mini|Reality-TV-Darstellerin Walentina Doronina beim Promiboxen mit Armtätowierungen von Titeln der Sendungen, in denen sie auftrat (2024) Als Reality-TV (deutsch Realitätsfernsehen) bezeichnet man ein Genre von Fernsehprogrammen, in denen vorgeblich oder tatsächlich versucht wird, die Wirklichkeit abzubilden. Geschieht dies in Form einer Show, so spricht man von einer Reality-Show.

Definitionen Der Begriff Reality TV stammt aus den Vereinigten Staaten und wurde zunächst lediglich für nachgestellte Geschichten verwendet, die auf einem wahren Ereignis beruhen. Diese Definition erwies sich jedoch als unbefriedigend, wenn sich der Begriff Realitätsfernsehen nur auf nachgestellte Wirklichkeiten beschränkt. Nicht jede Sendung, die Realität abbildet, gehöre zum Reality TV.Grimm, Jürgen: Reality TV und Alltagsorientierung. Zur Faszination von Lebenshilfeformaten. Eine Online-Publikation anlässlich der tv-Impuls-Tagung „Erziehungsprobleme und Esskultur“, FSF Berlin 18. Januar 2008, S. 80. Grimm definiert das Realitätsfernsehen als eine Programmform, „die mit dem Anspruch auftritt, Realitäten im Sinne der alltäglichen Lebenswelt anhand von Ereignissen darzustellen, die das Gewohnte der Alltagroutine durchbrechen“.Grimm, Jürgen: Reality TV und Alltagsorientierung. Zur Faszination von Lebenshilfeformaten. Eine Online-Publikation anlässlich der tv-Impuls-Tagung „Erziehungsprobleme und Esskultur“, FSF Berlin 18. Januar 2008, S. 80 Zur Lebenswelt eines Individuums zähle insbesondere wiederkehrende Erfahrungen in Beruf und Familie. Dazu zählen auch einmalige Erlebnisse wie Heirat, Geburt, Krankheit oder Tod. Im Mittelpunkt eines Reality-TV-Programms stehen genau diese Erlebnisse, welche im Gegensatz zur Alltagswelt stehen. Das Realitätsfernsehen präsentiere nicht die Wirklichkeit als Ganzes, sondern zeigt den Alltag in Ausnahmesituationen.vgl. Grimm, Jürgen: Reality TV und Alltagsorientierung. Zur Faszination von Lebenshilfeformaten. Eine Online-Publikation anlässlich der tv-Impuls-Tagung „Erziehungsprobleme und Esskultur“, FSF Berlin 18. Januar 2008, S. 81.

Klaus/Lücke definierten Realitätsfernsehen: „Mit dem Begriff „Reality TV“ bezeichnen wir eine im deutschen Fernsehen verstärkt seit Beginn der 1990er Jahre verbreitete Fernsehgattung, die in ihrer Form Elemente mehrerer anderer Gattungen, wie der Serie und der Dokumentation, aufweist“.vgl. Klaus, Elisabeth / Lücke, Stephanie (2003): Reality TV - Definition und Merkmale einer erfolgreichen Genrefamilie am Beispiel von Reality Soap und Docu Soap. In: Medien und Kommunikationswissenschaft, 2 (2003) Baden-Baden: Nomos, S. 196. Angela Keppler unterscheidet zwischen dem narrativen Realitätsfernsehen und dem performativen Realitätsfernsehen. Beim performativen Realitätsfernsehen handelt es sich „um Unterhaltungssendungen, die sich zur Bühne herausgehobener Aktionen machen, mit denen gleichwohl direkt oder konkret in die Alltagswirklichkeit der Menschen eingegriffen wird.“vgl. Keppler, Angela (1994): Wirklicher als die Wirklichkeit? Das neue Realitätsprinzip der Fernsehunterhaltung. Frankfurt/M.: Fischer, S. 8f. Beim narrativen Realitätsfernsehen werden die „Zuschauer mit der authentischen oder nachgestellten Wiedergabe tatsächlicher Katastrophen unterhalten“.vgl. Keppler, Angela (1994): Wirklicher als die Wirklichkeit? Das neue Realitätsprinzip der Fernsehunterhaltung. Frankfurt/M.: Fischer, S. 8.

Wegener charakterisiert Reality-TV-Sendungen Mitte der 1990er Jahre, dessen gemeinsame Basis tatsächliche Ereignisse sind, die nachgestellt werden oder von Augenzeugen durch Videoaufnahmen aufgezeichnet werden. Die Aufteilung der Sendung in einzelne Fragmente sei ein gemeinsames Merkmal des Genres Reality TV. Dabei werden die Abschnitte zwischen den Beiträgen vom Moderator eingeleitet, verbunden oder zusammengefasst, um den Zuschauer durch die Sendung zu führen.Wegener, Claudia: Reality-TV: Fernsehen zwischen Emotion und Information? (1994) Opladen: Leske und Budrich, S. 15.

Weiter weisen nach Wegener die Sendungen des Realitätsfernsehens folgende Merkmale auf: Realereignisse werden entweder wirklichkeitsgetreu nachgestellt oder durch originales Filmmaterial dokumentiert. Die Ereignisse haben in erster Linie keinen (oder nur selten) unmittelbaren Bezug zu aktuellen, gesellschaftlich-relevanten Themen. Die Ereignisse zeigen hauptsächlich Personen, die psychische oder physische Gewalt ausüben oder erleiden. Die einzelnen Beiträge thematisieren verschiedene Ereignisse, die in keinem unmittelbaren Zusammenhang miteinander stehen.Wegener, Claudia: Reality-TV: Fernsehen zwischen Emotion und Information? (1994) Opladen: Leske und Budrich, S. 17.

Generelle Charakteristika Reality-TV bezeichnet eine große Bandbreite unterschiedlicher Formate mit typischerweise gemeinsamen Merkmalen: Die Ausstrahlung ist meist regelmäßig in Form einer Serie und mindestens einmal in der Woche, so dass beim Zuschauer ein Eindruck der Kontinuität entsteht. Es wird versucht, Situationen zu forcieren, die für den Zuschauer attraktiv sind, beispielsweise Gefühlsausbrüche oder etwa die Verhinderung eines spektakulären Verbrechens durch die Polizei. Diese Situationen sollen ohne Schauspielerei eintreten, stattdessen wird durch die Auswahl von Person, Situation und Drehort der gewünschte Effekt herbeigeführt. Beispiel sind etwa die Freudenausbrüche nach dem Erhalt eines umgebauten Hauses oder Autos oder einer erfolgreichen Schönheitsoperation. Beim Zusammenschnitt der Szenen werden dramaturgische Mittel eingesetzt, wie etwa Untermalung mit Hintergrundmusik. Eine Stimme aus dem Off wird meist bewusst nicht oder nur in Zwischensequenzen eingesetzt, um den Effekt der „Wirklichkeit“, des „Dabeiseins“ zu betonen.

Die Abgrenzung von Reality-TV zu herkömmlichen Dokumentationssendungen ist schwierig, auch Spielshows haben häufig Reality-Elemente. Gemeinhin wird dann von Reality-TV gesprochen, wenn sich die Kamera zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort befindet und dort alle vorkommenden Situationen filmt, während bei herkömmlichen Dokumentationen spezielle Situationen gezielt gefilmt und zusammengeschnitten werden. Auch Reality-TV-Sendungen werden geschnitten und vor der Ausstrahlung zusammengefasst, das Filmen der Situationen selbst geschieht jedoch auf zufällige Weise, es gibt kein Drehbuch und im Normalfall kein Schauspiel. Ein Beispiel soll dies verdeutlichen: Während eine herkömmliche Dokumentation über die Arbeit der Polizei auf gezielt gefilmte Aufnahmen spezieller Situationen zurückgreift, begleitet in einer Reality-TV-Serie im Stil von COPS die Kamera die Polizei typischerweise bei ihrer täglichen Arbeit, so dass der Zufall eine große Rolle beim Eintreten der Situationen spielt. Häufig wird Reality-TV in Form einer Serie ausgestrahlt, bei der die Kamera jedes Mal auf die gleiche Art filmt.

In der Umgangssprache wird der Ausdruck Reality-TV vor allem für Ausprägungen nach etwa 1990 verwendet, als Reality-TV-Formate einen langhaltenden Aufschwung mit einem Höhepunkt um 2000 erlebten, der bis heute andauert. Frühere Formen, wie etwa die Versteckte Kamera, gehören jedoch ebenfalls strenggenommen zum Genre.

Geschichte Reality-TV hat seine Ursprünge in den 1940er Jahren. Die US-amerikanische Sendung Candid Camera filmte 1948 die Reaktionen von normalen Passanten auf Gags. Schon zuvor hatte das junge Deutsche Fernsehen, dem Fernsehsender Paul Nipkow, eine Show inszeniert, in der ein junges Paar als Vorzeige-Arier ihren Lebensalltag vor die laufende Kamera getragen haben (Familienchroniken – Ein Abend mit Hans und Gelli). Auch wenn es sich eindeutig um Propaganda der Nationalsozialisten handelt und die Folgen sicher von der Zensur betroffen waren, wird in den letzten Jahren die Sendung doch häufiger als älteste Reality-TV-Show der Welt präsentiert.Adolf Hitler 'planned propaganda cable TV' The Daily Telegraph, vom 22. Oktober 2008, abgerufen am 21. Oktober 2024

In den 1950er Jahren entstand eine weite Palette von Spiel- und Wettbewerbsshows, darunter die ersten Talent- oder Castingshows, deren Gewinner bereits zu nationalen Berühmtheiten wurden (Miss America). Die erste Reality-Show im modernen Sinne war An American Family (1973), in der der Weg einer normalen Familie durch eine Scheidung gezeigt wurde.

Ab Ende der 1980er Jahre wurden die Formate erfunden, die bis heute die Reality-Shows prägen. COPS (1989) zeigte Polizisten bei der Arbeit und war damit der Urahn aller Reality-Shows im dokumentarischen Stil. In Deutschland wurde das Konzept 1990 vom WDR mit den Fussbroichs erfolgreich ausprobiert – die Filmreihe hielt sich elf Jahre lang. Die niederländische Show Nummer 28 (1991) war die erste, in der Unbekannte für eine gewisse Zeit in eine künstliche Umgebung (ein Haus mit der Nummer 28) gesteckt und dabei gefilmt wurden. Das Konzept wurde 1992 in der Show The Real World von MTV aufgegriffen, die bis heute international erfolgreich ist. Mit Changing Rooms wurde 1996 im britischen Fernsehen das Konzept eingeführt, in einer Show Wohnräume von einer Gruppe gefilmter Personen verändern zu lassen, dieses Konzept wurde später durch Sendungen wie Queer Eye for the Straight Guy und Pimp my Ride weiterentwickelt. 1997 wurde in Schweden mit Expedition Robinson (in den USA als Survivor und in Deutschland als Gestrandet bekannt) die erste Reality-Gameshow gezeigt, in der die Protagonisten, unbekannte normale Personen, gegeneinander in einem Wettbewerb um die Publikumsgunst antreten, während sie gefilmt werden. Dieses Konzept wurde 1999 von Big Brother, der bis heute wohl erfolgreichsten Reality-Show, in einem häuslichen Ambiente aufgegriffen. Im selben Jahr kam es zu einer Renaissance der Castingshows (Popstars, später auch Deutschland sucht den Superstar).

In neuerer Zeit (Stand 2008) ist eine Radikalisierung zu beobachten. Besonders in den USA treibt der Kampf um Einschaltquoten die Sender zu immer bizarreren Ideen. Zuletzt wurden Schönheitsoperationen vor der Kamera durchgeführt, welche sich die teilnehmenden Kandidatinnen gewünscht hatten. Anschließend konnten dann die Zuschauer bestimmen, wer die „Schönste“ war. In Japan sind extremere Formate schon länger populär und entsprechend radikaler. So gab es dort z. B. die Sendung Susunu! Denpa Shōnen, in der zwei junge Männer in Südafrika am Südkap ausgesetzt und dabei gefilmt wurden, wie sie nach Norwegen zum Nordkap trampen mussten, um ihr Heimflugticket abzuholen.

In Deutschland gab es Ende 2009 mehr als 60 Sendungen pro Woche, die dem Genre zugerechnet werden. Grund für den Erfolg sind günstige Produktionskosten im Verhältnis guter Einschaltquoten. Aufgrund der Anzahl der Sendungen, einen zunehmenden Mangel an Protagonisten sowie einen Bedarf an steigender Dramatisierung werden vermehrt Schauspieler in sogenannten Scripted-Reality-Formaten eingesetzt.Die Reality-Falle, Spiegel Online vom 19. Oktober 2009, abgerufen am 21. Oktober 2010.

Typen Es gibt zahlreiche Unterformen des Reality-TV, die bekanntesten sind Reality-Soaps oder das sogenannte Docutainment (COPS, The Real World) und Reality-Spielshows (Big Brother).

Reality-Soaps

In Reality-Soaps wird das Element des Reality-TV genutzt, um bestimmte Situationen zu dokumentieren. Dies ist meist entweder das alltägliche Leben von Personen (z. B. The Real Housewives of Beverly Hills, The Real World, The Osbournes, The Hills) oder die Arbeit von Berufsgruppen (COPS, Die Super Nanny).

Reality-Spielshows