Elisabeth Schmitt, geborene Elisabeth Dorothea Hamburger (* 28. Oktober 1891 in Frankfurt am Main; † 1974 in Chicago) war eine deutschamerikanische Juristin. Der Historiker Hans A. Schmitt war einer ihrer Söhne.

Sie wurde am 19. Oktober 1916 als eine der ersten Frauen in Deutschland zum Dr. jur. promoviert. Da es ihr in den Folgejahren als Frau nicht gelang, eine ihrer Ausbildung entsprechende dauerhafte Anstellung zu finden, begann sie 1924 – inzwischen verheiratet mit Julius Anton Schmitt – damit, Nachhilfeunterricht zu erteilen. Ihre dabei gesammelten Erfahrungen und ihre umfangreichen Fremdsprachenkenntnisse ermöglichten es ihr, ab 1935 in der Quäkerschule Eerde zunächst als Hausmutter und später als Lehrerin für Latein, Griechisch, Englisch und Französisch zu arbeiten. Ab 1941 war sie für die Betreuung der jüdischen Kinder der Schule verantwortlich, bevor sie 1946 in die USA einreisen konnte.Soweit nachfolgend keine anderen Quellenangaben gemacht werden, folgt die Darstellung dem Buch Lucky Victim. An Ordinary Life in Extraordinary Times 1933–1946 von Hans A. Schmitt, der Elisabeth Schmitts Sohn und emeritierter Historiker ist. Das exakte Todesdatum seiner Mutter ist bei ihm nicht zu finden, das Todesjahr ist eine Rekonstruktion aus den von ihm referierten Lebensdaten. Um den Anmerkungsapparat nicht unnötig aufzublähen, werden einfache Verweise auf das Buch nur mit „Lucky Victim, S. XX“ gekennzeichnet. Dies gilt jedoch nicht für längere Zitate, die ins Deutsche übersetzt wurden; sie werden weiterhin mit „ref“ ausgezeichnet.

Herkunft und Ausbildung Die geborene Elisabeth Dorothea Hamburger entstammt einer wohlhabenden jüdischen Familie. Ihr 1841 geborener Vater Adolf Hamburger, in Hanau aufgewachsen, wanderte in den späten 1850er Jahren nach Australien aus. In Sydney gründete er in der Folge des Australischen Goldrausches ein Import-Export-Geschäft, das sich sehr gut entwickelte und den Grundstock seines Vermögens bildete. 1889 übertrug er das Geschäft auf einen seiner Brüder und kehrte nach Deutschland zurück. Er heiratete die Lehrerin Jenny Behr und erwarb in der noblen Bockenheimer Landstraße („Bockenheimer Parkway“) in Frankfurter zwei Häuser. Er „verbrachte seine verbleibenden Jahre mit den Früchten seines abenteuerlichen Lebens. Mit Ausnahme eines gelegentlichen Besuchs an der Börse, um seine Investitionen im Auge zu behalten, und dem Management seiner erstklassigen städtischen Immobilien, war er fertig mit dem sich Plagen und Herumwirbeln.“He „spent his remaining years enjoying the fruits of his adventurous life. Except for an occasional visit to the stock exchange to keep an eye on his investments, and the management of his gilt-edged urban real estate, he was done with toiling and spinning.“ Hans A. Schmitt: Lucky Victim. S. 7. 1891, mit fünfzig Jahren, wurde er erstmals Vater. Elisabeth wurde geboren.

Die Familie führte das Leben assimilierter Juden mit nur noch lockeren Verbindungen zum Judentum. Dagegen wurden die traditionellen weltlichen und religiösen Feste der sie umgebenden bürgerlichen Gesellschaft gepflegt, und die Verbundenheit mit dem Deutschen Reich ging gar so weit, dass Adolf Hamburger beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs seinen britischen Pass, den er noch aus seiner Zeit in Australien besaß, zurückgab, um seine ungeteilte Loyalität gegenüber Kaiser und Reich zu bekunden.

Der Historiker Hans A. Schmitt beschreibt seinen Großvater trotz dessen deutsch-nationaler Gesinnung als einen Menschen mit liberaler und kosmopolitischer Gesinnung, der viel Wert darauf legte, seinen beiden Kindern, Elisabeth und deren jüngerem Bruder Richard, die griechische und römische Geschichte sowie die Geschichte der Renaissance zu vermitteln. Dazu gehörte auch, dass beide Englisch, Französisch und Italienisch zu lernen hatten. Im Elternhaus wurde viel Englisch gesprochen, und Elisabeth hatte mehrfach Gelegenheit, nach England zu reisen. Sie lernte dabei Mitglieder der Labour Party kennen, mit denen sie bis in die 1930er Jahre hinein in Kontakt stand.

Die häusliche Idylle wurde getrübt, als Elisabeth, die in Frankfurt die Elisabethenschule, eine höhere Mädchenschule, besuchte, den Wunsch äußerte, Jura zu studieren. Während der Vater diesem Wunsch trotz der Schwierigkeiten für Frauen, zur damaligen Zeit zum Studium zugelassen zu werden,Hans A. Schmitt: Lucky Victim. S. 11, weist darauf hin, dass 1910 in Preußen lediglich 15 Frauen als Jurastudentinnen eingeschrieben waren. offen gegenüberstand, traf dieser Studienwunsch auf den entschiedenen Widerstand der Mutter, der für ihre Tochter ein eher traditioneller weiblicher Beruf vorschwebte. So kam es, dass sich Elisabeth zunächst im städtischen Lehrerinnenseminar einschrieb. Dessen Direktor bescheinigte Elisabeth jedoch überragende Fähigkeiten für eine akademische Karriere, so dass der mütterliche Widerstand gegen den Berufswunsch der Tochter aufgeweicht werden konnte und Elisabeth zunächst in Heidelberg und dann in Berlin ihr Jurastudium aufnahm.

1916 folgte Elisabeth Hamburger ihrem akademischen Lehrer und Doktorvater Gerhard Anschütz von Berlin nach Heidelberg. Hier wurde sie am 19. Oktober 1916 promoviert – knapp zwei Wochen vor ihrem 25. Geburtstag. Von Anschütz wird sie in seinen Memoiren als eine der drei besten seiner Studentinnen gewürdigt. (Lucky Victim, S. 12)

Weimarer Zeit und frühe Nazi-Jahre Die Berufsaussichten für eine promovierte Juristin waren in der Mitte des Ersten Weltkriegs und zu Beginn der 1920er Jahre alles andere als glänzend, und so kam es, dass Elisabeth Hamburger in diesen Jahren nur vereinzelte und durchweg befristete Stellenangebote erhielt. Erst 1924 fand sie eine Möglichkeit, sich eine längerfristige berufliche Existenz aufzubauen, doch die führte weg von ihrer eigentlichen Ausbildung. Sie wurde Privatlehrerin, Tutorin, zunächst für Jurastudenten, die sie auf ihre Examen vorbereitete, und dann für Schülerinnen und Schüler, die den Anforderungen des Sekundarschulwesens nicht gewachsen waren und denen sie half, die Abschlussprüfung zu bestehen. „Dank der Bemühungen meiner Mutter schafften diese Problemkinder ihren Abschluß, und als sich ihre Erfolg herumsprach, wuchs ihre Gemeinde und beanspruchte den größten Teil ihrer Zeit.“„Thanks to my mother’s efforts, these problem children graduated, and as word of her success spread, her parish expanded and occupied most of her time.“ Hans A. Schmitt: Lucky Victim. S. 21. Zu dem Zeitpunkt war Elisabeth aber bereits mit Julius Anton Schmitt verheiratet und Mutter zweier Kinder.

Julius Schmitt, ein Ehemann aus einfachen Verhältnissen Im Gegensatz zur wohlhabenden Familie Hamburger stammen die Vorfahren von Julius Schmitt aus deutlich ärmeren Verhältnissen. Sein 1844 geborener und 1887 frühverstorbener Vater, Johann Matthäus Schmitt, war ein Kutscher aus Franken. Die 1843 geborene Mutter Elise Schneider, ein uneheliches Kind, arbeitete als Hausmädchen in Nürnberg. 1882, Elise war 39 Jahre alt, heiratete sie, wurde aber bereits vier Jahre später Witwe. Aus der kurzen Ehe gingen zwei Söhne hervor – einer davon Julius Schmitt, geboren am 9. Dezember 1883 in Nürnberg.Das genaue Geburtsjahr seines Vaters überliefert Hans A. Schmitt nicht; im Zusammenhang mit dem Jahr 1919 bezeichnet er ihn als Sechsunddreißigjährigen (Lucky Victim, S. 20). Im Zusammenhang mit seinem Tod im Jahre 1941 erwähnt er den Geburtstag, den 9. Dezember (Lucky Victim, S. 184). Nennung des Geburtsortes: (Lucky Victim, S. 250)

Julius Schmitts Onkel war ein katholischer Priester, der nach dem Tod seines Bruders dafür sorgen wollte, dass der ursprünglich protestantisch getaufte Junge gegen den Willen seiner Mutter zum Katholizismus konvertiert. Die Mutter konnte das verhindern, doch entwickelte sich daraus eine langjährige Auseinandersetzung um den rechten Glauben des Jungen, die faktisch dadurch entschieden wurde, dass er bei der Mutter lebte und der Onkel nur bedingt Einfluss ausüben konnte.

Elise Schmitt schaffte es, ihren Sohn in Nürnberg auf ein Realgymnasium zu schicken, das ihm eine ein späteres Studium für das Höhere Lehramt ermöglicht hätte. 1897 musste Julius Schmitt den Schulbesuch jedoch beenden, wobei unklar blieb, ob dies aufgrund seiner mangelnden Schulerfolge geschah oder weil seine Mutter das Schulgeld nicht länger bezahlen konnte. Nach mehreren Versuchen gelang es schließlich, für den Jungen eine Lehrstelle bei einer Nürnberger Firma zu finden, wofür es der Priester-Onkel übernahm, das Lehrgeld zu zahlen. „Pater Georg bezahlte die Gebühr in drei jährlichen Raten, obwohl es offensichtlich keine Hoffnung mehr gab, dass diese Großzügigkeit den Begünstigten zum römisch-katholischen Glauben bekehren würde.“„Father George paid the fee in three annual installments, even though there was plainly no longer any hope that this munificence would turn the beneficiary into Roman Catholic.“ Hans A. Schmitt: Lucky Victim. S. 14. Hans A. Schmitt ist sich sicher, dass die auch in anderen Fällen bewiesene Großzügigkeit des Onkels seinen Vater davor bewahrt hat, eine ähnlich randständische Existenz wie seine wenig gebildeten Eltern führen zu müssen.

Julius Schmitt verbrachte 14 Jahre damit, Elektroanlagen zu bauen und zu reparieren, besonders auch Telefonanlagen. Doch er entwickelte allmählich das Interesse, sich weiterzubilden und schrieb sich in Abendkursen ein, die vom „Nationalverein für das liberale Deutschland“ unterstützt wurden.„Der ‚Nationalverein für das Deutsche Reich‘ – bzw. ab Juni 1907 der ‚Nationalverein für das liberale Deutschland‘ – war am 15. März 1907 in München gegründet worden. Wilhelm Ohr hatte hierbei das Amt des Generalsekretärs übernommen. Der Verein war gesamtliberal und parteiübergreifend ausgerichtet. Seine Hauptaufgabe sollte die politische Bildungsarbeit sein, um so zu einer Liberalisierung von Staat und Gesellschaft beizutragen. Mit dem Namen nahm er Bezug auf den Deutschen Nationalverein, in dem in den Jahren 1859 bis 1867 Liberale und Demokraten zusammengearbeitet hatten, um gemeinsam für den kleindeutschen Nationalstaat Erziehungs- und Agitationsarbeit zu leisten.“ Theodor Heuss: Aufbruch im Kaiserreich. Briefe 1892–1917. Hrsg. und bearbeitet von Frieder Günther. de Gruyter, Berlin / Boston 2009, ISBN 978-3-598-25123-8, S. 193. Das Wirken Wilhelm Ohrs, der neben Friedrich Naumann und Theodor Heuss eine wichtige Rolle in der liberalen Bewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts spielte, ist bislang wenig erforscht. Auf diese Weise kam er in Kontakt zu Wilhelm Ohr, dem Generalsekretär des Vereins, der Schmitt 1911 anbot, ihn hauptberuflich bei seiner Kampagne für einen Sitz im Reichstag zu unterstützen. Zwar verlor Ohr die Wahl zum Reichstag, doch verhalf er danach Julius Schmitt zu einer Stelle als Sekretär des „Protestantischen Arbeitervereins“ („Protestant Workers Association“) in Frankfurt. Von dort aus führte ihn sein weiterer beruflicher Werdegang in die Dienste der Stadt Frankfurt: Er wurde Leiter der Jugendabteilung des städtischen Arbeitsamtes.„director of the youth division of Frankfurt’s municipial labor office“. Hans A. Schmitt: Lucky Victim. S. 15. Diese Tätigkeit übte er bis zum August 1919 aus, doch hatte er zuvor auch dreieinhalb Jahre als Soldat gedient.