Versicherheitlichung (, manchmal auch Sekurisation genannt) ist ein Konzept in der politikwissenschaftlichen Teildisziplin Internationale Beziehungen. Der Begriff beschreibt, dass ein Sachverhalt als Sicherheitsproblem wahrgenommen oder zu einem solchen gemacht wird. Dieses „Auf-die-Sicherheitsagenda-Setzen“ kann mit dem Ziel verfolgt werden, einen größeren Handlungsspielraum bei der Bearbeitung dieses Sachverhalts zu erlangen und weiterreichende Maßnahmen politisch durchsetzen zu können.

Das Konzept wurde von Barry Buzan, Ole Wæver und Jaap de Wilde – Vertretern der Copenhagen School of Security Studies – in ihrem Buch Security: A New Framework for Analysis (1998) geprägt.

Die Wahrnehmung von Sicherheit oder Gefahr und Bedrohung bleibt dabei in einen Kontext gebunden, der von immateriellen, idealistischen oder subjektiven Faktoren beeinflusst wird. Erfolgreiche Versicherheitlichungen müssen vom relevanten Publikum akzeptiert werden, ansonsten bleibt es beim Versuch der Versicherheitlichung.

Buzan und Wæver sowie diverse andere Autoren sehen Versicherheitlichung von einer normativen Perspektive aus als negativ an, da sie zum Brechen etablierter politischer Regeln, etwa der Aushandlung und demokratischen Mitbestimmung, führen können.

Bereiche der Versicherheitlichung In ihrem Buch nennen Buzan, Weaver, de Wilde fünf Sektoren, in denen Aspekte der Versicherheitlichung, deren Praktikabilität und politische und gesellschaftliche Auswirkung diskutiert werden. Dabei wird auch die Frage gestellt, inwieweit Sicherheitsaspekte, bzw. der Vorgang der Versicherheitlichung für politisches oder militärisches Handeln instrumentalisiert werden könnten. Militär Diskutiert werden Gründe und Risiken in Bezug auf militärische Interventionen, Zugang zu strategischen Ressourcen.Matt McDonald: Securitization and the Construction of Security, in: European Journal of International Relations, 1. Dezember 2008. Politik Weaver definiert die Versicherheitlichung insofern als Problem, als sie die etablierte politische Ordnung untergraben könnte, die Prämissen für alle anderen Fragen verändern und insgesamt die Souveränität einer staatlichen bzw. politischen Einheit bedrohen könnte. Zugespitzt geht es in diesem Kontext um das Überleben einer politischen Einheit als souveränem Staat. Wirtschaft, Finanzen Gesellschaft – Problem der Migration, Fragen von Identität Es geht z. B. um die Frage, ob und wie Migration nach Europa als Sicherheitsproblem wahrgenommen wird, und ob die Migrationsbewegungen Auswirkungen auf den europäischen Einigungsprozess haben. Teilnehmer an der Debatte sind außer Politikern, politischen Parteien und Technokraten, auch soziale Bewegungen, social media, Nichtregierungsorganisationen.Marc Schuilenburg; The Securitization of Society: Crime, Risk, and Social Order, With an Introduction of David Garland. New York University Press 2015. Umwelt – Klimawandel verstanden nicht nur als Bedrohungsszenarium intakter Naturräume, sondern deren Auswirkung auf die Nationalstaatlichkeit und politische UnabhängigkeitThe European Union and the Securitization of Migration. 2000 JCMS (Journal of the Common Market Studie), Band 39. Nr. 5. S. 677–933.Golo M. Bartsch: Klimawandel und Sicherheit in der Arktis: Hintergründe, Perspektiven, Strategien. Wiesbaden: Springer 2016. darin: Zur „Versicherheitlichung“ des Klimawandels. S. 69–74. Die Versicherheitlichung des Klimawandels als akute Bedrohung der nationalen und internationalen Sicherheit kann beispielsweise militärische Gegenmaßnahmen (z. B. Grenzschutz, Interventionen) legitimieren und den Blick auf notwendige Vermeidungen von CO2-Emission verstellen.

Alternativen Auf der gesellschafts- und sozialwissenschaftlichen Publikationsplattform Hypothesis findet sich ein nach dem Oktober 2023 veröffentlichtes Papier mit dem Titel Partizipative Prävention statt Versicherheitlichung. Der kollektiv verfasste Text versammelt Empfehlungen dazu, wie statt zunehmender Versicherheitlichung angesichts wachsender Unsicherheitserfahrungen akademische Räume so gestaltbar sind, dass sie als grundsätzlich einladend und sicher wahrgenommen werden.

Siehe auch Erweiterter Sicherheitsbegriff

Weblinks

Benedikt Hohl: Securitization - Anleitung für Populisten? In: https://www.aiakos.de. Projekt Aiakos 1. Februar 2020, abgerufen am 2. Februar 2020.

Literatur Thierry Balzacq: Securitization Theory: How Security Problems Emerge and Dissolve. Oxon: Routledge 2011. Thierry Balzacq, Stefano Guzzini u. a.: What Theory – If Any – Is Securitization? International Relations, 2015. 29. 1, S. 96–136. Barry Buzan, Ole Wæver, Jaap de Wilde: Security. A New Framework for Analysis. Lynne Rienner, Boulder 1998. ISBN 978-1-55587-784-2. Thomas Diez, Franziskus von Lucke, Zehra Wellmann: The Securitisation of Climate Change. Actors, Processes and Consequences. 2016. ISBN 978-1-138-95635-3. Susanne Fischer, Philipp Klüfers, Carlo Masala, Katrin Wagner: (Un)Sicherheitswahrnehmung und Sicherheitsmaßnahmen im internationalen Vergleich. Freie Universität Berlin, Forschungsforum Öffentliche Sicherheit. Hrsg. Jochen Schiller. (Schriftenreihe Sicherheit. Nr. 14.) Berlin 2014. ISBN 978-3-944675-04-6. Julia Grauvogel, Thomas Diez: Framing und Versicherheitlichung. Die diskursive Konstruktion des Klimawandels. In: Zeitschrift für Friedens- und Konfliktforschung (ZeFKo). Jg. 3. 2014, Nr. 2 S. 203–232. Michael C. Williams: Words, Images, Enemies: Securitization and International Politics. In: International Studies Quarterly. Jg. 47. Nr. 4. 2003 S. 511–531.

Einzelnachweise

Kategorie:Politikwissenschaft