Die Meldorfer Spielweise bezeichnet seit 1950 das „Darstellende Spiel“ in seiner Ausprägung des „Bewegungsspiels“ als speziellen Stil des Laienspiels des deutschen Reformpädagogen, Barden, Theaterschaffenden und Schriftstellers Martin Luserke, wie er es nach mehr als vier Jahrzehnten ausgereifter Theorie und Praxis an der im Jahr 1540 gegründeten Gelehrtenschule (Gymnasium) in Meldorf (Holstein) realisiert hat.Leopold Klepacki: Schultheater. Theorie und Praxis. (= Erlanger Beiträge zur Pädagogik, Bd. 1, hrsg. v. Michael Göhlich / Eckart Liebau). Waxmann-Verlag, Münster 2004, ISBN 978-3-8309-1416-7, S. 58. Die Einführung dieses „Darstellenden Spiels“ in die Schul- und Jugendarbeit gilt als Luserkes herausragende pädagogische und künstlerische Leistung.Neue Deutsche Biographie, Band 15. Bayerische Akademie der Wissenschaften. Historische Kommission. Duncker & Humblot, Berlin 1987, ISBN 978-3-428-00196-5, S. 533. Dieses wurde auch von der Jugendbewegung (Bündische Jugend) übernommen.Fritz Winther: Körperbildung als Kunst und Pflicht. Delphin-Verlag, München 1920, S. 21.Hans Brandenburg: Der moderne Tanz. Georg Müller Verlag, München 1923, S. 146–157, zitiert nach Ulrich Schwerdt: Martin Luserke (1880–1968). Reformpädagogik im Spannungsfeld von pädagogischer Innovation und kulturkritischer Ideologie. Eine biographische Rekonstruktion. Peter Lang Internationaler Verlag der Wissenschaften, Frankfurt am Main u. a. 1993, ISBN 3-631-46119-4, S. 100. Charakterisiert wird sein „Darstellendes Spiel“ als ein holistisches „Bewegungsspiel“,Bewegungsspiel. In: Walther Hofstaetter / Ulrich Peters (Hrsg.): Sachwörterbuch für Deutschkunde. B. G. Teubner Verlag, Leipzig 1930, Bd. 1, S. 146.Bund für das neue Theater (Hrsg.), Martin Luserke: Shakespeare-Aufführungen als Bewegungsspiele. Verlag W. Seifert, Stuttgart/Heilbronn 1921. das aus den zu einer Einheit geformten Elementen Sprache, Bewegung, Musik, Form und FarbeDieter Rudolph: Zeit der Flöhe – Zeit des Kopfes – Zeit der Seele, in: Mitteilungen 83 (1993), Vereinigung ehemaliger Schüler und der Lehrer der Meldorfer Gelehrtenschule e. V. (Hrsg.), Meldorf 1993, S. 16–25. besteht, dem Allroundtheater nach William Shakespeare ähnelt, sich vom professionellen Theater abgrenzt,Mirona Stanescu: Vom Laientheater zur Theaterpädagogik. Ein historischer Werdegang der Theaterpädagogik in Deutschland. In: Neue Didaktik. 1, 2011, S. 11–29.Werner Kohlschmidt, Wolfgang Mohr (Hrsg.): Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte, Bd. 2 L – O. Walter de Gruyter, Berlin 2001, ISBN 3-11-017252-6, S. 3. auf dieses jedoch durchaus einwirken will.Heike Heckelmann: Schultheater und Reformpädagogik. Narr-Francke-Attempto, Tübingen 2005, ISBN 978-3-7720-8071-5, S. 303.Cornelia Susanne Anna Godde: Das Laienspiel als reformpädagogisches Element. Die Bedeutung Martin Luserkes für das heutige Bildungswesen. Verlag M. Wehle, Witterschlick/Bonn 1990, ISBN 3-925267-38-7. Im Handlungsverlauf steigern sich diese Elemente jeweils gegenseitig und sind eng aufeinander abgestimmt. Die Beteiligten agieren dabei durchweg gleichrangig; lediglich die jeweils anleitende Person entspricht einem primus inter pares.
Präludium Luserke begann die Entwicklung seines „Darstellenden Spiels“ als „Bewegungsspiel“ an dem von ihm mitgegründeten und zeitweise geleiteten reformpädagogischen Landerziehungsheim Freie Schulgemeinde Wickersdorf bei Saalfeld im Thüringer Wald, wo er 1906 mit seiner an William Shakespeares Hamlet angelehnten Groteske Blut und Liebe reüssierte.Blut und Liebe: Erstaufführung 1906. Auf: luserke.net, abgerufen am 8. Juli 2017.Martin Luserke: Blut und Liebe. Ein Ritter-Schauer-Drama. In: Fünf Komödien und Fastnachtsspiele aus der Freien Schulgemeinde Wickersdorf. E. W. Bonsels Verlag, München 1912. (Neuauflage: ISBN 978-3-7695-2509-0)Blut und Liebe. In: Deutscher Theaterverlag. Auf: theatertexte.de, abgerufen am 8. Juli 2017. Er gilt als einer der bedeutenden deutschen Reformpädagogen.Luserke, Martin, in: Deutsches Archiv für Theaterpädagogik, auf: archiv-datp.de, abgerufen am 29. September 2017.
Ab 1925 setzte er sein „Darstellendes Spiel“ im Loog auf der Nordseeinsel Juist mit Schülern der maßgeblich von ihm gegründeten reformpädagogischen Schule am Meer fort. Dort gelang es ihm mit tatkräftiger Unterstützung der Stiftung Schule am Meer,. In: Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, VI. HA, Nl Grimme, A., Nr. 2058, auf: deutsche-digitale-bibliothek.de, abgerufen am 8. Juli 2017. die seinerzeit einzige Theaterhalle einer deutschen Schule zu errichten.Thomas Aititsch: Eine Schule am Meer … In: Schule 225, Landesschulrat für Steiermark. Graz, November 2010, S. 6. Sie war dezidiert für das schulische Laienspiel konzipiert und seitens des preußischen Staatsministeriums für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung unter Adolf Grimme (SPD) und des Berliner Zentralinstituts für Erziehung und Unterricht unter Ludwig Pallat und Franz Hilker reichsweit als zentrale Spielstätte sowie als Ausbildungsstätte für Laienspiel-Pädagogen vorgesehen.Martin Luserke: Zum Abschluss – An die Mitglieder unserer Außengemeinde, 15. Oktober 1934. In: Blätter der Außengemeinde der Schule am Meer Juist (Nordsee), o. Jg., o. Nr., November 1934, S. 1–3.
Ab etwa 1940 nahm Luserke sein „Darstellendes Spiel“ mit der Meldorfer BDM-Gruppe wieder auf.bkb (Klaus Behrends): Martin Luserke – Sein Weg von Wickersdorf nach Meldorf, in: Mitteilungen, 3 (1953), Vereinigung ehemaliger Schüler und der Lehrer der Meldorfer Gelehrtenschule (Hrsg.), S. 6–8.
Ausführungsweise In sein „Darstellendes Spiel“ integrierte Luserke den expressionistischen Ausdruckstanz, der Elemente der Eurythmie aufnahm. Musik setzte er nicht additiv ein, sondern als elementaren Bestandteil, der „im Stück auftritt“.Herbert Giffei: Das musikalische Bewegungsspiel. In: Körber-Stiftung (Hrsg.): Theater in der Schule. S. 38–44.
Leopold Klepacki schrieb dazu in seinem Werk über das Schultheater: „Im Gegensatz zur additiven Musik, die relativ problemlos über Tonträger eingespielt werden kann, wird bei der Beschreibung der Rolle von Musik im Stück davon ausgegangen, dass sie live gespielt wird. Die Musiker sind somit auch zu den Darstellern zu rechnen, die mit den Schauspielern, Tänzern und Sängern auf der Bühne in einem notwendigen kommunikativen Verhältnis stehen. Musik, die Teil einer inszenierten Darstellung auf der Bühne ist, würde sich in Form von Playback-Einspielungen dynamisch niemals völlig exakt mit dem Bühnengeschehen synchronisieren lassen. Die Darstellung würde jedoch zerstört werden, wenn bei der Verknüpfung von Sprache bzw. Bewegung mit Musik metrische Verschiebungen auftreten würden.“Leopold Klepacki: Schultheater. Theorie und Praxis. (= Erlanger Beiträge zur Pädagogik, Bd. 1, hrsg. v. Michael Göhlich / Eckart Liebau). Waxmann-Verlag, Münster 2004, ISBN 978-3-8309-1416-7, S. 57.
Eine Abiturientin der Juister Schule am Meer, Hildegard Paulsen, Tochter des aus dem holsteinischen Wedel gebürtigen Architekten Friedrich Paulsen (1874–1947), formulierte dazu 1931 in ihrem Artikel Polyphone Musik – ein Abbild neuer Gemeinschaft. Ein Mitglied der Jugendbewegung spricht für die österreichische Zeitschrift Anbruch: „Hier an der Schule ist es mir ganz klar geworden, was ich früher nur gefühlt hatte: Daß es im Wesen der polyphonen Musik liegt, daß sie eine aktive Gemeinschaft verlangt.“Hildegard Paulsen: Polyphone Musik – ein Abbild neuer Gemeinschaft. Ein Mitglied der Jugendbewegung spricht. In: Anbruch 13, Heft 2/3 (Februar/März 1931), S. 55 ff., zitiert nach: Stefan Weiss, Jürgen Schebera (Hrsg.): Street Scene. Der urbane Raum im Musiktheater des 20. Jahrhunderts (= Veröffentlichungen der Kurt-Weill-Gesellschaft Dessau, Bd. 6), Waxmann Verlag, Münster 2006. ISBN 978-3-8309-1630-7.
Luserke selbst charakterisierte die Meldorfer Spielweise als einen besonderen Stil des Laienspiels. Kulissen benötige nur „ein Dummer“. Bei dieser Spielweise vertone weder die Musik einen fertigen Text noch verkörperten Darsteller ein fertiges Stück Literatur. Stattdessen seien alle Beteiligten von Anfang an Akteure einer Bauhütte, die gemeinsam dichten, ein Stück entstehen ließen und es in gemeinsamer Arbeit entwickeln, jeder nach seiner individuellen Begabung.Hörfunkinterview zur Meldorfer Spielweise mit Martin Luserke, MGS-Primanerin Alice Witt, OStD Dr. Kurt Reiche (Meldorfer Gelehrtenschule), Prof. Otto Haase (Kultusministerium Schleswig-Holstein), Dr. Herbert Giffei (Oldenburg i. O.), Norddeutscher Rundfunk 1952, 9:53 Min. Diese Selbstfindung und -verwirklichung durch Selbstbetätigung – „agitur ergo sum“, hatte sich während des Dritten Reiches als unvereinbar mit dem Nationalsozialismus erwiesen.Monika Baltes: Die Laienspielpädagogik Martin Luserkes (1880–1968). Ein Beitrag zur Spurensuche eines handlungs- und erlebnisorientierten Deutschunterrichts. Wiss. Hausarb., Philipps-Universität Marburg, 1994.Martin Luserke: Pan-Apollon-Prospero. Ein Mittsommernachtstraum, die Winterssage und Sturm. Zur Dramaturgie von Shakespeare-Spielen. Christians, Hamburg 1957.
Die Persönlichkeit jedes einzelnen Schülers solle zur Idee des Stückes beitragen, als Musiker, Darsteller, Souffleur, Beleuchter oder Ausstatter. Die Meldorfer Spielweise beinhalte, dass ein Musiker weder im Orchestergraben noch im Hintergrund sitze, sondern aktiv im Stück agiere.Heinke Brandt: Martin Luserke, in: Meldorfer Gelehrtenschule, 11 (1957). Hrsg. Meldorfer Gelehrtenschule, staatliches neusprachliches und mathematisch-naturwissenschaftliches Gymnasium für Jungen und Mädchen, Meldorf, 1957, S. 7–9. Ein Souffleur sitze nicht im Souffleurkasten, sondern bewege sich auf der Bühne oder um sie herum. Ein Beleuchter oder Best Boy richte seine Lichttechnik bzw. Scheinwerfer auch während der Vorführung aus, für die Zuschauer bliebe er jederzeit sichtbar. Ein Ausstatter sei während der Vorführung erkennbar, justiere ggf. nach oder dekoriere um.
Musische Übungen Den Einstieg in das Darstellende Spiel bildeten offenbar musische Übungen, die beispielsweise während der Aufnahmeprüfungen zur Quarta mehrere Schulstunden umfassten, die Luserke gab.
Crashkurs Drama An der Tafel im Klassenzimmer stellte Luserke über etwa zwei bis drei Schulstunden ausführlich das Wesen des Dramas und dessen Gliederung sowie die Charaktere klassischer Protagonisten und Antagonisten vor,Jürgen Koeppen: Die pädagogischen Intentionen in Martin Luserkes Schulspielen. Phil. Dissertation, Pädagogisches Institut der Universität Hamburg, 1967. um den Schülern die gemeinsame Arbeitsgrundlage zu erläutern.
Stückeauswahl Die Auswahl aufzuführender Stücke wurde teilweise den Schülern selbst überlassen. Luserke schickte sie mit der Aufgabe in die Schulbibliothek, sich aus Grimms Märchen Titel auszusuchen, die sie im Hinblick auf eine Aufführung interessierten. Damit lag auch die Diskussion bei der Auswahl in den Händen der Schüler. Diese bestimmten demzufolge mit, während Luserke die Aufgabe übernahm, diese Titel aufführungsgerecht bzw. spielbar umzuschreiben. Allerdings wurden die Märchen nicht als verniedlichte Märchen nach den Brüdern Grimm geprobt und aufgeführt, sondern auf den ursprünglichen Gehalt der Geschichten verdichtet.
Faxenraten Als eine wichtige Vorübung galt das so bezeichnete „Faxenraten“. Dabei bestanden die „Faxen“ darin, dass sie wie ein dramatisches Spiel aus dem Stegreif aufgebaut waren. Es galt, um einen einzigen Begriff herum, der zunächst nur den Akteuren bekannt war, eine Geschichte zu entwickeln, die dann in einem weiteren Schritt zu einem Drama verdichtet wurde. In der durchgängig improvisiert vorgetragenen Spielhandlung waren die Akteure frei, mussten jedoch eine Regel beachten: der Begriff durfte nie genannt werden. Das Publikum sollte aber durch einen entsprechend eindrücklichen Vortrag erraten können, um welchen Begriff es in dem Spiel ging.