Der Osmanische Lloyd (französisch Lloyd Ottoman) war eine Tageszeitung, die von 1908 bis 1918 in Konstantinopel im Osmanischen Reich in deutscher und französischer Sprache (bis 1915) erschien. Sie wurde vom Auswärtigen Amt und der Deutschen Botschaft Konstantinopel, sowie von wichtigen deutschen Industrieunternehmen und Banken finanziell maßgeblich unterstützt, um sich für deren wirtschaftliche und politische Ziele einzusetzen.
Geschichte Am 18. (oder 15.?) November 1908 erschien die erste Ausgabe der Zeitung in Konstantinopel (möglicherweise zuerst als Die Osmanische Post).Das literarische Echo, 1908/1909, Sp. 305, berichtete von der ersten Ausgabe am 15. November, aber möglicherweise als VorankündigungAlbrecht Wirth, Der Balkan, 1914, S. 385 (unten), erwähnte Die Osmanische Post als eine von zwei deutschsprachigen Zeitungen in Konstantinopel, die von Dr. Grunwald im November 1908 gegründet worden sei (außerdem gab es noch Die Neue Türkei); das trifft genau auf die Gründungszeit des späteren Osmanischen Lloyd zu, auch das Adressbuch aller Länder der Erde. Band 28a. Balkanstaaten. 7, 1910, S. 102 (rechte Spalte), gibt nur Die Osmanische Post neben Die Neue Türkei an, offensichtlich ein etwas veralteter Stand von Ende 1908 Ihr Hauptanliegen war es, die deutschen wirtschaftlichen und politischen Interessen im Osmanischen Reich zu befördern. Sie wurde deshalb maßgeblich vom Auswärtigen Amt, sowie von der Deutschen Bank, dem Bankhaus S. Bleichröder, der Deutschen Orientbank, Daimler, Siemens, der Friedrich Krupp AG und weiteren deutschen Unternehmen finanziell unterstützt, die auch am Bau der Bagdadbahn beteiligt waren. Ihr Grundkapital betrug 200.000 Mark. Diese Verbindungen sollten aber möglichst nicht sichtbar werden.H. A. Gemeinhardt, Deutsche und österreichische Pressepolitik während der Bosnienkrise 1908/09, 1980, S. 211, auch S. 107, 122, und öfter Auszüge
Ursprünglich war geplant, das Blatt in deutscher und osmanischer Sprache herauszugeben. Weil das osmanische Türkisch aber damals mit arabischen Schriftzeichen geschrieben wurde, wurde aus Kostengründen darauf verzichtet. Dafür gab es eine französischsprachigen Teil Lloyd Ottoman für das frankophone Bürgertum in der Levante.
Der Osmanische Lloyd berichtete über aktuelle Ereignisse im Osmanischen Reich und weiteren Ländern, mit vielen Wirtschafts- und Handelsnachrichten, außerdem besonders über und für die deutschsprachigen Leser in der Region.
Nach dem Beginn des Ersten Weltkriegs wurde die Zeitung stark von der Nachrichtenstelle für den Orient beeinflusst, einer Propagandaabteilung des deutschen Generalstabs. Da die Türkei sich in dieser Zeit politisch neutral verhielt, konnte sie zwar weiter erscheinen, sie wurde jedoch zweimal für einige Wochen verboten, nachdem sich britische Verantwortliche über zu feindselige Artikel bzw. Karikaturen beschwert hatten.
Die letzte Ausgabe des Osmanischen Lloyds erschien am 7. Oktober 1918, als sich nach dem Ende des Ersten Weltkriegs die Beziehungen zwischen der Türkei und dem Deutschen Reich wesentlich veränderten.
Persönlichkeiten Chefredakteure
Die Zeitung weist während ihres Erscheinungsverlaufs auffällig viele Wechsel in der Schriftleitung auf, die zumeist auf verschiedene Auseinandersetzungen zwischen den Redakteuren und dem Auswärtigen Amt zurückgehen. Erster Chefredakteur war von 1908 bis 1914 E. Moritz Grunwald, der frühere stellvertretende Chefredakteur der Vossischen Zeitung.
November 1908 bis März 1914: Moritz Grunwald (ehemaliger stellvertretender Chefredakteur der Vossischen Zeitung, verließ die Redaktion nach Auseinandersetzungen mit dem neuen Botschafter Freiherr Hans von Wangenheim) April 1914 bis Mitte November 1915: Karl Müller-Poyritz Mitte Nov. 1915 bis Mai 1916: Wilhelm Schwedler Juni 1916 bis August 1917: Max Übelhör (nach einer gerichtlichen Auseinandersetzung mit Friedrich Schrader abberufen) September 1917 bis September 1918: Dr. Peter Silbermann September bis 30. November 1918: Wilhelm Feldmann (Publizist, Auslandskorrespondent, Korrespondent des Berliner Tageblatts)
Weitere Mitarbeiter (Auswahl) Eine wesentliche Rolle bei der Gründung der Zeitung spielte der seit 1891 in Konstantinopel lebende und hervorragend vernetzte sozialdemokratische Orientalist, Kunsthistoriker und Journalist Friedrich Schrader.Martin Hartmann, Unpolitische Briefe aus der Türkei. Der islamische Orient, 3. Band. Leipzig, Verlag von Rudolf Kraft. 262 Seiten.Max Rudolf Kaufmann: Eine literarische Entdeckung – Schraders „Konstantinopel“. in: Mitteilungen der Deutsch-Türkischen Gesellschaft, Heft 17, 1957, S. 13–14.
Friedrich Schrader (Kölnische Zeitung, Magdeburgische Zeitung, Vorwärts, Die Neue Zeit, Frankfurter Zeitung). Max Rudolf Kaufmann (Schweiz) (Frankfurter Zeitung, Neue Zürcher Zeitung) wurde nach dem Tode des deutschen Botschafters Marschall von Bieberstein 1912 entlassen und 1916 inhaftiert und aus der Türkei abgeschoben.Max Rudolf Kaufmann: Erlebnisse in der Türkei vor 50 Jahren: Zeitschrift für Kulturaustausch, Volume 12, Institut für Auslandsbeziehungen, S. 237–241 (1962)La Section de Renseignements de l’Etat-Major général de l’Armée suisse au Département politique, Diplomatische Dokumente der Schweiz, 1919, 7a, Doc. 146, 30. Januar 1919, S. 291–293 Von 1952 bis 1963 spielte er als Nahostreferent von Inter Nationes eine wichtige Rolle bei der Herstellung kultureller und wirtschaftlicher Beziehungen zwischen der jungen Bundesrepublik und der türkischen Republik. (u. a. Anwerbeabkommen türkischer Arbeitnehmer Oktober 1961).
Paul Weitz, der neben seiner Tätigkeit für den Osmanischen Lloyd als Leiter des Büros der Frankfurter Zeitung in Konstantinopel fungierte. Weitz ist für seine schonungslosen internen Berichte an deutsche Regierungsstellen über den Völkermord an den Armeniern Anatoliens bekannt geworden. Aufgrund einer Selbstverpflichtung der deutschen Zeitungsverleger durften auch liberale Blätter wie die Frankfurter Zeitung über diese Themen nicht berichten, und schon gar nicht ein Blatt wie der vom Auswärtigen Amt mitfinanzierte Osmanische Lloyd.
Zitate
Weitere deutschsprachige Zeitungen in der Türkei
In Konstantinopel gab es seit 1890 jeweils mindestens eine Zeitung, die die wirtschaftlichen Aktivitäten deutschsprachiger Kaufleute und Unternehmer in der Region besonders unterstützte, und die auch von Regierungsstellen und Unternehmen finanziell unterstützt wurde. Dieses waren zuerst die Osmanische Post (1890–1896), und dann das Konstantinopler Handelsblatt (1896–1910). Danach gab es außerdem Die Neue Türkei (1909–1927), die besonders österreichische Interessen vertrat, sowie die Türkische Post (1926–1944).Resul Alkan: Die „Türkische Post“: Türkiye’de Bir Nazi-Propaganda Gazetesi ve Matbuat Umum Müdürlüğü. in: Selçuk Üniversitesi Sosyal Bilimler Enstitüsü Dergisi. Konya, 2019, hier S. 8. DergiPark Akademik, abgerufen am 9. Januar 2022.
Literatur
Irmgard Farah: Die deutsche Pressepolitik und Propagandatätigkeit im Osmanischen Reich von 1908–1918 unter besonderer Berücksichtigung des „Osmanischen Lloyd“. Beiruter Texte und Studien, Band 50, Hrsg. vom Orient-Institut der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft, Beirut 1993, ISBN 3-515-05719-6. 347 Seiten Auszüge; ausführliche Darstellung der Geschichte des Zeitung Jörg Riecke, Tina Theobald (Hrsg.): Deutschsprachige Zeitungen im östlichen Europa. Ein Katalog. Bremen 2019, S. 634–637.
Einzelnachweise
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