Schwerinsdorf (ostfr. Plattdeutsch Steern) ist eine Gemeinde in der Samtgemeinde Hesel im ostfriesischen Landkreis Leer, Niedersachsen. Die Gemeinde hat Einwohner und erstreckt sich auf einer Fläche von 5,57 Quadratkilometern.
Geografische Lage Die Gemeinde liegt zwischen Hesel und Remels an der ehemaligen Bundesstraße 75 (heute Landesstraße 24). Administrativ gehört Schwerinsdorf zur Samtgemeinde Hesel im Norden des Landkreises Leer. Nachbargemeinden sind Firrel im Norden und Hesel im Westen (beide ebenfalls zur Samtgemeinde Hesel gehörig) sowie Uplengen im Osten.
Geschichte Von der Gründung 1802 bis zum Ende des Kaiserreichs 1918 Ausgangspunkt der heutigen Gemeinde Schwerinsdorf war das am 15. Juni 1799 vorgebrachte Ersuchen eines Pächters des Dominialgutshofs Kloster Barthe bei der preußischen Kriegs- und Domänenkammer Aurich, für seinen Sohn ein Stück Moor auf heutigem Gemeindegebiet zu pachten, auf dem dieser sich ansiedeln könne.Joachim Tautz: Steerner Chronik – Die Geschichte der ostfriesischen Gemeinde Schwerinsdorf (Hrsg.: Gemeinde Schwerinsdorf), Verlag Risius, Weener 2002, ISBN 3-88761-075-X, S. 11, im Folgenden: Tautz: Chronik. Die ersten Siedler bauten sich jedoch erst ab 1802 ihre bescheidenen Häuschen im Moor, da zuvor noch Grenzfestlegungen mit den Nachbarorten Selverde, Hasselt und Kleinoldendorf sowie mit dem Dominialgut zu klären waren. Benannt wurde die neue Kolonie nach Friedrich Carl Heinrich von Schwerin (1768–1805), Präsident der Kriegs- und Domänenkammer in Aurich von 1798–1803 und 1804/05. Er nahm sich 1805 in Aurich das Leben. Unter ihm war die zeitweilig ausgesetzte Moorkolonisierung in Ostfriesland wieder aufgenommen worden. Bis dahin hatte die Kolonie „bey dem Kloster Barthe“ geheißen.
Nach 1815 trat das Königreich Preußen Ostfriesland an das Königreich Hannover ab. Innerhalb Hannovers gehörte Schwerinsdorf zum Amt Stickhausen, darin zur Amtsvogtei Remels und darin wiederum zur Untervogtei Hesel.Curt Heinrich Conrad Friedrich Jansen: Statistisches Handbuch des Königreichs Hannover, 1824, S. 7. 1848 bildete Hesel eine eigenständige Vogtei innerhalb des Amts Stickhausen.
„Bei dem Jahre 1803 war hier alles uncultivirt, in einer unabsehbaren Wildniß, aus dürrem Sandboden oder Morästen bestehend“, hieß es später in einem Rückblick des zuständigen Amtes Stickhausen, zu dem das Schwerinsdorfer Gebiet von Anbeginn gehörte.zitiert in Tautz: Chronik, S. 18. Bereits 1816 wurde die weitere Ansiedlung von Kolonisten durch die Amtsleute des Königreichs Hannover wieder forciert. Die Kolonisten stellten in den Anfangsjahrzehnten häufig Anträge, ihre Kolonate vergrößern zu dürfen, damit die landwirtschaftliche Basis ausreichte. Grundlage der Moorkolonien war die Moorbrandkultur. Dabei wurden im Sommer kleine Gräben angelegt, um ein Stückchen Moor zu entwässern. Im Herbst wurde das Moor in Schollen gehackt, die im Winter durchfroren und im darauffolgenden Frühjahr geeggt wurden. Im späten Frühjahr zündeten die Kolonisten die bearbeiteten Moorflächen an und legten Samen zumeist von Buchweizen in die Asche, der sehr schnell wächst und nach wenigen Wochen geerntet werden konnte. Der Buchweizen, ein Knöterichgewächs, wurde danach verarbeitet. Angebaut wurden auch Kartoffeln, Roggen und Hafer.Helmut Sanders: Wiesmoor — Seine Kultivierung und Besiedlung von den Randgemeinden aus. Verlag Mettcker & Söhne, Jever 1990, ISBN 3-87542-006-3, S. 22 ff. Der Moorboden war durch diese Form der Bearbeitung allerdings nach einigen Jahren ausgelaugt, so dass die Erträge sanken. Den Anträgen auf Kolonatsvergrößerung wurde nach entsprechenden Inspektionen und Berichten der Stickhauser Amtsleute an die Landdrostei Aurich oftmals stattgegeben – ebenso wie die zu entrichtende Erbpacht oft gestundet, gelegentlich auch gesenkt wurde. Dennoch mussten Kolonisten ihr Vorhaben, sich im Moor eine Existenz aufzubauen, häufig aufgeben. Über den Kolonisten Jannes Hinrich Bartels wird berichtet, dass er 1810 – also nur wenige Jahre nach Gründung der Kolonie – sein Grundstück veräußern musste, weil die Schuldenlast zu groß geworden war.Tautz: Chronik, S. 18. Problematisch wurde es besonders dann für die Siedler, wenn die Witterung die Ernte verdarb, was etwa bei Hagelschlag oder Spätfrösten oft der Fall war.
Bei Gemeinheitsteilungen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde die Schwerinsdorfer Gemarkung um Flächen der Gemeinde Selverde erweitert. Diese trat 140 Diemat Land an den Ort ab. Nicht selten allerdings vergrößerten die Kolonisten ihre Flächen auch eigenmächtig, zudem zogen Neusiedler auch ohne Erlaubnis nach Schwerinsdorf, um in „Eigenregie“ und ohne behördliche Genehmigung ein Stück Land in Kultur zu nehmen. Nicht selten handelte es sich um Kolonisten, die bereits in anderen Moorkolonien der Region gescheitert waren. Dem Amt Stickhausen schien es daher geboten, künftig über die Bewerber um neue Kolonate Erkundigungen einzuziehen, schien es dabei selbst jedoch nicht allzu genau genommen zu haben, wie aus Klagen von Alteingesessenen über neu Hinzugezogene hervorging.Tautz: Chronik, S. 24.
Zwischen 1839 und 1841 wurde der Weg von Hesel nach Oldenburg ausgebaut.
Weimarer Republik und Nationalsozialismus In ganz Ostfriesland zeigte sich in den ersten fünf Jahren der Weimarer Republik ein Wählerumschwung weg von den zunächst starken liberalen Parteien hin zu rechten und rechtsextremen Parteien. In Schwerinsdorf zeigte sich dieser Wechsel in der Wählergunst noch deutlicher als in vielen anderen Moor- und Geestgemeinden der Region. Dort erreichte die linksliberale Deutsche Demokratische Partei bei der Wahl zur Deutschen Nationalversammlung 55,9 Prozent der Wählerstimmen, gefolgt von der nationalliberalen Deutschen Volkspartei mit 27 Prozent. Auf Rang drei folgte die SPD, für die sich knapp 16 Prozent der Wähler entschieden.Die Zahlen zu den Wahlergebnissen der Weimarer Republik sind dem Artikel der Ortschronisten der Ostfriesischen Landschaft, Schwerinsdorf, PDF-Datei, S. 2, abgerufen am 23. Februar 2013, sowie Tautz: Chronik, S. 66 ff., entnommen. Diese drei verfassungsbejahenden Parteien kamen also zusammen auf fast 100 Prozent der Stimmen. DDP und SPD allein, beide Parteien der Weimarer Koalition, errangen zusammengenommen immerhin noch etwa 72 Prozent der Stimmen. Die DNVP landete mit rund einem Prozent der Wählerstimmen abgeschlagen auf Rang vier. Fünf Jahre später hatte sich dieses Bild ins Gegenteil gewandelt: Bei der Reichstagswahl im Mai 1924 errangen rechte Parteien die absolute Mehrheit: Der Völkischsoziale Block gewann 53,7 Prozent der Stimmen, die DNVP weitere fast 38 Prozent. Auch in den Folgejahren behielten die rechtsextremen Parteien bei Reichstagswahlen die Oberhand, während auf kommunaler Ebene zumeist lokale Wählergruppen siegten. Bei der Reichstagswahl 1930 wurden die Nationalsozialisten mit 37 Prozent erstmals stärkste Partei; in den nächsten drei Jahren bauten sie die Vorrangstellung weiter aus. Im Juli 1932 holten die Nazis in Schwerinsdorf 96 Prozent der Stimmen, lediglich sechs Einwohner des Ortes wählten nicht die NSDAP. Bei der letzten Reichstagswahl im März 1933 errang die NSDAP erneut 95 Prozent. Bei einer Rückschau im Jahre 1947 erklärte das langjährige Gemeinderatsmitglied Rindert Post, selbst ein Gegner der Nazis: „Durch Propaganda geblendet, glaubte besonders der Landmann damals, eine bessere Zukunft erwarten zu können.“Tautz: Chronik, S. 69.
Der bereits während der Weimarer Republik (seit 1924) amtierende Bürgermeister Hinrich Janssen verblieb in seinem Amt. Der Gemeinderat allerdings wurde 1934 in einen Gemeindebeirat umgewandelt, der bei örtlichen Angelegenheiten nur noch zu hören war, jedoch nur noch wenig Entscheidungsbefugnisse mehr hatte. Das bereits 1933 erlassene Reichserbhofgesetz schlug auch in der Gemeinde Schwerinsdorf durch: Mehrere Landwirte versuchten, sich gegen das darin enthaltene Veräußerungsverbot zu wehren, jedoch vergeblich.Tautz: Chronik, S. 80. Eine Auseinandersetzung vor dem Hintergrund des Kirchenkampfes entwickelte sich zwischen dem Firreler Pastor Ludwig Heinemeyer und dem Schwerinsdorfer Lehrer Andreas van Dieken, der der NSDAP beigetreten war. Van Dieken gehörte zwar nicht den Deutschen Christen an, sah in Heinemeyer aber einen Vertreter oder Anhänger der Bekennenden Kirche und suchte daher bei jeder Gelegenheit, Ansprachen des Pastors in Schwerinsdorf zu verhindern. So wurde ein Gottesdienst zu Neujahr 1934 durch Bollerschüsse gestört, und noch 1939 verweigerte van Dieken dem Pastor, die Schule für kirchliche Zwecke zu nutzen.Tautz: Chronik, S. 80 ff. Van Dieken übernahm 1942 auch die Leitung des neu geschaffenen NSDAP-Stützpunktes Schwerinsdorf.
Während des Zweiten Weltkrieges übernahmen die Frauen die Arbeit, die die eingezogenen Soldaten zuvor verrichtet hatten. Auch Zwangsarbeiter wurden nach Schwerinsdorf verschleppt, nachgewiesen ist die Arbeit eines Belgiers, einer Polin mit ihrem Sohn sowie eines jugendlichen Russen. Gegen Ende des Krieges bestand zudem ein sogenanntes „Holländerlager“ in der Schwerinsdorfer Schule, über die Zahl der dort internierten Personen ist jedoch nichts bekannt.Tautz: Chronik, S. 89. Bereits am 8. März 1945 trafen in der Gemeinde die ersten Vertriebenen aus den Ostgebieten des Reiches ein. Nachdem die alliierten Truppen Ende April 1945 Leer eingenommen hatten, rückten sie weiter in nordöstliche Richtung vor. Eine Volkssturmtruppe unter der Leitung des NSDAP-Ortsführers van Dieken wurde aufgeboten, leistete bei der Ankunft der kanadischen und polnischen Truppen jedoch keinen Widerstand. Wehrmachtssoldaten auf dem Rückzug lieferten sich allerdings Kämpfe mit den heranrückenden Alliierten, die ihrerseits das Feuer erwiderten. Dabei wurden die Lehrerwohnung und sechs weitere Häuser im Ort zerstört. Am 2. Mai 1945 herrschte in Schwerinsdorf Waffenruhe.
Nachkriegszeit