterbelager“ des Lagerkomplexes umfunktioniert und unter Quarantäne gestellt, mit zunächst etwa 1400 und im April 1945 über 3000 Gefangenen. Darmkrankheiten, Ödeme, Krätze, Schwäche, Typhus und Lungentuberkulose waren typische Krankheiten. Medikamente, Verbandmaterial oder medizinische Instrumente gab es kaum, selbst an Wäsche mangelte es. Ein internierter Arzt schrieb, seine ärztliche Tätigkeit habe sich daher auf das Ausstellen von Totenscheinen und die Beschriftung der Leichen beschränkt. So starben alleine in diesem Lager wöchentlich 100 bis 200 Menschen. Bei der Befreiung des Außenlagers durch die US-amerikanische Armee trafen die Soldaten auf noch rauchende Trümmer der Hütten, die von der SS in Brand gesteckt wurden. In diesen fanden sie 360 Tote vor, die möglicherweise bei lebendigem Leibe verbrannt wurden.
Teil der Kriegsproduktion Das Lager existierte nach dem „Verzeichnis der Haftstätten unter dem Reichsführer SS“ des Internationalen Suchdienstes in Arolsen für Frauen vom 1. August, für Männer vom 25. August 1944 bis zum 25. April 1945. Es diente als Unterkunft für die beim unterirdischen Fabrikbau und auf dem Flugplatz Lechfeld Beschäftigten und als Krankenlager.
mini|Körper neben verkohlten Barackenruinen im KZ-Außenlager Kaufering IV. (Foto: Edward C. Newell, 27./28. April 1945. United States Holocaust Memorial Museum.)
Errichtung und Betrieb des KZ-Außenlagers
Bekannte Gefangene des Lagers IV – Hurlach waren unter anderem Max (Mordechai) Ansbacher, später erster Direktor der Museumsabteilung der Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, Zalman Grinberg, späterer Direktor des Beilinson-Krankenhauses in Petach Tikwa, zudem der verantwortliche Herausgeber der hebräischen Untergrund-Zeitschrift „Nitzotz“ und späterer Chefredakteur der Vierteljahresschrift des World Jewish Congress Shlomo Shafir, der spätere jüdisch-rumänische Journalist und Buchautor Oliver Lustig, sowie Bernard Offen, polnisch-amerikanischer Überlebender des Holocaust und Filmproduzent.
Räumung des Lagers und Brandlegung
Bei der Räumung konnten die Gefangenen dieses Lagers wegen ihres kranken Zustands nicht zu Fuß auf den Todesmarsch nach Dachau geschickt werden. Daher wurden sie am nahen Gleis in einen Zug Richtung Dachau geladen. Bei Schwabhausen (Weil) wurde – wie Gefangene später berichteten – der Zug von der SS als Deckung eines Flak-Zuges genutzt und so von einem alliierten Tieffliegerangriff getroffen, 180 Gefangene starben. Der Zug fuhr nach Kaufering zurück, um die Toten am Bahndamm auszuladen.
Am Morgen des 27. April 1945 steckte die SS auf Befehl des Lagerarztes Max Blancke das KZ Kaufering IV samt den nicht mehr gehfähigen Häftlingen in Brand.
Befreiung und juristische Aufarbeitung
Die amerikanische Armee erreichte wenige Stunden später das Lager. Die Befreier fanden in diesem Lager viele verbrannte, auch um das Lager herumliegende Tote vor, zusammen 360, die im neu angelegten KZ-Friedhof Hurlach direkt am Lager beerdigt wurden. Während des Lager-Betriebs gab es ungezählte Todesopfer. Das War Crimes Investigation Team entdeckte östlich des Lagers zwei Massengräber mit je 2000 bis 2500 Toten, die heutigen KZ-Friedhöfe Kaufering-Süd & Kaufering-Nord, und stellte fest, dass allein während der fünf Monate als „Krankenlager“ in Kaufering IV – Hurlach fast 3000 Menschen zu Tode kamen.
Der Lagerkommandant Johann Baptist Eichelsdörfer, Arbeitsdienstführer Wilhelm Tempel des Lagers Kaufering IV – Hurlach wie auch Walter Adolf Langleist als Verantwortlicher, wurden 1945 als Kriegsverbrecher zur Rechenschaft gezogen, zum Tode verurteilt, die Urteile Ende Mai 1946 vollstreckt.
Internationale Wahrnehmung
mini|Nach der Befreiung von Kaufering IV, 8 Min. (Dokumentation US-Armee, 29. April 1945). United States. National Archives and Records Administration.
Der später weltberühmte Autor J.D. Salinger befand sich unter den amerikanischen Soldaten, die an der Befreiung Süddeutschlands beteiligt waren. Während seines Militäreinsatzes in Deutschland schrieb er den Roman Der Fänger im Roggen. Salinger gehörte der Einheit der 4th Infantry Division an. Um den 28. April besuchte er den gerade erst befreiten KZ-Außenlagerkomplex Kaufering,E. Alsen: J. D. Salinger and the Nazis. The University of Wisconsin Press, Madison/Wisconsin 2018, ISBN 978-0-299-31570-2, S. 83. seine Einheit befand sich in der Nähe dieses durch die 12th Armored Division befreiten KZ-Außenlagers IV – Hurlach.
J. D. Salinger äußerte sich nie öffentlich zu den Eindrücken aus dem April 1945. Durch die Erinnerungsarbeit der Bürgervereinigung Landsberg im 20. Jahrhundert und deren Vorsitzenden Anton Posset wurde den Historikern schnell bewusst, dass J. D. Salinger das KZ Lager Kaufering IV nach dessen Befreiung besucht haben muss.J. D. Salinger und die Befreiung des Konzentrationslagers Kaufering IV Bürgervereinigung zur Erforschung der Landsberger Zeitgeschichte, abgerufen am 13. Mai 2025 Aufgrund der Abläufe und seiner Erinnerungen liegt es nahe, dass es dieses Außenlager IV – Hurlach gewesen sein muss. Salingers Tochter Margaret Salinger zitierte ihren Vater im Jahr 2000 mit den Worten:Margaret Salinger: Dream Catcher: A Memoir. Washington Square Press, New York 2000, ISBN 0-671-04281-5, S. 55.
Steven Spielberg verfilmte im Jahr 2000 nach einer intensiven Beratung durch Anton Posset die Befreiung des Lagers Kaufering IV in Folge 9 der Mini-Serie Band of Brothers. Zahlreiche Fotografien der amerikanischen und französischen Befreier dienten als Vorlagen für originalgetreue Kulissen, die in England nachgebaut wurden. Aufgrund der Zusammenarbeit wurde im Film das Lager Kaufering, und nicht wie bis dato üblich Dachau oder Auschwitz, befreit.
Gedenkorte
Erinnerungsort mini|Blick auf das Gelände des ehemaligen KZ-Außenlagers Kaufering-IV – Hurlach, das ab 1990 als Kiesgrube genutzt wurde (2021)
1961 tauschte der ursprüngliche Besitzer des Grundstückes das unbrauchbare Grundstück gegen einen Traktor.Wolfgang Habel, Die Heiligkeit dieses Ortes ist geschändet – Die Beseitigung der letzten Spuren des Holocaust, Landsberg im 20. Jahrhundert, 1993, ISBN 3-9803775-1-2, S. 42–43. Der neue Eigentümer erhielt 1968 eine befristete Genehmigung zum Kiesabbau. Nach mehrfachen Besitzerwechseln baute die Firma Riebel ab 1990 auf dem Gelände Kies ab.Wolfgang Habel, Die Heiligkeit dieses Ortes ist geschändet – Die Beseitigung der letzten Spuren des Holocaust, Landsberg im 20. Jahrhundert, 1993, ISBN 3-9803775-1-2, S. 42–43.Ulrike Puvogel, Martin Stankowski: Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus - Eine Dokumentation, Bundeszentrale für politische Bildung, Verlag Edition Hentrich Berlin, Bonn 1995, ISBN 3-89331-208-0, S. 154: „Die benachbarte Kiesgrube, in der seit 1990 Kies trotz mancher Proteste abgebaut wird, ist mit dem Gelände des ehemaligen KZ-Lagers Kaufering IV identisch.“ Anton Posset und die Bürgervereinigung Landsberg im 20. Jahrhundert machten auf die Bedeutung des historischen Ortes und deren Zerstörung vergebens aufmerksam. Damals kam sogar verbrannte Erde zum Vorschein.Wolfgang Habel, Die Heiligkeit dieses Ortes ist geschändet – Die Beseitigung der letzten Spuren des Holocaust, Landsberg im 20. Jahrhundert, 1993, ISBN 3-9803775-1-2, S. 42–43. siehe Bild Seite 43.Nur der gewöhnliche Nationalsozialismus, Film von Peter Kleinert, 1996 (aus dem KAOS Kunst- und Video-Archiv) Im Mai 2023 wurden auf dem Fußweg dorthin vier Informationstafeln zum KZ-Außenlagerkomplex Kaufering aufgestellt, auch zu diesem Außenlager und dem KZ-Friedhof.
KZ-Friedhof Hurlach mini|Friedhof und Gedenkstätte für die 360 am letzten Tag verbrannten Opfer des Lagers Kaufering IV – Hurlach. (Foto: 2014) Folgt man der Augsburger Straße in Kaufering in nördlicher Richtung, so führen 800 Meter nach Ortsende beim Anwesen Hurlach-Kolonie Nr. 30 Hinweisschilder auf einen Schotterweg 500 Meter nach Westen zu einem Parkplatz, nach weiteren 120 Metern Fußweg an Informationstafeln entlang zum KZ-Friedhof. Auf diesem trägt ein dreiteiliger Gedenkstein mit dem Davidstern die Inschrift (s. Foto):Ulrike Puvogel, Martin Stankowski: Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus - Eine Dokumentation (PDF; 25 MB), Bundeszentrale für politische Bildung, Verlag Edition Hentrich Berlin, Bonn 1995, ISBN 3-89331-208-0, S. 149.
Ihr zoget durch ein Meer von Leid 360 KZ-Opfern zum Gedenken errichtet 1950 Nun ruht in Gott und Ewigkeit
In einem Sammelgrab sind 360 Opfer des Außenlagers IV – Hurlach – des KZ-Außenlagerkomplex Kaufering bestattet. Das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege führt diesen Friedhof in der Liste der Baudenkmäler unter der Ortsbezeichnung „Lechfeld“.
4000 bis 5000 weitere KZ-Opfer wurden während des Lagerbetriebs in Massengräbern östlich des KZ-Außenlagers Kaufering IV – Hurlach verscharrt, später darauf die KZ-Friedhöfe Kaufering-Süd und Kaufering-Nord errichtet:
KZ-Friedhof Kaufering-Süd
Wie viele dieser hier bestatteten leiblichen Überreste von Verstorbenen des KZ-Außenlagers III stammen und wie viele aus Außenlager Kaufering IV – Hurlach, ist nicht bekannt.
KZ-Friedhof Kaufering-Nord
Wie viele dieser hier bestatteten leiblichen Überreste von Verstorbenen des KZ-Außenlagers III stammen und wie viele aus Außenlager Kaufering IV – Hurlach, ist nicht bekannt.
Siehe auch
KZ-Außenlagerkomplex Kaufering – Gesamtkontext Kaufering IV – Hurlach sowie die anderen zehn Außenlager Posener Reden – Himmlers Reden zur Judenvernichtung, Herbst 1943
Literatur Autobiografisch
KZ-Außenlager Kaufering IV – Hurlach Edith Raim: Die Dachauer KZ-Außenkommandos Kaufering und Mühldorf – Rüstungsbauten und Zwangsarbeit im letzten Kriegsjahr 1944/45. Dissertation. Philos. Fak. für Geschichts- und Kunstwissenschaften, Universität München, 1992; Neumeyer, Landsberg am Lech 1992, ISBN 3-920216-56-3, S. 151f, 170–174, 193–195, 272.
Enzyklopädien
Encyclopedia of camps and ghettos, 1933–1945 / 1,A : Early camps, youth camps, and concentration camps and subcamps under the SS-Business Administration Main Office (WVHA). part A. Indiana Univ. Press, Bloomington 2009, ISBN 978-0-253-35328-3, ISBN 978-0-253-35428-0, S. 488–490.
Ergänzend
Regionale Geschichtsforschung
Themenhefte Landsberger Zeitgeschichte – Für das Thema relevante Ausgaben: Heft 2: Todesmarsch und Befreiung - Landsberg im April 1945: Das Ende des Holocaust in Bayern, ISBN 3-9803775-1-2
Film