mini|Der Organist im Ständebuch (1568) von Hans Sachs und Jost Amman. Die Illustration zeigt eine Frau an der Orgel.Wikisource: Der Organist in Eygentliche Beschreibung Aller Stände auff Erden (1568)
Generisches Maskulinum (von lateinisch genus „Geschlecht, Gattung, Art“, und masculus „männlich“)Grammis: Genus und Sexus. In: Grammis.IDS-Mannheim.de. Stand: 7. September 2018, abgerufen am 2. August 2021. bezeichnet die sexusindifferente (auch: geschlechtsneutrale oder geschlechtsunspezifische) Verwendung maskuliner Substantive oder Pronomen. Hierbei werden beispielsweise grammatisch maskuline Personen- oder Berufsbezeichnungen, von denen sich oft auch eine feminine Form ableiten lässt, generisch (also verallgemeinernd) für Personen verwendet, deren biologisches Geschlecht entweder unbekannt, nicht von Bedeutung oder (im Plural) männlich, weiblich oder gemischt ist.Gabriele Diewald, Anja Steinhauer: Duden Handbuch geschlechtergerechte Sprache: Wie Sie angemessen und verständlich gendern. Herausgegeben von der Duden-Redaktion. Dudenverlag, Berlin (April) 2020, ISBN 978-3-411-74517-3, S. 20 und 81–82.Gisela Klann-Delius: Sprache und Geschlecht: Eine Einführung. Metzler, Stuttgart/Weimar 2005, ISBN 3-476-10349-8, S. 24, 26 und 29–30 (). Auch für einige Tierarten wird das generische Maskulinum geschlechtsneutral verwendet (siehe Abgeleitete Tierbezeichnungen). Im Gegensatz zum „spezifischen“ Maskulinum, das immer männliche Individuen bezeichnet, abstrahiert das generische Maskulinum vom Geschlecht, beispielsweise: jeder, der helfen will, ist willkommen (jede und jeder) alle Lehrer wollen guten Unterricht machen – sowohl männliche als auch weibliche Lehrkräfte viele Bären leben in den Bergen – sowohl männliche (Bären) als auch weibliche (Bärinnen)
Je nach Sprache gibt es einen generischen Gebrauch des Maskulinums neben Substantiven auch bei anderen Wortarten wie Personalpronomen, Possessivpronomen, Indefinitpronomen und Demonstrativpronomen.
Für das Deutsche wurden in den späten 1970er und den beginnenden 1980er Jahren in der Bundesrepublik Deutschland von Bundesministerien im Rahmen von Bestrebungen zur Gleichstellung von Mann und Frau für viele Berufsbezeichnungen movierte Formen neu geschaffen und dann lexikalisiert. Gegensätzlich verlief die Entwicklung in der DDR, wo bewusst im Rahmen der Gleichberechtigung auf movierte Berufsbezeichnungen verzichtet wurde. Der Sprachwissenschaftler Eckhard Meineke sieht in den geschlechtsdifferenzierten Ausbildungsverordnungen der Bundesrepublik den Ursprung für die seit den 1980er-Jahren in öffentlichen Texten abnehmende Verwendung des generischen Maskulinums insbesondere bei Berufsbezeichnungen und bei Nomina Agentis. Die feministische Diskussion habe erst später Breitenwirksamkeit erlangt.
Die seit den 1970er Jahren sich entwickelnde feministische Linguistik kritisiert, das generische Maskulinum sei missverständlich, da bei seiner Verwendung Frauen nicht sichtbar würden und nur mitgemeint seien. Es wurden zahlreiche psycholinguistische Untersuchungen durchgeführt, die nahelegen, dass bei Texten mit generischen Maskulina eher männliche Personen assoziiert werden. Allerdings bezweifeln Sprachwissenschaftler wegen methodischer Mängel die Beweiskraft dieser Untersuchungen; so werden etwa der Unterschied zwischen Singular und Plural, die Bedeutung des Textkontextes oder die Auswirkung der Referenz zu wenig beachtet. Weitere Studien zur Textverständlichkeit zeigen, dass die kognitive Verständlichkeit der untersuchten Texte mit generischen Maskulina gleich gut oder besser ist als die der gegenderten Textvarianten.
Geschichte des Begriffes Im englischen Sprachraum: angewandt auf anaphorische Pronomina Im Englischen erschien der Ausdruck als ad-hoc-Bezeichnung vereinzelt bereits früh. Eine kulturelle Debatte entbrannte darüber aber erst um 1974, in der Zeit der zweiten Welle der Frauenbewegung. Der Gebrauch maskuliner Pronomina für Personen unbestimmten Geschlechts () wird im Englischen seitdem als problematisch empfunden. Im englischsprachigen Diskurs wird der Oberbegriff generisches Maskulinum bis heute allerdings nur selten verwendet; eher ist dort spezifisch vom generischen (engl. auch: ) die Rede.
In Sprachen wie dem Deutschen spielt das Problem der generisch maskulinen Pronomina kaum eine Rolle, weil die Wahl der Pronomina hier nicht wie im Englischen vom natürlichen Geschlecht der bezeichneten Personen, sondern vom Genus des Nomens bestimmt wird. Im Englischen haben Nomen in der Regel kein Genus mehr – oder dieses ist nicht sichtbar und fungiert als bloßes , zu dem die Pronomina sich nur im Numerus kongruent verhalten. (Die Farben markieren das natürliche Geschlecht): Englisch natürliches Geschlecht: männlich – There is my best student. I can’t praise him enough. – The cute little tot is our grandchild. He doesn't talk yet. natürliches Geschlecht: weiblich – There is my best student. I can’t praise her enough. – A girl lives next door. I see her often. kein natürliches Geschlecht – There is my car. I drive it every day. – The cake is good. I like it. verbliebenes oder metaphorisches Geschlecht (selten) - The Boeing 747 flew to London. She arrived later than expected. Deutsch grammatisches Geschlecht: Maskulinum – Da ist mein bester Schüler. Ich kann ihn nicht genug loben. – Der Kuchen ist gut. Ich mag ihn. grammatisches Geschlecht: Femininum – Da ist meine beste Schülerin. Ich kann sie nicht genug loben. – Diese Gesellschaft ist toll. Ich mag sie. grammatisches Geschlecht: Neutrum – Da ist mein Auto. Ich fahre es jeden Tag. – Nebenan wohnt ein Mädchen. Ich sehe es oft. – Das niedliche Baby ist unser Enkelkind. Es schläft schon durch.
Bei Anaphern allerdings war eine Genuskongruenz auch im Deutschen bis ins 20. Jahrhundert hinein nicht zwingend: „Wer nicht fühlt, was ein ehrbares Mädchen empfinden muß, wenn man um sie wirbt, der verdient sie nicht zu erhalten.“ (Goethe, Wilhelm Meisters Wanderjahre, Kapitel 9).
Im deutschen Sprachraum: angewandt auf Substantive Im soziolinguistischen Diskurs des Deutschen lässt sich eine Lehnübersetzung „generisches Maskulinum“ erst in den 1980er Jahren nachweisen. Anders als im Englischen, wo es fast ausschließlich um Pronomina geht, bezeichnet der Terminus im Deutschen seitdem fast ausschließlich Mehrdeutigkeiten bei Substantiven. Die erste Untersuchung zur Frage, wie Sprachbenutzer grammatisch maskuline Personenbezeichnungen verstehen, hat 1988 Josef Klein durchgeführt. Noch in den 1990er Jahren erregten Genus-Sexus-Diskrepanzen oftmals nur dann Aufmerksamkeit, wenn sie Verwirrung über die Kongruenzregeln brachten („der Sprintstar und ihre Freundinnen“).
Im feministischen Diskurs war der Begriff Mitte der 1990er Jahre jedoch bereits fest etabliert. 1980 – im selben Jahr, in dem auch die deutsche Übersetzung von Gerd Brantenbergs feministischem und sprachsensiblem Roman Die Töchter Egalias herauskam – war mit Luise F. Puschs und Senta Trömel-Plötz’ Themenband Sprache, Geschlecht und Macht erstmals ein nicht nur fürs sprachwissenschaftliche Fachpublikum bestimmtes Werk erschienen, in dem das generische Maskulinum aus feministischer Sicht problematisiert wurde.
Kontext: Auseinanderfallen von grammatischer Form und Signifikatmerkmalen
Das generische Maskulinum ist in der deutschen Sprache nicht der einzige Fall, bei dem die grammatische Form die Merkmale des Signifikats nicht voll abbildet. Beispiele finden sich auch bei anderen Genera, beim Numerus, beim Tempus und bei der Diathese:
Grammatische Kategorie Einzelfall Beispiel Weitere Fälle (Auswahl) Genus Generisches Maskulinum der Verbraucher, der Hase, der Rogner (weibl. Fisch) Generisches Femininum die Waise, die Giraffe, die Drohne Generisches Neutrum das Huhn, das Pferd, das Kind Numerus Generischer Singular „Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf.“ Kollektiver und repräsentativer Singular, Kollektiva (Geflügel, Mitarbeiterstab, Klientel) Generischer Plural Höflichkeitsform „Sie“: „Sie ahnen nicht, wie sehr ich Sie und Ihre Frau bewundere.“ Höflichkeitsform „Ihr“ Tempus Futurisches Präsens „Sie fliegt am Montag nach Dubai.“ Historisches Präsens Diathese Generisches Passiv „Funktionswörter werden kleingeschrieben.“
Vorkommen Substantive Nicht in allen Sprachen werden weibliche und männliche Substantive unterschieden: + Sprachen, in denen die nominalen Genera Maskulinum/Femininum vorkommen (Auswahl) Sprache Maskulinum Femininum Deutsch ein Hund eine Katze Isländisch hundur (ein Hund) kanína (ein Kaninchen) Färöisch ein hundur (ein Hund) ein blóma (eine Blume) Nynorsk en hund (ein Hund) en/ei katt (eine Katze) Elemente, die das Genus erkennbar machen, sind unterstrichen
Substantive mit weiblicher Ableitungsform Personen- und Tierbezeichnungen sind entweder sexusindifferent oder sie implizieren eine Sexusbedeutung. In der Duden-Grammatik werden bei den deutschen Substantiven – insbesondere den Personenbezeichnungen – drei Klassen unterschieden: Substantive, die sich unabhängig von ihrem grammatischen Genus auf Personen beiderlei natürlichen Geschlechts beziehen können (der Mensch, die Person, das Individuum). Sie werden als sexusindifferent bezeichnet. Substantive, die sich entweder nur auf Männer oder nur auf Frauen beziehen (der Knecht, die Mutter). Das Genus dieser Wörter entspricht im Regelfalle dem natürlichen Geschlecht der bezeichneten Person, weicht bei den meisten Diminutivformen und in einigen weiteren individuellen Ausnahmefällen aber davon ab (das Mädchen, das Weib). Substantive, bei denen neben der maskulinen Grundform eine durch Movierung gewonnene feminine Ableitung besteht (der Arzt, die Ärztin). Movierung existiert auch in vielen anderen Sprachen; neben dem Niederdeutschen und dem modernen Hebräischen gibt es weltweit jedoch nur wenige Sprachen, die weibliche Ableitungen in großer Zahl hervorbringen (siehe auch Movierte Tierbezeichnungen).
Disambiguierung substantivischer Maskulina der dritten Klasse Bei Substantiven dieser dritten Klasse verweist die Ableitung stets auf den weiblichen Sexus, während die Sexusbedeutung der Grundform vom Kontext abhängt.Der Duden. Grammatik. Ausgabe 1995, S. 196 f. Das spezifische (nicht-generische) Maskulinum ist bei den deutschen Substantiven im Singular daran zu erkennen, dass kein beliebiger Vertreter der bezeichneten Klasse, sondern ein bestimmtes Individuum gemeint ist; in beiden Numeri (Singular + Plural) ist es an Kontexthinweisen kenntlich. In allen übrigen Fällen liegt ein generisches Maskulinum vor.
Mit Hilfe dieser beiden Kriterien – a. Bestimmtheit der bezeichneten Person oder des bezeichneten Tieres, b. Kontext – kann in Zweifelsfällen eine Disambiguierung (Auflösung sprachlicher Mehrdeutigkeit) vorgenommen werden:
+ Sexusdisambiguierung der Personen- und Tierbezeichnungen im Deutschen Sexus männlich Sexus unbestimmt(generisches Maskulinum) Sexus weiblichSingular Die Grundform bezeichnet eine männliche Person oder ein männliches Tier, wenn a. entweder ein bestimmtes Individuum gemeint ist und/oder b. der Kontext darauf hinweist, dass eine männliche Person oder ein männliches Tier gemeint ist. Wenn beide links genannten Bedingungen fehlen, bezeichnet die Grundform kein bestimmtes Geschlecht. Die abgeleitete Form mit weiblichem Suffix bezeichnet immer eine weibliche Person oder ein weibliches Tier.bestimmt: Der Roman erzählt die Geschichte eines russischen Arztes. Paul ist ein guter Arzt. (männlicher Vorname) Der Wolf Akela war schon alt und schwach. (individueller Wolf)bestimmt: Dorothea Erxleben war die erste promovierte Ärztin Deutschlands. Die Wölfin Rakscha zog Mowgli gemeinsam mit ihrem eigenen Wurf auf.unbestimmt: Für das medizinische Team werden ein Arzt und eine Ärztin gesucht. (Gegenüberstellung Arzt/Ärztin) Fast jeder männliche Arzt hat eine Helferin dabei, die bei einer Verleumdung für ihn aussagt. (Adjektiv männlich)