mini|Niklas Luhmann an einem Kolloquium an der Universität St. Gallen (1989) Niklas Luhmann (* 8. Dezember 1927 in Lüneburg; † 6. November 1998 in Oerlinghausen) war ein deutscher Soziologe und Gesellschaftstheoretiker. Als bedeutendster deutschsprachiger Vertreter der soziologischen Systemtheorie und der Soziokybernetik zählt Luhmann mit seiner Systemtheorie zu den Klassikern der Soziologie im 20. Jahrhundert.
Leben Luhmann wurde 1927 in die Familie eines Brauereibesitzers in Lüneburg geboren und besuchte das altsprachliche Johanneum. 1944 wurde er im Alter von 16 Jahren offiziell als Luftwaffenhelfer eingezogen, nachdem er schon seit dem 15. Lebensjahr dort tätig gewesen war. Von 1944 bis September 1945 war Luhmann in amerikanischer Kriegsgefangenschaft; seine Behandlung dort erschien ihm später als „gelinde gesagt nicht nach den Regeln der internationalen Konventionen“.
2007 wurde bekannt, dass Luhmann Mitglied der NSDAP geworden war.Christian Stöcker/DPA: Mitgliederverzeichnis: Eppler räumt NSDAP-Parteimitgliedschaft ein. In: Der Spiegel, 14. Juli 2007, abgerufen am 30. Mai 2014. Er hatte am 21. April 1944 die Aufnahme in die Partei beantragt und wurde rückwirkend zum 20. April desselben Jahres aufgenommen (Mitgliedsnummer 9.935.113).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/26761593 Auf dem für das juristische Referendariat 1949 auszufüllenden „Fragebogen für die politische Überprüfung“, der Teil der Entnazifizierung war, datierte Luhmann den NSDAP-Aufnahmeantrag auf das Frühjahr 1944, ergänzt mit dem Hinweis, eine Mitgliedsnummer nie erhalten zu haben.
Luhmann studierte von 1946 bis 1949 Rechtswissenschaft an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg mit einem Schwerpunkt auf römischem Recht. Es folgte bis 1953 eine Referendarausbildung in Lüneburg. In dieser Zeit arbeitete Luhmann an einer rechtsvergleichenden Dissertation. Nachdem 1953 sein Freiburger Doktorvater Wilhelm Grewe ins Auswärtige Amt gewechselt war, reichte Luhmann die 260-seitige Arbeit mit dem Titel Die Organisation beratender Staatsorgane nicht ein.
Von 1954 bis 1962 war er Verwaltungsbeamter in Lüneburg und von 1954 bis 1955 am Oberverwaltungsgericht Lüneburg Assistent des Präsidenten. 1955 wurde er ins niedersächsische Kultusministerium abgeordnet. In dieser Zeit begann er auch mit dem Aufbau seiner Zettelkästen. 1960/61 erhielt Luhmann ein Fortbildungs-Stipendium für die Harvard-Universität, das er nach seiner dienstlichen Beurlaubung wahrnehmen konnte. Dort kam er in Kontakt mit dem Soziologen Talcott Parsons und dessen strukturfunktionaler Systemtheorie.
Nach seiner Tätigkeit als Referent an der Deutschen Hochschule für Verwaltungswissenschaften Speyer von 1962 bis 1965 war er von 1965 bis 1968 Abteilungsleiter an der Sozialforschungsstelle an der Universität Münster in Dortmund. Nachdem er im Wintersemester 1965/66 für Soziologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster eingeschrieben gewesen war, wurde er dort im Februar 1966 mit seiner in Speyer entstandenen Schrift Recht und Automation in der öffentlichen Verwaltung. Eine verwaltungswissenschaftliche Untersuchung (Gutachter: Dieter Claessens und Helmut Schelsky) zum Dr. sc. pol. (Doktor der Sozialwissenschaften) promoviert. Fünf Monate später habilitierte er sich bei Dieter Claessens und Heinz Hartmann mit dem bereits 1964 erschienenen Buch Funktionen und Folgen formaler Organisation. Seine Berufung 1968 auf den Lehrstuhl für allgemeine Soziologie an der Universität Bielefeld machte Luhmann nicht nur zum ersten Professor an dieser Neugründung, sondern ließ ihn in der Folge auch entscheidend am Aufbau der ersten soziologischen Fakultät im deutschsprachigen Raum mitwirken. Hier lehrte und forschte er bis zu seiner Emeritierung 1993. 1998 unterschrieb er eine Unterstützerliste für die von Christoph Schlingensief gegründete Partei Chance 2000.
Luhmann heiratete 1960 die gelernte Goldschmiedin Ursula von Walter. Aus der Ehe gingen eine Tochter und zwei Söhne hervor. Seine Ehefrau starb 1977; danach zog er seine Kinder allein groß. Seiner verstorbenen Frau, einer gläubigen Protestantin, widmete er die im selben Jahr erschienene Schrift Funktion der Religion.
Nachlass mini|Das Grab von Niklas Luhmann und seiner Ehefrau Ursula, geborene von Walter, auf dem Friedhof Lipperreihe in Oerlinghausen Luhmanns Kinder stritten jahrelang vor Gericht um die Eigentums- und Urheberrechte an seinem wissenschaftlichen Werk einschließlich des berühmten Zettelkastens, worauf das OLG Hamm im Jahr 2004 entschied, dass dieser zum Werk und nicht zum Hausstand zu rechnen sei und damit seiner Tochter zugesprochen wurde. Luhmann hatte ihr noch zu Lebzeiten 1995 in einem Vorausvermächtnis alle Urheberrechte übertragen, da es sein Wunsch war, dass sein geistiges Erbe in einer Hand bleibt. Der Wert seines wissenschaftlichen Nachlasses wird auf einen siebenstelligen Euro-Betrag geschätzt.Luhmanns Erbe öffnet sich. In: taz, 30. Juli 2004.
Die Universität Bielefeld erwarb den Nachlass mit Unterstützung der Krupp-Stiftung im Jahre 2011, um ein Luhmann-Archiv zu errichten. Wichtigster Teil des Nachlasses ist der ca. 90.000 Zettel umfassende Zettelkasten, den Luhmann seit den 1950er Jahren gepflegt hat und der die Grundlage des umfangreichen Werkes darstellt.Peter Lohmann: Der Streit um den Zettelkasten. Radioreportage, Oktober 2003, hochgeladen am 19. November 2009 auf YouTube. In einem von der nordrhein-westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste geförderten Langzeitprojekt der Fakultät für Soziologie der Universität Bielefeld in Kooperation mit dem Cologne Center for eHumanities (CCeH) werden seit 2015 sowohl der Zettelkasten als auch die im Nachlass befindlichen Manuskripte – darunter allein vier verschiedene Versionen einer Gesellschaftstheorie aus den 1960er bis 1990er Jahren – digitalisiert und ediert. Im April 2019 ging eine erste Version des digitalen Zettelkastens online. Der Nachlass befindet sich im Universitätsarchiv Bielefeld.
Anlässlich des 90. Geburtstags Niklas Luhmanns wurde im Dezember 2017 ein ca. 1000-seitiges Manuskript zur Gesellschaftstheorie aus dem Nachlass veröffentlicht. Das unter dem Titel Systemtheorie der Gesellschaft erschienene Grundlagenwerk, das bereits weitgehend die Struktur der schließlich 1997 publizierten Gesellschaftstheorie vorwegnimmt, zusätzlich aber noch eine umfassende sozial- und differenzierungstheoretische Einleitung enthält, verfasste Luhmann zwischen 1973 und 1975, publizierte das Manuskript dann aber nicht.
Charakterisierung des Werkes
Das Lebenswerk Luhmanns ist eine allgemeine und umfassende Theorie der Gesellschaft, die gleichermaßen Geltung in der wissenschaftlichen Untersuchung sozialer Mikrosysteme (z. B. Liebesbeziehungen) und Makrosysteme (wie Rechtssysteme, politische Systeme) beansprucht.
Luhmanns Theorieansatz Der Anspruch seiner Theorie auf besonders große Tragweite beruht darauf, dass seine Systemtheorie von der Kommunikation ausgeht und die Strukturen der Kommunikation in weitgehend allen sozialen Systemen vergleichbare Formen aufweisen. Luhmanns Systemtheorie kann als Fortsetzung des radikalen Konstruktivismus in der Soziologie verstanden werden.Claudio Baraldi, Giancarlo Corsi, Elena Esposito: GLU – Glossar zu Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1997, S. 100, Beitrag über Konstruktivismus. Er knüpft vor allem an die theoretischen Grundlagen von Humberto Maturana und Francisco J. Varela zu autopoietischen Systemen an.Claudio Baraldi, Giancarlo Corsi, Elena Esposito: GLU – Glossar zu Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1997, S. 29, Beitrag über Autopoiesis.Georg Kneer, Armin Nassehi: Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme. Wilhelm Fink GmbH, Paderborn 2000, S. 57 Ferner lieferten Edmund Husserl und Immanuel Kant wichtige Voraussetzungen, was den theoretischen Zeitbegriff anbelangt,Armin Nassehi: Die Zeit der Gesellschaft. Auf dem Weg zu einer soziologischen Theorie der Zeit. Westdeutscher Verlag, Opladen 1993, S. 59–62. sowie George Spencer-Brown, was den Form- und Sinnbegriff anlangt.Siehe dazu Felix Lau: Die Form der Paradoxie – Eine Einführung in die Mathematik und Philosophie der „Laws of Form“ von G. Spencer Brown. Carl Auer, Heidelberg 2005, S. 147–151, Kapitel Exkurs in die Systemtheorie von Niklas Luhmann.
Demgegenüber bricht Luhmann mit theoretischen Grundannahmen der Soziologie und Philosophie, die in unlösbare Paradoxien hineinführen: So ersetzt er Handlung durch Kommunikation als basalen soziologischen Operationstyp.„[…] die hier skizzierte, im Folgenden auszuarbeitende Theorie der Systemdifferenzierung [bezieht] sich auf Kommunikation und nicht auf Handlungen. Wer Handlungen beobachtet, wird typisch mehrere Systemzugehörigkeiten feststellen können, allein schon deshalb, weil der Handelnde selbst körperlich und mental als Zurechnungspunkt fungiert und außerdem eine Handlung sich, nach Motiven und Wirkungen, an mehreren Funktionssystemen beteiligen kann. […] Nur wenn man von Handlung auf Kommunikation umstellt, wird es notwendig, die Elementareinheiten der Systembildung rekursiv durch Bezug auf andere Operationen desselben Systems zu definieren. Ein Handlungstheoretiker kann sich mit der Feststellung einer Intention, eines »gemeinten Sinnes« einer Handlung begnügen.“ Niklas Luhmann: Die Gesellschaft der Gesellschaft. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1997, S. 608. Er bricht auch mit dem klassischen Subjekt-Objekt-Schema und ersetzt es durch die Leitdifferenz System und Umwelt.„Die Relation von Erkennen und Erkanntem ist für Niklas Luhmann nicht länger interessant, ebensowenig wie die des Menschen als autonom handelndes und erkennendes »Subjekt« gegenüber der Welt. Für einen mit der neuzeitlichen Erkenntnistheorie vertrauten philosophischen Betrachter erhält diese Theorieumstellung einige unplausible Aspekte, denn es scheint unbezweifelbar, daß es »jemand« ist, der erkennt, und daß es »etwas« ist, das er erkennt. Im Sinne einer »unplausiblen Annahme«, wie Luhmann sagt, gilt es zunächst nachzuvollziehen, was geschieht, wenn an die Stelle der traditionellen Subjekt/Objekt-Relation ein funktionales Äquivalent tritt: die selbstimplikative Unterscheidung von System und Umwelt.“ Andreas Dammertz: Die Theorie selbstreferentieller Systeme von Niklas Luhmann als konsequente Fortführung traditioneller erkenntnistheoretischer Ansätze. Dissertation, Universität Duisburg 2001, Zitat S. 3 f., siehe weiter S. 146–151.
Luhmann-Habermas-Kontroverse