Meine geniale Freundin (Originaltitel: L'amica geniale) ist der erste Band des im deutschsprachigen Raum als Neapolitanische SagaDieser Titel für den gesamten Romanzyklus beginnt sich einzubürgern und wird unter anderem auf der Webseite des deutschsprachigen Verlags verwendet: Elena Ferrante: Meine geniale Freundin. Suhrkamp/Insel bekannt gewordenen Romanzyklus von Elena Ferrante. Er erschien 2011 im italienischen Original; die weiteren drei Bände folgten jeweils ein Jahr später.
Die Tetralogie erzählt die Geschichte einer lebenslangen Freundschaft zwischen zwei aus ärmlichen Verhältnissen stammenden Neapolitanerinnen mit gegensätzlichem Naturell und ungleich verlaufender Entwicklung. Der erste Teil, Meine geniale Freundin, umfasst ihre Kindheit (Die Geschichte von Don Achille) und ihre frühe Jugend (Die Geschichte von den Schuhen).
Eine Besprechung von Ferrantes Werk und speziell dieses Romans im New Yorker verhalf der Autorin 2013 zum Durchbruch auf dem US-amerikanischen Buchmarkt und löste ein bis heute anhaltendes weltweites Echo aus. 2015 wurde Meine geniale Freundin von Literaturkritikern in die BBC-Auswahl der besten 20 Romane von 2000 bis 2014 gewählt. Die deutsche Übersetzung durch Karin Krieger erschien 2016; im Jahr danach folgten Band zwei und drei sowie 2018 der abschließende vierte Teil.
Inhalt mini|Neapel und Ischia, die Handlungsorte des ersten Bandes In einem knappen Prolog – offenbar Bestandteil der Rahmenhandlung – erfährt die 66-jährige, in Turin wohnende Ich-Erzählerin Elena, dass ihre lebenslange Freundin Lila verschwunden ist und sämtliche Spuren ihrer bürgerlichen Existenz getilgt hat. Anders als Lilas Sohn Rino, der sich hilfesuchend an sie wendet, ist Elena von diesem radikalen Schritt nicht überrascht und nimmt ihn zum Anlass, die Lebensgeschichte beider Frauen zu Papier zu bringen.
Im August 1944 geboren, wachsen die Mädchen – Raffaella Cerullo (genannt Lina oder Lila) und Elena Greco (auch Lenuccia oder Lenù gerufen) – in einem ärmlichen Viertel von Neapel auf und sind die Besten in ihrer Grundschulklasse. Abgesehen davon sind sie grundverschieden. Lila ist furchtlos, eigenwillig, renitent und sucht nicht nach Anerkennung – nicht einmal dafür, dass sie schon lesen und schreiben kann. Elena hingegen ist ängstlich und unsicher, fleißig und diszipliniert; sie glaubt von sich, nie etwas aus Überzeugung zu tun, ganz im Gegensatz zu Lila, die für sie die Entschlossenheit pur verkörpert und der sie sich anschließt, als es gilt, kindliche Mutproben zu bestehen. Höhepunkt ist ihr gemeinsamer Gang zu Don Achille Carracci, einem auch unter den Erwachsenen gefürchteten Camorrista und für die Mädchen Inbegriff des leibhaftig gewordenen Märchenunholds. Todesmutig verlangt Lila von ihm, die Puppen, die er ihnen gestohlen habe, zurückzugeben – eine Forderung, die er, wiewohl offenbar unschuldig, bezeichnenderweise zu bereinigen versucht, indem er ihnen Geld gibt. mini|Schusterjunge in Neapel 1948 - Lila ist etwa gleich alt, als sie beginnt, das Handwerk zu erlernen Mit dem Ende der Grundschulzeit trennen sich die Lebenswege der Protagonistinnen, denn Lilas Eltern weigern sich, Geld auszugeben für eine weiterführende Bildung ihrer Tochter, wogegen Elenas Eltern – unter dem Druck der engagierten Lehrerin Maestra Oliveiro, die sich für beide Mädchen gleichermaßen einsetzt – schließlich einlenken. Fortan fördert die Lehrerin nur noch Elena.
Während Elena zunächst die Mittelschule und später das Gymnasium besucht, beschäftigt sich Lila in der Schusterwerkstatt ihres Vaters. Trotz dieses Handikaps bleibt Lila noch lange Zeit die Überlegene, entdeckt sie doch immer wieder Neues, womit sie ihr Umfeld zu überraschen vermag, sei es als kreative Designerin von Schuhen oder als passionierte Leserin der regionalen Bibliothek. Als sie ihrer hilfesuchenden Freundin einmal die lateinische Grammatik erklärt (die sie sich, wie üblich, selbst beigebracht hat), bewirkt sie damit einen Schub in deren Schulkarriere. Elena gewinnt an Sicherheit, die Lehrer werden auf sie aufmerksam und fördern sie, sodass sie – gestützt auf ihr strenges Lernregime – allmählich zur Besten aufsteigt, sich aber stets bewusst bleibt, dass dieser Rang eigentlich Lila gebührt. Auch Maestra Oliveiro nimmt weiter Einfluss auf Elena. Sie leiht ihr Bücher aus und vermittelt ihr einen längeren Sommerurlaub auf Ischia. Dort blüht die knapp 15-Jährige regelrecht auf – teils durch Sonne, Meer und gutes Essen, teils aber auch durch das Lob für ihren Lese- und Arbeitsfleiß, das die Gastgeberin ihr reichlich spendet und das sie von zuhause überhaupt nicht kennt. Getrübt wird ihr Aufenthalt lediglich durch zwei Männer der hinzukommenden Sarratore-Familie (der einzigen, die ihr Viertel je verlassen hat). Was sie sich vom Sohn, dem zwei Jahre älteren Nino, vergeblich erhofft (ein deutliches Zeichen seiner Zuneigung), drängt ihr sein Vater, der notorische Schürzenjäger und „dichtende Eisenbahner“ Donato, gewaltsam auf.
Zurück in Neapel, beginnt Elena eine Beziehung mit dem Automechaniker Antonio Cappuccio, obwohl sie weiterhin in den Gymnasiasten Nino verliebt ist. Ihre Sorgen verblassen jedoch rasch vor denen ihrer Freundin. Lila ist zu einer Schönheit gereift und wird von zwei Verehrern umworben, erwachsenen Männern Anfang 20. Beide sind reich und Söhne von Camorristi. Den einen, Marcello Solara, lehnt Lila kategorisch ab; dessen ungeachtet versucht er sich durch tägliche Besuche und teure Geschenke in ihrer Familie einzunisten. Der andere, seriöser wirkende Bewerber ist Stefano Carracci, ältester Sohn jenes von den tapferen kleinen Mädchen herausgeforderten Don Achille und seit dessen Tod Inhaber einer Salumeria. Gegenüber Lilas Vater bietet er sich als Investor an, um aus dessen Schusterwerkstatt eine kleine Schuhfirma zu machen, vorausgesetzt, in ihr werden Lilas Entwürfe realisiert. Außerdem kauft er, obwohl sie ihm etwas zu klein sind, das erste, bereits seit längerer Zeit vorhandene Paar Schuhe aus ihrer Kollektion. Lila hatte es zusammen mit ihrem älteren Bruder Rino heimlich und in mühevoller Kleinarbeit gefertigt, um ihren Vater genau dazu zu bewegen, was Stefano nun vorschlägt. Das Projekt wird umgesetzt und Stefano erhält das erhoffte 'Ja' sowohl von Lilas Vater als auch von ihr selbst. Als Lila heiratet, ist sie 16. Die mit viel Pomp, ebenso vielen Schwierigkeiten und tatkräftiger Unterstützung Elenas vorbereitete Feier endet allerdings mit einem doppelten Schock für die Braut: Marcello Solara mischt sich wie selbstverständlich, unter die Gäste – und er trägt die von ihr gefertigten Schuhe! Damit ist Stefano an ihrem Hochzeitstag gleich zweifach wortbrüchig geworden; er hatte ihr fest versprochen, Marcellos Kommen zu verhindern, und er hatte beteuert, er wisse zu schätzen, was gerade diese Schuhe Lila bedeuten.
Form Erzählperspektive Vergleicht man Meine geniale Freundin mit Ferrantes ersten drei Romanen, die 2012 noch einmal in einer Gesamtausgabe erschienen, fällt formal manch Neues ins Auge, aber auch Bekanntes. Zu den Novitäten gehört beispielsweise der Figurenreichtum, zu den Konstanten das Festhalten an der Sicht, aus der erzählt wird. Es ist, wie Ferrante sie selbst beschreibt, die Perspektive einer „starken, luziden, gebildeten“ Frau aus der Mittelklasse von heute, einer weiblichen Protagonistin also mit reichlich Identifikationspotenzial. Sie agiert als Ich-Erzählerin, die trotz großer zeitlicher Distanz zum Geschehen dies hautnah miterlebbar macht und trotz ihrer kontemplativen Wesensart den Leser mit viel Handlung füttert. Mit Reflexionen hingegen hält sie sich zurück. Auch stellt sie kaum Vermutungen an, was andere an- und umtreibt, nicht einmal mit Blick auf Lila. Gerade das hätte gewiss großen Reiz, für sie wie für den Leser. Dass sie dem widersteht, lässt ein spannungsvolles Bild ihrer „genialen Freundin“ entstehen – eine Vita activa, die anscheinend keine Beweggründe kennt. Das ist Teil ihrer Faszination und macht sie, Lila, zur „schillerndsten“ Figur des Romans.
Die Annahme, das in Meine geniale Freundin Erzählte sei, bedingt durch die Perspektive, allein Elenas Sicht, wird allerdings durch den zweiten Band relativiert. Dort erfährt der Leser, dass Elena die Aufzeichnungen, die Lila ihr überlassen hat und die bis in beider Kindheit zurückreichen, sich so zu „eigen“ macht, dass im Grunde nicht mehr zu unterscheiden ist, was in dem Roman, den sie schreibt, von wem stammt. Doch auch diese Lesart relativiert sich, wenn man das Freundinnenpaar so auffasst, dass es sich bei ihnen um zwei Facetten ein und derselben Person handelt. Diese Deutungsmöglichkeit stellt Meine geniale Freundin zudem in die Traditionslinie anderer vielschichtiger Werke der Weltliteratur, in die unter anderem auch Goethes Faust gehört, dem Ferrante das Motto für ihren Roman entnommen hat.
Eine der verblüffendsten Äußerungen Lilas stützt diese Interpretation zusätzlich. Sie betrifft den Titel des Romans und ändert mit einem Schlag zwar nicht die Erzähl-, aber die Leserperspektive. Der erzielte Effekt ist umso größer, als die Ich-Erzählerin auch hier jedweden Kommentar meidet. Bis zu dem Moment, als Lila – fast am Ende des Romans – jene Aussage trifft, geht man als Leser ganz selbstverständlich davon aus, dass der Titel Meine geniale Freundin auf Lila gemünzt ist, dass er genau dem Bild entspricht, das „die ewige Zweite“ Elena von ihrer besten Freundin hat. Umso größer die Überraschung, als Lila dies plötzlich auf den Kopf stellt: Während beide mit der Anprobe von Lilas Hochzeitskleid beschäftigt sind, kommen sie auch auf Elenas Zukunft zu sprechen; Elena meint, nach dem Abitur in zwei Jahren sei es mit dem Lernen vorbei; Lila entgegnet, das dürfe nicht sein, sie würde ihr sogar die weitere Ausbildung bezahlen, denn: „Du bist meine geniale Freundin, du musst die Beste von allen werden, von den Jungen und von den Mädchen.“Elena Ferrante: Meine geniale Freundin. Suhrkamp, Berlin 2016, S. 398. – Was darauf folgt, ist die Fortsetzung ihrer Hochzeitsvorbereitungen; keine Diskussion, nicht einmal eine Rückfrage, auch keine gedankliche Reflexion, weder hier noch später, weder bei Elena noch – spekulativ – bei Lila. Zumindest erzählt Ferrante nicht davon. Dem Leser bleibt so viel Interpretationsspielraum.
Erzählweise James Wood lobt Ferrantes überraschenden Perspektivwechsel als gelungene ironische Brechung und als Chance für den Leser, noch einmal eine völlig neue Sicht auf den Roman als Ganzes zu gewinnen. Zudem rechnet er ihren Kunstgriff mit zu den zahlreichen spannungssteigernden Wendungen des Romans. Lilas „Fenstersturz“ – ihr Vater beendet den wochenlangen, auch von ihr aggressiv geführten Streit um ihre schulische Zukunft damit, dass er sie buchstäblich aus dem Fenster wirft – vergleicht Iris Radisch sogar mit dem „klassischen Wendepunkt einer Tragödie“. Eine dritte solche Wendung, durch die Lilas Genialität ans Licht kommt, hebt Verena Auffermann hervor: Die Erstklässlerin Lila stört den Unterricht, reagiert auch nicht auf Ermahnungen, die Lehrerin steht auf, stürzt und bleibt (die Schüler vermuten: tot) liegen. Einige Tage später kehrt sie zurück und beordert Lila nach vorn, aber nicht um sie zu bestrafen, sondern um sie zu loben – dafür, dass sie sich als Dreijährige das Lesen und Schreiben selbst beigebracht hat (was sie Lila auch sogleich vor der Klasse und der eigens dazu eingeladenen Mutter demonstrieren lässt).