mini|Bühnenhalle (Hallenbau) der Schule am Meer von dem Architekten Bruno Ahrends im Loog auf Juist aus nordöstlicher Sicht, 1931 Die Theaterhalle der Schule am Meer des stark musisch orientierten reformpädagogischen Landerziehungsheims Schule am Meer auf der ostfriesischen Nordseeinsel Juist war das einzige für diesen Zweck errichtete freistehende Funktionsgebäude einer deutschen Schule. Die 1930/31 errichtete Theaterhalle sollte gemäß Preußischem Staatsministerium für Wissenschaft, Kultur und Volksbildung und dem Zentralinstitut für Erziehung und Unterricht in Berlin als zentrale deutsche Ausbildungsstätte für Laienspielpädagogen dienen.Herbert Giffei: Martin Luserke – Reformpädagoge, Dichter, Theatermann – Gründer und Leiter der Schule am Meer auf der Nordseeinsel Juist (1925–1934). K. Neubauer, Lüneburg 1990, ISBN 3-88456-072-7, S. 75.Martin Luserke: Zum Abschluss – An die Mitglieder unserer Außengemeinde, 15. Oktober 1934. In: Blätter der Außengemeinde der Schule am Meer Juist (Nordsee), o. Jg., o. Nr., November 1934, S. 1–3.
Während nahezu alle Bauten des Architekten Bruno Ahrends heute unter Denkmalschutz stehen, ein bedeutender Teil davon auch zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt,Andrea Benze, Julia Gill, Saskia Hebert: Urbane Lebenswelten – Strategien zur Entwicklung großer Siedlungen (PDF-Datei; 9,5 MB), Studie und Projektrecherche zur IBA Berlin 2020 im Auftrag der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt, Berlin 2013, S. 8, auf: zlb.de trifft dies für diese Theaterhalle nicht zu, obwohl sie sowohl in der deutschen Pädagogik als auch der deutschen Architektur bis heute ein Unikat darstellt.
Die schulische Theaterhalle im Stil des Neuen Bauens (Moderne) nimmt nicht nur auf der Sandbank Juist zwischen Wattenmeer und Nordsee eine singuläre Stellung ein, sondern in der gesamten überwiegend ländlich geprägten Region Ostfriesland, im damaligen Freistaat Preußen und im heutigen Bundesland Niedersachsen. Zur damaligen Zeit war die Theaterhalle die größte Stahlbeton-Konstruktion Ostfrieslands. Auch heute noch sticht sie signifikant aus ihrem Umfeld heraus.Jochen Büsing: Im Loog... Die wechselvolle Geschichte des anderen Juister Ortsteils. Burchana Verlag, Borkum 2010, ohne ISBN, S. 61–66. [Jochen Büsing ist Dipl.-Ing., Architekt und ehrenamtl. Leiter des Küstenmuseums Juist]
Ortsgeschichtlich ist sie als pädagogische und musische bzw. kulturelle Wirkungsstätte der beiden überregional bekannten Persönlichkeiten Martin Luserke und Eduard Zuckmayer relevant, die nationale und internationale Beachtung fanden.
Das Gebäude soll ebenso wie der ehemalige Schulbau Arche (Architekt Josef Rings) seitens des Deutschen Jugendherbergswerks bis 2020 abgerissen werden, um an deren Stelle neue Bettenhäuser zu errichten.Stefan Erdmann: Gemeinde Juist/Rat und Verwaltung: Die „Arche“ soll abgerissen und durch einen Neubau ersetzt werden. In: JNN :: Juist Net News, 25. Januar 2012, auf: juistnews.de
Planung mini|Graphik 1: Von dem Architekten Bruno Ahrends signierter Planungsentwurf aus dem Jahr 1929 für den Hallenbau der Schule am Meer – Ansicht der Nordfassade mini|Graphik 2: Planungsentwurf von Bruno Ahrends aus dem Jahr 1929 für den Hallenbau der Schule am Meer – Gebäudesituation mini|Graphik 3: Von dem Architekten Bruno Ahrends gezeichnete und kolorierte Skizze der Ansicht aus südwestlicher Richtung, Planungsstand 1929 mini|3D-Modell der Bühnenhalle (rechts) aus nordöstlicher Richtung mit einigen der angrenzend projektierten Bauten von dem Architekten Bruno Ahrends, 1929 – Im Vergleich zu den Skizzen lässt sich eine Variation der Gebäudeanordnung erkennen Das seinerzeit zumeist als Hallenbau bzw. Bühnenhalle bezeichnete Gebäude wurde von dem renommierten Architekten Bruno Ahrends und seinem in Berlin ansässigen Architekturbüro Ahrends, Büning & Salvisberg als im Baukörper sehr reduziert erscheinender schlichter Quader mit Flachdach geplant. Innerhalb von Ahrends’ Entwürfen für die Schule am Meer bildet es den prominenten Teil eines aus insgesamt fünf Gebäuden bestehenden schulischen Ensembles.
Ahrends gilt als einer der „wichtigsten Architekten“ Berlins in der Weimarer Zeit, der „neben Bruno Taut, Otto Rudolf Salvisberg, Hugo Häring und Wilhelm Büning den Wohnungsbau dieser Epoche maßgeblich“ prägte.Dr. Jörg Rüter: Bruno Ahrends Wohnhaus Am Großen Wannsee 6 ist Denkmal des Monats August. In: StadtrandNachrichten, 1. August 2018, auf: stadtrand-nachrichten.de; [Dr. Jörg Rüter ist Leiter der Unteren Denkmalschutzbehörde des Berliner Bezirks Steglitz-Zehlendorf].
Die ursprüngliche Planung, die Bruno Ahrends auf der Basis seiner Vorbesprechungen mit der Bauherrin, der Stiftung Schule am Meer, im Jahr 1929 vorlegte, sah die Errichtung von fünf Neubauten mit einem in den Randzonen teils überdachten Innenhof vor. Die geplanten Massivbauten sollten die bereits vorhandenen Schulgebäude offenbar nicht ersetzen, sondern ergänzen.Bruno Ahrends: Situationsplan Schule am Meer im Loog auf Juist, 1929. In: Archiv und Dauerausstellung des Küstenmuseums Juist.Foto des zeitgenössischen 3D-Modells eines Neubauprojekts von Bruno Ahrends für die Schule am Meer im Loog auf Juist, 1929. In: Archiv und Dauerausstellung des Küstenmuseums Juist.
In Ahrends’ Situationsplan gruppieren sich unmittelbar um einen quadratischen Hof drei Gebäude – östlich davon die Theaterhalle (in seinem Plan als „Bühnenhaus“ bezeichnet), ein südwestlich daran angrenzendes turmähnliches Wohngebäude mit Direktorenwohnung sowie westlich ein L-förmiges Mehrzweckgebäude, das in einem Trakt Lehrerwohnungen und im anderen Unterrichtsräume vorsieht. An dieses duale Mehrzweckgebäude schließt sich nach Westen ein Haus mit „Übungssälen“ an (wahrscheinlich für die Naturwissenschaften), an die Theaterhalle nach Osten ein Haus, das als „Krankenstation-Erweiterung“ der Internatsschule vorgesehen war. Deren ursprüngliche Krankenstation bestand im westlich gelegenen „Doyen-Haus“, von der Schule intern als „do“ (mit angebauten Gebäuden „re“ und „mi“) bezeichnet, das jedoch primär als Wohnhaus der Lehrerfamilien Hafner, Luserke, Zuckmayer diente und zudem einen weiteren Unterrichtsraum bot.Auskunft durch das Küstenmuseum Juist, Jochen Büsing, April 2016. Die Theaterhalle war auf der Höhe des südlich davon gelegenen Schulhauptgebäudes „Diesseits“ geplant und wurde auch so realisiert.
Aus heutiger Sicht wirkt der Plan des Entwurfsverfassers für ein damals noch vollkommen unbefestigtes und spärlich bebautes Dünengelände ohne feste Straßenzüge teilweise fragwürdig. So weicht Ahrends in seinem Situationsplan beispielsweise bei einem westlich für Übungssäle geplanten Schulgebäude von der von westlicher nach östlicher Richtung verlaufenden Fluchtlinie seiner massiven Neubauten durch ein leichtes Abwinkeln nach Südwest ab, um einen nahtlosen Anschluss an die bestehende Holzbaracke „re“ herzustellen, die zwei Unterrichtsräume beherbergte (siehe Graphik 2: Markierung 5 und 8). Um diesen unschönen Bruch der Symmetrie bei seinen Neubauten planerisch annähernd auszugleichen, setzte Ahrends am östlichen Ende der konzipierten Gebäudereihe ein weiteres Haus (die „Krankenstation-Erweiterung“) leicht hinter die an der nördlichen Dünenkette der Insel orientierte Fluchtlinie zurück, blieb in diesem Fall jedoch rechtwinklig zum Gros der übrigen entworfenen Neubauten (siehe Graphik 2: Markierung 5 und 6).
Auch im Hinblick auf das eigentlich zugrunde liegende Neue Bauen und die von Ahrends zu dieser Zeit präferierten Flachdächer, damals von Kritikern abfällig als „Zigarrenkistenmode“ verunglimpft (PDF-Datei; 8,3 MB), auf: berlin.de, zeigt seine Planung Diskrepanzen, die möglicherweise auf Vorstellungen der Bauherrin, der Stiftung Schule am Meer, zurückzuführen sind. Insgesamt jedenfalls wäre selbst bei Realisierung aller geplanten Neubauten zusammen mit den Bestandsbauten kein architektonisch harmonisches schulisches Gesamtbild entstanden. Man merkt Ahrends’ Entwürfen jedoch an, dass er seiner zeitgleich auch in Berlin praktizierten Linie folgen wollte (siehe 1929 bis 1931 errichtete Weiße Stadt), Kuben und Quader miteinander zu kombinieren bzw. aufzureihen.
Im direkten Vergleich der in diesem Kapitel abgebildeten Graphiken 1, 2 und 3, die auf Originalzeichnungen von Ahrends basieren, sowie dem darunter positionierten Foto eines damals seitens seines Architekturbüros angefertigten 3D-Modells, offenbaren sich interessante Unterschiede bzw. Variationen der Basisplanung.
Auf Basis von Ahrends’ Planung sollte der damals bestehende unbefestigte Dünenpfad (inzwischen befestigt als „Loogster Pad“) durch das Loog von der südlichen auf die nördliche Seite der Theaterhalle verlegt werden (in Graphik 2 am oberen Rand als „Fahrstraße“ bezeichnet), um das Schulgelände nicht zu teilen. Damit waren die seinerzeit eigens befragten wenigen Anwohner im Loog einverstanden. Auch amtlich wurde dieses Vorhaben genehmigt, jedoch nicht realisiert.
Ausführung mini|Aufstellung kostümierter Akteure (Schüler und Lehrer) des Darstellenden Spiels auf der Baustelle der Bühnenhalle, 1930 mini|Motivierte kostümierte Akteure des Darstellenden Spiels freuen sich auf die Errichtung der Bühnenhalle, 1930 mini|Martin Luserke und Rudolf Aeschlimann vor der 1930/31 errichteten Bühnenhalle der Schule am Meer im Loog auf Juist mini|Graphik 4: Katasterauszug des Loog auf Juist mit den Gebäuden der Schule am Meer und der Bühnenhalle, 1932 mini|Nordwestliche Ansicht der Bühnenhalle (großes Gebäude rechts vorne) und des Schulhauptgebäudes Diesseits (Bildrand rechts), ca. 1931 mini|Innenteilansicht der Bühnenhalle mit Empore, ca. 1931 mini|Bühne mit kostümierten Akteuren, ca. 1931 Im Rahmen eines so geplanten ersten Bauabschnitts fand der erste offizielle Spatenstich für die Theaterhalle der S.a.M. am 3. Mai 1930, dem 50. Geburtstag des Schulleiters Martin Luserke, statt. Anlässlich der Grundsteinlegung wurde das von Luserke eigens dafür entwickelte Bühnenstück Der Turm von Famagusta aufgeführt,Aiga Klotz: Kinder- und Jugendliteratur in Deutschland 1840–1950. Bd. VII: Nachtrag. Springer Verlag, Berlin 2016, ISBN 978-3-476-02488-6, S. 73. Eduard Zuckmayer hatte zu diesem Anlass seine Pfingstkantate komponiert.
Nach der Fertigstellung des Gebäudes wurde es zu Pfingsten 1931, im Beisein des Bürgermeisters und Kurdirektors von Juist, eingeweiht. Der Schulchor intonierte Auszüge einer Messe von Josquin Desprez, danach kam Zuckmayers Pfingstkantate zur Ausführung. Zuckmayer intonierte auf dem Cembalo Johann Sebastian Bachs Italienisches Konzert. Auf der Bühne wurde abends Shakespeares Stück Wie es euch gefällt aufgeführt, „unter den räumlichen und akustischen Bedingungen, die wir uns für unser Theaterspiel schon so lange gewünscht hatten. Einzelspiel, Zusammenspiel, Kostüme, Musik, Raumwirkung waren begeisternd“. Das Kirchenlied Komm, Heiliger Geist, Herre Gott wurde am Folgetag nach Komposition Bachs auf der Bühne gesungen. Kurt Sydow und Eduard Zuckmayer spielten eine Bach-Sonate für Violine und Cembalo. Am Abend folgte eine weitere Aufführung Wie es euch gefällt, unter den Zuschauern dieses Mal rund neunzig Gäste von der Pädagogischen Akademie in Hannover. „Die Aufführung war noch schöner als die am Vortage und der Applaus des Publikums groß“.Stiftung Schule am Meer (Hrsg.): Blätter der Außengemeinde der Schule am Meer Juist (Nordsee). 9. Rundbrief, August 1931, S. 2–3.
Gegenüber der Planung zeigt die fertiggestellte Theaterhalle Abweichungen, die den für einen späteren Bauabschnitt vorgesehenen lückenlosen Anbau der schulischen „Krankenstation-Erweiterung“ an deren östlicher Seite möglicherweise in Frage gestellt hätten.