Der Neukeynesianismus oder New Keynesian economics ist eine makroökonomische Theorie, die sich zwischen den 1980er und frühen 2000er Jahren entwickelte. Sie liefert mikroökonomische Grundlagen für makroökonomische Total-Modelle der Wirtschaft. Zu den führenden Vertretern des Neukeynesianismus zählen George Akerlof, Olivier Blanchard, Stanley Fisher, Gregory Mankiw, James Mirrlees, David Romer, Michael Spence, Joseph Stiglitz, Lawrence Summers und Janet Yellen.

Zwei Hauptannahmen charakterisieren neukeynesianische Modelle: Erstens haben Haushalte und Firmen rationale Erwartungen. Zweitens gibt es eine Vielzahl von Marktversagen, hauptsächlich unvollkommenen Wettbewerb, der Preis- und Lohnstarrheiten erzeugt. Das bedeutet, dass sich Löhne und Preise nicht flexibel an Veränderungen der ökonomischen Bedingungen anpassen können. Diese und andere Formen von Marktversagen können zur Folge haben, dass die Wirtschaft nicht automatisch Vollbeschäftigung erreicht. Daher argumentieren Neukeynesianer, dass die makroökonomische Stabilisierung mittels Fiskal- und Geldpolitik zu einem effizienteren makroökonomischen Ergebnis führen kann als Laissez-faire-Politik.

Der Neukeynesianismus entwickelte sich teilweise als Reaktion auf die Lucas-Kritik an der neoklassischen Synthese durch Vertreter der neuen klassischen Makroökonomik.Neuer Keynesianismus In: Gabler Wirtschaftslexikon. Er führt dabei die neoklassische Theorie mit Einsichten John Maynard Keynes’ hinsichtlich Marktversagen zusammen und wird deshalb auch als neue neoklassische Synthese bezeichnet. Der Neukeynesianismus ist der aktuelle wissenschaftliche Konsens des internationalen makroökonomischen Mainstreams.

Vorgeschichte Mit der Allgemeinen Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes von 1936 versuchte John Maynard Keynes die theoretischen und wirtschaftspolitischen Konsequenzen aus der Weltwirtschaftskrise zu ziehen. Das Werk gilt aber selbst unter Ökonomen als schwer verständlich. Mit dem IS-LM-Modell von 1937 lieferte John R. Hicks eine simplifizierende Interpretation der Allgemeinen Theorie. Das IS-LM-Modell wurde (später modifiziert und erweitert) Teil der neoklassischen Synthese, die wiederum von der großen Mehrheit der Ökonomen dankbar aufgenommen wurde, weil damit einerseits das Versagen der 1930er Jahre abgestreift werden konnte und andererseits die neoklassische Denkwelt erhalten blieb. Der Kompromiss der neoklassischen Synthese lief darauf hinaus, dass langfristig die Neoklassik gilt, auf kurze Frist aber keynesianische Störungen relevant werden können. Danach führen Märkte mit flexiblen Preisen und Löhnen zu Vollbeschäftigung und einem Pareto-optimalen Zustand. Preis- und Lohnrigiditäten können aber eine notwendige Anpassung be- oder verhindern und so den Abbau von Arbeitslosigkeit blockieren oder inakzeptabel lange hinauszögern. Die neoklassische Synthese deckt sich nur zum Teil mit den Vorstellungen von Keynes. Sie war jahrzehntelang das absolut dominierende volkswirtschaftliche Gedankengebäude.Michael Heine, Hansjörg Herr: Volkswirtschaftslehre: Paradigmenorientierte Einführung in die Mikro- und Makroökonomie. Oldenbourg Verlag, 2012, ISBN 978-3-486-71523-1, S. 507–508.

In den 1970er Jahren kam das Phänomen der Stagflation auf. Die neoklassische Synthese scheiterte daran, das Phänomen der erhöhten Inflation zu erklären. Der Monetarismus stieg zur dominierenden volkswirtschaftlichen Theorie auf, weil er erklären konnte, dass die Geldmenge Einfluss auf die Inflation hat. Der Monetarismus besagt, dass Wirtschaftswachstum und eine moderate Inflation auf stabilem Niveau gehalten werden können, wenn die Geldmenge im richtigen Verhältnis zum nominalen BIP bleibt (Geldmengensteuerung). Zur Geldmengensteuerung ist es aber erforderlich, die Geldumlaufgeschwindigkeit voraussagen zu können. Die Geldumlaufgeschwindigkeit war in der Vergangenheit einem ungefähr linearen Trend gefolgt. Aufgrund von Deregulierungen des Bankensystems, der Einführung von Tagesgeldkonten und Finanzinnovationen kommt es seit den 1980er Jahren jedoch zu unvorhersehbaren und zum Teil extremen Schwankungen der Geldumlaufgeschwindigkeit. Damit schwand ein klarer Zusammenhang zwischen Geldmenge und nominalem BIP. Dies stellte die Nützlichkeit der Geldmengensteuerung in Frage, viele Ökonomen wandten sich vom Monetarismus ab.Internationaler Währungsfonds, Sarwat Jahan and Chris Papageorgiou What Is Monetarism?, Finance & Development, Vol. 51, No. 1, März 2014. In den 1980er Jahren wurde die Neue Klassische Makroökonomik kurzfristig dominant. Mit der Theorie rationaler Erwartungen, die in mikroökonomischer Ausprägung auch effiziente Finanzmärkte postuliert, ist sie noch marktfundamentaler als der Monetarismus.Michael Heine, Hansjörg Herr, Volkswirtschaftslehre: Paradigmenorientierte Einführung in die Mikro- und Makroökonomie. Oldenbourg Verlag, 2012, ISBN 978-3-486-71523-1, S. 508. Ihr Begründer Robert E. Lucas erklärte den Keynesianismus 1980 für tot:

Genau zu diesem Zeitpunkt begannen die Neukeynesianer ihre Forschungsarbeit. Die Phillips-Kurve wurde um Inflationserwartungen erweitert zur Neukeynesianischen Phillips-Kurve. Anstelle der Totalmodelle der neoklassischen Synthese wurden mikrofundierte Totalmodelle entwickelt. Dass der Neukeynesianismus heute die nordamerikanische Makroökonomie dominiert, liegt zum einen daran, dass sich gegen die Theorien der Neuen Klassischen Makroökonomik und des Monetarismus immer mehr konträre empirische Evidenz sammelte und andererseits die Neukeynesianischen Modelle besser als andere Modelle die stilisierten Fakten des Konjunkturverlaufs erklären.Lothar Funk, Eckgard Knappe: Der Beitrag des Neukeynesianismus zur Erklärung der Arbeitslosigkeit in Europa. In: Hamburger Jahrbuch für Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik. 41. Jahr, Mohr Siebeck, ISBN 978-3-16-146651-9, S. 45.

Modelle Unvollkommener Wettbewerb

In den 1980er Jahren entwickelten neukeynesianische Ökonomen eine Erklärung für unvollkommenen Wettbewerb, bei dem Märkte nicht in ein Gleichgewicht kommen, über das Konzept der Preisstarrheit. Das zugrundeliegende Konzept der Preisanpassungskosten für Preisänderungen wurde ursprünglich 1977 von Sheshinski und Weiss in ihrer Arbeit eingeführt, die sich mit den Auswirkungen der Inflation auf die Häufigkeit von Preisänderungen beschäftigte. Die Idee, sie als allgemeine Theorie der Preisstarrheit anzuwenden, wurde 1985–1986 gleichzeitig von mehreren Ökonomen vorgebracht.

George Akerlof und Janet Yellen zeigten, dass Firmen aufgrund von begrenzter Rationalität ihre Preise nicht ändern werden, es sei denn, der Nutzen ist größer als ein kleiner Betrag. Diese begrenzte Rationalität führt zu einer Starrheit der Preise und Löhne, was dazu führen kann, dass die Produktion bei konstanten Preisen und Löhnen schwankt. Gregory Mankiw nahm das Konzept der Preisanpassungskosten und untersuchte die Wohlfahrtseffekte von Veränderungen der Produktion, die aus Preisstarrheiten resultieren. Auch Michael Parkin untersuchte Preisanpassungskosten.

Obwohl sich das Konzept anfänglich auf die Starrheit von Preisen konzentrierte, wurde es von Olivier Blanchard und Nobuhiro Kiyotaki in einer einflussreichen Arbeit auch auf Löhne ausgeweitet. Huw Dixon und Claus Hansen zeigten, dass wenn Preisanpassungskosten auf einen kleinen Sektor der Wirtschaft angewendet werden, dies den Rest der Wirtschaft beeinflussen kann und dazu führt, dass die Preise in der übrigen Ökonomie ebenfalls schwächer auf Nachfrageänderungen reagieren.

1990 zeigten Laurence M. Ball und David Romer, dass reale Starrheiten mit nominalen Starrheiten interagieren können, um ein erhebliches ökonomisches Ungleichgewicht zu erzeugen. Reale Starrheiten treten immer dann auf, wenn ein Unternehmen seine Preise nur langsam an ein sich änderndes wirtschaftliches Umfeld anpasst. Beispielsweise kann ein Unternehmen mit echten Starrheiten konfrontiert werden, wenn es über Marktmacht verfügt oder seine Kosten für Betriebsmittel und Löhne vertraglich festgeschrieben sind. Ball und Romer argumentierten, dass reale Starrheiten auf dem Arbeitsmarkt die Kosten eines Unternehmens hoch halten, was Unternehmen zögern lässt, Preise zu senken und Einnahmen zu verlieren. Der durch reale Starrheiten verursachte Aufwand in Verbindung mit den Preisanpassungskosten von Preisänderungen macht es weniger wahrscheinlich, dass eine Firma die Preise auf ein markträumendes Niveau senkt.

Auch wenn Preise völlig flexibel sind, kann ein unvollkommener Wettbewerb den Einfluss der Fiskalpolitik im Hinblick auf den Multiplikator beeinträchtigen. Huw Dixon und Gregory Mankiw entwickelten unabhängig voneinander einfache allgemeine Gleichgewichtsmodelle, die zeigen, dass der Fiskalmultiplikator mit dem Grad des unvollkommenen Wettbewerbs auf dem Produktionsmarkt steigen könnte.

Koordinationsversagen

mini|285x285px|In diesem Modell des Koordinationsversagens trifft ein repräsentatives Unternehmen e*i seine Output-Entscheidungen auf der Grundlage des durchschnittlichen Outputs aller Unternehmen (ē). Wenn das repräsentative Unternehmen so viel produziert wie das durchschnittliche Unternehmen (e*i=ē), befindet sich die Wirtschaft in einem Gleichgewicht, welche durch die 45-Grad-Linie dargestellt wird. Die Entscheidungskurve schneidet die Gleichgewichtslinie an drei Gleichgewichtspunkten. Die Firmen könnten sich koordinieren und auf dem optimalen Niveau von Punkt B produzieren, aber ohne Koordination könnten Firmen in einem weniger effizienten Gleichgewicht A oder C produzieren.

Koordinationsversagen ist ein weiteres wichtiges neukeynesianisches Modell, das als eine mögliche Erklärung für Rezessionen und Arbeitslosigkeit entwickelt wurde. Koordinationsversagen bezeichnet einen Zustand in Wirtschaftssystemen mit mehreren Gleichgewichten, wenn eine Gruppe von Unternehmen ein besseres Gleichgewicht erreichen könnte, dies jedoch nicht gelingt, weil sie ihre Entscheidungsfindung nicht koordinieren.

Russell Cooper und Andrew Johns lieferten 1988 ein allgemeines mathematisch-spieltheoretisches Modell der Koordination mit mehreren Gleichgewichten, bei denen sich Agenten koordinieren könnten, um jede ihrer jeweiligen Situationen zu optimieren. Cooper und John stützten ihre Arbeit auf frühere Modelle, darunter das Kokosnussmodell von Peter Diamond von 1982, das einen Fall von Koordinationsversagen mit Such- und Matchingtheorie demonstrierte.

In Diamonds Modell produzieren Produzenten eher, wenn sie sehen, dass auch andere Produzenten produzieren. Die Zunahme möglicher Handelspartner erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass ein bestimmter Hersteller jemanden findet, mit dem er handeln kann. Wie in anderen Fällen von Koordinationsversagen hat Diamonds Modell mehrere Gleichgewichte; das Wohlergehen eines Agenten hängt von den Entscheidungen anderer ab. Das Modell von Diamond ist ein Beispiel für eine „Thick-Market-Externalität“, die dazu führt, dass Märkte besser funktionieren, wenn mehr Menschen und Unternehmen daran teilnehmen.

Andere potenzielle Ursachen für Koordinationsversagen sind selbsterfüllende Prophezeiungen. Wenn ein Unternehmen mit einem Nachfragerückgang rechnet, kann es sein, dass es die Einstellung neuer Arbeitskräfte zurückfährt. Ein Mangel an freien Arbeitsplätzen könnte Arbeitnehmer beunruhigen, die dann ihren Konsum zurückfahren. Dieser Nachfragerückgang entspricht den Erwartungen des Unternehmens, ist jedoch ausschließlich auf dessen eigenes Handeln zurückzuführen.

Versagen von Arbeitsmärkten