Die Pharisäer (hebr. פְּרוּשִׁים peruschim ‚Abgesonderte‘, lat. Pharisaeī, ) waren eine theologische, philosophische und politische Schule im antiken Judentum. Sie bestanden in der Zeit des zweiten Jerusalemer Tempels und wurden nach dessen Zerstörung 70 n. Chr. als treibende Kraft im rabbinischen Judentum die einzige bedeutende überlebende jüdische Strömung. Vielfach werden sie auch als „Schriftgelehrte“ () bezeichnet.Hyam Maccoby: Der Mythenschmied. Paulus und die Erfindung des Christentums. Übers. und hrsg. von Fritz Erik Hoevels, Ahriman-Verlag, Freiburg 2007, ISBN 978-3-89484-605-3, S. 34 Ihre spirituellen Führer wurden als Chachamim (Singular Chacham, ) bezeichnet. Sie waren nicht nur Experten in der Halacha (), dem rechtlichen Teil der Überlieferung des jüdischen Glaubens, sondern auch Prediger.Hyam Maccoby: Der Mythenschmied. Paulus und die Erfindung des Christentums. Übers. und hrsg. von Fritz Erik Hoevels, Ahriman-Verlag, Freiburg 2007, ISBN 978-3-89484-605-3, S. 24

Im Neuen Testament werden Vertreter der Pharisäer teilweise als „Heuchler“ dargestellt, so etwa in , und sowie und . Die Hintergründe dieser Polemik sind im Abschnitt „Pharisäer und Christentum“ weiter unten ausgeführt.Thomas Söding: Jesus im Judentum seiner Zeit. Neutestamentliche Vorlesung im Sommersemester 2014, Katholisch-Theologische Fakultät Ruhr-Universität Bochum, S. 21–22 (kath.ruhr-uni-bochum.de).

Wortherkunft, Namensgebung Der Bezeichnung „Pharisäer“ leitet sich über das griechische Φαρισαῖος PharisaîosLexicon :: Strong's G5330 - pharisaios. Blue Letter Bible, auf blueletterbible.org blueletterbible.org und das aramäische Pərīšā (פְּרִישָׁא), Plural Pərīšayyā (פְּרִישַׁיָּא) ab, was ‚abgesondert‘ ‚getrennt‘ bedeutet, und ist verwandt mit dem hebräischen פָּרוּשׁ Pārūš, Plural Pərūšīm (פְּרוּשִׁים), dem Qal-Passivpartizip des Verbs pāraš, .Lexicon :: Strong's H6567 - pāraš. Blue Letter Bible, auf blueletterbible.org blueletterbible.orgKlaus-Michael Bull: Religiöse Parteien im Judentum des 1. Jahrhunderts. Deutsche Bibelgesellschaft, auf die-bibel.de die-bibel.de Abschnitt: „Die Pharisäer“ Unklar ist, ob die Bezeichnung „Pharisäer“ die gängige Eigenbezeichnung jener Gruppierung war. Dies liegt auch daran, dass keine eigenen Schriften der „pharisäischen Bewegung“ aus der frühen Phase vorliegen. Laut einigen Texten der rabbinischen Literatur sollen sich die Pharisäer als , bezeichnet haben bzw. als Genossenschaft, .Kurt Schubert, Otto Betz, Friedrich Niewöhner: Pharisäer, Pharisäismus. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Basel 1992, Bd. 7, Sp. 535–542. Der Begriff „Chabruta“ () steht im traditionellen rabbinischen Gebrauch für eine Lernmethode innerhalb einer kleinen Gruppe, die gemeinsam einen heiligen TextIlse Müllner: Fiktion. Deutsche Bibelgesellschaft. Erstellt: September 2008, auf die-bibdel.de die-bibel.de analysiert, diskutiert und debattiert. Die Gruppe selbst heißt Chabura (חַבּוּרָה).

Übersicht Nach Vasile BabotaVasile Babota: Auf der Suche nach den pharisäischen Wurzeln. In: Joseph Sievers, Amy-Jill Levine, Jens Schröter (Hrsg.): Die Pharisäer. Geschichte und Bedeutung. Herder, Freiburg / Basel / Wien 2024, ISBN 978-3-451-39459-1, S. 45–60. deutet die Gesamtheit der Quellen darauf hin, dass die „Pharisäer“ zur Zeit des Jerusalemer Hohepriesters, Alexander Jannäus, um das 1. Jahrhundert v. Chr., oder auch schon davor wirkten. Aus der antihellenistischen jüdischen Bewegung der Hasidäer, die während der Herrschaft des Seleukiden Antiochos IV. Epiphanes (175 v. Chr. – 164 v. Chr.) entstanden war, gingen diverse jüdische Gruppierungen hervor. Im 1. Jahrhundert n. Chr. nennt der römisch-jüdische Geschichtsschreiber Flavius Josephus neben den Pharisäern die Sadduzäer, die Essener und Widerstandsgruppen (Zeloten, Sikarier) als (Philosophen-)Schulen (haíresis), ähnlich etwa und 26,5. Damit verbunden war eine politische und lebenspraktische Bedeutung, so der rituellen Reinheit, Tahara ().

Spätere Bewegungen waren das Urchristentum – in und 28,22 ebenfalls Schule genannt – sowie die Therapeutae in Ägypten oder die HemerobaptistenMartin Goodman: A History of Judaism. From Its Origins to the Present. Princeton University Press, Princeton/Oxford 2018, S. 201: “The Essenes practised daily ablutions, as did presumably the Hemerobaptists (‘Daily Bathers’), a Jewish group in the first century known only from references in later Christian texts.”. Einem angeblichen Sektierertum der jüdischen Gesellschaft insbesondere des 1. Jahrhunderts n. Chr. wird heute widersprochen. E. P. Sanders betont verbindende religiöse Vorstellungen und Praktiken eines „gemeinsamen Judentums“. Darüber hinaus müssen gemeinsame Ansichten über Abstammung und Geschichte, Wohngebiet, Sprache oder Gesetze des Volks der Judäer in den Blick genommen werden.Wolfgang Stegemann: Jesus und seine Zeit. Stuttgart 2010, S. 230 ff. Auch gehörten die meisten Juden keiner speziellen Gruppierung an.Jacob Neusner: Judentum in frühchristlicher Zeit. Calwer Verlag, Stuttgart 1988, ISBN 3-7668-0775-7, S. 49–68 Daneben gab es im antiken Israel eine Gruppe, die mit dem Begriff „Am Ha’aretz“ () beschrieben werden. Sie ist eine soziale und religiöse Gruppe, die oft als einfacher, weniger gebildeter Teil der Gesellschaft angesehen wurde. Der Ausdruck erscheint in verschiedenen Teilen der hebräischen Bibel und beschreibt eine Bevölkerungsschicht, die in religiösen, sozialen und rechtlichen Fragen als weniger stark integriert galt. Sie waren in einer sozialen Lage, die es ihnen erschwerte, die religiösen Gesetze genau zu befolgen, oder sie hatten weder die Zeit noch die Ressourcen, sich vertieft mit der Tora zu beschäftigen. Sie wurden jedoch häufig von den religiösen Autoritäten, etwa den Pharisäern, als weniger rein angesehen und standen unter der Beobachtung der religiösen Führung. Als Teil des jüdischen Volkes, war ihre Glaubenspraxis weniger streng oder tiefgründig, als die der religiösen Eliten. Sie stellten eine breite soziale Schicht dar, deren religiöse Praxis in der Regel weniger formal und weniger mit den komplexeren Halacha-Vorschriften verbunden war.Noemi Berger: Wieso, weshalb, warum. Am Haaretz. Religiöse Begriffe aus der Welt des Judentums. Jüdische Allgemeine, 4. Juli 2016, auf juedische-allgemeine.de juedische-allgemeine.de Es gab zwei Typen von Am Ha’aretz: Einerseits die „Am Ha’aretz le-mitzvot“ (), Juden, die verachtet wurden, weil sie die Gebote nicht gewissenhaft befolgten, oder positiv formuliert, die im täglichen Leben eher nach den Traditionen und Geboten handelten, ohne tiefes religiöses Wissen oder die detaillierte Kenntnis der jüdischen Gesetze zu haben, andererseits die „Am Ha’aretz la-Torah“ (), diejenigen, die als Ignoranten gebrandmarkt wurden, weil sie die Tora überhaupt nicht studiert hatten, oder die zwar Teil der jüdischen Gemeinschaft waren, jedoch in Bezug auf tiefergehende Kenntnis und das Studium der Tora und ihrer Gesetze hinter den Gelehrten oder Rabbis zurückblieben, vergleiche auch .Aharon Oppenheimer: The ‘Am Ha-aretz. A Study in the Social History of the Jewish People in the Hellenistic-Roman Period. Brill, Leiden 1997, ISBN 978-90-04-04764-8, S. 67–117.

Für Abraham Geiger (1857) waren die Pharisäer und Sadduzäer keine Sekten, vielmehr habe es sich um zwei größere frühjüdische Strömungen gehandelt. Die Pharisäer kamen gleichsam als ‚progressive gesellschaftliche Kräfte’ während des Makkabäeraufstandes auf. So haben sie sich gegen die konservative Führungselite gestellt, die mit sadduzäischen Priestern und dem Jerusalemer Tempel verbunden waren. Während die Strömung der Sadduzäer sich um den Erhalt priesterlicher Privilegien bemühte und das Tempelmonopol schützte, richtete sich die Bewegung der Pharisäer dagegen. In einem Zeitraum von 200 v. Chr. bis 200 n. Chr. gewannen die Pharisäer weite Unterstützung in der judäischen und galiläischen Bevölkerung, so dass das rabbinische Judentum auf den Pharisäismus aufbauen konnte.Abraham Geiger: Urschrift und Übersetzungen der Bibel in ihrer Abhängigkeit von der inneren Entwicklung des Judenthums. Breslau 1857, S. 150, zitiert aus Susannah Heschel, Deborah Forger: Die Pharisäer in der neueren Forschung. S. 371–393 In: Joseph Sievers, Amy-Jill Levine, Jens Schröter (Hrsg.): Die Pharisäer. Geschichte und Bedeutung. Herder, Freiburg / Basel / Wien 2024, ISBN 978-3-451-39459-1, S. 372.

Während ihres Bestehens definierten sich die Pharisäer in erster Linie als Opponenten der Sadduzäer. Diese repräsentierten die konservative priesterlich-aristokratische Oberschicht, die Pharisäer hingegen fanden Anhänger in den Volksmassen. Konflikte bestanden in der Auffassung vom Verhältnis zwischen Arm und Reich sowie der Akzeptanz oder der Ablehnung einer Hellenisierung der jüdischen Gesellschaft. Religiöse Unterschiede betrafen die Beurteilung des Tempels, der nach pharisäischer Ansicht der Tora und den Propheten unter- und nicht übergeordnet war.

Als im Jahr 70 n. Chr. die Stadt Jerusalem mit dem zentralen Heiligtum, dem herodianischen Tempel, nach einem jüdischen Aufstand von den Römern zerstört worden war, gingen auch die jüdischen Institutionen wie etwa der Sanhedrin, die jüdische Ratsversammlung, unter.Emil Schürer: Geschichte des jüdischen Volkes im Zeitalter Jesu Christi. Band 2, 2. Aufl., Leipzig 1907 In: der überarbeiteten englischen Übersetzung von Géza Vermes und Pamela Vermès, mit dem Titel The history of the Jewish people in the age of Jesus Christ. A new English version. Band 2, Clark, Edinburgh 1979, ISBN 0-567-02243-9, S. 209. In der rabbinischen Überlieferung war es Rabbi Jochanan ben Sakkai, der von den Römern die Erlaubnis erhielt, den Sitz des Sanhedrin nach Jawne zu verlegen. Das Gremium sollte aus 70 Mitgliedern und einem von den Mitgliedern gewählten Vorsitzenden, dem Nasi (), bestehen. Vermutlich wurden im Zusammenhang der Neuordnung auch Einzelheiten der Verfahrensordnung geregelt. Das Gremium setzte pharisäische Traditionen in der nun beginnenden Epoche des rabbinischen Judentums fort. Wie die Pharisäer empfanden sich die Rabbinen als Lehrer und Anführer der jüdischen Gemeinde in Palästina und des gesamten jüdischen Volkes und glaubten, dass Gott neben der schriftlichen Tora eine mündliche Tora mitgeteilt habe, deren institutionelle Träger und Interpreten sie seien.Leo Trepp: Der jüdische Gottesdienst. Gestalt und Entwicklung. W. Kohlhammer, Stuttgart / Berlin / Köln 1992, ISBN 3-17-011077-2, S. 187.

Die Position und die Glaubenssätze der Pharisäer entwickelten sich im Laufe ihres Bestehens und lassen sich daher am besten anhand ihrer geschichtlichen Entwicklung nachvollziehen. Schriftliche Überlieferungen existieren nur aus der späteren Zeit; insbesondere Hillel der Ältere und Schammai aus dem 1. Jahrhundert sind durch ihre Kommentare, unter anderem zur Nächstenliebe, bekannt.

Geschichtliche Entwicklung Ausgangspunkt vorrabbinisches Judentum Die israelitische Religion hatte seit der Errichtung eines ersten israelitischen Tempels in Jerusalem dort eines ihrer wesentlichen Zentren. Konkurrierende Heiligtümer verloren spätestens mit der Zerstörung des samaritanischen Heiligtums am Garizim (129 v. Chr.) ihre Bedeutung. Eine Priesterschaft verrichtete in Jerusalem den Tempel- und Opferdienst, wie es überall im Vorderen Orient üblich war. Die Priesterschaft war eng mit der Monarchie verflochten, indem der Hohepriester den König zum Amtsantritt weihte. Gleichzeitig erhielt die Priesterschaft ihre Legitimation und Unterstützung vom König, der im Auftrag Gottes die Israeliten politisch leitete. Propheten standen außerhalb dieser festgelegten Struktur und traten als moralische Kritiker des Establishments auf.

Der Opferdienst war der zentrale Kult, er war geregelt nach den Vorschriften der heiligen Schriften (die spätere Tora, die Fünf Bücher Mose), die einen historischen Bezug gaben, ethische und kultische Vorschriften kodifizierten.