mini|hochkant|Chorturm von Osten mini|Ansicht von Norden Die Evangelische Kirche ist die denkmalgeschützte Chorturmkirche in Günterod im Hessischen Hinterland. Der wehrhafte Turm wurde im 12. Jahrhundert im Stil der Romanik errichtet und um ein mittelalterliches Kirchenschiff erweitert.
Geschichte Der Chorturm wurde spätestens im 12. Jahrhundert errichtet. Möglicherweise zunächst als Turmburg zur Überwachung des frühmittelalterlichen Höhenweges (Westfalenweg) und der Kreuzung mit dem „Wetzlarweg“ auf dem Günteroder Sattel, der Aar (Dill)-Salzböde-Wasserscheide bzw. auf der Lahn-Dill-Wasserscheide.
Ehemals Bistum Trier
Im Jahr 1339 hatte die solmische Pfarrei Altenkirchen das Patronatrecht inne.Huth: Die Gemeinde Bad Endbach und ihre 8 Ortsteile im Wandel der Jahrhunderte. 1985, S. 97. Ob das Schiff in der Mitte des 15. Jahrhunderts angebaut wurde, als auch die beiden Glocken gegossen wurden (1452/1453), gilt als unwahrscheinlich.Bamberger: 1294–1994. 700 Jahre Günterod. Bemerkungen zur Kirchengemeinde und Kirche von Günterod. 1994, S. 173. Womöglich bestand das Schiff von Anfang an neben dem Chor. Die Kirche hatte das Patrozinium des heiligen Petrus, was auf ein hohes Alter weist. Im ausgehenden Mittelalter gehörte Günterod mit Endbach zur Mutterkirche und zum Sendbezirk Altenkirchen im Archipresbyterat Wetzlar, das im Archidiakonat Dietkirchen dem Bistum Trier zugeordnet war.Gerhard Kleinfeldt, Hans Weirich: Die mittelalterliche Kirchenorganisation im oberhessisch-nassauischen Raum. (= Schriften des Instituts für geschichtliche Landeskunde von Hessen und Nassau, 16). N. G. Elwert, Marburg 1937, ND 1984, S. 192 f.
Die ersten Pfarrer sind für die Jahre 1509, 1511 und 1520 bezeugt. Ein 1511 erstmals genannter Friedhof setzt das Bestattungsrecht voraus. Im Jahr sind Klagen über ein undichtes Kirchendach zu hören.Bamberger: Neues zur Kirche Günterod. 2013, S. 17.
Reformation
Mit Einführung der Reformation im Jahr 1526 wechselte Günterod zum evangelischen Bekenntnis und wurde zur selbständigen Pfarrei erhoben. Ein Versuch Günterods im Jahr 1585, vom Landgrafen von Hessen-Marburg das Patronatrecht zu erlangen, scheiterte.Bamberger: 1294–1994. 700 Jahre Günterod. Bemerkungen zur Kirchengemeinde und Kirche von Günterod. 1994, S. 171. Ab 1605 war Günterod Teil des Kirchspiels Hartenrod,Nach Wilhelm Diehl: Pfarrer- und Schulmeisterbuch für die acquirierten Lande und die verlorenen Gebiete. (= Hassia sacra. Bd. 7). Selbstverlag, Darmstadt 1933, S. 214, war Günterod schon in vorreformatorischer Zeit Filiale von Hartenrod. die Gemeinde wechselte zum reformierten Bekenntnis, wurde 1624 aber wieder lutherisch.
Renovierungen 1586–1590
In den Jahren 1586–1590 fand ein Renovierungsumbau statt. Giebel, Kirchendach und Tür wurden teils erneuert und Bänke angeschafft. Ein im Jahr 1511 erstmals bezeugtes Beinhaus wurde 1590 verkauft. 1602 folgten ein Außenputz und ein polychromer Innenanstrich. Bei einem heftigen Sturm im Jahr 1606 hatte „der schreckliche Windt den Turm zerbrochen und den das Dach an allen Orthen abgestossen, also das Dach an allen Seiten hat müssen gemacht werden.“Bamberger: Neues zur Kirche Günterod. 2013, S. 18. Zur Stütze der Mauern wurden 1610 zwei Strebepfeiler angebracht. Ein weiterer Sturm zerstörte 1612 beide Dächer, die 1629 nochmals stark beschädigt wurden. Eine Verkleidung des Giebels mit Holz im Jahr 1632 schützte nicht vor dem teilweisen Einfall des Giebels im Jahr 1638. Nach Ende des Dreißigjährigen Krieges bezuschusste die politische Gemeinde Günterod 1649 die Dachsanierung an ihrem „baufelligen Kirchenbau aus christlicher Milde“. 1651/1652 konnten der Turm und das Kirchendach repariert werden, nachdem der Landgraf sechs Holzstämme gespendet hatte. Für eine grundlegende Sanierung erbrachte 1658 eine Kollekte in der Region den hohen Betrag von mehr als 255 Gulden, sodass die Gesamtkosten von 285 Gulden fast gedeckt wurden. Nach Holzkäufen und Holzspenden fand der Kirchenumbau 1663/1664 statt.Der östliche Pfosten der Orgelempore ist mit der Jahreszahl 1664 bezeichnet. Der Turm erhielt seinen heutigen Spitzhelm und das Schiff ein ganz neues Dach. Die Innenausstattung wurde vollständig erneuert.Bamberger: Neues zur Kirche Günterod. 2013, S. 19. 1731 fanden ein umfangreicher Innenumbau und der Einbau der Chorempore statt. Der große mittelalterliche Taufstein aus Stein wich einem kleinen hölzernen Taufbecken. Ein Teil der Außenmauer wurde erneuert. Im Laufe der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts verschlechterte sich der bauliche Zustand der Kirche zusehends, „daß wir unß ohne Lebens Gefahr nicht mehr hineinbegeben [können] und deren täglichen Einsturz befürchten müssen“, wie es 1767 in einer Kollektenbitte hieß.Bamberger: 1294–1994. 700 Jahre Günterod. Bemerkungen zur Kirchengemeinde und Kirche von Günterod. 1994, S. 175. Vor 1804 wurden die Außenmauern des Schiffs erhöht, mit neuen Fenstern versehen, ein Pseudomansarddach aufgesetzt und im Inneren der Chorbogen entfernt. Der massiv aufgeführte Westgiebel wurde durch einen Fachwerkgiebel, der eine Verkleidung aus Schiefer erhielt, ersetzt. Dem eingreifenden Umbau der Kirche schloss sich von 1804 bis 1809 eine Innenrenovierung an. Im Jahr 1804 erfolgte der Einbau einer neuen Südempore, die vom Schiff in den Chor durchläuft. Im Jahr 1806 wurde die Anzahl der Bänke erhöht.Rudolph: Evangelische Kirchen im Dekanat Gladenbach. 2010, S. 42. Den Abschluss der Renovierungsarbeiten bildeten die Brüstungsmalereien im Jahr 1809 und der Kauf einer kleinen Stubenorgel. Während einer Urlaubsreise des Hartenröder Pfarrers kam es 1909 zu einem neuen Anstrich der Wände und des Holzwerks durch einheimische Maler, die die Emporenmalereien teilweise erneuerten. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde der Fußboden um zwei Stufen erhöht und wurden die drei Deckengemälde von Georg Ernst Justus Kayser in Stuckmedaillons entfernt sowie der Sternenhimmel übertüncht. Der aufgemauerte Blockaltar wurde spätestens zu dieser Zeit durch einen marmoriert bemalten Tischaltar aus Holz ersetzt.
Die Pläne von Pfarrer Walter aus Hartenrod aus dem Jahr 1928, Günterod und Endbach vom Kirchspiel Hartenrod abzutrennen und Günterod von Bischoffen betreuen zu lassen, führte zu einem „Kirchenstreik“. Im Januar 1929 besuchten nur einzelne Mitglieder die Gottesdienste, sodass Bischof August Kortheuer den Streit beilegen musste. Von 1929 bis 1968 bildete Günterod gemeinsam mit Endbach eine eigenständige Pfarrei.Huth: Die Gemeinde Bad Endbach und ihre 8 Ortsteile im Wandel der Jahrhunderte. 1985, S. 254, 256. 1954/1955 folgte eine Innenrenovierung, die eine Verkürzung der Orgelempore und eine Verlängerung der nördlichen Empore hinter der Kanzel beinhaltete.Huth: Die Gemeinde Bad Endbach und ihre 8 Ortsteile im Wandel der Jahrhunderte. 1985, S. 98. Im Chorbereich wurde der Boden entfernt, mit Schieferplatten erneuert und ins Schiff vorgezogen. Der Pfarrstuhl von 1699 wurde entfernt, die Kanzel vorgerückt und ein neuer Kanzelaufgang geschaffen. Die Brüstung des Gestühls für die Ältesten im Chor wurde ebenfalls entfernt. Die Orgelempore wurde 1972 für den Einbau einer neuen Orgel nochmals umgebaut und mit neuen Brüstungsfeldern versehen. Von Mai 2015 bis September 2016 führte die Gemeinde eine Innenrenovierung und eine Sanierung des Turms durch. Die Maßnahmen umfassten ein Umhängen der Glocken, den Einbau eines neuen Glockenstuhls sowie eine Sanierung des Dachs und der Decke.
Günterod war von 1974 bis 1995 mit Bischoffen pfarramtlich verbunden, trennte sich und hat seitdem den Status einer eigenständigen Kirchengemeinde mit Pfarrer. Die evangelisch-lutherische Kirchengemeinde umfasst etwa 600 Mitglieder und gehört im Evangelischen Dekanat Biedenkopf-Gladenbach und der Propstei Nord-Nassau zur Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau.Homepage der Kirchengemeinde, abgerufen am 25. Mai 2017.
Architektur mini|Blick von Südwesten. Gut erkennbar ist das Pseudomansarddach von 1804. Die in etwa geostete, aber leicht nach Nordost ausgerichtete Chorturmkirche aus unverputztem Bruchsteinmauerwerk ist auf einer Erhebung am östlichen Ortsrand errichtet. Sie besteht aus zwei Baukörpern: dem einst wehrhaften Turm (vermutlich Turmburg) und dem angebauten mittelalterlichen Schiff (ähnlich Niederweidbach). Die vier schräg gestellten Strebepfeiler sind unterschiedlich breit und hoch und weisen auf ein ursprünglich vorhandenes Gewölbe, das ebenso wie der Triumphbogen später ausgebrochen wurde. Sie stützen an der Nordseite des Turms, an der Westseite und an der Südseite des Schiffs die Außenmauern. Das Schiff wird an den Langseiten durch je zwei schmale Stichbogenfenster mit Licht versorgt. Klaus Weinig gestaltete die Bleiglasfenster im Jahr 2000.Rudolph: Evangelische Kirchen im Dekanat Gladenbach. 2010, S. 43. An dem westlichen Giebel, der aus verschiefertem Fachwerk besteht,Bamberger: 1294–1994. 700 Jahre Günterod. Bemerkungen zur Kirchengemeinde und Kirche von Günterod. 1994, S. 172. ist ein kleines Fenster mit Stichbogen eingelassen. Darunter war ursprünglich das Eingangsportal eingelassen, worauf die Baufuge im Strebepfeiler hinweist. Die Kirche wird an der westlichen Nordseite durch ein schlichtes Portal mit Stichbogen und einem hölzernen Türblatt von 1729 erschlossen,Luthmer: Die Bau- und Kunstdenkmäler der Kreise Biedenkopf, Dill, Oberwesterwald und Westerburg. 1910, S. 36 (online). das 1954 eine profilierte Verkleidung erhielt. Das Schiff wird von einem verschindelten Pseudomansarddach von vor 1804 bedeckt, das im Westen von einer kleinen Spitze mit Kugel, einem Anzeiger für die Himmelsrichtungen und einer Wetterfahne verziert wird.
Der niedrige romanische Chorturm auf quadratischem Grundriss (7,50 Meter breit) ist gegenüber dem Schiff etwas eingezogen und im aufgemauerten Teil bis zur Traufhöhe des Schiffs erhalten. Ursprünglich war er zweigeschossig mit einem Obergeschoss als Glockenstube. Durch die Entfernung des Chorbogens und die umlaufende Empore erscheint heute der Innenraum von Turm und Schiff aufgrund derselben Höhe und Breite als ein einheitlicher Raum.Bamberger: 1294–1994. 700 Jahre Günterod. Bemerkungen zur Kirchengemeinde und Kirche von Günterod. 1994, S. 172 f. Der Turm wird im Osten durch ein kleines Stichbogenfenster und im Süden durch ein jüngeres, kleines Rundbogenfenster belichtet, die möglicherweise 1731 eingebrochen wurden.Bamberger: Neues zur Kirche Günterod. 2013, S. 20. Das Opus spicatum im Mauerwerk deutet auf ein hohes Alter, vielleicht auf das 11. Jahrhundert und spätestens das 12. Jahrhundert hin.Dehio: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler, Hessen I. 2008, S. 356. Das rundbogige Portal in der südlichen Chorwand ist vermauert. Ein vierseitiges Pyramidendach, das über Aufschieber auf den Turmsparren der Mauerkrone des Daches überhängt, geht in einen achtseitigen Spitzhelm von 1664 über, der von einem flachen Turmknauf und einem Wetterhahn bekrönt wird. An den drei freistehenden Seiten ist der vollständig verschindelte Helm mit kleinen Gauben bestückt, die Dreiecksgiebel und rechteckige Schalllöcher für das Geläut aufweisen. Die beiden spätgotischen Glocken wurden 1452 von Johann von Brauweiler und 1453 von Delmann von Hungen (= Teil von Keppel) gegossen.
Ausstattung mini|links|Innenraum Richtung Westen mini|Blick in den Chorraum mini|Brüstungsmalereien von Kayser (1809)