alternativtext=junge Frau mit schmalem Gesicht, schmaler Nase, vollem Mund und dunklen Locken|mini|Lisa Fittko (Passfoto 1942) Lisa Fittko (geboren als Elisabeth Ekstein; * 23. August 1909 in Ungvár, Komitat Ung, Österreich-Ungarn, heute Uschhorod, Ukraine, gestorben am 12. März 2005 in Chicago, Illinois, Vereinigte Staaten) war eine deutsch-österreichische Widerstandskämpferin gegen die nationalsozialistische Diktatur in Deutschland und im Zweiten Weltkrieg Fluchthelferin über die Pyrenäen zwischen Frankreich und Spanien.
Bekannt wurde sie ab 1985 durch ihre autobiografischen Veröffentlichungen über die Zeit der Weimarer Republik und das politische Exil in der Tschechoslowakei, der Schweiz, den Niederlanden und Frankreich. Besonders die erste, Mein Weg über die Pyrenäen, Erinnerungen 1940/41 (Hanser, München 1985) wurde häufig besprochen und in viele Sprachen übersetzt. Durch die Netflix-Serie Transatlantic, in der sie, verkörpert von Deleila Piasko, eine tragende Rolle spielt, ist sie in die Popkultur eingezogen. Darin geht es besonders um ihre Rolle als Fluchthelferin des Philosophen und Schriftstellers Walter Benjamin, den sie aus ihrem Pariser Exil flüchtig kannte.
Leben Kindheit in Budapest und Wien (1909–1920) Ihre Eltern waren Ignaz Isak Ekstein und Julie Schalek; ihr älterer Bruder war der Physiker Hans Ekstein (1908–1984).
Lisa Ekstein verbrachte die Zeit bis zum Ende des Ersten Weltkrieges in Budapest, wo ihr Vater, wie schon in Uschhorod, kaufmännischer Direktor einer Möbelfabrik war, der Mundus-AG,Archiv ZEDHIA – Onlineportal für historische Wirtschaftsinformationen von 1812 bis 2003, S. 1408. die nach Entwürfen bekannter Innenarchitekten Banken, Kinos und Hotels in ganz Österreich-Ungarn ausstattete.Jirí, Uhlír: Vom Wiener Stuhl zum Architektenmöbel – Jacob & Josef Kohn, Thonet und Mundus, Bugholzmöbel vom Secessionismus bis zur Zwischenkriegsmoderne, Wien (Böhlau) 2009, ISBN 978-3-205-78375-6. Als deren Geschäfte kriegsbedingt immer schlechter gingen, verlegte er seinen Schwerpunkt auf den Journalismus und schrieb Artikel für eine seit 1898 in Wien erscheinende „Wochenschrift für Volkswirtschaft, Politik, Literatur und Kunst“ namens Die Wage, die er 1918 als Herausgeber übernahm. Das Blatt vertrat von Anfang an fortschrittliche politische Positionen, weshalb es immer wieder von der Staatsanwaltschaft verboten wurde.Alexander Emanuely: Das Beispiel Colbert. Fin de siècle und Republik. Ein dokumentarischer Essay, Verlag der Theodor Kramer Gesellschaft (Wien) 2020, ISBN 978-3-901602-85-6, S. 347. Nach dem Ersten Weltkrieg ließ sich die Familie Ekstein in Wien nieder, wo gerade die Erste Österreichische Republik ausgerufen worden war. Aus Protest gegen die Sozialdemokratie und deren neuen Staatskanzler, Karl Renner, trat Ignaz Ekstein in die neu gegründete Kommunistische Partei Österreichs (KPÖ) ein, zu deren Mitgliedern und Sympathisanten auch Egon Erwin Kisch, Leo Lania und Hanns Eisler gehörten.Eva Weissweiler: Lisa Fittko. Biographie einer Fluchthelferin. Hoffmann und Campe, Hamburg 2024, ISBN 978-3-455-01680-2, S. 25. Damit änderte sich der Kurs seiner Zeitschrift, die nun „Revolutionäre Zeitschrift“ hieß und sich fast ausschließlich der politischen Agitation zuwandte, wodurch sie immer mehr Käufer und Abonnenten verlor.Eva Weissweiler: Lisa Fittko. Biographie einer Fluchthelferin. Hoffmann und Campe, Hamburg 2024, ISBN 978-3-455-01680-2, S. 27.
Nach dem Krieg war die Ernährungslage in Wien katastrophal geworden, besonders für Kinder, die gut die Hälfte der etwa zwei Millionen Einwohner ausmachten. Sie litten fast alle unter Skorbut, Rachitis, Herzschwäche, Knochenödemen und dramatischem Untergewicht, auch Lisa, damals zehn Jahre alt. Man schickte sie mit einem Kindertransport in die Niederlande, wo sie zu einer Krankenschwester in Pflege kam. In ihrem zweiten Buch, „Solidarität unerwünscht“, setzt sie dieser Frau und ihrem am Waldrand gelegenen Häuschen in Apeldoorn ein literarisches Denkmal.Lisa Fittko,: Solidarität unerwünscht, Erinnerungen 1933–1940, hier zitiert nach der 1994 bei Fischer Taschenbuch Verlag (Frankfurt/M.) erschienenen Ausgabe von 1994, ISBN 3-596-11819-0, S. 157–160.
Berliner Jahre (1920–1933) Im Herbst 1920 zog die Familie Ekstein nach Berlin, wo Lisas Vater eine Stellung bei der Sowjetischen Handelsvertretung erhielt.Eva Weissweiler: Lisa Fittko. Biographie einer Fluchthelferin. Hoffmann und Campe, Hamburg 2024, ISBN 978-3-455-01680-2, 38 ff. Nach den vielen Schul- und Ortswechseln fiel es Lisa schwer, sich einzuleben, besonders das preußische Schulsystem kam ihr nach den Jahren in Wien und Apeldoorn streng und antiquiert vor.Eva Weissweiler: Lisa Fittko. Biographie einer Fluchthelferin. Hoffmann und Campe, Hamburg 2024, ISBN 978-3-455-01680-2, S. 40. Sie begann früh, sich zu politisieren, zunächst im Sozialistischen Schülerbund, dann 1924 im Kommunistischen Jugendverband Deutschlands und 1928 in der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD). Hier hatte sie verschiedene Ämter inne, u. a. als Kassiererin, Organisationsleiterin, Pionierleiterin und „Gegnermann“, was so viel hieß, dass sie Splitter- und Oppositionsgruppen zu beobachten hatte. Nach dem Besuch einer Höheren Handelsschule und einem einjährigen Sprachkurs in Paris arbeitete sie hauptberuflich bei der Roten Hilfe. Sie war außerdem in der Internationalen Arbeiterhilfe, verschiedenen Arbeitersportgruppen und dem Zentralverband der Angestellten organisiert.Eva Weissweiler: Lisa Fittko. Biographie einer Fluchthelferin. Hoffmann und Campe, Hamburg 2024, ISBN 978-3-455-01680-2, S. 43–46.
Wegen Teilnahme an illegalen Demonstrationen von Abschiebung bedroht, heiratete sie am 5. März 1932 den Kommunisten Gabo Lewin und erhielt dadurch die deutsche Staatsbürgerschaft.Eva Weissweiler: Lisa Fittko. Biographie einer Fluchthelferin. Hoffmann und Campe, Hamburg 2024, ISBN 978-3-455-01680-2, S. 54. Die Ehe bestand zwar nur zum Schein, war aber trotzdem offiziell gültig. Doch schon im Herbst 1932 gab es erneut Schwierigkeiten: Dauernd erschien die Polizei, um ihre Wohnung am Belle-Alliance-Platz Nr. 4 (heute Mehringplatz) in Berlin-Kreuzberg zu durchsuchen. Zu ihrer Sicherheit musste sie in den Untergrund gehen.Eva Weissweiler: Lisa Fittko. Biographie einer Fluchthelferin. Hoffmann und Campe, Hamburg 2024, ISBN 978-3-455-01680-2, S. 59. Dabei war ihr ein Freund, August Laß, behilflich, den sie in „Solidarität unerwünscht“ „Bruno“ nennt.Eva Weissweiler: Lisa Fittko. Biographie einer Fluchthelferin. Hoffmann und Campe, Hamburg 2024, ISBN 978-3-455-01680-2, S. 54f., S. 58–60. Er hatte zwei Tanten in Berlin-Friedrichshain, die sie im Hinterzimmer ihres Süßwarenladens versteckten. Dort blieb sie bis September 1933, als die KPD ihren Einsatz in Prag anordnete, da der Aufenthalt in Berlin zu gefährlich für sie geworden sei.Eva Weissweiler: Lisa Fittko. Biographie einer Fluchthelferin. Hoffmann und Campe, Hamburg 2024, ISBN 978-3-455-01680-2, S. 74. Ihre Eltern hatten Deutschland wegen der immer stärker werdenden Repressalien gegen Juden schon im März 1933 verlassen und sich zu einem Bruder von Lisas Mutter nach Leitmeritz in die Tschechoslowakei begeben.Eva Weissweiler: Lisa Fittko. Biographie einer Fluchthelferin. Hoffmann und Campe, Hamburg 2024, ISBN 978-3-455-01680-2, S. 76.
Widerstand und Exil in Prag, Basel und Amsterdam (1933–1937) In Prag wurde Lisa Ekstein damit beauftragt, Frauen- und Jugendarbeit unter kommunistischen Emigranten zu machen, wobei sie von einem Komitee, das „deutschen Flüchtlingen ohne Unterschied von Rasse, Nationalität und Konfession“ zu helfen bereit war, finanziell unterstützt wurde. Benannt war es nach einem tschechischen Literaturwissenschaftler, František Xaver Šalda.Eva Weissweiler: Lisa Fittko. Biographie einer Fluchthelferin. Hoffmann und Campe, Hamburg 2024, ISBN 978-3-455-01680-2, S. 86f. Im Umkreis dieses Komitees traf sie viele Emigranten wieder, die sie schon aus Berlin kannte, u. a. Bruno Frei, Ernst Ottwalt, Franz Carl Weiskopf, John Heartfield und dessen Bruder Wieland Herzfelde.
Ende 1933 lernte sie in diesem Umfeld ihren späteren Ehemann Hans Fittko kennen, einen ebenfalls aus Berlin kommenden politischen Flüchtling, Sohn einer kinderreichen Arbeiterfamilie, der gelegentlich als Journalist für Franz Pfemferts „Aktion“ gearbeitet hatte.Eva Weissweiler: Lisa Fittko. Biographie einer Fluchthelferin. Hoffmann und Campe, Hamburg 2024, ISBN 978-3-455-01680-2, S. 94. Zuletzt war er „Politleiter“ der KPD in Berlin-Spandau gewesen. Jetzt war er Grenzstellenleiter in der Tschechoslowakei, was bedeutete, dass er Flugblätter, Zeitungen, Flüchtlinge, Kassiber und Instrukteure über die Grenze zu schmuggeln hatte. Es gab neun Übergänge, die nur schwer zu kontrollieren waren, vorwiegend im Riesen- und Erzgebirge.Peter Becher und Peter Heumos (Hrsg.): Drehscheibe Prag: zur deutschen Emigration in der Tschechoslowakei 1933–1939. Oldenbourg, München 1992, ISBN 978-3-486-55951-4, S. 22, S. 28. Ende 1934 kam er dennoch in Haft, weil er sich, wie es in Lisas Buch heißt, „in die innenpolitischen Angelegenheiten des Landes eingemischt habe“.Eva Weissweiler: Lisa Fittko. Biographie einer Fluchthelferin. Hoffmann und Campe, Hamburg 2024, ISBN 978-3-455-01680-2, S. 109.
Nach kurzer Haftzeit in einem tschechoslowakischen Gefängnis wurde er Ende 1934 wieder entlassen und von der KPD unter dem Decknamen „Stephan“ als Leiter der Grenzstelle Basel eingesetzt,Hermann Wichers: Im Kampf gegen Hitler. Deutsche Sozialisten im Schweizer Exil 1933–1940. Chronos, Zürich 1994, ISBN 3-905311-37-2, S. 162. wohin Lisa ihm einige Wochen später folgte. Sie wohnten nun bei wechselnden Schweizer Genossen, die größtenteils aus dem Arbeiterstand stammten.Hermann Wichers: Im Kampf gegen Hitler. Deutsche Sozialisten im Schweizer Exil 1933–1940. Chronos, Zürich 1994, ISBN 3-905311-37-2, S. 166. Hans Fittko hielt Schulungen in einem Basler Arbeiterheim ab und organisierte den gesamten Widerstand im Dreiländereck, wobei fast alle der für ihn arbeitenden Kuriere, größtenteils Arbeitslose oder Kriegsverletzte, von der Gestapo gefasst und in Haft gebracht wurden, die sie zum Teil nicht überlebten.Hermann Wichers: Im Kampf gegen Hitler. Deutsche Sozialisten im Schweizer Exil 1933–1940. Chronos, Zürich 1994, ISBN 3-905311-37-2, S. 177–179.
Austritt/Ausschluss aus der KPD (1937)